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Burnout: Bauer erzählt über extreme psychische Belastungen | Bayern


"Ich habe gebetet, dass die einen Tumor finden"


Aktualisiert am 12.12.2023Lesedauer: 6 Min.
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Arbeit im Stall (Symbolbild): Immer mehr Landwirte berichten von Überarbeitung. (Quelle: Westend61/imago images)

Psychische Gesundheit ist in der Landwirtschaft oft noch ein Tabuthema. Ein Landwirt aus Oberbayern will das ändern.

Das Gefühl der Überforderung zog bei Helmut Grillmeier schleichend ein. Erst war es nur Unlust, die Arbeit auf dem Hof machte ihm immer weniger Spaß, seine Hobbys gab der Landwirt aus der Oberpfalz sogar ganz auf. Grillmeier begann, Aufgaben vor sich herzuschieben, was ihn zugleich ärgerte: "Ich war immer ein sehr ehrgeiziger Typ." Er versuchte es mit noch mehr Arbeit, doch dadurch wurde der Berg an Unerledigtem nur noch größer. Irgendwann schlief Grillmeier nicht mehr, bekam Schwindelanfälle, Atemnot, Panikattacken – bis schließlich gar nichts mehr ging.

Helmut Grillmeier, 46 Jahre, Vater von zwei Kindern, hatte ein Burnout. Wenn Grillmeier heute davon am Telefon erzählt, klingt seine Stimme nicht ängstlich, sondern entschieden. Anders als noch vor zwei Jahren, ist es ihm nicht mehr unangenehm von seiner psychischen Krankheit zu erzählen – im Gegenteil. Er will anderen damit helfen. Denn Grillmeier weiß längst: So wie ihm geht es vielen Landwirten.

Burnout

Als Burnout werden häufig Beschwerden bezeichnet, die aufgrund anhaltender Überlastung entstehen. Diese führen meist zu Erschöpfung, Entfremdung und verringerter Leistungsfähigkeit. Eine genaue wissenschaftliche Definition gibt es allerdings nicht.

Genaue Zahlen, wie viele Landwirte an Burnout leiden, gibt es keine. Gründe für die Erkrankung existieren aber viele: Landwirtschaftsbetriebe leiden unter einer sich verändernden Marktsituation, gesellschaftliche Anforderungen und Bürokratie haben in den vergangenen Jahren zugenommen, das Arbeitspensum ist hoch, Freizeit dagegen kaum vorhanden.

Heidi Perzl berät bei der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forst und Gartenbau (SVLFG) unter anderem Menschen mit psychischen Problemen. Sie kennt all diese Gründe aus den Gesprächen mit den Landwirten. "Wenn der Druck zu lange anhält, landen einige im Burnout-Syndrom."

Kosten für Landwirte sind gestiegen

Grillmeier hat in den Milchviehbetrieb seiner Schwiegereltern eingeheiratet. Die Arbeit auf dem Hof und mit den Tieren machte ihm viel Spaß, war sie doch sehr anders als der Beruf, den er gelernt hatte: Chemielaborant. "Doch in den letzten Jahren sind die Höfe immer größer geworden, die Anforderungen an Landwirte gewachsen", erzählt Grillmeier. Er vergrößerte deswegen seinen Hof und machte eine Weiterbildung.

Während die Kosten steigen, sei das Geld, das er für seine Produkte bekomme, seit Jahren nahezu auf demselben Niveau geblieben. Der Druck, der dadurch entstehe, sei immens, sagt er: "Wir schaffen das nur noch über Leistungssteigerung, Effizienz und einen hohen Arbeitswillen."

Der wirtschaftliche Druck war das eine. Hinzu kam die besondere private Situation eines Familienbetriebs, die auf vielen Höfen die Regel ist. "Das ist Fluch und Segen zugleich", sagt Grillmeier. Eine Trennung von Privatem und Beruflichem gebe es quasi nicht. Das Zusammenleben von drei Generationen auf einem Hof sei zudem nicht immer einfach. "Verschiedene Generationen haben natürlich auch verschiedene Ansichten."

Die Sozialberaterin Perzl sieht darin einen der Hauptgründe, weshalb es Landwirte oft schwerfiele, von der Arbeit abzuschalten: Die Arbeit sei immer Teil des Lebens. "Es gibt weder eine räumliche noch zeitliche Trennung zwischen Beruf und Freizeit". In vielen Gesprächen, die sie mit betroffenen Landwirten führt, spielt auch die Familienkonstellation eine große Rolle: "Es gibt Konflikte mit der älteren Generation, die oft nicht akzeptieren kann, dass die Jungen den Hof anders führen als sie es getan haben."

"Ich war doch immer der, der Leistung brachte"

Grillmeier ignorierte lange Zeit, dass er sich immer erschöpfter und lustloser fühlte. Er dachte, das sei nur vorübergehend. Dass er schlecht schlief und Schwindelattacken hatte, führte er auf das Älterwerden zurück, die Atemnot auf eine Corona-Erkrankung. "Vielleicht leide ich ja an Long Covid?", fragte er sich zwischenzeitlich.

Dass sein Problem ganz woanders lag, habe er nicht wahrhaben wollen: "Ich war doch immer der, der Leistung brachte, der viele Talente hatte, alles hinbekam."

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Im Sommer 2021 verschlechterte sich sein Zustand. "Ich hatte keine Ahnung mehr, wie ich die Arbeit verrichten soll." Das sei so weit gegangen, dass er seinen damals 11-jährigen Sohn fragte, ob er alles richtig mache und was er als Nächstes tun solle. "Angst- und Panikattacken waren meine ständigen Begleiter."

"Dass der Betrieb läuft, hat oberste Priorität"

Auch sein Umfeld litt zu dem Zeitpunkt schon lange. Seine Frau war besorgt. "Sie fragte sich, ob es an ihr liege, dass auch unser Zusammenleben nicht mehr funktionierte." Nach außen habe er noch lange so getan, als sei alles in Ordnung. Zu groß war seine Angst vor Verurteilungen. Gleichzeitig fühlte er sich schuldig, weil er auch mit seinen beiden Söhnen nichts mehr unternahm. "Ich hatte einfach für nichts mehr Kraft."

Viele Landwirte hätten bis heute große Hemmungen, sich psychische Probleme einzugestehen, sagt Perzl. Sie schämten sich, Hilfe zu suchen, hätten Angst vor der Reaktion von Pachtpartnern oder Mitarbeitern. Oft fehle auch die Zeit, sich Hilfe zu holen. "Dass der Betrieb läuft, hat oberste Priorität – die eigene Gesundheit muss oft hintenanstehen." In ihrer Beratung stellt sie regelmäßig fest, "dass Landwirtinnen und Landwirte häufig weit über ihrer Belastungsgrenze sind, bevor sie sich Hilfe suchen."

Nachdem Grillmeier – in dem Glauben, ihm fehle körperlich etwas – zunächst seine Blutwerte kontrollieren ließ und das vom Hausarzt verschriebene Schilddrüsenmedikament seine Probleme nicht löste, überwies dieser ihn an einen Psychiater. Acht Wochen wartete er auf einen Termin und verließ dann mit Medikamenten zum Schlafen und gegen seine Angst die Praxis wieder. "Ich war total mit Vorurteilen behaftet. Ich dachte, damit werde ich jetzt einfach ruhiggestellt." Eigentlich sei er zu dem Zeitpunkt schon hochgradig suizidgefährdet und ein Fall für die stationäre Behandlung gewesen, sagt Grillmeier.

Sozialversicherung bietet 24-Stunden-Krisenhotline an

Nach weiteren verzweifelten Terminen beim Psychiater und dem Versuch, mit einer Liste von etwa 100 Psychotherapeuten schnell einen Therapieplatz zu finden, stieß Grillmeier dann durch seine Schwester auf die Hilfsangebote der SVLFG. Die Sozialversicherung bietet seit 2017 unter anderem individuelle psychologische Beratung an. Eine Krisenhotline ist rund um die Uhr mit erfahrenen Psychologen besetzt, die auf Wunsch auch anonym beraten. Seit 2018 gab es insgesamt etwa 5.300 Anrufe in der Krisenhotline.

Krisenhotline der SVLFG

Unter 0561/785-10101 finden Betroffene in belastenden Alltagssituationen bis hin zu akuten Krisen rund um die Uhr Hilfe von erfahrenen Psychologen – auf Wunsch auch anonym.

Auch telefonisches Einzelcoaching durch speziell geschulte Psychologen wird angeboten: "Wir bringen die Hilfe auf die Betriebe", erklärt Perzl. Den Hof nicht verlassen zu müssen, um Hilfe zu bekommen und die kurzen Wartezeiten von etwa fünf Tagen komme bei den Betroffenen gut an.

Grillmeier arbeitete, um sich wertvoll zu fühlen

Grillmeier zögerte lange, bis er die Krisenhotline anrief. Fast zwei Wochen lag die Nummer auf dem Tisch. Nicht zuletzt auf Drängen seiner Frau habe er schließlich das Telefon in die Hand genommen. Allerdings erst abends, weil er dachte, dass zu der Zeit niemand erreichbar sei. "Aber da habe ich die Rechnung ohne die SVLFG gemacht." Grillmeier lacht heute über seine Versuche, sich selbst auszutricksen.

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Am Telefon habe er das erste Mal ganz offen darüber reden können, wie es ihm geht. Die SVLFG habe ihm dann innerhalb von zwei Monaten eine psychosomatische Reha organisiert. Die ersten 14 Tage seien "eine Art Entzug" gewesen.

Erst dort wurde ihm klar: Jahrelang hatte er sein Selbstwertgefühl allein aus der Arbeit gezogen und sich darüber definiert. "Das war wie eine Art Sucht", sagt Grillmeier. Er arbeitete, um sich wertvoll zu fühlen. In der Reha sei dann die Möglichkeit zu arbeiten weggefallen und somit auch, sich dadurch wertvoll zu fühlen.

"Ich habe gebetet, dass die irgendwas finden"

Doch die Heilung war ein langer Prozess: Nach drei Wochen ging es ihm zunächst besser, doch dann kollabierte er. Er landete auf der Intensivstation und habe damals gebetet, dass die Ärzte etwas finden, "einen Tumor oder so, der dann einfach hätte entfernt werden können", sagt Grillmeier. Doch die Ärzte fanden nichts.

Anschließend brauchte er weitere vier Wochen in der psychosomatischen Abteilung einer Klinik, bis es bergauf ging. "Ich musste aus diesem tiefen Loch erst mal wieder herauskommen", sagt Grillmeier. Mithilfe einer Therapeutin habe er dann seine Erkrankung überwunden.

Psychische Gesundheit bei Männern oft ein Tabu

Die Sozialberaterin Perzl sagt, vor allem Männer würden meist viel zu lange warten, um sich Hilfe zu holen. Bei ihnen sei die mentale Gesundheit oft ein großes Tabu: "Sich einzugestehen, dass man es alleine nicht mehr schafft, wird fälschlicherweise mit Schwäche zeigen in Verbindung gebracht."

Grillmeier geht es heute gut – "besser als je zuvor in meinem Leben". Sein Burnout habe ihm die Chance gegeben, sein bisheriges Leben zu überdenken. "Ich bin an dieser Krise gewachsen und gestärkt daraus hervorgegangen."

Der Landwirt wünscht sich mehr Aufmerksamkeit für das Thema und mehr Verständnis für die Krankheit. Wer betroffen ist, solle sich früh genug Hilfe suchen und diese auch früh genug bekommen. Er selbst habe zu lange gewartet, sagt Grillmeier und ist sich sicher: "Ich habe wahnsinniges Glück gehabt."

Hinweis: Falls Sie viel über den eigenen Tod nachdenken oder sich um einen Mitmenschen sorgen, finden Sie hier sofort und anonym Hilfe.

Verwendete Quellen
  • Gespräch mit Helmut Grillmeier
  • Gespräch mit Heidi Perzl vom SVLFG
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