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Wie Corona den Winter auf der Stra├če noch h├Ąrter macht

  • Sophie Loelke
Von Sophie Loelke

Aktualisiert am 07.12.2020Lesedauer: 7 Min.
Marco lebt seit April wiederholt auf der Stra├če. Der Winter ist f├╝r ihn hart ÔÇô er sucht Hilfe bei der Berliner Stadtmission.
Marco lebt seit April wiederholt auf der Stra├če. Der Winter ist f├╝r ihn hart ÔÇô er sucht Hilfe bei der Berliner Stadtmission. (Quelle: Sophie Loelke)
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Marco will unbedingt weg von der Stra├če, er k├Ąmpft gegen den eigenen Niedergang ÔÇô und seine Sucht. Heute hat er eine letzte Chance, der Vergangenheit zu entkommen.

Marco hat mal wieder in der Notunterkunft am Berliner Hauptbahnhof geschlafen. Er will sich noch schnell bei einer Tasse Tee im Nebengeb├Ąude aufw├Ąrmen. Bis 7.30 Uhr muss er, wie alle anderen, das Geb├Ąude verlassen. Doch heute geht es nicht raus in die K├Ąlte. Nicht raus in die Ungewissheit. Nicht raus in die gro├če Stadt.

Denn in den vergangenen N├Ąchten hat Marco in einem richtigen Bett geschlafen. Und das hat seinen Kampfgeist geweckt: "Ich muss weg von der Stra├če. Sonst gehe ich ein." Deshalb hat er heute einen Beratungstermin mit einer Sozialarbeiterin der Stadtmission Berlin.

Marco ist einer von offiziell 2.000 Obdachlosen in Berlin. Die Stadtmission geht sogar davon aus, dass rund 40.000 Menschen keine Wohnung haben. Das Leben auf der Stra├če ist nie sch├Ân, aber im Winter ist es besonders hart. Und im Corona-Winter ist es brutal: Durch den Lockdown, die Sperrstunde und die kalten Temperaturen sind deutlich weniger Menschen unterwegs, die etwas spenden oder drau├čen trinken und ihre Flaschen abstellen, erz├Ąhlt Marco.

Die Wintertage sorgen daf├╝r, dass er st├Ąndig friert: "Ich laufe, laufe, laufe den ganzen Tag, bis mir etwas w├Ąrmer wird. Von gestern habe ich H├╝ftschmerzen, dann versuche ich eine Buslinie zu finden, die etwas l├Ąnger f├Ąhrt. Da kann ich wenigstens kurz im Warmen schlafen." Marco sieht j├╝nger aus als 43. Vielleicht liegt es an den voll t├Ątowierten Armen, der Baggiehose und dem Hertha-Schal. Offen erz├Ąhlt er von seinem st├Ąndigen und erm├╝denden Kampf mit dem Leben: Gegen die Alkoholsucht, gegen die Obdachlosigkeit, gegen die Hoffnungslosigkeit, die ihn oft zu ├╝berkommen droht. Denn kleine und gro├če Krisen rissen ihn immer wieder zu Boden und trotz zweier Langzeittherapien und Entgiftungen auch zur├╝ck in die Sucht.

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Speiseraum der Stadtmission: Hier k├Ânnen die Obdachlosen nach ihrer Nacht fr├╝hst├╝cken. Auch Tee und Kaffee gibt es hier ÔÇô ausgeschenkt von freiwilligen oder fest angestellten Mitarbeitern.
Speiseraum der Stadtmission: Hier k├Ânnen die Obdachlosen nach ihrer Nacht fr├╝hst├╝cken. Auch Tee und Kaffee gibt es hier ÔÇô ausgeschenkt von freiwilligen oder fest angestellten Mitarbeitern. (Quelle: Sophie Loelke/Stadtmission)

"Mein Erzeuger schlug ihr s├Ąmtliche Z├Ąhne aus dem Oberkiefer"

Warum gelingt es Menschen wie Marco nicht, ihr Leben zu organisieren? Warum st├╝rzen sie so ab wie er? Wer mit Experten spricht, bekommt fast immer die gleiche Antwort: Klar gibt es Menschen, die sich bewusst f├╝r ein Leben auf der Stra├če und gegen das System entscheiden. Viele Obdachlose sind in der Vergangenheit aber auch falsch abgebogen, haben falsche Entscheidungen getroffen. Dazu geh├Ârt, den Job Hals ├╝ber Kopf zu k├╝ndigen oder den Partner zu verlassen, ohne eine neue Bleibe organisiert zu haben. Sie hatten kein Gl├╝ck. Aber oft kam eben noch Pech dazu: Schicksalsschl├Ąge, Depressionen, psychische Krankheiten, S├╝chte, Kindheitstraumata ÔÇô das alles k├Ânnen Gr├╝nde sein, warum jemandem von jetzt auf gleich sein geregeltes Leben entgleitet ÔÇô und er es allein nicht mehr schafft.

Marco glaubt, dass seine Probleme in der Kindheit begr├╝ndet liegen. Bevor er eingeschult wurde, verlie├č seine Mutter mit ihm vom einen auf den anderen Tag ihre Heimat Kiel und sie zogen nach Berlin. Er hatte durch den schnellen Abbruch des alten Lebens keine Zeit, sich von Freunden und Familie zu verabschieden. "Ich kann es meiner Mutter nicht ver├╝beln. Mein Erzeuger hatte ihr s├Ąmtliche Z├Ąhne aus dem Oberkiefer geschlagen."

Seither durchziehen Abbr├╝che Marcos Leben. In Berlin fing er als junger Erwachsener mehrere Ausbildungen an: Erzieher, Tischler, Airbrusher ÔÇô keine brachte er zu Ende. Irgendwann gesellte sich nach und nach seine Alkoholsucht dazu. Vorgelebt von seiner Mutter und dem Stiefvater, die schon am fr├╝hen Tag in der Kneipe neben dem Bolzplatz tranken. Jahre sp├Ąter musste er die Mutter durch eine Chemotherapie begleiten, doch sie starb an den Folgen der Krebserkrankung.

"Die sch├Ânsten vier Jahre meines Lebens"

"Es ging mir danach sehr schlecht", sagt er. Aber dann lernte er seine Exfrau kennen, zog nach Tirol, heiratete. "Das waren die sch├Ânsten vier Jahre meines Lebens." Marco hatte Jobs als Hausmeister, Kommissionierer, arbeitete in einer Spedition, kaufte sein erstes Auto. "Ich habe funktioniert. Alles hatte Sinn." Marco hat ein liebenswertes Gesicht, zwei Gr├╝bchen zeichnen sich ab, wenn er l├Ąchelnd ├╝ber die sch├Ânen Momente seines Lebens erz├Ąhlt.

Doch als die Beziehung br├Âckelte, kam die Alkoholsucht zur├╝ck. "Das Suchtged├Ąchtnis sitzt wie ein Teufelchen auf meiner Schulter. Damals fl├╝sterte es mir ein, dass ein Bier nach Feierabend nicht schlimm sei. Ich war jahrelang abstinent. Aber das war der Anfang vom Ende." Es folgte die Scheidung, er zog zur├╝ck nach Berlin, ├╝bernahm die Wohnung eines Bekannten. Aber die Einsamkeit tat Marco nicht gut. "Ich war viel allein und habe auch deshalb viel getrunken. Freunde habe ich keine mehr, weil ich alle immer extra vor den Kopf sto├če, sobald das Verh├Ąltnis enger wird. Ich isoliere mich selbst."

Sie wollen helfen? Die Berliner Stadtmission ÔÇô und auch jede Obdachlosenhilfe Ihrer Stadt ÔÇô nimmt aktuell besonders gerne Schlafs├Ącke, warme Kleidung, Schuhe, Socken und Unterw├Ąsche f├╝r den Winter an. Besonders dringend ben├Âtigt werden kleine bis normale M├Ąnnergr├Â├čen. Wenn Sie Geld spenden wollen, k├Ânnen Sie das unter spenderservice@berliner-stadtmission.de tun. Mit dem Geld k├Ânnen unter anderem mehr "Nothilfep├Ąckchen" gepackt werden. Jeden Tag stellen Helfer bis zu 1.000 Essenst├╝tchen zusammen. Darin liegen geschmierte Brote, Obst, eine S├╝├čigkeit und Wasser. Aber auch helfende H├Ąnde werden immer gebraucht. Hier k├Ânnen Sie sich informieren.

"Daran bin ich komplett zerbrochen"

Irgendwann zog er selbst die Rei├čleine und k├Ąmpfte sich nach dem ersten R├╝ckfall noch durch eine weitere Langzeittherapie. Dabei lernte er wieder eine Frau kennen, fing an, ihr zu vertrauen. "Ich habe ihr gesagt: 'Mein Herzchen ist so eine kleine zarte Pflanze, bitte pass darauf auf.' Im Endeffekt hat es nicht gehalten. Daran bin ich dann komplett zerbrochen." Er zahlte keine Miete mehr, ging nicht mehr zum Arbeitsamt. "Ich habe auf alles geschissen. Macht ja eh keinen Sinn. Ich wusste, ich tanze am Rande des Vulkans, aber konnte nichts dagegen tun. Jetzt bin ich hier", sagt Marco und nippt den letzten Rest seines Tees.

Es ist 7.30 Uhr. Er muss raus, in die K├Ąlte. Vor dem Geb├Ąude will er sich bei der Kleiderkammer noch eine dickere Jacke geben lassen. "Und einen Rasierer. Ich sehe ja aus wie Kraut und R├╝ben."

Kleider├╝bergabe: Endlich bekommt Marco eine warme Jacke. Auch zwei Paar Schuhe sind dabei. Die Kleiderkammer ben├Âtigt dringend auch Unterw├Ąsche oder Socken. Diese Kleidungsst├╝cke werden selten gespendet.
Kleider├╝bergabe: Endlich bekommt Marco eine warme Jacke. Auch zwei Paar Schuhe sind dabei. Die Kleiderkammer ben├Âtigt dringend auch Unterw├Ąsche oder Socken. Diese Kleidungsst├╝cke werden selten gespendet. (Quelle: Sophie Loelke/Stadtmission)

Es war Marcos vierte Nacht in der Notunterkunft. Drau├čen an der Havel ÔÇô in seinem selbst gebauten Unterstand ÔÇô kann er auf keinen Fall mehr schlafen. Viel zu kalt. Er hat Gl├╝ck, einen Schlafplatz bekommen zu haben, denn wegen Corona mussten die noch ge├Âffneten Notunterk├╝nfte der Stadtmission ihre Pl├Ątze um ein Drittel reduzieren. An manchen Abenden m├╝ssen die Mitarbeiter Obdachlose abweisen. "Das tut einem schon weh", sagt Elias Pries.

Einlassdrama: Betrunkene beschimpfen Mitarbeiter

Elias ist 20 Jahre alt und arbeitet neben seinem Theologiestudium in der Notunterkunft der Stadtmission. Heute hatte er Nachtschicht, f├╝r die es eine Aufwandsentsch├Ądigung von 7,50 Euro pro Stunde gibt. Doch das Geld ist nicht der Grund, warum er den Job macht: "Manche von ihnen stinken oder p├Âbeln, aber wenn man so jemanden dann mal in der Ambulanz behandelt und gewaschen hat, merkt man, wie erniedrigt die Leute oft sind. Sich bewusst darauf einzulassen, hinter die Fassade zu blicken und zu verstehen, wer der Mensch wirklich ist, gibt mir so viel. Jeder hier hat seine Geschichte und Last zu tragen. Da wird man ganz kleinlaut."

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Morgens um 7.30 Uhr: Die Berliner Stadtmission hat schon ihre Kleiderkammer aufgebaut. Wegen Corona findet die Ausgabe auch im Winter drau├čen statt.
Morgens um 7.30 Uhr: Die Berliner Stadtmission hat schon ihre Kleiderkammer aufgebaut. Wegen Corona findet die Ausgabe auch im Winter drau├čen statt. (Quelle: Sophie Loelke/Stadtmission)

Als Marco vor vier Tagen das erste Mal herkam, war er ├╝berw├Ąltigt von dieser W├Ąrme der oftmals freiwilligen und jungen Helfer. "Ich habe nicht damit gerechnet, wie lieb alle zu uns sind. Da nehme ich auch das Drama beim Einlass in Kauf", sagt er. Letzte Nacht musste er von 17.30 Uhr bis 20.30 Uhr drau├čen anstehen. Denn alle, die einen Schlafplatz brauchen, werden vorher mit Corona-Schnelltests getestet ÔÇô das dauert. Mehrere volltrunkene M├Ąnner, die Mitarbeiter bep├Âbeln und sich daneben benehmen, machen die Situation nicht gerade angenehmer, erz├Ąhlt er. "Ich versuche, am Tag nur bei Bier zu bleiben, damit ich am Abend nicht genauso besoffen dort stehe und rumschreie. Das m├Âchte ich auf keinen Fall!"

Wo bleiben Menschlichkeit und Toleranz in der Gesellschaft?

Drogen- und Alkoholsucht ist ein verbreitetes Problem unter Obdachlosen. Noch dazu haben 70 bis 80 Prozent von ihnen eine psychische Erkrankung, sagt Breuer. Marco hat schon bemerkt, dass er anf├Ąngt, mit sich selbst zu reden ÔÇô weil er so viel alleine ist. "Wenn sich das verschlimmert, wei├č ich nicht, ob das Richtung Psychose geht. Noch habe ich das Bewusstsein daf├╝r, aber wer wei├č, wie lange noch. Ich w├Ąre gern wieder Teil der Gesellschaft, bevor das passiert."

Aktuell f├╝hlt er sich ausgeschlossen von dem Teil der Gesellschaft, zu dem er selbst mal geh├Ârte: Die Privilegierten, die Arbeitenden, die scheinbar Gl├╝cklichen. "Du landest schneller als du gucken kannst auf der Stra├če. Entweder das Leben oder du selbst stellst dir ein Bein und schon sitzt du da ÔÇô ohne Besitz, Job oder Partner." Etwas weniger Scheinheiligkeit und etwas mehr Menschlichkeit und Bescheidenheit w├╝rde den meisten Menschen gut stehen, findet er.

Die Kleiderkammer der Berliner Stadtmission: Dringend gebraucht werden kleine bis normale M├Ąnnergr├Â├čen. Ob Schuhe, Hosen, Jacken oder Pullover ÔÇô Normalgr├Â├čen sind bei den Spenden rar.
Die Kleiderkammer der Berliner Stadtmission: Dringend gebraucht werden kleine bis normale M├Ąnnergr├Â├čen. Ob Schuhe, Hosen, Jacken oder Pullover ÔÇô Normalgr├Â├čen sind bei den Spenden rar. (Quelle: Sophie Loelke/Stadtmission)
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"Ich w├╝nsche mir, dass die Menschen auf mich zukommen, statt wegzuschauen. Sie k├Ânnten zum Beispiel sagen 'Hey, ich sehe dich hier schon das dritte Mal, wie geht's dir?' Einfach fragen, ein wenig plaudern." Doch die Ber├╝hrungs├Ąngste sind oft zu gro├č.

Marco selbst spricht fremde Menschen nicht an. Schnorren, um nach Geld oder Zigaretten zu fragen, ist nicht sein Ding. Aber Pfand sammeln, das muss er. Er greife nicht in die M├╝lltonnen, sondern nehme das, was daneben steht. "Am Anfang habe ich mich daf├╝r gesch├Ąmt. Ich dachte, dass mich jeder anstarrt, wenn ich nach einer Dose greife. Aber dieses Gef├╝hl l├Ąsst mit der Zeit nach", meint er.

Von dem Stress des Stra├čenlebens hat er jetzt einmal mehr genug. Er wartet in dem kleinen wei├čen Zelt auf seine neue Winterjacke ÔÇô und auf die Sozialarbeiterin. Sie wird ihm gleich erkl├Ąren, welche Schritte er unternehmen muss, um in eine ├ťbergangswohnung der Stadtmission zu kommen. Schritt f├╝r Schritt und mit viel Durchhalteverm├Âgen im b├╝rokratischen Hilfesystem der Stadt. "Mein Kampfgeist ist wechselhaft. Jetzt gerade ist er da, aber mal sehen, wie lange noch."

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