Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Wie das Geld bestimmt, wer sich mit Corona infiziert

  • Annika Leister
Von Annika Leister

Aktualisiert am 28.04.2021Lesedauer: 6 Min.
Straße in der Hamburger Innenstadt: Gerade in der Hansestadt zeigt sich eine deutliche Corona-Kluft zwischen reichen und ärmeren Stadtteilen.
Straße in der Hamburger Innenstadt: Gerade in der Hansestadt zeigt sich eine deutliche Corona-Kluft zwischen reichen und ärmeren Stadtteilen. (Quelle: Hanno Bode/imago-images-bilder)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo

Lange war es nur eine Vermutung, jetzt zeigen Daten aus mehreren Städten: In Brennpunktvierteln kommt es zu viel mehr Infektionen als in wohlhabenden Gegenden. Ein Soziologe erklärt, warum. Erste Städte wollen gezielter impfen.

"Armut macht krank" ‚Äď das gilt bereits f√ľr viele Krankheiten in Deutschland. Vor einer hohen Gef√§hrdung von Menschen mit niedrigem Einkommen warnen Experten auch in der Corona-Krise seit Langem. Doch die Datenlage ist bisher schwach, die zu untersuchenden Faktoren sind divers, Langzeitbetrachtungen vonn√∂ten. Jetzt liegen in mehreren St√§dten Daten vor, die einen Zusammenhang zwischen Wohnort, sozio√∂konomischen Einfl√ľssen und der Infektionsrate belegen oder zumindest nahelegen.

"Die Zahlen aus St√§dten wie Bremen, Hamburg, Berlin, K√∂ln decken sich mit denen, die wir in vielen Studien weltweit sehen: Regionen mit vielen Einwohnern, die wenig verdienen, haben konsistent h√∂here Infektionszahlen", sagt Nico Dragano, Professor f√ľr Medizinische Soziologie am Universit√§tsklinikum D√ľsseldorf, im Gespr√§ch mit t-online. "Das f√ľgt sich in ein Bild, das immer konkreter wird."

Hamburg: Ruhige Villenviertel, hart betroffene Brennpunkte

Besonders aussagekräftig sind die Zahlen aus Hamburg. Hier hat die zuständige Sozialbehörde auf Anfrage des NDR die Corona-Fälle in der gesamten Corona-Krise von Februar 2020 bis März 2021 in Bezug auf die unterschiedlichen Stadtteile geliefert. Das Ergebnis: Wirtschaftlich schwächere Stadtteile verbuchen besonders hohe Infektionszahlen, die Villenviertel bleiben im Vergleich stärker verschont. Wo sich die Menschen anstecken, lässt sich dabei nicht sagen. Die Zahlen richten sich nach den Wohnorten der Infizierten.

ANZEIGEN
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Meistgelesen
"2023 ist Putin weg ‚Äď wahrscheinlich im Sanatorium"


So leuchtet der Stadtteil Veddel in Hamburg-Mitte mit 8.000 Infektionen pro 100.000 Einwohnern dunkelrot auf ‚Äď es ist die h√∂chste Jahresinzidenz der Hansestadt √ľberhaupt, bedingt auch durch einen Ausbruch an einer Schule. Dicht darauf folgen Stadtteile wie Wilhelmsburg mit einer Jahresinzidenz von 5.700, Harburg mit einem Wert von 4.668 oder Billstedt mit 4.910 Infektionen gerechnet auf 100.000 Einwohner und Jahr.

Loading...
Symbolbild f√ľr eingebettete Inhalte

Embed

Auff√§llig: In den dunkelrot gef√§rbten Stadtteilen ist das Einkommen der Bewohner besonders niedrig. Das Jahreseinkommen lag dort Auswertungen des Hamburger Statistikamts aus dem Jahr 2013 zufolge nur bei rund 20.000 Euro pro Steuerpflichtigem. Der Anteil der Bev√∂lkerung mit Migrationshintergrund liegt hier zum Teil weit √ľber dem Hamburger Durchschnitt.

Anders sehen die Infektionszahlen in den Vierteln aus, wo man wesentlich besser verdient: Im Villenviertel Blankenese (Jahreseinkommen pro Kopf: 117.000 Euro) liegt die Jahresinzidenz nur bei 1.460. Hamburgs reichstes Viertel Nienstedten (Einkommen pro Kopf: 120.000 Euro) verzeichnet 2.479 Infektionen gerechnet auf 100.000 Einwohner.

Loading...
Symbolbild f√ľr eingebettete Inhalte

Embed

Bedeutet: In Stadtteilen mit geringem Einkommen steckten sich zum Teil bis zu sechs Mal mehr Bewohner an als in Stadtteilen, in denen die Bewohner mehr Geld haben. Eine Anfrage von t-online zu den Gr√ľnden dieser Entwicklung lie√ü die Hamburger Sozialbeh√∂rde am Dienstag unbeantwortet.

Bremen: Die dritte Welle trifft einkommensschwache Viertel hart

√Ąhnlich wie in Hamburg sieht es derzeit in Bremen aus. Hier liegt noch keine Jahresauswertung vor, die Stadtteil-Daten werden stattdessen alle zwei Wochen ver√∂ffentlicht ‚Äď gerechnet auf nur 1.000 Einwohner. Aktuell an der Spitze der Infektionstabelle: Blumenthal (3,52 F√§lle pro 1.000 Einwohner), Gr√∂pelingen (3,38), Huchting (3,13) und Walle (3,18). In Horn-Lehe und Schwachhausen, den einkommensst√§rksten Teilen der Stadt, liegen die Werte hingegen nur bei 1,05 und 1,7.

Loading...
Symbolbild f√ľr eingebettete Inhalte

Embed

Die Bremer Sozialbehörde hat die Entwicklung bereits genau im Blick. Mit Stadtteilen wie Blumenthal, Huchting und Gröpelingen seien Viertel besonders betroffen, die "strukturell und sozioökonomisch besonders benachteiligt sind", teilt ein Sprecher der Behörde auf Nachfrage von t-online mit. Sie zeichneten sich unter anderem durch ein unterdurchschnittliches Haushaltseinkommen, eine sehr hohe Wohnraumdichte und einen hohen Anteil an prekärer Beschäftigung aus.

"Wir haben diese Entwicklung bereits in der zweiten Welle gesehen", heißt es aus dem Amt weiter. "In der aktuellen, dritten Welle gibt es diese Entwicklung seit rund drei Wochen erneut."

K√∂ln: Inzidenzen von √ľber 300 in √§rmeren Veedeln

Köln-Chorweiler: Viele haben hier niedriges Einkommen, prekäre Jobs, enge Wohnungen.
Köln-Chorweiler: Viele haben hier niedriges Einkommen, prekäre Jobs, enge Wohnungen. (Quelle: C. Hardt/Future Image/imago-images-bilder)

Andere St√§dte haben erst sp√§ter mit der Publikation so detaillierter Analysen begonnen ‚Äď und zeigen √§hnliche Tendenzen. In K√∂ln sind derzeit unter anderem einkommensschwache Stadtteile wie M√ľlheim, Chorweiler, Kalk, Vingst oder Holweide besonders betroffen. Hier liegt die Sieben-Tage-Inzidenz bei √ľber 200, zum Teil sogar bei weit √ľber 300 F√§llen pro 100.000 Einwohner und Woche.

Aussagekr√§ftige Schl√ľsse k√∂nne man daraus aber noch nicht ziehen, warnt ein Sprecher der Stadt auf Nachfrage von t-online. Es fehlten langfristige Betrachtungen. Die Sieben-Tage-Inzidenzen k√∂nnten sich innerhalb kurzer Zeit deutlich unterscheiden. "Ein Stadtteil mit hoher, √ľberdurchschnittlicher Inzidenz kann eine Woche sp√§ter wieder deutlich niedriger liegen oder umgekehrt.‚Äú Es brauche weitergehende Untersuchungen.

Auch in K√∂lns Nachbarstadt D√ľsseldorf gab es im vergangenen Jahr einem Bericht der "Neuen Ruhr Zeitung" zufolge deutlich h√∂here Infektionsraten in Stadtteilen mit geringem Durchschnittseinkommen: Oberbilk, Lierenfeld oder Flingern-S√ľd verzeichneten demnach √ľber das Pandemiejahr mehr als 3.500 Infektionen gerechnet auf 100.000 Einwohner. Wohlhabendere Stadtteile wie Niederkassel und Carlstadt liegen bei knapp √ľber 2.000 F√§llen.

Was nicht gemessen wird, kann nicht bekämpft werden

Die unklare Datenlage ist f√ľr den medizinischen Soziologen Nico Dragano derzeit eines der gr√∂√üten Probleme in Deutschland. "St√§dte sollten das Problem erst einmal zur Kenntnis nehmen und messen", sagt er. "Die notwendigen Daten erheben noch bei Weitem nicht alle Gemeinden und Kreise." Erst dann k√∂nne man Auff√§lligkeiten aufzeigen, Probleme kl√§ren und vor Ort intervenieren.

Die Tendenzen, die erste St√§dte nun in ihren Daten zeigen und offen thematisieren, √ľberraschen Dragano nicht. Sie best√§tigen vielmehr seine Erwartungen und Ergebnisse internationaler Studien. Die genauen Gr√ľnde, warum besonders √§rmere Viertel so betroffen sind, seien noch nicht vollst√§ndig bekannt. Klar sei aber schon jetzt: Ein ganzes B√ľndel an Faktoren habe Einfluss auf diese Entwicklung.

Weniger Platz, kaum Homeoffice, niedrige Bildung

"Menschen, die wenig Geld haben, leben oft mit mehreren Leuten in kleineren Wohnungen in engeren Stadtvierteln. Das erh√∂ht das Infektionsrisiko", erkl√§rt Dragano im Gespr√§ch mit t-online. "Sie arbeiten au√üerdem √∂fters in einfachen, schlecht bezahlten Jobs, in denen sie h√§ufiger in Pr√§senz arbeiten und viele Kontakte haben m√ľssen." Das sei beispielsweise bei Produktionshelfern in den Werkhallen so, bei Busfahrern, aber auch bei Altenpflegekr√§ften. Das Homeoffice stehe hingegen vor allem den akademischen Berufen offen.

Loading...
Loading...
Loading...

Und auch Gesundheitsbildung spiele eine Rolle ‚Äď Menschen mit niedriger Bildung falle es zum Teil schwerer, Informationen zur Pandemie zu finden und zu verstehen.

Auch die Gefahr, schwer zu erkranken, ist f√ľr √Ąrmere viel h√∂her

Die potentiellen Folgen sind nicht nur mit Blick auf die Zahl der Ansteckungen dramatisch. Draganos Team hat Krankenkassendaten ausgewertet und zieht daraus den Schluss: "Menschen mit geringem Einkommen haben auch ein wesentlich h√∂heres Risiko, nach einer Infektion schwer zu erkranken." Wer Hartz IV bezieht, m√ľsse doppelt so h√§ufig mit einer Covid-19-Diagnose im Krankenhaus behandelt werden wie Normalbesch√§ftigte, so Dragano.

Hintergrund ist hier dem Soziologen zufolge vermutlich ein schlechterer Ausgangszustand: "Viele Langzeitarbeitslose haben Vorerkrankungen wie Herzprobleme, psychische Krankheiten, chronischer Stress, √úbergewicht." Diese Faktoren machten einen schweren Verlauf wahrscheinlich.

Steht Deutschland ein bitteres Erwachen bevor? Am Ende aller Datenanalysen die Erkenntnis: Gerade die √Ąrmsten infizieren sich h√§ufiger und sterben viel h√§ufiger in dieser Pandemie, unbeachtet von Rest-Deutschland?

Hausärzte als wichtige Informationszentralen

Um das zu verhindern, fordert Dragano neben mehr Untersuchungen besonders in diesen Vierteln bei der Impfkampagne √ľber die Haus√§rzte zu steuern. Die Haus√§rzte lassen sich zwar oft lieber und vermehrt in den wohlhabenderen Vierteln nieder, in einkommensschwachen Gegenden ist die Dichte der Praxen h√§ufig nicht besonders hoch. Aber: "Viele Menschen mit wenig Geld sind wegen Vorerkrankungen ohnehin beim Hausarzt in Behandlung", sagt Dragano. Die Allgemeinmedizin sei zur Aufkl√§rung und "unb√ľrokratischen Hilfe" in √§rmeren Stadtteilen deswegen ein guter Ort.

Außerdem sollten Städte die Impfungen in diesen Regionen intensivieren, schlägt Dragano vor. "Das kann durch eine Erhöhung der Impfdosen passieren, aber auch durch intensive Aufklärung." Sein einfacher Rat: "Wo es besonders viele Infektionen gibt, sollte man es den Leuten besonders leicht machen."

Köln will in armen Vierteln verstärkt impfen

Bremen und K√∂ln sind bereits erste Schritte in diese Richtung gegangen. "Der Krisenstab der Stadt K√∂ln spricht sich f√ľr ein Sonderkontingent von Impfdosen f√ľr Stadtteile mit einem hohen Infektionsrisiko aus", teilt die Pressestelle der Stadt t-online mit. In betroffenen Stadtteilen mit einer hohen Inzidenz solle ein "erweitertes Impfangebot" aufgebaut werden, um Personen "in besonderen Sozialstrukturen vorzeitig zu impfen". Hierzu befinde sich die Stadt in Gespr√§chen mit dem Land Nordrhein-Westfalen.

Weitere Artikel

Was heute wichtig ist
Hier muss jetzt am schnellsten geimpft werden
Ein Wohnkomplex in Köln: In den ärmeren Vierteln vieler Städte stecken sich mehr Menschen an als in den wohlhabenderen.

Scheuer, Spahn & Co
Diese Abgeordneten haben die Corona-Schutzausr√ľstung beschafft
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU): In aller Regel zogen die betroffenen Abgeordneten keine finanziellen Vorteile aus den von ihnen vermittelten Geschäften.

Corona-Pandemie
S√∂der plant fr√ľhere Impfung f√ľr alle ‚Äď Erleichterung f√ľr Geimpfte
Markus Söder: Der Ministerpräsident Bayerns sprach am Dienstag nach einer Kabinettssitzung auf einer Pressekonferenz.


Die Sozialbeh√∂rde in Bremen hat nach eigener Aussage seit Anfang M√§rz Gesundheitsfachkr√§fte in die Quartiere vor Ort entsandt, die √ľber Impfungen und Hygieneregeln informieren. Auch mit Kultureinrichtungen arbeite man zusammen, um breit zu informieren. "Gezielte Impfangebote in st√§rker betroffenen Stadtteilen werden bei uns diskutiert und von uns durchaus in Erw√§gung gezogen."

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingANZEIGEN

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
  • Lars Wienand
Von Lars Wienand
DeutschlandHarburg
Aktuelles zu den Parteien

Politik international




t-online - Nachrichten f√ľr Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagram

Das Unternehmen
Ströer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverlängerung FestnetzVertragsverlängerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website