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"Der Aufschrei ist nicht ethisch, sondern politisch"

  • David Ruch
Ein Interview von David Ruch

Aktualisiert am 30.01.2018Lesedauer: 4 Min.
Eine Abgasmessung an einem PKW: Berichte ├╝ber Abgasversuche eines Forschungsvereins der Autobauer an Affen und Menschen haben Emp├Ârung bei Politik und Unternehmen ausgel├Âst.
Eine Abgasmessung an einem PKW: Berichte ├╝ber Abgasversuche eines Forschungsvereins der Autobauer an Affen und Menschen haben Emp├Ârung bei Politik und Unternehmen ausgel├Âst. (Quelle: /dpa-bilder)
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Abgasversuche an menschlichen Probanden haben f├╝r emp├Ârte Reaktionen in Deutschland gesorgt und Fragen nach den Grenzen wissenschaftlicher Forschung aufgeworfen. t-online.de fragte bei Medizinethiker Urban Wiesing nach.

Herr Professor Wiesing, ein Abgasversuch an menschlichen Probanden, in Auftrag gegeben von einer Forschungsvereinigung der deutschen Automobilindustrie, schl├Ągt aktuell hohe Wellen. Wie bewerten Sie diesen Fall?
Die Angelegenheit hat zwei Dimensionen. Da ist zum einen die forschungsethische Dimension: Darf man Menschen einem Risiko aussetzen f├╝r eine gewisse Erkenntnis? Das andere ist die politische Dimension: Was will die Autoindustrie, wenn sie solche Versuche durchf├╝hrt? Da gibt es meines Erachtens zwei Bewertungen.

Die da w├Ąren?
Bei der Forschungsethik stehen wir immer vor der Frage: Setzen wir Probanden einem gewissen Risiko aus ÔÇô und ist dieses Risiko gerechtfertigt, um Erkenntnisse zu bekommen? Der Nutzen ist in der Regel Wissen. Das Risiko f├╝r die Teilnehmer war in diesem Fall wohl gering. Sie sind drei Stunden lang der dreifachen, zul├Ąssigen maximalen Arbeitsplatzkonzentration an Stickoxiden ausgesetzt worden. Das war 2009 noch die zul├Ąssige maximale Konzentration. Das ist so ├Ąhnlich, als w├╝rde man drei Stunden in einer verqualmten Kneipe sitzen. Aber welche Erkenntnisse bekommen wir daf├╝r?

Die Studie stellte keine messbare Reaktion bei den Probanden fest...
Richtig. Die Untersuchung ist ja auch einer Ethikkommission vorgelegt worden, die dem zugestimmt hat. Insofern ist das unter dem Blickwinkel der Forschungsethik eine Studie mit minimalem Risiko f├╝r die Probanden, mit einem gewissen Erkenntnisgewinn, dass n├Ąmlich die unterschiedlichen untersuchten Konzentrationen kaum einen Unterschied machen.

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Also ist die Aufregung Ihrer Meinung nach ├╝bertrieben?
Da ist noch die politische Dimension. Die Forschung ist von einer ÔÇô mittlerweile geschlossenen ÔÇô Vereinigung der Automobilindustrie unterst├╝tzt worden. Und da stellt sich nat├╝rlich die Frage: Was wollen sie mit diesen Versuchen zeigen? Stellen Sie sich vor, die Tabakindustrie macht eine Studie mit 25 kerngesunden Menschen und sagt den Teilnehmern: Jetzt raucht mal eine Zigarette. Und dann schauen wir mal, wer danach alles tot umf├Ąllt. Nat├╝rlich keiner. Es geht bei der Problematik der Autoabgase nicht um drei Stunden Exposition, sondern um die dauerhafte, um jahrelanges Wohnen an einer Ausfallstra├če, um die Gefahr von Krebs und anderen schwerwiegenden Erkrankungen. Und dazu gibt es schon sehr viele Erkenntnisse.

Das h├Ârt sich so an, als ob das Ziel ein m├Âglichst wohlwollendes Untersuchungsergebnis f├╝r die Autokonzerne war?
Nat├╝rlich ging es darum, die Erkenntnisse wenn m├Âglich politisch geschickt zu gebrauchen.

Der Fall um die Abgasversuche schl├Ągt aktuell enorme Wellen. Die Kanzlerin sagt, das sei ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen. Hat sie recht?
Da kann ich ihr nicht zustimmen. Betrachtet man die Studie als Grundlagenforschung mit minimalem Risiko f├╝r die Probanden und freiwilliger Teilnahme, dann ist sie ethisch vertretbar, auch wenn sie einige handwerkliche M├Ąngel enth├Ąlt. Ich halte die Untersuchung aber mit Blick auf die Unternehmen f├╝r politisch t├Âricht. Die Aufregung ist ja auch nur in dem politischen Umfeld zu verstehen. Der Aufschrei ist ja nicht ethisch, sondern politisch.

Wie meinen Sie das?
Solche Untersuchungen m├╝ssen nicht grunds├Ątzlich falsch sein. Auch Pharmaunternehmen machen Studien ├╝ber ihre eigenen Medikamente. Aber da bleibt nat├╝rlich ein Geschm├Ąckle. Denn die Frage ist doch: Brauchen wird die Erkenntnis, dass bei drei Stunden Exposition in so geringer Konzentration keine Nebenwirkungen auftreten? Es geht doch letztlich um eine politische Entscheidung: Wie gehen wir mit Dieselfahrzeugen um, mit Verbrennungsmotoren? Wie schaffen wir es, Mobilit├Ąt umweltfreundlicher zu gestalten? Diese Gemengelage macht den Vorgang ja so problematisch. Die Autoindustrie bekommt es nicht hin, den Diesel sauber zu machen. Und offenbar ist sie daran auch nicht interessiert. Sie hat jahrelang gelogen und betrogen, was das Zeug h├Ąlt. Und unterst├╝tzt dann auch noch fragw├╝rdige Studien.

Urban Wiesing ist Professor f├╝r Ethik in der Medizin an der Eberhard Karls Universit├Ąt in T├╝bingen.
Urban Wiesing ist Professor f├╝r Ethik in der Medizin an der Eberhard Karls Universit├Ąt in T├╝bingen. (Quelle: Wikipedia)

Versuche mit Autoabgasen l├Âsen Assoziationen zu einem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte aus.
Da sollte man aufpassen. Die Intention der Forschung ist nicht mit Auschwitz zu vergleichen. Das war ein Genozid, der auf Vernichtung aus rassistischen Gr├╝nden abzielte. Hier ging es um Stickoxid in einer Menge, die bis 2009 noch am Arbeitsplatz erlaubt war und um Erkenntnisse, wie sich das auswirkt. Da sollten wir differenzieren.

Braucht es ├╝berhaupt derartige Versuchsstudien an Menschen?
In der Medizin braucht es sie schon. Sie stehen aber immer in einem Spannungsverh├Ąltnis. Wir haben immer auf der einen Seite Probanden, die wir einem Risiko aussetzen. Beispielsweise beim Test eines neuen Medikaments. Dabei gehen wir ein Risiko ein, das ist unvermeidlich, denn wir wissen nicht, wie das neue Medikament wirkt. Die Frage ist: Wof├╝r tun wir das? Was k├Ânnten die Patienten oder Probanden davon haben? Wie gro├č ist das Nutzenpotenzial, einerseits f├╝r die Versuchsteilnehmer, andererseits f├╝r die Gesellschaft, f├╝r die Wissenschaft? Diese Abw├Ągung m├╝ssen wir stets vornehmen. Wir brauchen aber diese Erkenntnisse. Wir k├Ânnen die Studien an Menschen auch nicht durch Tierversuche ersetzen.

Wenn es aber wie in diesem Fall offensichtlich um einen wirtschaftlichen Nutzen geht?
Sicherlich zielt das Interesse der Automobilindustrie hier nicht auf Grundlagenforschung ab - sondern darauf, die Studie in ihrer Argumentation zu benutzen. Und das ist eben politisch ├Ąu├čerst fragw├╝rdig. Denn die Erkenntnisse, was die Wirkung von Autoabgasen betrifft, sind doch eindeutig und lange bekannt und werden sich durch eine Studie an wenigen Menschen und drei Stunden Exposition nicht ├Ąndern. Deshalb hat man sich doch entschieden, die Grenzwerte zu senken.

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Darf sich, wie in diesem Fall, eine ├Âffentliche Forschungseinrichtung ├╝berhaupt f├╝r eine solche Studie zur Verf├╝gung stellen?
Das ist die Freiheit der Wissenschaft. Es hat ein Geschm├Ąckle. Aber es ist nicht verboten. Sie haben nichts Illegales gemacht. Die Studie hat freilich einige handwerkliche M├Ąngel. Sie ist sicher kein Glanzst├╝ck der Wissenschaft.

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Von Michaela Koschak, Axel Kr├╝ger
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