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Deutschland, der Judenhass und die leeren Worte

  • Lamya Kaddor
Eine Kolumne von Lamya Kaddor

Aktualisiert am 09.10.2020Lesedauer: 5 Min.
Antisemitismus in Deutschland: Kolumnistin Lamya Kaddor sieht die Politiker viel mehr in der Pflicht.
Antisemitismus in Deutschland: Kolumnistin Lamya Kaddor sieht die Politiker viel mehr in der Pflicht. (Quelle: Uwe Steinert/imago-images-bilder)
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Der j├╝ngste Angriff vor einer Synagoge in Deutschland rollt die Debatte um Antisemitismus neu auf. Minister m├╝ssen sich mehr in die j├╝dische Bev├Âlkerung hineinversetzen, findet t-online-Kolumnistin Lamya Kaddor.

Sukkot ist ein bemerkenswertes Fest. Man errichtet einen Bretterverschlag, genannt Sukka, bedeckt ihn mit ├ästen, Palmwedeln und Laub, sodass des Nachts die Sterne hindurch schimmern k├Ânnen. Kinder schm├╝cken die H├╝tte aus, dann h├Ąlt man sich w├Ąhrend sieben Tagen darin auf, viele essen, manche n├Ąchtigen sogar dort. Die Sukka schirmt sie symbolisch gegen alle Gefahren ab.

Sie wird beispielsweise zu Hause im Garten errichtet, auf dem Balkon, in einem Innenhof oder an einem Gemeinschaftsplatz. In diesem Jahr steht sogar eine Sukka vor dem h├Âchsten Geb├Ąude der Welt ÔÇô in Dubai ÔÇô in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ein durch und durch j├╝disches Symbol vor dem "Stolz" sunnitischer Araber. Es wirkt wie ein Wunder. Ich h├Ątte das bis dato f├╝r unm├Âglich gehalten. Doch es erfolgte die politische Ann├Ąherung zwischen den Emiraten und Israel, die justament in dieser Sukkot-Woche bei einem gemeinsamen Besuch der Au├čenminister beider L├Ąnder in Berlin vertieft wurde, und das scheinbar Unm├Âgliche bekam eine Chance.

Attacke vor Hamburger Synagoge schockiert

Vielleicht ist diese Entwicklung f├╝r einige J├╝dinnen und Juden ein Grund mehr, anl├Ąsslich ihres Festes zu jauchzen. Das Laubh├╝ttenfest ist ein freudiges. Synagogen sind erf├╝llt mit Geselligkeit, Musik und Gesang. Freud und Leid liegen aber bekanntlich eng beieinander. So schockierte ausgerechnet zu diesem bemerkenswerten Fest wieder eine Gewalttat die j├╝dische Gemeinde in Deutschland: Vor der Hamburger Synagoge Hohe Weide wurde ein junger Mann attackiert. Der nur wenig ├Ąltere Angreifer, in dessen Hosentasche man einen Zettel mit Hakenkreuz fand, schlug mit einem Spaten auf ihn ein. Erinnerungen an den Terroranschlag auf die Synagoge in Halle vor genau einem Jahr werden wach.

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Es ist zum Verzweifeln. Mir kommt die US-Serie "Holocaust" von 1978 mit der jungen Meryl Streep in den Sinn. Diese Produktion hat viele Deutsche einst aufger├╝ttelt und erstmals zum Nachdenken dar├╝ber gebracht, was f├╝r unfassbare Grausamkeiten den Menschen in diesem Land von ihren Nachbarn angetan wurden. Wir wissen heute so viel ├╝ber die Schoah ÔÇô und das macht die Vorstellung noch unertr├Ąglicher, dass die Nachkommen der ├ťberlebenden weiterhin attackiert werden.

Botschaften dann wichtig, wenn Adressaten Unsicherheit sp├╝ren

Da lassen mich die Reaktionen in Hamburg beinah ratlos zur├╝ck. Der Erste B├╝rgermeister Peter Tschentscher (SPD) beteuerte: "Hamburg steht fest an der Seite unserer j├╝dischen Mitb├╝rgerinnen und Mitb├╝rger." Das sind Allgemeinpl├Ątze. Solche Botschaften sind dann wichtig, wenn sich die Adressatinnen und Adressaten ihrer nicht sicher sein k├Ânnten. Dass der offizielle deutsche Staat aber 2020 nicht gegen Juden gesellt ist, ist selbstverst├Ąndlich.

Der Hamburger Senat will in Reaktion auf die Tat in Eimsb├╝ttel einen Antisemitismus-Beauftragten berufen. Erstens, warum gibt es sie oder ihn nicht schon l├Ąngst? Zweitens wirkt das wie ein Offenbarungseid: Wenn ich nicht mehr weiter wei├č, gr├╝nd' ich mir 'nen Arbeitskreis. Anders ausgedr├╝ckt: Ich w├Ąlze das Problem auf Dritte ab.

Antisemitismusbeauftragte sind nur Koordinatoren

Das alles reicht einfach nicht. Wir sollten zwar bundesweit Antisemitismus-Beauftragte einsetzen, das Problem werden sie allein aber nicht in den Griff bekommen. Die Beauftragten sind vor allem Koordinatoren und Mahner. Der Antisemitismusbeauftragte des Bundes, Felix Klein, etwa ist emsig ÔÇô es vergeht kaum eine Woche, in der er nicht durch die Medien zum Volk spricht. Der Zentralrat der Juden ruft ununterbrochen zu Wachsamkeit auf. Das Ergebnis ihrer Wiederholungen ist leider auch: Menschen h├Âren nicht mehr hin.

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Wir m├╝ssen an die Gesellschaft selbst ran, an jeden einzelnen von uns. Das geistige Umfeld f├╝r solche Attent├Ąter muss ausgetrocknet werden. Angriffe auf Juden sind der radikalisierte Ausdruck des nach wie vor in der Mitte der Gesellschaft verhafteten Antisemitismus.

Manchmal versteckt sich Antisemitismus im Innersten

Dieser Antisemitismus zeigt sich nicht immer offen und aggressiv. Er zeigt sich nicht immer gewaltbereit. Manchmal versteckt er sich im Innersten eines Menschen, sodass er selbst ihn nicht erkennt. Ausdruck dessen kann subtile Unsicherheit im Umgang mit J├╝dinnen und Juden sein: Weil man denkt, man k├Ânne sich falsch verhalten, verh├Ąlt man sich gar nicht oder unbeholfen. Wer in einer J├╝din nur eine J├╝din sieht, hat bereits ein Problem. Wer nicht in der Lage ist, J├╝dinnen und Juden normal zu begegnen, mit ihnen ├╝ber Mode zu reden, sich mit ihnen ├╝ber einen Sieg des FC Bayern zu freuen oder wegen einer genommenen Vorfahrt sauer auf sie zu sein, hat Anlass genug, in sich zu horchen, aktiv zu ergr├╝nden, warum das so ist, und wie sich das ├Ąndern l├Ąsst. Beim Antisemitismus ist mehr M├╝he gefordert als an anderen Stellen. Wir sprechen ├╝ber eines der ├Ąltesten und verh├Ąngnisvollste System von Ausgrenzung und Abwertung, das die Menschheit je gegen├╝ber einer Gruppe von Menschen hervorgebracht hat.

Einen Ausdruck dieser subtilen Unsicherheit erkenne ich ÔÇô aus der Ferne betrachtet ÔÇô bei Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht. Bei dessen Besuch der Polizei in Dessau-Ro├člau hie├č es, die Beamtinnen und Beamten h├Ątten seit dem Anschlag auf die Hallenser Synagoge bereits 1.500 Arbeitsstunden zus├Ątzlich geleistet, worauf der CDU-Politiker suggerierte, dass infolgedessen bei anderen Aufgaben Abstriche gemacht werden m├╝ssten: "Diese 1.500 Stunden fehlen woanders", sagte er. Das l├Ąsst sich auch so verstehen: "Die Juden sind schuld. Wegen ihrer Bed├╝rfnisse leiden andere."

Sieg ├╝ber grassierende Feindschaft ist Aufgabe von Nichtjuden

Die M├Âglichkeit dieser Interpretation bleibt schlimm, selbst wenn Stahlknecht inzwischen von einem Missverst├Ąndnis spricht. Schuld ist allein der Antisemitismus, und f├╝r den k├Ânnen J├╝dinnen und Juden nichts. Die grassierende Feindschaft gegen sie zu besiegen, ist somit nicht ihre Aufgabe. Es ist die Aufgabe aller Nichtjuden und Nichtj├╝dinnen.

Holger Stahlknecht ist sicherlich kein Antisemit, aber offenkundig ist er nicht in der Lage, sich in die Situation von J├╝dinnen und Juden einzuf├╝hlen. Er kann sich in Polizisten einf├╝hlen, ihre Arbeitsbelastung nachempfinden, aber er kann sich anscheinend nicht vorstellen, was es bedeutet, t├Ąglich eine Sicherheitsschleuse passieren zu m├╝ssen, um seine Kinder in den Kindergarten zu bringen; von Partyg├Ąsten mit Worten ├╝berrascht zu werden wie: "Ach Sie sind Christ. Ist ja interessant. Erkl├Ąren Sie mir, warum so viele von Ihnen Donald Trump w├Ąhlen!"; oder in einer Kirche zu sitzen, in die jemand eindringen will, um die Anwesenden zu t├Âten.

Eignung von Stahlknecht als Innenminister auf Pr├╝fstand

Gerade ein Innenminister aber, dessen zentrale Aufgabe die Gew├Ąhrleistung der ├Âffentlichen Sicherheit ist, muss f├Ąhig zu Empathie sein ÔÇô gegen├╝ber allen Teilen der Gesellschaft, insbesondere jenen, die bedroht werden.
Zentralratspr├Ąsident Josef Schuster fragt daher zu Recht, ob Holger Stahlknecht weiter f├╝r das Amt des Innenministers geeignet sei. Schon nach dem Halle-Anschlag hatte er sich einseitig und polizeifixiert gegeben. Ohne jegliche Sensibilit├Ąt f├╝r die attackierte j├╝dische Gemeinde betonte er, die Polizei habe sich nichts vorzuwerfen und "gute Arbeit" geleistet; wohlgemerkt war die Hallenser Synagoge am Tag des Anschlags selbst, dem h├Âchsten j├╝dischen Feiertag Jom Kippur, ohne 24-Stunden-├ťberwachung ÔÇô die ordnete Holger Stahlknecht erst nach der Tat an.

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Seine Demission w├Ąre gewiss ein Signal an die Sicherheitsverantwortlichen f├╝r mehr Empathie, doch der Antisemitismus w├╝rde sich allein dadurch genauso wenig unterwerfen lassen. Das kann nur gelingen, indem wir uns endlich allerorts der Problematik stellen ÔÇô ohne die ewigen Abwehrreflexe. Hier sind Arbeitgeber aufgerufen zu handeln, (Sport-)Vereine, Schulen, Kulturbetriebe, Kirchen, Moscheen, einzelne Familien etc. Das gilt f├╝r alle ohne Ausnahme. Wer mehr oder weniger schuld ist, spielt keine Rolle. Es handelt sich ebenso um Ablenkungsman├Âver bei jenen, die beim Thema Antisemitismus sogleich mit dem Finger auf "die Deutschen" zeigen, wie bei jenen, die augenblicklich auf "die Einwanderer" verweisen. Judenfeindschaft ist ein verh├Ąngnisvolles Verbrechen der gesamten Menschheit. Niemand kann und darf im Kampf dagegen unt├Ątig bleiben.

PS: Wer sich fragt, wie man da vorgeht, wendet sich am besten an die Antisemitismusbeauftragten.

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Lamya Kaddor ist Deutsche mit syrischen Wurzeln. In ihrer Kolumne "Zwischent├Âne" analysiert die Islamwissenschaftlerin, Islamische Religionsp├Ądagogin und Publizistin f├╝r t-online die Themen Islam und Migration.

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