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Corona-Impfskepsis in Afrika: "Ich will kein Versuchskaninchen sein"

Corona-Impfskepsis in Afrika  

"Ich will kein Versuchskaninchen sein"

09.08.2021, 22:45 Uhr | Kristin Palitza und Dido Kayembe, dpa

Corona-Impfskepsis in Afrika: "Ich will kein Versuchskaninchen sein". Covid-Station in Tunis: In Afrika ist die Sterblichkeitsrate im weltweiten Vergleich besonders hoch. (Quelle: imago images/Xinhua)

Covid-Station in Tunis: In Afrika ist die Sterblichkeitsrate im weltweiten Vergleich besonders hoch. (Quelle: Xinhua/imago images)

Um die Pandemie zu beenden, müssen sich weltweit genügend Menschen impfen lassen, sagen Gesundheitsexperten. Doch in Afrika wollen viele nicht mitmachen. Woran liegt das?

Die 40-jährige Cherry Muhima Noira ist sich sicher. Gegen das Coronavirus wird sie sich nicht impfen lassen. "Die Pharmakonzerne sind für ihre leeren Versprechen bekannt. Selbst Geimpfte können Corona bekommen. Was nützt das also?", sagt die Künstlerin, die in der östlichen Stadt Goma der Demokratischen Republik Kongo lebt.

So wie Noira denken viele der knapp 90 Millionen Kongolesen. "Die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, ist gering", sagt Dr. Jean-Jacques Muyembe-Tamfum, der Generaldirektor des Nationalen Instituts für Biomedizinische Forschung (INRB). Es kursierten zahlreiche Gerüchte über die Impfstoffe: Sie führten zum Tod, sie verursachten genetische Veränderungen, die Risiken seien größer als der Gesundheitsnutzen, so Muyembe-Tamfum.

Auch in Deutschland hat der Andrang bei Impfstationen nachgelassen, doch insgesamt ist die Impfbereitschaft groß und es gibt Initiativen, um Impfmuffel zum Umdenken zu bewegen. Bereits im Mai gaben drei Viertel der Befragten einer ARD-Deutschlandtrend-Umfrage an, zu einer Impfung gegen Covid-19 "auf jeden Fall bereit" oder "bereits geimpft" zu sein. Doch der Erfolg eines einzelnen Landes zählt in einer Pandemie nur teilweise. Man müsse weltweit eine ausreichende Durchimpfung erreichen, um den Ausbruch zu beenden, sagen Gesundheitsexperten.

WHO-Experte verweist auf globale Konsequenzen

In Afrika, einem Kontinent mit rund 1,3 Milliarden Menschen und rasantem Bevölkerungswachstum, sind dagegen viele strikt gegen das Impfen und die Impfquote bleibt niedrig. Bei einer Umfrage der Gesundheitsorganisation der Afrikanischen Union (Africa CDC) in 15 afrikanischen Ländern im Februar sagten durchschnittlich 20 Prozent der Befragten, sie werden die Spritze verweigern. Das könnte weltweit schwerwiegende Folgen haben, warnt Dr. Gilson Paluku, der Beauftragte für Routineimpfungen und Einführung neuer Impfstoffe der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Afrika.

Solange die Nachfrage nach Impfungen nicht steige, werde sich das Virus weiter ausbreiten und zu vielen neuen Varianten mutieren, sagt Paluku. "Das Risiko besteht, dass die auf dem Markt befindlichen Impfstoffe nicht gegen die neuen Varianten wirken. Das könnte alle Fortschritte beeinträchtigen, die wir bereits weltweit erzielt haben", fügt er hinzu. Sich impfen zu lassen sei eine individuelle Entscheidung mit globalen Konsequenzen, so Paluku.

Corona-Patienten in Tunesien: In 8 von 15 befragten Ländern in Afrika weigert sich die Mehrheit der Bevölkerung, eine Maske zum Schutz gegen das Virus zu tragen. (Archivfoto).  (Quelle: Imago/Xinhua)Corona-Patienten in Tunesien: In 8 von 15 befragten Ländern in Afrika weigert sich die Mehrheit der Bevölkerung, eine Maske zum Schutz gegen das Virus zu tragen. (Archivfoto). (Quelle: Imago/Xinhua)

In Deutschland sind inzwischen mehr als 54 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Im Kongo, wo laut der Africa CDC Studie satte 38 Prozent der Bevölkerung die Impfung verweigern, sind es weniger als 0,1 Prozent. In den meisten afrikanischen Ländern ist der Anteil der vollständig Geimpften ebenfalls im einstelligen Bereich.

"Es zirkulieren viele Fehlinformationen, die Panik auslösen"

Im westafrikanischen Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land des Kontinents mit mehr als 200 Millionen Einwohnern, bezeugen 23 Prozent der Menschen Impfskepsis. In der Wirtschaftsmetropole Lagos erzählt die 26-jährige Maureen Nneke von ihrer Angst, der Impfstoff könne unfruchtbar machen. Sie habe außerdem gehört, die Impfung wirke wie ein Peilsender, mit dem man Menschen verfolgen könne. "Ich will kein Versuchskaninchen sein", sagt Nneke entschieden.

"Es zirkulieren so viele Fehlinformationen, die Panik auslösen. Wir wissen gar nicht, wie wir dagegen ankämpfen sollen", erklärt Dr. Reuben Ndiaya, der Vorsitzende eines Ärzteverbandes in der Hauptstadt Abuja.

Im benachbarten Niger und in Senegal glaubt nach Angaben der Africa CDC Studie mindestens die Hälfte der Bevölkerung, dass die Gesundheitsgefährdung durch das Coronavirus als übertrieben dargestellt wird. Auch in Nigeria, Sudan, Burkina Faso und der Demokratischen Republik Kongo glaubt dies rund ein Drittel der Menschen. In acht der 15 befragten Länder weigert sich die Mehrheit der Bevölkerung, eine Maske zum Schutz gegen das Virus zu tragen.

Im Kongo mussten 300.000 Impfdosen vernichtet werden

Viele afrikanische Länder mussten lange auf die Lieferung der Vakzine warten – und dann wertvolle Dosen vernichten, weil nur wenige zur Impfung kamen. Der Kongo vernichtete mehr als 300.000 Impfdosen, nachdem das Haltbarkeitsdatum überschritten war. Auch Malawi musste 20.000 Dosen zerstören, während der Südsudan 59.000 abgelaufene Impfstoffe entsorgen und 72.000 weitere an die internationale Hilfsinitiative Covax zurückgeben musste. Anderen Ländern – einschließlich Liberia, Mauretanien, Nigeria und Sierra Leone – geht es ähnlich.

Dabei wäre eine hohe Durchimpfung besonders in Afrika wichtig, wo die Todesrate nach Angaben der Afrika CDC bei 2,6 Prozent liegt – verglichen mit 2,2 Prozent weltweit, und wo vielerorts Betten auf Intensivstationen und Sauerstoffgeräte fehlen.

Insgesamt wurden in Afrika mehr als 6,8 Millionen Infektionen dokumentiert, von denen mehr als 174.000 tödlich waren. Das Wettrennen, eine Durchimpfung von mindestens 60 Prozent bis Anfang 2022 zu erzielen, müsse gewonnen werden, sagt Africa CDC Direktor John Nkengasong. "Schnelles Impfen ist der einzige Weg, die Pandemie zu stoppen – für alle."

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa

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