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Der brillante kleine Wackelpudding unter der Sch├Ądeldecke

Von dpa
Aktualisiert am 27.01.2022Lesedauer: 3 Min.
Die Skulptur "Anthropologe of a Planet" von Jan Fabre in der Ausstellung "Das Gehirn.
Die Skulptur "Anthropologe of a Planet" von Jan Fabre in der Ausstellung "Das Gehirn. In Kunst & Wissenschaft", die vom 28. Januar bis 26. Juni 2022 in der Bundeskunsthalle zu sehen ist. (Quelle: Oliver Berg/dpa./dpa)
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Bonn (dpa) - Das bewegendste Exponat in derneuesten Ausstellung der Bundeskunsthallein Bonn ist gar kein Kunstwerk. Es ist der Zettelkasten eines 2005 verstorbenen Demenz-Patienten.

Viele hundert verschiedenfarbige handbeschriebene Bl├Ąttchen, mitunter auch mit Zeichnungen versehen, hat der offenbar hoch gebildete Mann angefertigt. "Wann war Scheidung?", steht auf einem. Aber auch: "Habe ich Buch "Die verlorene Ehre der Katharina Blum"? Gibt es das?"

Er war sich offenbar nicht mehr sicher, ob die Erz├Ąhlung von Heinrich B├Âll ├╝berhaupt existierte. Mitunter wird es geradezu philosophisch: "Daheim oder ins Heim?" Und: "Das alte Gebot: Du sollst nicht fragen!" Vielleicht am traurigsten: "Wie erreiche ich Karin?" Karin war seine Tochter.

Faszinierende Aussstellung

"Das Gehirn. In Kunst & Wissenschaft" hei├čt die faszinierende Ausstellung, in der Kunst, Kulturgeschichte und Wissenschaft aufeinandertreffen, aber auch Philosophie und Religion eine Rolle spielen. Im Mittelpunkt stehen die neuesten Erkenntnisse der Hirnforschung. Sie werden besucherfreundlich auf f├╝nf sehr konkrete Fragen heruntergebrochen.

Frage 1: Was habe ich im Kopf? Antwort: Ziemlich wenig. Das Gehirn ist nicht nur weich wie Wackelpudding, es ist auch viel kleiner, als viele glauben. Man geht davon aus, dass es seit 100.000 Jahren nicht mehr wesentlich gewachsen ist. Der Grund: Der Stoffwechsel k├Ânnte ein noch gr├Â├čeres Gehirn nicht mehr versorgen. Schon jetzt verbraucht das Gehirn - obwohl es nur zwei Prozent der K├Ârpermasse ausmacht - sogar in Ruhestellung 20 Prozent der gesamten Energie.

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Frage 2: Wie stelle ich mir die Vorg├Ąnge im Gehirn vor? H├Ąufig ziemlich falsch. Wie in fr├╝heren Zeiten sind auch heute zahllose Mythen in Umlauf, zum Beispiel, dass Mathematikerinnen und Naturwissenschaftler vor allem die linke H├Ąlfte des Gehirns nutzen, weil da Logik und Rationalit├Ąt beheimatet sein sollen. Dichter, Malerinnen und Rockstars d├Ąchten dagegen eher mit der rechten H├Ąlfte, in der Kreativit├Ąt und Intuition angesiedelt seien. Stand der Wissenschaft ist laut Ausstellungskatalog: Da ist ├╝berhaupt nichts dran!

Eine Frage des Glaubens

Frage 3: Sind ich und mein K├Ârper dasselbe? Das ist teilweise Glaubenssache. Die Hirnforschung verzichtet auf Begriffe wie "Seele" und "Geist", sie spricht lieber von "Bewusstsein". Sogenannte Nahtoderfahrungen f├╝hren die Wissenschaftler schlicht auf eine Unterversorgung des Gehirns zur├╝ck. F├╝r die Hospizarbeiterin Linda Bulthaup steht dagegen unverr├╝ckbar fest, dass der Mensch eine Seele hat. Sterbende berichten ihr oft ├╝ber die Anwesenheit ihrer Eltern und Gro├čeltern. "Mitunter so realistisch, dass mir manchmal etwas mulmig wird und ich mich frage, ob nicht vielleicht wirklich jemand mit uns im Raum ist."

Die Bundeskunsthalle wartet dazu mit einem ganz besonderen Ausstellungsst├╝ck auf: Sie hat aus Paris den Sch├Ądel von Ren├ę Descartes an Land gezogen, und das ist kein Geringerer als der Erfinder von "Ich denke, also bin ich". Auf dem Totenkopf steht eine Inschrift, wonach der gro├če Philosoph seit seinem Tod 1650 "in den Sph├Ąren des Himmels" schwebt.

Wie es mir gef├Ąllt

Frage 4: Wie mache ich mir die Welt? Wie es mir gef├Ąllt nat├╝rlich. Beispiel: In einem Experiment wurden Studierende in ein Professorenzimmer geschickt, in dem ein fast leeres B├╝cherregal stand. Ein paar Stunden sp├Ąter sollten sie den Raum beschreiben. Die meisten sagten: Da stand ein volles B├╝cherregal. Denn das erwartet man eben: Professor gleich volles B├╝cherregal. Das Gehirn speichert den Raum nicht exakt so ab, wie er ist, sondern wie er aufgrund vieler zuvor gemachter Erfahrungen sein m├╝sste. Das ist normalerweise wesentlich effizienter.

Frage 5: Soll ich mein Gehirn optimieren? Kommt drauf an. Schon heute helfen Implantate im Gehirn bei der Linderung von Krankheiten wie Parkinson. Vielleicht geht die Entwicklung langfristig in Richtung Cyborg. Aber der vielzitierte Satz "Wir nutzen nur zehn Prozent unseres Gehirns" ist frei erfunden. Es wird damit unter anderem suggeriert, dass man sein Gehirn trainieren kann, um intelligenter zu werden. Aber: "Etliche Untersuchungen haben belegt, dass besonders kluge Menschen mit links und ohne gro├če Gehirnanstrengung erledigen, was von weniger begabten Menschen nur mit viel Energieaufwand zu schaffen ist."

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