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Die Klimaliste Baden-Württemberg über die Grünen: "Es war nie genug"

INTERVIEW"Es war nie genug"  

Warum diese Umweltaktivistin von den Grünen enttäuscht ist

Von Marianne Max

15.11.2020, 12:50 Uhr
Die Klimaliste Baden-Württemberg über die Grünen: "Es war nie genug". Sandra Overlack, Vorsitzende der Klimaliste in Baden-Württemberg: Sie sieht Wissenschaft und Zahlen auf ihrer Seite, um das Klima zu retten. (Quelle: t-online/Sandra Overlack)

Sandra Overlack, Vorsitzende der Klimaliste in Baden-Württemberg: Sie sieht Wissenschaft und Zahlen auf ihrer Seite, um das Klima zu retten. (Quelle: Sandra Overlack/t-online)

Die Grünen gelten als Partei der Klimaschützer – doch manchen jungen Menschen geht das nicht weit genug. Sandra Overlack von der Klimaliste Baden-Württemberg erklärt, was sie stört.

Für ihre Heimatstadt Rastatt wollte sie den Klimanotstand ausrufen, doch sie stieß auf taube Ohren. Deshalb gründete Sandra Overlack die "Klimaliste Baden-Württemberg" – eine Organisation junger Menschen, denen die Grünen nicht mehr grün genug sind. Sie wollen in der Politik umsetzen, was die Klimaaktivisten von "Fridays for Future" auf den Straßen fordern.

t-online: Frau Overlack, Sie waren zunächst bei den Grünen aktiv. Warum sind Sie schnell wieder ausgetreten?

Ich war nie bei den Grünen, sondern wenige Wochen bei der Grünen Jugend in Karlsruhe aktiv. Das jedoch ohne Mitgliedschaft. Auch dort hatte ich aber das Gefühl nicht genug ausrichten zu können. Dann kam einer Gruppe von Klimaaktivisten, darunter eine Freundin, die Idee, in Baden-Württemberg eine Klimaliste zu gründen. Die Grünen sind dort zwar relativ stark, aber offensichtlich ist nicht genug passiert.

Was meinen Sie konkret? Warum haben die Grünen Sie verloren?

Da ist eine zu große Lücke zwischen der Notwendigkeit des Handelns, begründet durch die Wissenschaft, und dem, was die Grünen machen. Bisher waren die Grünen die Partei des Klimaschutzes – und trotzdem war es nie genug. Ich denke, das ist grundsätzlich einer der Hauptgründe, weshalb die Grünen junge Wählerinnen und Wähler verlieren. Es geht eben um unsere Zukunft.

Gehen die Grünen beim Klimaschutz zu viele Kompromisse ein?

Mit dem, was die Politik und auch Grüne in Baden-Württemberg aktuell tun, werden wir das Pariser Klimaabkommen nicht erreichen. Dabei sagt die Wissenschaft klar, wie es besser geht. Es sind die Klassiker, die großen Dinge, mit denen wir die CO2-Emmissionen senken könnten: Wir müssten viel konsequenter werden bei Energiewende, E-Mobilität, ÖPNV-Förderungen. Außerdem müssten wir die Möglichkeiten von Solar- und Windkraft viel mehr ausnutzen. Es ist klar: Wir brauchen Klimaneutralität bis 2035, wenn wir das Ziel von maximal 1,5 Grad Erderwärmung einhalten wollen. Mit den bisherigen Klimaschutzgesetzen schaffen wir das nie.

Das ähnelt sehr den Zielen der Fridays-for-Future-Bewegung. Gibt es etwas, das Ihre Klimaliste abgrenzt?

Die Ziele der Klimaliste und der Fridays-for-Future-Bewegung sind fast deckungsgleich. Wir müssen uns aber konkreter überlegen, wie wir unsere Forderungen in den Kommunen und im Bundesland umsetzen. Fridays-for-Future ist und bleibt überparteilich, die Klimaliste aber soll Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sowie Klimaaktivisten und -aktivistinnen ins Parlament bringen und damit den Klimaschutz fördern. Wir sind also zwei verschiedene Organisationen, arbeiten auf unterschiedlichen Ebenen, aber für dasselbe Ziel. Personelle Überschneidungen gibt es natürlich auch.

Die Klimaliste ist eine Organisation, die allen Menschen eine Plattform bieten möchte, um sich für den Klimaschutz zu engagieren. Ziel der Organisation ist es, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sowie Klimaaktivisten und -aktivistinnen in Kommunal- und Landesparlamente zu bringen. In Baden-Württemberg musste die Klimaliste aufgrund des Parteirechts als Partei aufgestellt werden, um im März 2021 zur Landtagswahl anzutreten.

Wie wollen Sie Menschen gewinnen, denen Klimaschutz nicht so wichtig ist, die darin einen Nachteil für sich sehen oder sogar um ihre Existenz fürchten?

Wir wollen mit diesen Menschen ins Gespräch kommen. Welche Probleme ergeben sich für jemanden, der in der Autobranche arbeitet, wenn die Innenstädte autofrei sind? Dafür wollen wir Lösungen finden, bei denen aber nicht das Klima und die Erde leiden. Das Ziel ist Klimaneutralität und nicht eine Welt, in der es kein einziges Auto mehr gibt. Deshalb müssen wir die Frage stellen: Wie können wir umstellen?

Ihr seid eine recht junge Partei, mit dem Ziel einen gesunden Planeten für die nachfolgenden Generationen zu schaffen – was sagen Sie der älteren Bevölkerung?

Wir unterstützen natürlich besonders junge Menschen, auch weil das Durchschnittsalter in Parlamenten bislang recht hoch ist. Dennoch sind bei uns Menschen jeder Altersklasse vertreten. Klimagerechtigkeit ist keine Generationenfrage, sondern eine Frage der Weltanschauung. Es gibt in jeder Altersklasse Menschen, die uns unterstützen, aber auch welche, die den Klimaschutz nicht für notwendig halten oder Angst vor wirtschaftlichen Schäden haben.

Passen Klimaschutz und Wirtschaftswachstum denn zusammen?

Wir schließen Wirtschaftswachstum nicht aus, aber Klimaneutralität bis 2035 hat Priorität. Das muss ohnehin kein Widerspruch sein. Es gibt mehrere Berechnungen, die zeigen: Wenn wir die Energiewende schaffen, schafft das mehr Arbeitsplätze. Und wenn wir uns um den Klimaschutz nicht kümmern, dann hat Wirtschaft in 100 Jahren auch nicht mehr so viel Chancen.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann warf Ihrer Klimaliste vor, die Grünen als Partei zu schwächen, die den Klimaschutz bislang am stärksten vorangetrieben hat. Was sagen Sie dazu?

Der Gefahr sind wir uns bewusst. Wir haben sehr viel diskutiert, ob wir dieses Risiko eingehen wollen und uns dafür entschieden. Wenn wir die Klimaneutralität bis 2035 erreichen wollen, dann müssen wir viel konsequentere Maßnahmen einleiten. Aktuell ist das mit der Regierungsmehrheit der Grünen in Baden-Württemberg nicht in Aussicht. Die Leistung, die die Grünen bisher erbracht haben, ist viel zu weit entfernt von dem, was wissenschaftlich notwendig wäre. Die Chance, dass wir ins Parlament kommen, sehen wir außerdem als groß genug an, um das Risiko einzugehen.

Also: Attacke auf die Grünen?

Nein, einholen werden wir sie nicht (lacht). Zunächst einmal wollen wir die Fünf-Prozent-Hürde schaffen. Dann können wir die Grünen vielleicht sogar stärken. Sie könnten sich etwas moderater präsentieren, weil wir dann die konsequenten Forderungen stellen.

Zum Start Ihrer politischen Laufbahn sind Sie mit einem Maßnahmenpaket zum Klimanotstand im Gemeinderat Ihrer Heimat gescheitert. Warum hat Sie das nicht abgeschreckt?

Es hat mich noch weiter motiviert, weil ich die Wissenschaft und die Fakten auf meiner Seite habe. Wenn man sich die Zahlen anschaut, dann gibt es gar keine Fragen, sondern nur Antworten.

Verwendete Quellen:
  • Gespräch mit Sandra Overlack

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