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Schwund an Brutpaaren - Forscher warnen vor Vogelsterben

Von dpa
02.09.2019Lesedauer: 4 Min.
Die BestÀnde des Haussperlings seien laut Experten seit 1980 um 50 Prozent eingebrochen.
Die BestÀnde des Haussperlings seien laut Experten seit 1980 um 50 Prozent eingebrochen. (Quelle: Nicolas Armer./dpa)
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Radolfzell (dpa) - Binnen 30 Jahren ist die Zahl von Vogelbrutpaaren am Bodensee um ein Viertel gesunken. Das zeigt eine Studie von Wissenschaftlern der Ornithologischen Arbeitsgruppe Bodensee und des Max-Planck-Instituts fĂŒr Verhaltensbiologie.

1980 lebten demnach am Bodensee noch rund 465.000 Brutpaare, 2012 nur noch 345.000. Einst hĂ€ufige Vogelarten wie Haussperling, Amsel oder Star seien besonders stark zurĂŒckgegangen, so Hans-GĂŒnther Bauer, einer der Autoren des Beitrags, der in der Zeitschrift "Vogelwelt" veröffentlicht ist. Die Entwicklung am Bodensee spiegele zugleich einen europaweiten AbwĂ€rtstrend wider.

Auch in anderen Regionen Deutschlands brachen die Bestandszahlen vieler Arten laut dem Ornithologen ein. Allerdings nicht ĂŒberall genauso dramatisch wie am Bodensee: "Die westlichen und sĂŒdlichen Regionen sind stĂ€rker betroffen als die östlichen und nördlichen." Das fĂŒhrt er auf die intensivere Landwirtschaft im SĂŒden und Westen zurĂŒck - fĂŒr die Macher der Langzeituntersuchung gelten heutige Agrarlandschaften als vogelfeindliches Gebiet. "Das einstmals in der Agrarlandschaft hĂ€ufige Rebhuhn zum Beispiel ist rund um den Bodensee inzwischen ausgestorben. Auch RaubwĂŒrger, Wiesenpieper und Steinkauz gibt es dort heute nicht mehr", sagt Bauer an.

FĂŒr die Datenerhebung hatten die Wissenschaftler sĂ€mtliche Vögel auf einer FlĂ€che von rund 1100 Quadratkilometern rund um den Bodensee gezĂ€hlt. Zuvor hatten die Ornithologen die BestĂ€nde erstmals 1980 bis 1981 und dann im Zehn-Jahresrhythmus erfasst.

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Einer der HauptgrĂŒnde fĂŒr den RĂŒckgang sei der Verlust von Nahrung. So hĂ€tten am Bodensee 75 Prozent der Fluginsekten fressenden und 57 Prozent der Vogelarten abgenommen, die sich von Landwirbellosen ernĂ€hren. "Dies bestĂ€tigt, was wir schon lĂ€nger vermutet haben: Das durch den Menschen verursachte Insektensterben wirkt sich massiv auf unsere Vögel aus", erklĂ€rt Bauer. Die Arbeitsgruppe fordert unter anderem drastische BeschrĂ€nkungen von Insekten- und Unkrautvernichtungsmitteln.

Auch europaweit ging die Zahl der von Insekten lebenden Vögel in den vergangenen 25 Jahren deutlich zurĂŒck. Bachstelze, Wiesenpieper oder Rauchschwalbe - durchschnittlich um 13 Prozent sank die Zahl dieser Vögel laut einer im MĂ€rz im Fachjournal "Conservation Biology" veröffentlichten Studie.

Viele Vögel fĂ€nden auf den von Menschen intensiv genutzten FlĂ€chen kaum mehr LebensrĂ€ume und BrutplĂ€tze, erlĂ€utert Bauer. So verschwĂ€nden auch aus den Dörfern und StĂ€dten rund um den Bodensee die Vögel. "Offensichtlich können die Tiere inmitten der HĂ€userschluchten, ZierbĂ€ume und sauberen NutzgĂ€rten immer seltener erfolgreich brĂŒten." Allerweltsvögel wie Amsel (minus 28 Prozent), Buchfink und Rotkehlchen (je minus 24 Prozent) litten massiv unter den verschlechterten Lebensbedingungen.

Die Langzeituntersuchung steht in einer Reihe von beunruhigenden Berichten ĂŒber die Bestandsentwicklung heimischer Vögel. In Deutschlands GĂ€rten und Parks etwa waren Anfang des Jahres weniger Wintervögel zu sehen. Zehntausende Naturliebhaber meldeten im Januar im Schnitt 37, die sie bei der ZĂ€hlaktion "Stunde der Wintervögel" des Naturschutzbund Deutschland (Nabu) innerhalb von 60 Minuten beobachteten. 2011 seien noch fast 46 Vögel pro Garten gemeldet worden. Ob ein tatsĂ€chlicher RĂŒckgang der BestĂ€nde die Ursache sein könnte, mĂŒsse aufmerksam verfolgt werden, hieß es vom Nabu. Möglich sei auch, dass die Vögel bei den relativ milden Temperaturen in den WĂ€ldern noch genug zu fressen fanden.

Aus Daten des europaweiten Vogelmonitoringprogramms PECBMS geht hervor, dass die europĂ€ischen BestĂ€nde der Feld- und Wiesenvögel in Europa von Beginn der ZĂ€hlungen ab 1980 bis 2016 um 57 Prozent zurĂŒckgegangen sind; zu ihnen zĂ€hlen Feldlerchen, Kiebitze oder Stare. FĂŒr die Studie wurden Daten aus 28 LĂ€ndern zu ĂŒber 170 Arten zusammengetragen. Weit besser als den Feldvögeln erging es den Waldvögeln, deren Bestand im beobachteten Zeitraum nur um sechs Prozent zurĂŒckging.

Auch am Bodensee sind die Arten je nach Lebensraum ganz unterschiedlich betroffen, zeigt die aktuelle Studie - laut den Machern ist sie eine der wenigen, die die BrutvogelbestĂ€nde mit derselben Methode ĂŒber einen so langen Zeitraum dokumentiert. WĂ€hrend bei 71 Prozent der auf Wiesen und Feldern lebenden Arten demnach die BestĂ€nde drastisch einbrachen, stiegen sie bei 48 Prozent der im Wald lebenden Arten - nur bei 35 Prozent gingen sie zurĂŒck. Ein Beispiel sei der Buntspecht mit einem Zuwachs von 84 Prozent, der bislang von den grĂ¶ĂŸeren Holzmengen in den WĂ€ldern zu profitieren scheine. Auch rund um die GewĂ€sser am Bodensee hĂ€tten mehr Arten zu- als abgenommen - einer der Gewinner: der Höckerschwan.

Auf den ersten Blick erscheint die Bilanz von 1980 bis 2012 ausgewogen: Von den 158 rund um den Bodensee vorkommenden Vögeln nahmen die BestĂ€nde von 68 Arten zu- und von 67 ab. Die Gesamtzahl an Arten nahm sogar zu; auf 8 ausgestorbene Arten kamen 17, die sich neu oder wieder angesiedelt haben. Darunter Weißstorch, Wanderfalke und Uhu, die laut den Ornithologen von Schutzmaßnahmen profitiert haben. "Trotzdem verlieren wir insgesamt an BiodiversitĂ€t", warnt Bauer. Viele Arten kĂ€men nur noch in geringen, oft nicht mehr ĂŒberlebensfĂ€higen Populationen und an immer weniger Orten rund um den Bodensee vor. "Je nach FlĂ€cheneinheit betrachtet gibt es weniger Arten im Schnitt."

Von den zehn hĂ€ufigsten Vögeln am Bodensee hĂ€tten sechs massiv abgenommen, zwei blieben unverĂ€ndert und nur zwei haben zugenommen. Die BestĂ€nde des Haussperlings, der 1980 noch die hĂ€ufigste Art war, seien um 50 Prozent eingebrochen. Bauer fĂŒgt hinzu: "Das sind wirklich erschĂŒtternde Zahlen - vor allem, wenn man bedenkt, dass der RĂŒckgang der Vögel schon Jahrzehnte vor unserer ersten Datenerhebung 1980 begonnen hat."

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