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Anschlag in Halle – vor einem Jahr: Judenhass zeigt sich nicht immer offen

MEINUNGNach Angriff vor Hamburger Synagoge  

Deutschland, der Judenhass und die leeren Worte

Eine Kolumne von Lamya Kaddor

09.10.2020, 09:42 Uhr
Anschlag in Halle – vor einem Jahr: Judenhass zeigt sich nicht immer offen. Antisemitismus in Deutschland: Kolumnistin Lamya Kaddor sieht die Politiker viel mehr in der Pflicht. (Quelle: imago images/Uwe Steinert)

Antisemitismus in Deutschland: Kolumnistin Lamya Kaddor sieht die Politiker viel mehr in der Pflicht. (Quelle: Uwe Steinert/imago images)

Der jüngste Angriff vor einer Synagoge in Deutschland rollt die Debatte um Antisemitismus neu auf. Minister müssen sich mehr in die jüdische Bevölkerung hineinversetzen, findet t-online-Kolumnistin Lamya Kaddor.

Sukkot ist ein bemerkenswertes Fest. Man errichtet einen Bretterverschlag, genannt Sukka, bedeckt ihn mit Ästen, Palmwedeln und Laub, sodass des Nachts die Sterne hindurch schimmern können. Kinder schmücken die Hütte aus, dann hält man sich während sieben Tagen darin auf, viele essen, manche nächtigen sogar dort. Die Sukka schirmt sie symbolisch gegen alle Gefahren ab.

Sie wird beispielsweise zu Hause im Garten errichtet, auf dem Balkon, in einem Innenhof oder an einem Gemeinschaftsplatz. In diesem Jahr steht sogar eine Sukka vor dem höchsten Gebäude der Welt – in Dubai – in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ein durch und durch jüdisches Symbol vor dem "Stolz" sunnitischer Araber. Es wirkt wie ein Wunder. Ich hätte das bis dato für unmöglich gehalten. Doch es erfolgte die politische Annäherung zwischen den Emiraten und Israel, die justament in dieser Sukkot-Woche bei einem gemeinsamen Besuch der Außenminister beider Länder in Berlin vertieft wurde, und das scheinbar Unmögliche bekam eine Chance.

Attacke vor Hamburger Synagoge schockiert

Vielleicht ist diese Entwicklung für einige Jüdinnen und Juden ein Grund mehr, anlässlich ihres Festes zu jauchzen. Das Laubhüttenfest ist ein freudiges. Synagogen sind erfüllt mit Geselligkeit, Musik und Gesang. Freud und Leid liegen aber bekanntlich eng beieinander. So schockierte ausgerechnet zu diesem bemerkenswerten Fest wieder eine Gewalttat die jüdische Gemeinde in Deutschland: Vor der Hamburger Synagoge Hohe Weide wurde ein junger Mann attackiert. Der nur wenig ältere Angreifer, in dessen Hosentasche man einen Zettel mit Hakenkreuz fand, schlug mit einem Spaten auf ihn ein. Erinnerungen an den Terroranschlag auf die Synagoge in Halle vor genau einem Jahr werden wach.

Es ist zum Verzweifeln. Mir kommt die US-Serie "Holocaust" von 1978 mit der jungen Meryl Streep in den Sinn. Diese Produktion hat viele Deutsche einst aufgerüttelt und erstmals zum Nachdenken darüber gebracht, was für unfassbare Grausamkeiten den Menschen in diesem Land von ihren Nachbarn angetan wurden. Wir wissen heute so viel über die Schoah – und das macht die Vorstellung noch unerträglicher, dass die Nachkommen der Überlebenden weiterhin attackiert werden.

Botschaften dann wichtig, wenn Adressaten Unsicherheit spüren

Da lassen mich die Reaktionen in Hamburg beinah ratlos zurück. Der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) beteuerte: "Hamburg steht fest an der Seite unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger." Das sind Allgemeinplätze. Solche Botschaften sind dann wichtig, wenn sich die Adressatinnen und Adressaten ihrer nicht sicher sein könnten. Dass der offizielle deutsche Staat aber 2020 nicht gegen Juden gesellt ist, ist selbstverständlich.

Der Hamburger Senat will in Reaktion auf die Tat in Eimsbüttel einen Antisemitismus-Beauftragten berufen. Erstens, warum gibt es sie oder ihn nicht schon längst? Zweitens wirkt das wie ein Offenbarungseid: Wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründ' ich mir 'nen Arbeitskreis. Anders ausgedrückt: Ich wälze das Problem auf Dritte ab.

Antisemitismusbeauftragte sind nur Koordinatoren

Das alles reicht einfach nicht. Wir sollten zwar bundesweit Antisemitismus-Beauftragte einsetzen, das Problem werden sie allein aber nicht in den Griff bekommen. Die Beauftragten sind vor allem Koordinatoren und Mahner. Der Antisemitismusbeauftragte des Bundes, Felix Klein, etwa ist emsig – es vergeht kaum eine Woche, in der er nicht durch die Medien zum Volk spricht. Der Zentralrat der Juden ruft ununterbrochen zu Wachsamkeit auf. Das Ergebnis ihrer Wiederholungen ist leider auch: Menschen hören nicht mehr hin.

Wir müssen an die Gesellschaft selbst ran, an jeden einzelnen von uns. Das geistige Umfeld für solche Attentäter muss ausgetrocknet werden. Angriffe auf Juden sind der radikalisierte Ausdruck des nach wie vor in der Mitte der Gesellschaft verhafteten Antisemitismus.

Manchmal versteckt sich Antisemitismus im Innersten

Dieser Antisemitismus zeigt sich nicht immer offen und aggressiv. Er zeigt sich nicht immer gewaltbereit. Manchmal versteckt er sich im Innersten eines Menschen, sodass er selbst ihn nicht erkennt. Ausdruck dessen kann subtile Unsicherheit im Umgang mit Jüdinnen und Juden sein: Weil man denkt, man könne sich falsch verhalten, verhält man sich gar nicht oder unbeholfen. Wer in einer Jüdin nur eine Jüdin sieht, hat bereits ein Problem. Wer nicht in der Lage ist, Jüdinnen und Juden normal zu begegnen, mit ihnen über Mode zu reden, sich mit ihnen über einen Sieg des FC Bayern zu freuen oder wegen einer genommenen Vorfahrt sauer auf sie zu sein, hat Anlass genug, in sich zu horchen, aktiv zu ergründen, warum das so ist, und wie sich das ändern lässt. Beim Antisemitismus ist mehr Mühe gefordert als an anderen Stellen. Wir sprechen über eines der ältesten und verhängnisvollste System von Ausgrenzung und Abwertung, das die Menschheit je gegenüber einer Gruppe von Menschen hervorgebracht hat.

Einen Ausdruck dieser subtilen Unsicherheit erkenne ich – aus der Ferne betrachtet – bei Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht. Bei dessen Besuch der Polizei in Dessau-Roßlau hieß es, die Beamtinnen und Beamten hätten seit dem Anschlag auf die Hallenser Synagoge bereits 1.500 Arbeitsstunden zusätzlich geleistet, worauf der CDU-Politiker suggerierte, dass infolgedessen bei anderen Aufgaben Abstriche gemacht werden müssten: "Diese 1.500 Stunden fehlen woanders", sagte er. Das lässt sich auch so verstehen: "Die Juden sind schuld. Wegen ihrer Bedürfnisse leiden andere."

Sieg über grassierende Feindschaft ist Aufgabe von Nichtjuden

Die Möglichkeit dieser Interpretation bleibt schlimm, selbst wenn Stahlknecht inzwischen von einem Missverständnis spricht. Schuld ist allein der Antisemitismus, und für den können Jüdinnen und Juden nichts. Die grassierende Feindschaft gegen sie zu besiegen, ist somit nicht ihre Aufgabe. Es ist die Aufgabe aller Nichtjuden und Nichtjüdinnen. 

Holger Stahlknecht ist sicherlich kein Antisemit, aber offenkundig ist er nicht in der Lage, sich in die Situation von Jüdinnen und Juden einzufühlen. Er kann sich in Polizisten einfühlen, ihre Arbeitsbelastung nachempfinden, aber er kann sich anscheinend nicht vorstellen, was es bedeutet, täglich eine Sicherheitsschleuse passieren zu müssen, um seine Kinder in den Kindergarten zu bringen; von Partygästen mit Worten überrascht zu werden wie: "Ach Sie sind Christ. Ist ja interessant. Erklären Sie mir, warum so viele von Ihnen Donald Trump wählen!"; oder in einer Kirche zu sitzen, in die jemand eindringen will, um die Anwesenden zu töten.

Eignung von Stahlknecht als Innenminister auf Prüfstand

Gerade ein Innenminister aber, dessen zentrale Aufgabe die Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit ist, muss fähig zu Empathie sein – gegenüber allen Teilen der Gesellschaft, insbesondere jenen, die bedroht werden.
Zentralratspräsident Josef Schuster fragt daher zu Recht, ob Holger Stahlknecht weiter für das Amt des Innenministers geeignet sei. Schon nach dem Halle-Anschlag hatte er sich einseitig und polizeifixiert gegeben. Ohne jegliche Sensibilität für die attackierte jüdische Gemeinde betonte er, die Polizei habe sich nichts vorzuwerfen und "gute Arbeit" geleistet; wohlgemerkt war die Hallenser Synagoge am Tag des Anschlags selbst, dem höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, ohne 24-Stunden-Überwachung – die ordnete Holger Stahlknecht erst nach der Tat an.

Seine Demission wäre gewiss ein Signal an die Sicherheitsverantwortlichen für mehr Empathie, doch der Antisemitismus würde sich allein dadurch genauso wenig unterwerfen lassen. Das kann nur gelingen, indem wir uns endlich allerorts der Problematik stellen – ohne die ewigen Abwehrreflexe. Hier sind Arbeitgeber aufgerufen zu handeln, (Sport-)Vereine, Schulen, Kulturbetriebe, Kirchen, Moscheen, einzelne Familien etc. Das gilt für alle ohne Ausnahme. Wer mehr oder weniger schuld ist, spielt keine Rolle. Es handelt sich ebenso um Ablenkungsmanöver bei jenen, die beim Thema Antisemitismus sogleich mit dem Finger auf "die Deutschen" zeigen, wie bei jenen, die augenblicklich auf "die Einwanderer" verweisen. Judenfeindschaft ist ein verhängnisvolles Verbrechen der gesamten Menschheit. Niemand kann und darf im Kampf dagegen untätig bleiben.

PS: Wer sich fragt, wie man da vorgeht, wendet sich am besten an die Antisemitismusbeauftragten.

Lamya Kaddor ist Deutsche mit syrischen Wurzeln. In ihrer Kolumne "Zwischentöne" analysiert die Islamwissenschaftlerin, Islamische Religionspädagogin und Publizistin für t-online die Themen Islam und Migration.

Verwendete Quellen:

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