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Tönnies-Fabrik in Gütersloh: Kitas und Schulen geschlossen – Folgen der Schließung

Hunderte Corona-Infizierte  

Kitas und Schulen geschlossen – die Folgen der Tönnies-Schließung

18.06.2020, 15:11 Uhr | dpa, AFP, MEM, dru

Tönnies-Fabrik in Gütersloh: Kitas und Schulen geschlossen – Folgen der Schließung. Schlachtereibetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück: Unter den Mitarbeitern ht sich das Coronavirus rasend schnell ausgebreitet. (Quelle: dpa/Bernd Thissen)

Schlachtereibetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück: Unter den Mitarbeitern ht sich das Coronavirus rasend schnell ausgebreitet. (Quelle: Bernd Thissen/dpa)

Schocknachricht beim Fleischhersteller Tönnies im Landkreis Gütersloh: Hunderte Mitarbeiter haben sich mit dem Coronavirus infiziert. Wie es dazu kam, was die Konsequenzen sind. Ein Überblick. 

Bis Mittwochabend wurden 983 Mitarbeiter beim Fleischhersteller Tönnies auf das Coronavirus getestet. Die ersten Testergebnisse sind erschreckend, denn über 650 der ausgewerteten Tests sind positiv ausgefallen. Der Landkreis Gütersloh verfügte danach die Schließung von Schulen und Kitas. Auch die Produktion im Fleischwerk wurde gestoppt, was erhebliche Auswirkungen auf die bundesweite Versorgung hat.

Wie groß ist der Ausbruch bei Tönnies? 

Nach dem Corona-Ausbruch beim Schlachtereibetrieb Tönnies stellt der Kreis Gütersloh rund 7.000 Menschen unter Quarantäne. Betroffen seien alle Personen, die auf dem Werksgelände gearbeitet hätten, sagte Landrat Sven-Georg Adenauer am Mittwoch. Sie würden nun nach und nach auf eine Infektion mit dem Coronavirus getestet. Einen allgemeinen Lockdown für den Kreis werde es nicht geben, obwohl die wichtige Marke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen deutlich überschritten sei.

Von 983 bislang durchgeführten Tests fielen bislang 657 positiv aus, 326 negativ. Insgesamt hatte der Landkreis 1.050 Coronavirus-Tests für Beschäftigte bei Tönnies veranlasst.

Wodurch fielen die vielen positiv Getesteten auf?  

Bei einem großangelegten Corona-Reihentest durch die Gesundheitsbehörden nach einem Ausbruch in einer Fleischfabrik im Kreis Coesfeld im Mai waren bei Tönnies zunächst nur wenige Fälle festgestellt worden. Nach Unternehmensangaben wurde allerdings bei späteren Tests ein Infektionsherd identifiziert. Obwohl alle Kontaktpersonen vorsorglich in Quarantäne geschickt worden seien, habe es weitere Infektionen in dem Schweinefleisch-Zerlegebetrieb gegeben.

Nach dem nun festgestellten massiven Ausbruch entschuldigte sich der  Tönnies-Konzern am Mittwoch. Das Unternehmen arbeite eng mit dem Krisenstab und den Behörden zusammen, sagte der Leiter der Tönnies-Unternehmenskommunikation, André Vielstädte. Bei den mehr als 650 positiv Getesteten handle es um Mitarbeiter unterschiedlicher Nationalitäten sowie "direkt oder indirekt" angestellte Beschäftigte, die in unterschiedlichen Wohnsituationen lebten.

Was heißt das jetzt für die Mitarbeiter und die Firma?  

Alle Infizierten und ihre Kontaktpersonen wurden unverzüglich unter Quarantäne gestellt. Dies betrifft bisher rund 7.000 Menschen. Kurzfristig sollen nun auch alle noch nicht getesteten und auf dem Betriebsgelände tätigen Menschen in Quarantäne kommen und getestet werden. Zudem ordnete der Kreis Gütersloh die unverzügliche Schließung des Schlachtbetriebs an.

Und über den Betrieb hinaus?

Der Kreis Gütersloh schließt alle Schulen und Kitas bis zu den Sommerferien. Durch diesen Schritt solle eine Ausbreitung des Virus in der Bevölkerung vermieden werden, sagte eine Sprecherin des Kreises am Mittwoch. Es solle "der Herd bei Tönnies eingegrenzt" und die Bevölkerung im Kreisgebiet vor Infektionen geschützt werden, sagte die Sprecherin weiter.

Schulen und Kindertagesstätten im Kreis Gütersloh reagierten entsetzt. "Die Nachricht kam eben zur Abholzeit, wir konnten es den Kindern gar nicht mehr richtig erklären", sagte Marina Pielsticker, Leiterin einer Kindertagesstätte in Borgholzhausen. "Mit einigen Eltern konnte ich wenigstens noch über den Zaun hinweg sprechen." Sie wisse noch nicht, wie es die nächsten Tage weitergehe. "Endlich hatten wir mal wieder Kinderlachen in den Räumen und nun ist alles wieder zu", so Pielsticker. "Es ist hart, das den Kindern zu erklären."

Auch Schulleiter Martin Bauer zeigte sich entsetzt über den Corona-Ausbruch bei Tönnies. "Wir sind alle geschockt", so der Schulleiter einer Grundschule im Kreis Gütersloh. "Der Punkt, der uns am meisten Bauchschmerzen bereitet, ist die Notbetreuung." Er wisse noch nicht in welcher Form diese stattfinden könne.

Wie konnte es überhaupt zu diesem Ausbruch kommen? 

Mitarbeiter im Heimaturlaub könnten nach Ansicht von Tönnies das Coronavirus eingeschleppt und somit den Ausbruch mitverursacht haben. Viele der häufig aus Rumänien und Bulgarien stammenden Beschäftigten hätten die langen Wochenenden für einen Heimaturlaub genutzt, erklärte Gereon Schulze Althoff, Leiter des Pandemiestabs bei der Firma Tönnies am Mittwoch in Gütersloh.

"Wenn ein oder zwei oder auch fünf eine Infektion mitbringen und die dann zum falschen Moment am falschen Platz sind und diese Infektion verbreiten, kann das dazu führen, dass man damit einen Herd ausgebildet hat", sagte Schulze Althoff weiter. Allerdings sei es noch zu früh für eine abschließende Bewertung.

Allerdings seien die Reiserückkehrer allenfalls einer von mehreren Faktoren, so Tönnies. Es zeige sich nämlich, dass gerade die gekühlten Räume die Verbreitung begünstigen könnten. Die Linke in NRW lenkte den Fokus auf die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten in der Fleischindustrie. "Jeden Tag, so scheint es, setzen die Mitarbeiter*innen in NRWs Schlachthöfen ihre Gesundheit aufs Spiel. Das war auch bereits vor Corona so", hieß es in einer Erklärung. Es sei deshalb an der Zeit, dass die Fleischindustrie sich endlich ihrer Verantwortung gegenüber den Menschen bewusst werde und Schluss mache mit Subunternehmertum, der Missachtung von Arbeitsrechten, sowie der Ausbeutung von Mensch und Tier.

"Wir können uns nur entschuldigen", sagte Tönnies-Sprecher Andre Vielstädte. Man habe "intensiv" daran gearbeitet, das Virus "aus dem Betrieb zu halten". Dem Unternehmen zufolge ist noch nicht ganz klar, ob es einen oder mehrere Infektionsherde gebe. Der oder die Herde müssten in den vergangenen Wochen in den Betrieb herein getragen worden sein, da die behördlich verordneten Tests vor drei bis vier Wochen bei den betroffenen Mitarbeitern noch negativ gewesen seien.

Disclaimer: In einer früheren Version des Artikels stand, dass 20 Prozent der Fleischprodukte aufgrund der Tönnies-Schließung fehlen. Diese Meldung stimmte nicht, wir haben den Artikel daher angepasst. 

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagenturen dpa, AFP 

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