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Wie ein Aphrodisiakum zur GrĂŒndung New Yorks fĂŒhrte

Von Angelika Franz

Aktualisiert am 28.11.2021Lesedauer: 4 Min.
Der sogenannte Manhattan Purchase: Der NiederlÀnder Peter Minuit erwarb die Halbinsel 1626 von den Ureinwohnern zum Spottpreis.
Der sogenannte Manhattan Purchase: Der NiederlÀnder Peter Minuit erwarb die Halbinsel 1626 von den Ureinwohnern zum Spottpreis. (Quelle: Alfred Fredericks/ullstein-bild)
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New York gilt als ur-amerikanisch. Doch so ganz stimmt das nicht, denn die NiederlĂ€nder waren zuerst da. Auf der Suche nach einem Stoff, der dem Liebesleben auf die SprĂŒnge helfen sollte.

Der erste EuropĂ€er in New York war nur auf der Durchreise. Lediglich eine Nordwestpassage nach Asien wollte der italienische Entdecker Giovanni da Verrazzano finden, wie Christopher Columbus es bereits vor ihm versucht hatte. Er ankerte im Jahr 1524 zwischen Long Island und Staten Island, gab dem KĂŒstenabschnitt den Namen New AngoulĂȘme – nach seinem Auftraggeber, dem französischen König Franz I. aus dem Haus Valois-AngoulĂȘme – und segelte wieder von dannen.

Die Passage nach Asien sollte er nie finden. Vier Jahre spĂ€ter wurde Verrazzano angeblich auf der Insel Guadeloupe vor den Augen seiner Mannschaft von Kannibalen verspeist. Fast ein Jahrhundert schlummerte New AngoulĂȘme friedlich vor sich hin, bis 1609 die Segel des EnglĂ€nders Henry Hudson am Horizont auftauchten.

Die EnglÀnder verfuhren sich

Eine Nordwestpassage war immer noch nicht gefunden und Hudson suchte sie im Auftrag der NiederlĂ€ndischen Ostindien-Kompanie. Er schenkte der Landschaft deutlich mehr Aufmerksamkeit als sein VorgĂ€nger und inspizierte die Halbinsel, der die freundlichen Einheimischen Lenni Lenape den Namen Manahatta gegeben hatten, sowie den Fluss, den sie Mohicanituk nannten, Fluss der in beide Richtungen fließt.

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AnfÀnge einer Millionenstadt: So sah Manhattan im 17. Jahrhundert aus.
AnfÀnge einer Millionenstadt: So sah Manhattan im 17. Jahrhundert aus. (Quelle: /ullstein-bild)

"Ein sehr guter Hafen fĂŒr alle Winde", notierte Hudson in seinem Logbuch. Die Luft duftete sĂŒĂŸ und lieblich, die fruchtbare Halbinsel war von ĂŒber 100 Kilometern verschiedener FlusslĂ€ufe durchzogen, 21 SĂŒĂŸ- und Salzwasserseen sprenkelten die Landschaft. Doch auch Hudson zog weiter auf seiner Suche und erlitt ebenfalls einen unschönen Tod, als ihn seine Mannschaft 1611 wĂ€hrend einer Meuterei in einem kleinen Holzboot dem eisigen Wasser ĂŒberließ. Er starb, ohne zu ahnen, dass sowohl die riesige Bucht, in der sein Leben endete, wie auch der Mohicanituk einst seinen Namen tragen wĂŒrden.

Hudsons Beschreibung des lieblichen KĂŒstenabschnitts fand im politisch und religiös aufgeheizten Europa aufmerksame Leser. FĂŒr eine Gruppe von radikalen Puritanern, die spĂ€ter als die PilgervĂ€ter in die amerikanische Geschichte eingehen sollten, klang die Schilderung so verlockend, dass sie in jenem paradiesischen Landstrich ein neues Leben beginnen wollten. Allerdings verschĂ€tzten sie sich um rund 400 Kilometer und ankerten ihr Schiff, die "Mayflower", vor Cape Cod.

Stattdessen kamen die HollĂ€nder – angezogen vom Geruch des Castoreums, einem stinkenden Sekret, das der Biber in zwei beutelförmigen Taschen unterhalb des Schambeins produziert. Dem auch Bibergeil genannten Stoff wurden nicht nur medizinische QualitĂ€ten, sondern auch eine aphrodisierende Wirkung nachgesagt, weshalb seit dem spĂ€ten Mittelalter die europĂ€ischen BiberbestĂ€nde bereits drastisch reduziert waren.

Ein Eiland zum Spottpreis

Auch die Pelze der DĂ€mme bauenden Tiere waren Ă€ußerst beliebt: Die europĂ€ische High Society trug im 17. Jahrhundert bevorzugt KastorhĂŒte aus gefilztem Biberhaar. Ein reger Handel mit Biberpelzen entstand zwischen den Ureinwohnern Manahattans und der NiederlĂ€ndischen Ostindien-Kompanie. 1626 kaufte ihr Vertreter Peter Minuit den Lenni Lenape Manahatta schließlich ab – fĂŒr billige Geschenke im lĂ€cherlichen Wert von 60 Gulden.

So zumindest erzĂ€hlen es sich die heutigen New Yorker. Der Vertrag beinhaltete allerdings eher Teilungsabsichten denn Besitz, den die Lenni Lenape gar nicht fĂŒr sich beanspruchten. Noch heute jedenfalls zeigt das Siegel der Stadt einen hollĂ€ndischen Siedler und einen Lenni Lenape in friedlicher Eintracht – zwischen den beiden prangen Biber, MehlfĂ€sser und die FlĂŒgel einer WindmĂŒhle.

1936: Von einer kleinen Siedlung entwickelte sich Manhattan zur einer Ansammlung von Wolkenkratzern
1936: Von einer kleinen Siedlung entwickelte sich Manhattan zur einer Ansammlung von Wolkenkratzern (Quelle: /ullstein-bild)

In den folgenden Jahren entwickelte der kleine Handelsposten fĂŒr Biberfelle ein quirliges Eigenleben. Anders als in den puritanisch geprĂ€gten Siedlungen der EnglĂ€nder konnte hier jeder frei seine Vorstellungen ausleben – was ein entsprechendes Klientel anzog. Als im Jahr 1643 ein Jesuitenpriester zu Besuch kam, hörte er unter den knapp 500 Einwohnern 18 verschiedene Sprachen.

Zu keinem Zeitpunkt waren mehr als die HĂ€lfte der Nieuw Amsterdamer tatsĂ€chlich NiederlĂ€nder. In den Tavernen der Stadt speisten und tranken diese gemeinsam mit Deutschen, EnglĂ€ndern, Afrikanern, Skandinaviern, Franzosen und Juden. Die Nieuw Amsterdamer waren so tolerant, dass sie selbst Paare wie den niederlĂ€ndisch-marokkanischen Piraent Anthony van Salee und seine Geliebte Griet Reyniers, die bekannteste Prostituierte der Stadt, willkommen hießen.

Piraten wurden ehrbare BĂŒrger

Die beiden heirateten, bekamen vier Kinder und wurden zu angesehenen BĂŒrgern. Bald schon bevölkerte die bunt gemischte Gesellschaft nicht mehr nur das befestigte Fort Amsterdam und die unmittelbare Umgebung, sondern auch Lang Eylant, Breuckelen, Haarlem und Staten Eylant.

Unbemerkt von den Puritanern in den englischen Siedlungen begannen die HollĂ€nder, der amerikanischen Kultur ihren ganz eigenen Stempel aufzudrĂŒcken. Sie sorgten dafĂŒr, dass Pannekoeken ebenso unverzichtbar auf den Speisekarten Nordamerikas wurden wie Koolsla, Krautsalat in Mayonaise. Und zu Weihnachten war es bald ĂŒberall der hollĂ€ndische Sinterklaas, der die Geschenke brachte.

Neu-Amsterdam 1664: In den Englisch-NiederlĂ€ndischen Seekriegen bĂŒĂŸten die Niederlande das Gebiet ein, auf diesem Stich kapituliert Gouverneur Petrus Stuyvesant.
Neu-Amsterdam 1664: In den Englisch-NiederlĂ€ndischen Seekriegen bĂŒĂŸten die Niederlande das Gebiet ein, auf diesem Stich kapituliert Gouverneur Petrus Stuyvesant. (Quelle: /ullstein-bild)

Doch der Frieden sollte nicht lange wĂ€hren. 1652 brach Krieg zwischen England und den Niederlanden aus. Die Bewohner Nieuw Amsterdams ahnten, was kommen wĂŒrde. Und machten sich daran, die Stadt zu befestigen. LĂ€ngst war das kleine Fort an der Spitze Manahattas zu klein geworden, um allen BĂŒrgern Sicherheit zu gewĂ€hren. Sie begannen, quer ĂŒber die schmale Halbinsel einen Wall zu ziehen, der die Stadt gegen Angreifer aus dem Norden schĂŒtzen sollte.

2,7 Meter hoch und 710 Meter lang zogen sie das Bauwerk aus Erde und Holzplanken von einem Ufer zum anderen. Alle mussten mitarbeiten, BĂŒrger schwitzten neben ihren Sklaven. Am Ende sollte es den Bewohnern der Stadt nichts nĂŒtzen. Die EnglĂ€nder kamen nicht ĂŒber Land aus dem Norden, sondern mit Schiffen aus dem SĂŒden. Nur der Name ist geblieben. Die Straße, die einst hinter der Verteidigungsanlage verlief, heißt bis heute Wall Street.

GewĂŒrze fĂŒr die NiederlĂ€nder

Blut wurde nicht vergossen, als die EnglĂ€nder die Stadt 1664 einnahmen. Im Gegenzug fĂŒr die widerstandslose Übergabe verschonten die EnglĂ€nder ihre Bewohner. Man arrangierte sich. Als beide MĂ€chte 1667 den Friedensvertrag von Breda unterzeichneten und die NiederlĂ€nder Niuew Amsterdam gegen die Herrschaft ĂŒber die Molukken eintauschten, war niemand traurig. Die EnglĂ€nder hatten nun die Kontrolle ĂŒber die gesamte OstkĂŒste, die HollĂ€nder Inseln, auf denen kostbare MuskatnĂŒsse und GewĂŒrznelken wuchsen.

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Nur einen neuen Namen brauchte es jetzt noch fĂŒr die quirlige Stadt am Hudson River. Die EnglĂ€nder benannten sie nach James II., dem Bruder ihres Königs, der als Zweitgeborener den Titel Duke of York trug. Aus Niuew Amsterdam wurde New York. Die weltoffene, tolerante AtmosphĂ€re aber blieb der Stadt erhalten.

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