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Massaker in My Lai: Als US-Soldaten sogar Babys töteten

Blutbad von My Lai  

Als US-Soldaten sogar Kinder massakrierten

16.03.2018, 14:37 Uhr | Martin Bialecki und Christoph Sator, dpa

Massaker in My Lai: Als US-Soldaten sogar Babys töteten. Im März 1968 griffen Einheiten der 11. US-Brigade unbewaffnete Bauern, Frauen und Kinder in dem Dorf My Lai an.  (Quelle: dpa/UPI/UPI)

Im März 1968 griffen Einheiten der 11. US-Brigade unbewaffnete Bauern, Frauen und Kinder in dem Dorf My Lai an. (Quelle: UPI/UPI/dpa)

Vor 50 Jahren richtete die US-Armee im vietnamesischen Dorf My Lai eines der größten Blutbäder des Vietnamkriegs an. Noch heute ist unklar, warum die Soldaten Hunderte Zivilisten töteten.

Als das Grauen über sein Dorf kam, war Pham Thanh Cong ein kleiner Junge. Ein Schüler von elf Jahren, der zusammen mit seinen Eltern, drei Schwestern und einem Bruder in einem kleinen Nest in Vietnam wohnte, einem Ort namens My Lai, dessen Name schon ein paar Kilometer weiter niemand mehr kannte. Dann kam der 16. März 1968. An dessen Ende waren mehr als 500 Menschen tot. Alles Vietnamesen. Alles Zivilisten. Alle massakriert von Soldaten der U.S. Army.

Heute, ein halbes Jahrhundert später, ist My Lai ein Name, den man immer noch in der ganzen Welt kennt: Sinnbild für schlimmste Kriegsverbrechen, vielleicht sogar das bekannteste, das US-Soldaten je verübten – auch wenn es im Vietnamkrieg nicht das einzige Massaker war. Von den Congs überlebten nur der kleine Pham und sein Vater, der während des Überfalls draußen auf dem Feld war. "Vergessen kann ich nicht", sagt Pham heute, mit 61. "Aber wir versuchen, den Amerikanern zu verzeihen und in die Zukunft zu schauen."

Am Morgen jenes Tages war der Krieg in Vietnam schon viele Jahre alt. Seit Mitte der 50er-Jahre war das Land in zwei Hälften geteilt, in einen kommunistischen Norden und einen autoritär regierten Süden, den die USA in ihrer Angst vor einem Sieg des Kommunismus unterstützten, mit Bomben und mit Gift aus der Luft und auch mit Kampftruppen am Boden. 1968 standen mehr als 400.000 amerikanische Soldaten im Land.

Überlebende aus My Lai bei einer Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des Massaker.  (Quelle: EPA/STR)Überlebende aus My Lai bei einer Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des Massakers. (Quelle: EPA/STR)

200 von ihnen – die Company C, 1. Bataillon, 20. Infanterieregiment, 11. Brigade, 23. Infanteriedivision – werden an jenem Frühlingsmorgen mit Hubschraubern in der Nähe der Küste abgesetzt, ein paar Hundert Meter landeinwärts. Offizieller Befehl: ein Kampfbataillon der Vietcong-Guerilla aufzuspüren. Das Kommando der "Company Charlie" führt ein Mann namens William Calley Jr., der 1964 noch wegen eines Gehördefekts von der Army abgelehnt wurde.

Bei ihrer Ankunft in My Lai stoßen die Amerikaner allerdings auf keinen einzigen Bewaffneten. Vom Vietcong nirgends eine Spur. Was sie finden: alte Männer – die meisten jungen sind bei der Feldarbeit –, Frauen, Schwangere, Kinder und Babys. Und sie begehen Grausamkeiten, die man sich kaum vorstellen kann. Die Leute werden erschossen, erschlagen, erstochen. Skalpiert, in Stücke gehackt, mit Handgranaten in die Luft gesprengt.

Die Congs flüchten in einen Unterschlupf, den der Vater im Garten gegraben hat: ein Loch im Boden, mit Bambus abgestützt und dann wieder mit Erde bedeckt. Eine Weile lang hält ihr Versteck, aber dann werden auch sie entdeckt. Erst holen die Amerikaner die Familie heraus, dann schicken sie sie wieder zurück. Als alle drin sind, wirft einer von ihnen eine Handgranate hinein.

Pham sitzt mit den Überresten seiner Familie im Loch

Pham, der ganz hinten sitzt, ist der einzige, der überlebt. Bis sein Vater vom Feld zurück kommt, wird es Nachmittag. So lang muss er es in dem Loch mit der toten Mutter und den toten Geschwistern aushalten. Oder mit dem, was von ihnen übrig geblieben ist. Der Vater gräbt dann ein notdürftiges Grab, nimmt den Sohn auf den Rücken und rennt davon. Ein paar Monate später stirbt auch er. Pham ist jetzt der Einzige.

Ein Gedenkstein in der Nähe von My Lai für die Toten des Massakers.  (Quelle: Reuters)Ein Gedenkstein in der Nähe von My Lai für die Toten des Massakers. (Quelle: Reuters)

Vier Stunden dauert es, bis der Blutrausch von My Lai vorbei ist. Am Ende, so steht es heute in den Büchern, sind 504 Menschen tot. Auf die US-Soldaten wird kein einziger Schuss abgegeben. Keiner. Bis heute ist nicht endgültig geklärt, was die Amerikaner so entfesselt hat. Als entnervt werden sie beschrieben, als anhaltend gepiesackt vom Vietcong, begierig auf Bestätigung und Ruhm.

Unmittelbar vor My Lai erging vom US-Oberkommando der Befehl, den Feind "unnachgiebig" unter Druck zu setzen. General William Westmooreland hob den Schutz von Zivilisten vorübergehend auf, Historiker interpretierten das als Einladung zu nackter Willkür. Auf die Frage, ob Frauen und Kinder nun tatsächlich Feinde seien, gibt es nur eine unklare Antwort. Damit, so heißt es heute, wurde dem Massaker Tür und Tor geöffnet.

Das Massaker ist ein Wendepunkt 

Doch anfangs erfährt kaum jemand von dem Grauen. Es dauert eineinhalb Jahre, bis der Blutrausch an die Öffentlichkeit kommt, bis das Lügengebäude des Weißen Hauses einbricht. Entscheidend sind Briefe des Hubschrauberbordschützen Ronald Ridenhour an US-Politiker. Und die Arbeit des US-Journalisten Seymour Hersh, der damit weltberühmt wird.

Das Massaker markiert einen Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung. Bei einer Demo gegen den Vietnamkrieg liegen Tausende im New Yorker Central Park. Sie wollen gefallene Soldaten symbolisieren.  (Quelle: dpa)Das Massaker markiert einen Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung. Bei einer Demo gegen den Vietnamkrieg liegen Tausende im New Yorker Central Park. Sie wollen gefallene Soldaten symbolisieren. (Quelle: dpa)

In der öffentlichen Wahrnehmung in den USA ist das ein Wendepunkt. Mit My Lai beginnt das bereits rissige Bild der eigenen Truppen als Kämpfer für das Gute endgültig zusammenzubrechen: amerikanische Soldaten als Schlächter, als Kriegsverbrecher, als entfesselte Soldateska. Aber erst mit dem Abzug aus Saigon (heute: Ho-Chi-Minh-Stadt) 1975 ist der Vietnamkrieg für die USA vorbei.

Wegen des Massakers erhebt die amerikanische Justiz 24 Anklagen. Verurteilt wird jedoch nur ein einziger: Calley. Nach dreieinhalb Jahren Hausarrest kommt er frei. In Umfragen fanden damals vier von fünf Amerikanern schon den Schuldspruch falsch. Einige sagten, Calley habe nur seinen Job gemacht. Für andere war er ein Sündenbock für ein viel größeres Versagen der Generäle und der US-Regierung.

Offizier entschuldigt sich – nach über 40 Jahren

Mehr als 40 Jahre wird es dauern, bis Calley sich entschuldigt. Im Jahr 2009 sagt er, es vergehe kein Tag, an dem er das Geschehen von My Lai nicht bereue. Pham Thanh Cong, der Vietnamese, meint dazu: "Die Soldaten haben Unmenschliches getan. Ich weiß nicht, warum." Viele Jahre lang setzte er sich als Direktor des Museums von My Lai dafür ein, dass die Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten.

Das Denkmal für die Opfer in My Lai: Eine Frau reckt die rechte Hand in den Himmel, unter dem Arm trägt sie ein totes Kind. (Quelle: dpa)Das Denkmal für die Opfer in My Lai: Eine Frau reckt die rechte Hand in den Himmel, unter dem Arm trägt sie ein totes Kind. (Quelle: dpa)

Inzwischen steht in dem Dorf auch ein steinernes Denkmal: eine Frau mit einem toten Kind im linken Arm, die rechte Faust trotzig nach oben gereckt. So stellt sich das vereinte Vietnam – einer der wenigen kommunistischen Einparteienstaaten, die es heute noch gibt – Erinnerung vor. Jetzt soll, als Zeichen der Versöhnung, noch ein "Friedenspark" gebaut werden.

Verwendete Quellen:
  • dpa

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