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Großbritannien nach dem "Freedom Day": Trügerische Corona-Sicherheit

Nach dem "Freedom Day"  

Großbritanniens trügerische Corona-Sicherheit

24.08.2021, 11:39 Uhr
Großbritannien nach dem "Freedom Day": Trügerische Corona-Sicherheit. Feiernde auf dem britischen Latitude Festival: Für Konzerte unter freiem Himmel gelten in England keine coronabedingten Beschränkungen mehr (Archivfoto). (Quelle: imago images/Matt Crossick)

Feiernde auf dem britischen Latitude Festival: Für Konzerte unter freiem Himmel gelten in England keine coronabedingten Beschränkungen mehr (Archivfoto). (Quelle: Matt Crossick/imago images)

Horrorszenarien sind in Großbritannien trotz Lockerungen nicht eingetreten. Mit einem neuen Testverfahren und einem Medikament will das Königreich Vorreiter sein. Doch es bleiben Ungewissheiten. 

Sajid Javid klingt zufrieden. Das Impfprogramm Großbritanniens nennt er "phänomenal", mit jeder Spritze gegen das Coronavirus schaffe man landesweit einen "massiven Verteidigungswall", ist sich der britische Gesundheitsminister sicher. Und tatsächlich: Dieser Verteidigungswall hält besser als befürchtet.

Impfen und Testen sind seit dem vergangenen Monat die nahezu einzigen verbliebenen Schutzmaßnahmen gegen die Pandemie auf der Insel. Am 19. Juli hob Premierminister Boris Johnson für England den Großteil der Corona-Beschränkungen am sogenannten "Freedom Day" auf. Seitdem gibt es etwa keine Begrenzungen mehr für Restaurants, Clubs oder Konzerte. Auch das Tragen von Masken ist gesetzlich nicht mehr vorgeschrieben. Schottland, Wales und Nordirland bestimmen ihre Maßnahmen eigenständig, allerdings wurden dort ähnlich viele Einschränkungen aufgehoben.

Vor der großen Lockerung wurde der britische Premier gewarnt. Zahlreiche Wissenschaftler sprachen in einem offenen Brief, der im medizinischen Fachmagazin "The Lancet" veröffentlicht wurde, von einem "gefährlichen und unethischen Experiment". Auch Gesundheitsminister Javid hatte erklärt, er rechne zum "Freedom Day" bereits mit 50.000 Neuinfektionen pro Tag, später seien auch 100.000 Fälle möglich. Da allerdings immer mehr Menschen geimpft seien, stelle auch eine solch hohe Zahl keine Gefährdung mehr für das Gesundheitssystem dar.

Steigende Todeszahlen

Rund einen Monat später haben sich Javids Voraussagen nicht erfüllt. Wurden am "Freedom Day" noch fast 47.000 Neuinfizierte vermeldet, sanken die Neuinfektionen zunächst. Seit einigen Tagen stagniert die Zahl der Infizierten pro Tag bei 30.000, die 7-Tage-Inzidenz liegt bei mehr als 320.

Aussagekräftiger sind bei zunehmenden Impfungen allerdings die registrierten Krankenhauseinweisungen und Todesfälle: Insgesamt wurden am 19. August 6.441 Menschen wegen Covid-19 im Krankenhaus behandelt, fast 2.000 mehr als noch einen Monat zuvor. Auch die Todesfälle sind gestiegen: Lagen sie im Mai an mehreren Tagen nur noch im einstelligen Bereich, sterben inzwischen pro Tag wieder mehr Menschen an Corona. Zuletzt lag die Zahl bei 87.

Lockerungen der Quarantäneregeln

Verglichen mit den extremen Ausbrüchen um die Jahreswende befinden sich die Zahlen dennoch auf niedrigem Niveau. Erhebliche Konsequenzen hatten die Lockerungen jedoch an anderer Stelle. Durch eine Vielzahl an Risikobegegnungen befanden sich Ende Juli schätzungsweise 1,7 Millionen Briten in Selbstisolation. Dadurch konnten etwa einige Supermärkte nicht mehr ausreichend beliefert werden. Seit der vergangenen Woche wurden deshalb auch die Quarantänevorschriften in England geändert.

Leere Regale in einem britischen Supermarkt: Weil zu viele Menschen sich zeitweise in Quarantäne befanden, wurden auch Versorgungsketten unterbrochen. (Archivfoto) (Quelle: dpa/Matthew Cooper)Leere Regale in einem britischen Supermarkt: Weil zu viele Menschen sich zeitweise in Quarantäne befanden, wurden auch Versorgungsketten unterbrochen (Archivfoto). (Quelle: Matthew Cooper/dpa)

Für vollständig Geimpfte ist die Quarantänepflicht nach Kontakt mit einem Infizierten aufgehoben. Lediglich eine PCR-Testung wird in einem solchen Fall empfohlen, ist aber nicht vorgeschrieben. Ähnliche Regelungen gelten auch in Schottland und Wales.

Der Gesundheitsforscher Stephen Reicher erklärte, die Regierung müsse die Bevölkerung weiterhin dazu aufrufen, nach Kontakt mit Infizierten PCR-Tests zu machen. "Man ist nicht unverletzlich, wenn man doppelt geimpft ist, es gibt immer noch ein gewisses Risiko, dass man sich infiziert und andere ansteckt", sagte er dem Sender BBC.

Neue Tests sollen Wissen über Covid-19 stärken

Unterdessen nutzt Großbritannien neue Möglichkeiten in der Pandemie. Für Infizierte bietet die Regierung ab dem heutigen Dienstag Antikörpertests an. Konkret sollen sie zweimal per Selbsttest ihr Blut auf Antikörper untersuchen: Zuerst nachdem die Infektion festgestellt wurde und 28 Tage danach erneut.

Die Ergebnisse sollen dann in ein Labor geschickt und von Experten ausgewertet werden. Täglich stehen so bis zu 8.000 Tests zur Verfügung. "Dadurch werden Sie uns dabei helfen, unser Verständnis über Covid-19 zu stärken, während wir vorsichtig in ein normaleres Leben zurückkehren", teilte Gesundheitsminister Javid mit.

Trump-Medikament genehmigt

Im Falle einer Infektion können Ärzte in Großbritannien zudem mittlerweile auf ein spezielles Medikament zurückgreifen. Die britische Zulassungsbehörde erteilte dem Mittel Ronapreve am vergangenen Freitag eine Notfallzulassung. Es soll die Risiken eines schweren Verlaufs minimieren. Auch der ehemalige US-Präsident Donald Trump wurde damit behandelt. Laut Javid soll es schnellstmöglich eingesetzt werden. Für den EU-Raum besitzt das Mittel noch keine Zulassung.

Biegt Großbritannien – auch mithilfe des neuen Medikamentes – in eine neue Pandemiephase ein? Noch sind Zweifel angebracht. Ein Mittel für die breite Bevölkerung dürfte Ronapreve nicht sein. Denn laut BBC soll eine einzige Behandlung umgerechnet mehr als 2.300 Euro kosten. Zudem dürfte das Land noch immer von den Sommerferien profitieren. Bisher haben nur die Schulen in Schottland wieder geöffnet. In England, Wales und Nordirland beginnt der Unterricht dagegen erst in der kommenden Woche.

"Wir gehen mit einer sehr hohen Infektionslage in den Winter und wir wissen wirklich nicht, was passieren wird", warnte Immunologe Peter Openshaw gegenüber "Times Radio". Ähnlich sieht es auch der mathematische Biologe Kit Yates von der Universität Bath: "Wenn es eine Lehre gibt, die andere Länder aus dem Versuch des Vereinigten Königreichs, wieder zu öffnen, ziehen sollten, dann die, dass Impfstoffe nicht die einzige Lösung für das Problem sind", sagte Yates CNN. Ungeachtet der vergleichsweise niedrigen Zahlen sei es schon jetzt in britischen Krankenhäusern nicht möglich, alle Routinebehandlungen zu erledigen.

Die Regierung setzt dagegen weiter voll auf den "massiven Verteidigungswall" aus Impfungen. Für das kommende Jahr wurden gerade erst weitere 35 Millionen Impfdosen von Biontech bestellt.

Verwendete Quellen:

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