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Nichts ist normal

Eine Kolumne von Fabian Reinbold

Aktualisiert am 15.05.2020Lesedauer: 5 Min.
Donald Trump im Wei├čen Haus mit Colorado-Gouveneur Jared Polis: Lieber Desinfektionsmittel trinken als Maske aufsetzen.
Donald Trump im Wei├čen Haus mit Colorado-Gouveneur Jared Polis: Lieber Desinfektionsmittel trinken als Maske aufsetzen. (Quelle: Evan Vucci/ap-bilder)
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In der Corona-Krise erfindet sich die US-Politik neu. Das hat Folgen auf die Pr├Ąsidentschaftswahl. Kann man Donald Trump aus dem Keller besiegen?

Washington verk├Ârpert in diesem Augenblick die v├Âllig verschiedenen Welten, in denen Amerika steckt.

Washington, als Synonym f├╝r das Wei├če Haus, tut auf Gehei├č von Kapit├Ąn Trump so, als habe man auf dem sinkenden Schiff l├Ąngst wieder alles im Griff und beordert das Volk zur├╝ck in den Alltag.

Washington, die 700.000-Einwohner-Stadt, denkt noch gar nicht daran, wieder hochzufahren: Ausgangssperren sind bis zum 8. Juni verl├Ąngert, die Kollegen der "Washington Post" sollen sich auf eine R├╝ckkehr ins B├╝ro gar erst zum September einstellen.

Washington, als der gro├če politische Betrieb, hat sich vorerst abgesetzt: Fort aus der Stadt, rein ins Netz. Politik, vom Regierungsgesch├Ąft bis zum Wahlkampf, findet jetzt in der Schalte statt.

Dienstagmorgen, 10 Uhr. Parallel beginnen im Senat die erste gro├če Anh├Ârung zum Versagen in der Corona-Krise und im Supreme Court die wichtige Verhandlung ├╝ber Trumps Finanzunterlagen, die Ermittler und Abgeordnete allzu gern einsehen wollen.

Supreme Court und Senat liegen sich gegen├╝ber. Normalerweise w├Ąre das ein Moment, wo man sich wieder auf den F├╝├čen gestanden h├Ątte: die Kamerateams, die Demonstranten, die Zuschauer. Aber normal ist nichts.

Vor dem Verfassungsgericht debattieren Vertreter von Parlament, Regierung und Gericht per Telefonschalte ├╝ber Trumps Unterlagen. Der altehrw├╝rdige Supreme Court, der sonst keine Live-├ťbertragung der Verhandlung erlaubt, l├Ąsst sich jetzt von der ├ľffentlichkeit belauschen.

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"Richter Thomas? Richter Thomas?", fragt der Vorsitzende Richter Roberts und geht ohne Antwort zur n├Ąchsten Kollegin ├╝ber. Trumps Anwalt spricht in den H├Ârer, dass sein Mandant in dieser Krise nun wahrlich keine Zeit habe, sich mit solchen Dokumentenanforderungen durch das Parlament zu befassen.

F├╝r den Supreme Court, der in weiten Teilen so operiert wie vor 100 Jahren, ist das ein ungeahnter Bruch mit Konventionen. Die Verfassungsrichter ├╝ben noch den Umgang mit Stumm- und Lautschaltung. In der Vorwoche bet├Ątigte einer von ihnen mitten im Argument die Toilettensp├╝lung. Vielleicht sinkt die Scham, wenn man auf Lebenszeit ernannt ist (Falls Sie es ganz genau wissen wollen, eine US-Kollegin ist dem Sp├╝lskand├Ąlchen auf den Grund gegangen).

Die Anh├Ârung im Senat wird auch nicht aus dem Senat, sondern aus der Kleinstadt Maryville in Tennessee er├Âffnet. Von dort meldet sich der Ausschussvorsitzende Lamar Alexander aus seiner Quarant├Ąne. Kronzeuge Anthony Fauci schaltet sich aus seinem h├Ąuslichen Arbeitszimmer in Bethesda, Maryland hinzu, ebenfalls Quarant├Ąne. Er hat die Kamera zu hoch positioniert und schaut meist an ihr vorbei.

Ein User namens "Senator Bernard Sanders" taucht irgendwann vor einem Poster der Red Hot Chili Peppers auf, bringt Fauci zu einer Best├Ątigung, dass die wahren Opferzahlen der Krise noch h├Âher liegen. W├Ąhrend vor Ort als einer von wenigen im Senatssaal der Republikaner Rand Paul sitzt ÔÇô ohne Maske. Er hatte das Virus bereits und bekundet, alles sei doch furchtbar ├╝bertrieben.

Senator Rand Paul (r.) spricht vor Ort ohne Maske, im Hintergrund der Bildschirm mit den zahlreichen Teilnehmern aus dem Homeoffice.
Senator Rand Paul (r.) spricht vor Ort ohne Maske, im Hintergrund der Bildschirm mit den zahlreichen Teilnehmern aus dem Homeoffice. (Quelle: UPI Photo/imago-images-bilder)

Die Einblicke sind zun├Ąchst interessant, aber das Instrument der Anh├Ârung verliert seine Wucht im Netz. Schlie├člich geht es hier weniger um Erkenntnisse und umso mehr darum, einen politischen Treffer zu landen, der als starke Szene sp├Ąter durch die Medien geht. Das ist um einiges leichter im Saal vom erhobenen Holzpodest hinab als von daheim im Wohnzimmer aus.

Es ist nun viel von der neuen Normalit├Ąt die Rede. Doch normal ist noch gar nichts. Eine Anh├Ârung, teils daheim, teils im Senat, manche mit Maske, manche ohne. Am Folgetag im Repr├Ąsentantenhaus zetert einer der Anf├╝hrer der Republikaner, virtuelle Sitzungen schadeten der Botschaft das Land zu ├Âffnen. Und am Donnerstag, noch eine Anh├Ârung, mit viel Abgeordneten vor Ort und reichlich Desinfektionsmittel auf den Pulten.

Nein, es hat sich noch keine neue Normalit├Ąt gefunden. Grundlegendste Fragen sind politisch aufgeladen, manche Regeln werden gebrochen, viele Regeln ├╝berhaupt erst noch gesucht. Und im West Wing ist einer von allen Regeln sowieso noch ausgenommen. Donald Trump w├╝rde wohl eher Desinfektionsmittel trinken, als sich in Maske ablichten zu lassen. Also bleibt er oben ohne.

Interessieren Sie sich f├╝r US-Politik? Unser Washington-Korrespondent Fabian Reinbold schreibt ├╝ber seine Arbeit im Wei├čen Haus und seine Eindr├╝cke aus den USA unter Donald Trump einen Newsletter. Hier k├Ânnen Sie die "Post aus Washington" kostenlos abonnieren, die dann einmal pro Woche direkt in Ihrem Postfach landet.

Auch der Wahlkampf ist seltsam unnahbar geworden. Seit zwei Monaten sitzt Joe Biden, 77 Jahre und Risikogruppe, nun in seinem Haus in Delaware fest. Sein Kommunikationskanal zur Welt ist ein Kellerraum, den seine Leute zum kleinen Fernsehstudio umgebaut haben.

Biden-Schalte ins Fr├╝hst├╝cksfernsehen: Analoger Mann im digitalen Wahlkampf.
Biden-Schalte ins Fr├╝hst├╝cksfernsehen: Analoger Mann im digitalen Wahlkampf. (Quelle: Brian Cahn/Zuma Wire/dpa-bilder)

Ich habe Biden immer wieder begleitet, damals, als es noch richtigen Wahlkampf drau├čen im Land gab. Seine gr├Â├čte St├Ąrke ist die pers├Ânliche Begegnung, auf den kleinen Auftritten in Iowa, New Hampshire oder South Carolina bekam auch noch der letzte, der wollte, ein Selfie, eine Hand auf die Schulter, eine Umarmung. Aus und vorbei.

Seine Schw├Ąchen lagen immer vor der Kamera, auf der B├╝hne. Biden, dem man sein Alter anmerkt, muss jetzt einen virtuellen Wahlkampf f├╝hren, vor der Kamera im Keller.

Anfangs sendete man aus dem Keller ein Potpourri kleinerer Pannen, jetzt ist das Programm professionalisiert.

Ich habe den Donnerstag mit dem virtuellen Wahlk├Ąmpfer Biden verbracht. Aufregend war es nicht. Er stolpert ein bisschen durch seine Auftritte, kommt manchmal nicht zum Punkt.

Mittags hat er einen nicht-├Âffentlichen Auftritt in einer Runde mit B├╝rgermeistern. Biden soll ein kurzes Gru├čwort sprechen, spricht aber lang und umst├Ąndlich f├╝r eine simple Botschaft: Ich werde Euch nicht im Stich lassen. Danach eine Runde mit drei freundlich gesonnenen Gouverneuren f├╝rs breite Publikum. Biden lobt die Krisenmanager, das ├ťbliche.

Dann noch eine Schalte in den linken Nachrichtensender MSNBC, wo Biden Fragen zu seinem ersten Amtstag und Zuschauerfragen beantworten soll. Sein bester Punkt: Trost spenden. Biden, der Frau und Tochter und sp├Ąter einen seiner zwei S├Âhne verloren hatte, kann das wie kein anderer. Trump kann das so ├╝berhaupt nicht. Bei jetzt schon 80.000 Toten gibt es Bedarf an Mitleid.

Biden hat vor 50 Jahren seinen ersten Wahlkampf bestritten. Klar, er macht jetzt alles mit: Biden hat einen Podcast, Biden ist dieser Tage auf Snapchat, Biden l├Ąsst auch lustig gemeinte Clips drehen. Doch er bleibt ein analoger Mann im digitalen Wahlkampf.

Was bleibt auf der Strecke, wenn die Politik weitgehend auf den Bildschirm verschwindet? F├╝r Biden sicherlich der direkte Kontakt. Wenn er Pech hat, f├Ąllt auch der Nominierungsparteitag ins Wasser, der sonst eine Woche Publicity auf allen Kan├Ąlen bedeutet.

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W├Ąhrend der eine im Keller hockt, nimmt der andere gegen Widerst├Ąnde das Reisen wieder auf. Trump war vergangene Woche in Arizona, diese Woche in Pennsylvania, zwei wichtige Staaten f├╝r die Wahl. Wie lange will der Herausforderer noch sitzen bleiben?

Es gibt jetzt altgediente Strategen bei den Demokraten, die sagen, Biden k├Ânne so weiter machen. Wenig sichtbar bleiben, weil Trump sich in der Corona-Krise doch selbst um Kopf und Kragen rede. Das klingt f├╝r mich ganz schlecht nach 2016: der Glaube, Trump entlarve sich schon selbst.

"Online-Reden aus dem Keller werden es nicht bringen", warnen hingegen Obamas Kampagnenchefs. Sie meinen: Biden muss Trump viel mehr entgegensetzen, schnell reagieren, virale Clips liefern. Also das Virtuelle meistern.

Trump selbst ist ein Mann, der nur aufs Fernsehen blickt. Doch sein Wahlkampfteam beherrscht den Einsatz der sozialen Medien perfekt. Die fiesen Clips, die Biden als senil und Chinafreund darstellen, feuern sie l├Ąngst ab. Biden hatte beim Virtuellen immer viel aufzuholen. Jetzt, wo normale Politik und Wahlkampf vorbei sind und die neue Normalit├Ąt noch nicht gefunden ist, ist das wichtiger denn je.

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