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Donald Trump, Joe Biden und der Corona-Wahlkampf: Normal ist das nicht

MEINUNGUS-Politik und Wahlkampf  

Nichts ist normal

Donald Trump, Joe Biden und der Corona-Wahlkampf: Normal ist das nicht. Donald Trump im Weißen Haus mit Colorado-Gouveneur Jared Polis: Lieber Desinfektionsmittel trinken als Maske aufsetzen. (Quelle: AP/dpa/Evan Vucci)

Donald Trump im Weißen Haus mit Colorado-Gouveneur Jared Polis: Lieber Desinfektionsmittel trinken als Maske aufsetzen. (Quelle: Evan Vucci/AP/dpa)

In der Corona-Krise erfindet sich die US-Politik neu. Das hat Folgen auf die Präsidentschaftswahl. Kann man Donald Trump aus dem Keller besiegen?

Washington verkörpert in diesem Augenblick die völlig verschiedenen Welten, in denen Amerika steckt.

Washington, als Synonym für das Weiße Haus, tut auf Geheiß von Kapitän Trump so, als habe man auf dem sinkenden Schiff längst wieder alles im Griff und beordert das Volk zurück in den Alltag.

Washington, die 700.000-Einwohner-Stadt, denkt noch gar nicht daran, wieder hochzufahren: Ausgangssperren sind bis zum 8. Juni verlängert, die Kollegen der "Washington Post" sollen sich auf eine Rückkehr ins Büro gar erst zum September einstellen.

Washington, als der große politische Betrieb, hat sich vorerst abgesetzt: Fort aus der Stadt, rein ins Netz. Politik, vom Regierungsgeschäft bis zum Wahlkampf, findet jetzt in der Schalte statt.

Dienstagmorgen, 10 Uhr. Parallel beginnen im Senat die erste große Anhörung zum Versagen in der Corona-Krise und im Supreme Court die wichtige Verhandlung über Trumps Finanzunterlagen, die Ermittler und Abgeordnete allzu gern einsehen wollen.

Supreme Court und Senat liegen sich gegenüber. Normalerweise wäre das ein Moment, wo man sich wieder auf den Füßen gestanden hätte: die Kamerateams, die Demonstranten, die Zuschauer. Aber normal ist nichts.

Vor dem Verfassungsgericht debattieren Vertreter von Parlament, Regierung und Gericht per Telefonschalte über Trumps Unterlagen. Der altehrwürdige Supreme Court, der sonst keine Live-Übertragung der Verhandlung erlaubt, lässt sich jetzt von der Öffentlichkeit belauschen.

"Richter Thomas? Richter Thomas?", fragt der Vorsitzende Richter Roberts und geht ohne Antwort zur nächsten Kollegin über. Trumps Anwalt spricht in den Hörer, dass sein Mandant in dieser Krise nun wahrlich keine Zeit habe, sich mit solchen Dokumentenanforderungen durch das Parlament zu befassen.

Für den Supreme Court, der in weiten Teilen so operiert wie vor 100 Jahren, ist das ein ungeahnter Bruch mit Konventionen. Die Verfassungsrichter üben noch den Umgang mit Stumm- und Lautschaltung. In der Vorwoche betätigte einer von ihnen mitten im Argument die Toilettenspülung. Vielleicht sinkt die Scham, wenn man auf Lebenszeit ernannt ist (Falls Sie es ganz genau wissen wollen, eine US-Kollegin ist dem Spülskandälchen auf den Grund gegangen).

Die Anhörung im Senat wird auch nicht aus dem Senat, sondern aus der Kleinstadt Maryville in Tennessee eröffnet. Von dort meldet sich der Ausschussvorsitzende Lamar Alexander aus seiner Quarantäne. Kronzeuge Anthony Fauci schaltet sich aus seinem häuslichen Arbeitszimmer in Bethesda, Maryland hinzu, ebenfalls Quarantäne. Er hat die Kamera zu hoch positioniert und schaut meist an ihr vorbei.

Ein User namens "Senator Bernard Sanders" taucht irgendwann vor einem Poster der Red Hot Chili Peppers auf, bringt Fauci zu einer Bestätigung, dass die wahren Opferzahlen der Krise noch höher liegen. Während vor Ort als einer von wenigen im Senatssaal der Republikaner Rand Paul sitzt – ohne Maske. Er hatte das Virus bereits und bekundet, alles sei doch furchtbar übertrieben.

Senator Rand Paul (r.) spricht vor Ort ohne Maske, im Hintergrund der Bildschirm mit den zahlreichen Teilnehmern aus dem Homeoffice. (Quelle: imago images/UPI Photo)Senator Rand Paul (r.) spricht vor Ort ohne Maske, im Hintergrund der Bildschirm mit den zahlreichen Teilnehmern aus dem Homeoffice. (Quelle: UPI Photo/imago images)

Die Einblicke sind zunächst interessant, aber das Instrument der Anhörung verliert seine Wucht im Netz. Schließlich geht es hier weniger um Erkenntnisse und umso mehr darum, einen politischen Treffer zu landen, der als starke Szene später durch die Medien geht. Das ist um einiges leichter im Saal vom erhobenen Holzpodest hinab als von daheim im Wohnzimmer aus.

Es ist nun viel von der neuen Normalität die Rede. Doch normal ist noch gar nichts. Eine Anhörung, teils daheim, teils im Senat, manche mit Maske, manche ohne. Am Folgetag im Repräsentantenhaus zetert einer der Anführer der Republikaner, virtuelle Sitzungen schadeten der Botschaft das Land zu öffnen. Und am Donnerstag, noch eine Anhörung, mit viel Abgeordneten vor Ort und reichlich Desinfektionsmittel auf den Pulten.

Nein, es hat sich noch keine neue Normalität gefunden. Grundlegendste Fragen sind politisch aufgeladen, manche Regeln werden gebrochen, viele Regeln überhaupt erst noch gesucht. Und im West Wing ist einer von allen Regeln sowieso noch ausgenommen. Donald Trump würde wohl eher Desinfektionsmittel trinken, als sich in Maske ablichten zu lassen. Also bleibt er oben ohne.

Interessieren Sie sich für US-Politik? Unser Washington-Korrespondent Fabian Reinbold schreibt über seine Arbeit im Weißen Haus und seine Eindrücke aus den USA unter Donald Trump einen Newsletter. Hier können Sie die "Post aus Washington" kostenlos abonnieren, die dann einmal pro Woche direkt in Ihrem Postfach landet.

Auch der Wahlkampf ist seltsam unnahbar geworden. Seit zwei Monaten sitzt Joe Biden, 77 Jahre und Risikogruppe, nun in seinem Haus in Delaware fest. Sein Kommunikationskanal zur Welt ist ein Kellerraum, den seine Leute zum kleinen Fernsehstudio umgebaut haben. 

Biden-Schalte ins Frühstücksfernsehen: Analoger Mann im digitalen Wahlkampf. (Quelle: dpa/Brian Cahn/Zuma Wire)Biden-Schalte ins Frühstücksfernsehen: Analoger Mann im digitalen Wahlkampf. (Quelle: Brian Cahn/Zuma Wire/dpa)

Ich habe Biden immer wieder begleitet, damals, als es noch richtigen Wahlkampf draußen im Land gab. Seine größte Stärke ist die persönliche Begegnung, auf den kleinen Auftritten in Iowa, New Hampshire oder South Carolina bekam auch noch der letzte, der wollte, ein Selfie, eine Hand auf die Schulter, eine Umarmung. Aus und vorbei. 

Seine Schwächen lagen immer vor der Kamera, auf der Bühne. Biden, dem man sein Alter anmerkt, muss jetzt einen virtuellen Wahlkampf führen, vor der Kamera im Keller.

Anfangs sendete man aus dem Keller ein Potpourri kleinerer Pannen, jetzt ist das Programm professionalisiert. 

Ich habe den Donnerstag mit dem virtuellen Wahlkämpfer Biden verbracht. Aufregend war es nicht. Er stolpert ein bisschen durch seine Auftritte, kommt manchmal nicht zum Punkt.

Mittags hat er einen nicht-öffentlichen Auftritt in einer Runde mit Bürgermeistern. Biden soll ein kurzes Grußwort sprechen, spricht aber lang und umständlich für eine simple Botschaft: Ich werde Euch nicht im Stich lassen. Danach eine Runde mit drei freundlich gesonnenen Gouverneuren fürs breite Publikum. Biden lobt die Krisenmanager, das Übliche.

Dann noch eine Schalte in den linken Nachrichtensender MSNBC, wo Biden Fragen zu seinem ersten Amtstag und Zuschauerfragen beantworten soll. Sein bester Punkt: Trost spenden. Biden, der Frau und Tochter und später einen seiner zwei Söhne verloren hatte, kann das wie kein anderer. Trump kann das so überhaupt nicht. Bei jetzt schon 80.000 Toten gibt es Bedarf an Mitleid.

Biden hat vor 50 Jahren seinen ersten Wahlkampf bestritten. Klar, er macht jetzt alles mit: Biden hat einen Podcast, Biden ist dieser Tage auf Snapchat, Biden lässt auch lustig gemeinte Clips drehen. Doch er bleibt ein analoger Mann im digitalen Wahlkampf. 

Was bleibt auf der Strecke, wenn die Politik weitgehend auf den Bildschirm verschwindet? Für Biden sicherlich der direkte Kontakt. Wenn er Pech hat, fällt auch der Nominierungsparteitag ins Wasser, der sonst eine Woche Publicity auf allen Kanälen bedeutet. 

Während der eine im Keller hockt, nimmt der andere gegen Widerstände das Reisen wieder auf. Trump war vergangene Woche in Arizona, diese Woche in Pennsylvania, zwei wichtige Staaten für die Wahl. Wie lange will der Herausforderer noch sitzen bleiben?

Es gibt jetzt altgediente Strategen bei den Demokraten, die sagen, Biden könne so weiter machen. Wenig sichtbar bleiben, weil Trump sich in der Corona-Krise doch selbst um Kopf und Kragen rede. Das klingt für mich ganz schlecht nach 2016: der Glaube, Trump entlarve sich schon selbst. 

"Online-Reden aus dem Keller werden es nicht bringen", warnen hingegen Obamas Kampagnenchefs. Sie meinen: Biden muss Trump viel mehr entgegensetzen, schnell reagieren, virale Clips liefern. Also das Virtuelle meistern.

Trump selbst ist ein Mann, der nur aufs Fernsehen blickt. Doch sein Wahlkampfteam beherrscht den Einsatz der sozialen Medien perfekt. Die fiesen Clips, die Biden als senil und Chinafreund darstellen, feuern sie längst ab. Biden hatte beim Virtuellen immer viel aufzuholen. Jetzt, wo normale Politik und Wahlkampf vorbei sind und die neue Normalität noch nicht gefunden ist, ist das wichtiger denn je.

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