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Dubiose GeschÀfte mit Krankenhaus-Pflegern aufgedeckt

Von Olaya ArgĂŒeso und Frederik Richter, Correctiv

25.11.2020Lesedauer: 5 Min.
Ein Mitarbeiter in einem deutschen Krankenhaus bei der Behandlung eines Corona-Patienten (Symbolbild): Dubiose Vermittler nutzen den Personalnotstand in der Pandemie aus.
Ein Mitarbeiter in einem deutschen Krankenhaus bei der Behandlung eines Corona-Patienten (Symbolbild): Dubiose Vermittler nutzen den Personalnotstand in der Pandemie aus. (Quelle: Jens BĂŒttner/dpa-bilder)
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Deutsche KrankenhÀuser suchen wÀhrend der zweiten Corona-Welle hÀnderingend Mitarbeiter

Anderthalb Jahre lang schuftet Johanna Salinas fĂŒr einen Traum, der in Deutschland nach wenigen Wochen scheitern wird. Als Pflegekraft im Ausland will sie sich und ihrer Familie ein neues Leben aufbauen. Die Pflegerin kĂŒndigt ihre Arbeit in einem Krankenhaus ihrer Heimatstadt im SĂŒden Kolumbiens. Mit voller Energie verschreibt sie sich stattdessen dem Deutschlernen. Sie nimmt einen Kredit auf, um die GebĂŒhren fĂŒr die PrĂŒfungen zu bezahlen. Sie stimmt ihre Kinder auf ein neues Leben ein.

Anfang 2020 ist es so weit. Johanna Salinas reist nach Deutschland und beginnt in einer Hamburger Klinik zu arbeiten. Doch der neue Alltag ist anders als erwartet.

Die Recherche "Nurses for Sale" ist vom gemeinnĂŒtzigen Recherchezentrum "Correctiv" koordiniert. Redaktionen aus fĂŒnf LĂ€ndern in Europa und Lateinamerika haben die Anwerbung auslĂ€ndischer PflegekrĂ€fte durch deutsche KrankenhĂ€user verfolgt. Alle Ergebnisse finden Sie auf der "Correctiv"-Themenseite .

"Schon in Kolumbien habe ich gespĂŒrt, dass der Vermittler keine Erfahrung hatte. Aber ich beschloss, ihm einen Vertrauensvorschuss zu geben", sagt Johanna Salinas, die eigentlich anders heißt, im GesprĂ€ch mit dem gemeinnĂŒtzigen Recherchezentrum Correctiv. "Ich musste seine Unerfahrenheit am eigenen Leib erfahren."

Nach wenigen Tagen in Deutschland verzweifelt die Krankenschwester. Ihr Deutsch, fĂŒr das sie so hart gearbeitet hat, reicht nicht fĂŒr die Arbeit. Das macht ihre neuen Kollegen oft wĂŒtend. Ihr Visum ist nur kurze Zeit gĂŒltig, der Arbeitgeber und der Vermittler lassen sie mit der BĂŒrokratie der Behörden alleine. "Das Krankenhaus hat mich ĂŒberhaupt nicht unterstĂŒtzt", sagt Salinas. Zudem verweigern die Banken ihr ein Konto. Eine Bank sagt, sie als Kolumbianerin könne ja DrogenhĂ€ndlerin oder Mitglied einer Guerilla sein.

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Am Ende fragt sie ihren frĂŒheren Chef in Kolumbien, ob sie ihre alte Arbeit wieder haben kann und kauft nach nur einem Monat in Deutschland ein Flugticket zurĂŒck in ihre Heimat.

FragwĂŒrdige Vermittler

Die Corona-Pandemie hat noch einmal ein Brennglas auf ein schon zuvor drĂ€ngendes Problem gelegt: Deutschland hat zu wenig PflegekrĂ€fte. Die Folgen des Personalnotstandes sind alarmierend: Unterbesetzung und stĂ€ndige Überstunden gefĂ€hrden nicht nur die Versorgung der Patienten, sondern treiben PflegekrĂ€fte sogar aus dem Beruf. Mehrere Studien haben nachgewiesen, dass in Abteilungen mit weniger Personal die Sterberate steigt.

In einer aufwendigen Recherche hat Correctiv gemeinsam mit Partnern in Kolumbien, Mexiko, Serbien und Spanien sowie mit Lokalzeitungen in Deutschland recherchiert, wie angesichts dieses Pflegenotstands weltweit nach FachkrĂ€ften gesucht wird und wie brutal das VermittlungsgeschĂ€ft fĂŒr die Opfer sein kann.

1,7 Millionen Pflegerinnen und Pfleger arbeiteten 2018 in deutschen Gesundheitseinrichtungen, aber das reicht nicht. Laut einer SchĂ€tzung des Bundesinstituts fĂŒr Berufsbildung werden im Jahr 2035 bundesweit 270.000 KrĂ€fte fehlen. KrankenhĂ€user suchten schon vor der Pandemie verzweifelt Personal, das sie in Deutschland nicht finden.

Und auch im Ausland ist es schwer genug, ĂŒberhaupt noch PflegekrĂ€fte anzuwerben. Auf dem Balkan und in SĂŒdeuropa gibt es kaum noch verfĂŒgbare FachkrĂ€fte. Daher suchen die KrankenhĂ€user in immer ferneren LĂ€ndern, in SĂŒdamerika und Asien.

KopfprĂ€mie fĂŒr Pflegerinnen

Bis zu 15.000 Euro zahlen Kliniken als KopfprĂ€mie an Vermittler, die sich weltweit auf die Jagd nach gut ausgebildetem Fachpersonal begeben. Aber das Versprechen von einem neuen Leben ist an fragwĂŒrdige Konditionen geknĂŒpft. Zu spĂŒren bekommen die Pflegerinnen und Pfleger das, wenn sie den Arbeitgeber wechseln wollen. Dann mĂŒssen sie die Kosten ihrer Anwerbung erstatten – ihre Zeit in Deutschland beginnt also mit einer Schuld, die sie abtragen mĂŒssen.

"Das grenzt meiner Meinung nach schon teilweise an modernen Menschenhandel, wie man mit den Nöten und Sorgen der Menschen umgeht und daraus eben Profit schlÀgt", sagt Isabell Halletz, Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft AuslÀndische PflegekrÀfte.

Die Zahl der AnerkennungsantrĂ€ge von AbschlĂŒssen aus Nicht-EU-Staaten steigt seit einigen Jahren rasant. Beantragten 2012 noch weniger als 500 auslĂ€ndische PflegekrĂ€fte eine Zulassung in Deutschland, waren es 2019 schon etwa 12.000. Damit boomt auch das VermittlungsgeschĂ€ft, mit dem mehr als hundert Millionen Euro im Jahr umgesetzt werden. Ein weitgehend unregulierter Markt. Der aktuelle Boom zieht auch unseriöse GeschĂ€ftsleute an, die mit falschen Versprechungen arbeiten.

Bei der Anwerbung auslĂ€ndischer PflegekrĂ€fte gibt es ein wiederkehrendes Problem: Die Kosten fĂŒr den Sprachkurs, die Reise nach Deutschland, das Anerkennungsverfahren und die VermittlungsgebĂŒhren summieren sich pro Pflegekraft auf einen fĂŒnfstelligen Betrag.

KrankenhĂ€user fĂŒrchten, dass sich die Ausgaben nicht lohnen, weil die auslĂ€ndischen BeschĂ€ftigten nur einige Monate bleiben und dann zurĂŒckreisen oder zu einem anderen Arbeitgeber wechseln könnten. Manche KrankenhĂ€user wie auch Vermittler bĂŒrden dieses Risiko vollstĂ€ndig den PflegekrĂ€ften auf: Sie sollen KnebelvertrĂ€ge unterschreiben, damit sie diese Kosten in solchen FĂ€llen selber tragen mĂŒssen, sollten sie ihren Arbeitsplatz wechseln.

KnebelvertrÀge, damit sich die Kosten rentieren

Correctiv konnte Unterlagen einsehen, die mehrere FĂ€lle belegen. Meistens geht es um etwa 15.000 Euro, die so etwas wie die aktuellen Standardkosten fĂŒr die Anwerbung auslĂ€ndischer PflegekrĂ€fte zu sein scheinen. In einem Fall stellte ein Krankenhaus einer asiatischen Pflegerin, die kĂŒndigen wollte, neben den Kosten fĂŒr Deutschstunden und Reisen sogar den Lohn in Rechnung, den das Krankenhaus wĂ€hrend ihrer Einarbeitung ihren Kollegen zahlte – "Praxisanleiterstunden" nannte das Krankenhaus das.

In extremen FĂ€llen verpflichten KrankenhĂ€user PflegekrĂ€fte, fĂŒnf Jahre bei ihnen zu arbeiten, wie Correctiv vorliegende VertrĂ€ge zeigen. KĂŒndigen sie vorher, mĂŒssen sie Kosten von ebenfalls etwa 15.000 Euro anteilig zurĂŒckzahlen. In einem Vermittlervertrag legt eine Klausel fest, dass die Pflegekraft wĂ€hrend des Deutschkurses maximal fĂŒnfzehn Tage krank sein darf. Sonst verliert der Vertrag, geschlossen mit PflegekrĂ€ften, die ihr Leben in ihrer Heimat bereits aufgegeben haben, seine GĂŒltigkeit.

Auch in einem weiteren von Correctiv und seinen Partnern recherchierten Fall hat ein Kleinunternehmer versucht, auf dem boomenden Vermittlungsmarkt schnelles Geld zu verdienen und dabei das ganze Risiko auf die PflegekrÀfte abgewÀlzt. Dieser arbeitete mit einer Klinik in Ostbayern zusammen, die neue PflegekrÀfte im Ausland suchte.

Anfang des Jahres begann eine Gruppe mexikanischer PflegekrÀfte ihren Dienst in einer Einrichtung des Unternehmens. Doch zuvor mussten sie auf dem Weg in ein neues Leben in Deutschland nach Recherchen von Correctiv erst einmal einen kuriosen Umweg einlegen. Denn der Sprachkurs, den die in Dortmund ansÀssige Vermittlerfirma arrangierte, fand in Bosnien und Herzegowina statt.

Anstatt also nach dem Unterricht an der Kasse eines deutschen Supermarkts die neu gelernten Wörter direkt anzuwenden, schnappten die PflegekrĂ€fte wĂ€hrend ihrer sechs Monate in Banja Luka erst einmal etwas Bosnisch auf. Banja Luka versucht, sich als AusbildungsstĂ€tte fĂŒr internationale PflegekrĂ€fte mit dem Ziel Deutschland zu etablieren.

Arbeitsrechtlerinnen halten VertrĂ€ge der Vermittlungsfirma mit den PflegekrĂ€ften teilweise fĂŒr nicht rechtens. Etwa wenn sich PflegekrĂ€fte verpflichteten, die Kosten ihrer Anwerbung – 15.000 Euro unter anderem fĂŒr VermittlungsgebĂŒhr und Kosten der Sprachkurse – den Kliniken anteilig zurĂŒckzuzahlen, wenn sie vor Ablauf von fĂŒnf Jahren den Arbeitgeber wechseln.

Christiane Brors, Professorin fĂŒr BĂŒrgerliches Recht und Arbeitsrecht an der UniversitĂ€t Oldenburg ist deutlich in ihrer Bewertung der VertrĂ€ge: "Das ist moderne Schuldknechtschaft. Wie soll ein Arbeitnehmer, der vielleicht etwas mehr als Mindestlohn verdient, solche Summen zurĂŒckzahlen?" Die PflegekrĂ€fte, die ihre Heimat aufgegeben haben, wĂ€ren also erst einmal fĂŒr fĂŒnf Jahre an einen Arbeitgeber gekettet.

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Mehrere Gewerkschaften und Parteien fordern, den Pflegeberuf durch ein erhöhtes Gehalt attraktiver zu machen. Expertinnen sehen eine Lösung darin, die Kosten fĂŒr die teure Anwerbung auslĂ€ndischer PflegekrĂ€fte vom Sozialsystem aufzufangen. Dann wĂ€ren womöglich PflegekrĂ€fte wie die Kolumbianerin Johanna Salinas besser vor Ausbeutung geschĂŒtzt.

Im aktuellen System hat Deutschland nicht nur Probleme damit, die FachkrĂ€fte im eigenen Land abzusichern. Deutschland nimmt auch anderen LĂ€ndern PflegekrĂ€fte weg, die diese mitunter fĂŒr die Versorgung im eigenen Land benötigen. Denn nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie hat sich der Mangel an Pflegepersonal weltweit verschĂ€rft.

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