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Magen-OP: Nach dem Abnehmen beginnt der Kampf

Von dpa
24.05.2022Lesedauer: 4 Min.
Alexandra Knoch, die sich vor f├╝nf Jahren einer OP zur Magenverkleinerung unterzogen hat.
Alexandra Knoch, die sich vor f├╝nf Jahren einer OP zur Magenverkleinerung unterzogen hat. Nach der Operation verlor die 55-j├Ąhrige 90 von 176 Kilo - bei einer Gr├Â├če von 1,57 Meter. (Quelle: Monika Skolimowska/dpa./dpa)
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Hennigsdorf/Berlin/Freiburg (dpa) - Hier ein Bonbon, da ein Schokoriegel: Alexandra Knoch ├╝berlegt sich im B├╝ro mittlerweile gut, ob ein Gang zur Teek├╝che sein muss, denn der dort immer gef├╝llte S├╝├čigkeitenteller ist verlockend.

"Die alten Gewohnheiten kehren irgendwann wieder zur├╝ck", sagt die 55-j├Ąhrige Wahl-Brandenburgerin. Nach einer Magenoperation vor f├╝nf Jahren verlor sie 90 von 176 Kilogramm - bei einer Gr├Â├če von 1,57 Meter. Zehn der verlorenen Kilos sind inzwischen wieder drauf - und gegen diese k├Ąmpft sie nun an.

Damit ist sie noch ein relativ leichter Fall. "Etwa jeder f├╝nfte Patient nimmt nach einer Magenoperation langfristig wieder so viel zu, dass man von einer klinisch relevanten Gewichtszunahme spricht", sagt Jodok Fink, Oberarzt am Adipositaszentrum der Universit├Ątsklinik Freiburg. Bei diesen Patienten k├Ânne die Lebensqualit├Ąt wieder deutlich eingeschr├Ąnkt sein und typische Begleitkrankheiten der Adipositas wie etwa Bluthochdruck und Diabetes tr├Ąten teilweise wieder auf.

Das muss Alexandra Knoch momentan nicht f├╝rchten: "Mir geht es gut. Fr├╝her hatte ich Bluthochdruck, Diabetes Typ 2, Schlafapnoe, extrem hohe Cholesterin- und Leberwerte. Das ist alles Geschichte", so Knoch. Nur die kaputten Gelenke seien nicht mehr reparabel. "Deshalb kann ich nur noch Aquafitness machen", so Koch, die bis zu vier Mal w├Âchentlich trainiert.

Nur noch Kinderportionen

Ihr Magen wurde verkleinert und weiter unten in den Darm geleitet, damit dieser die Nahrung nur noch teilweise verwerten kann. "In den ersten eineinhalb Jahren musste ich mir gar keine Gedanken machen. Ich konnte nur noch Kinderportionen essen. Zwei R├Âllchen Sushi, mehr ging nicht", sagt Knoch. Nun seien es sechs Sushi-R├Âllchen. Das sei zwar immer noch relativ wenig, aber genug, um langsam wieder zuzunehmen. "Man muss k├Ąmpfen", so die 55-J├Ąhrige.

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"Wir k├Ânnen ungef├Ąhr 60 bis 70 Prozent des ├ťbergewichts bek├Ąmpfen. Ein bis drei Jahre nach der Operation erreichen die Patienten ihr niedrigstes Gewicht. Danach nimmt die Mehrzahl wieder zu, um dann zumeist ein relativ stabiles Gewicht zu erreichen", sagt Jonas Raakow vom Interdisziplin├Ąren Adipositaszentrum an der Berliner Charit├ę, an dem auch Alexandra Knoch operiert wurde. In einem gewissen Ma├če sei eine Zunahme auch absolut kein Problem. "Aber man muss sie kontrollieren". In manchen F├Ąllen sei auch eine weitere Operation n├Âtig, um den Gewichtsverlust zu steigern.

Komplexe Hormonver├Ąnderungen

Neben dem Magenbypass wie bei Alexandra Knoch geh├Ârt der Schlauchmagen hierzulande zu den h├Ąufigsten Methoden der Adipositas-Chirurgie. Diese und andere f├╝hren laut Fink zu komplexen Hormonver├Ąnderungen des Magen-Darm-Traktes: So produziere der K├Ârper unter anderem weniger Ghrelin, ein Hormon, das appetitanregend wirke. "Ich habe gar kein Hungergef├╝hl mehr", sagt Alexandra Knoch. Der Hunger, den sie versp├╝re, sei ein reiner "Kopfhunger". "Der Kopf wurde ja nicht mitoperiert", so Knoch.

Die ver├Ąnderte Aussch├╝ttung von Hormonen des Magen-Darm-Traktes nach der Operation sei eine wichtige Erkl├Ąrung daf├╝r, dass viele Patienten auch langfristig schlank blieben, denn mit der Zeit dehne sich der Magen wieder und man k├Ânne wieder mehr essen, erkl├Ąrt Fink. "Etwa 75 Prozent der Patienten schaffen es auch langfristig, ihr reduziertes Gewicht zu halten und sind zufrieden", so der Professor. Wenn Patienten wieder zun├Ąhmen, k├Ânne dies unterschiedliche Gr├╝nde haben. "Manche ver├Ąndern ihre Lebensgewohnheiten nicht dauerhaft und verfallen in ihren alten Trott".

Chronische Erkrankung nicht mit Operation behoben

"Die Operation ist nicht das Entscheidende, sondern die Ver├Ąnderung der Lebensgewohnheiten nach der Operation", betont auch Jonas Raakow. "Die Adipositas ist eine chronische Erkrankung, die sich mit der Operation nicht bek├Ąmpfen l├Ąsst", betont der Charit├ę-Oberarzt. "Uns geht es darum, das Risiko f├╝r gef├Ąhrliche Nebenerkrankungen wie etwa kardiovaskul├Ąre Erkrankungen, Diabetes oder auch Tumorerkrankungen erheblich zu reduzieren".

Auch die Lebensqualit├Ąt steige deutlich, erg├Ąnzt Alexandra Knoch. "Beim Duschen und Eincremen muss ich keine Akrobatik mehr veranstalten", erz├Ąhlt sie. Au├čerdem k├Ânne sie sich nun wieder sch├Âne Kleidung kaufen. "Fr├╝her sah ich aus wie ein aufgeplatztes Sofakissen." Auch Restaurants m├╝sse sie jetzt nicht mehr nach der Bestuhlung ausw├Ąhlen. Und ├Ąrztliche Untersuchungen seien nicht mehr wie fr├╝her entw├╝rdigend. "Bei einer Magenspiegelung musste ich auf dem Boden liegen, da der Arzt f├╝rchtete, die Liege w├╝rde brechen", erinnert sich Knoch.

Depressionen gehen zur├╝ck

Bei vielen Patienten verbessere sich auch die psychische Gesundheit nach einer Operation, berichtet Tobias Hofmann, Leiter der Psychosomatik am Adipositas-Zentrum der Charit├ę. So n├Ąhmen vor allem im ersten Jahr Depressionen ab. "Viele sind sehr gl├╝cklich, die Zeit wird deshalb auch Honeymoon-Phase genannt", so Hofmann. Allerdings k├Ânne es nach zwei bis drei Jahren auch wieder zu R├╝ckschl├Ągen kommen.

Als adip├Âs gelten Menschen mit einem Body-Mass-Index (BMI) von ├╝ber 30. In Deutschland ist laut Robert Koch-Institut jeder vierte Erwachsene betroffen. J├Ąhrlich lie├čen sich rund 20.000 Betroffene in Deutschland deshalb operieren, so Fink. Die Ursachen f├╝r eine Adipositas sind vielf├Ąltig. Laut Deutscher Adipositas-Gesellschaft (DAG) k├Ânnen unter anderem genetische Ursachen, Bewegungsmangel, Fehlern├Ąhrung, Schlafmangel, Stress, depressive Erkrankungen, Essst├Ârungen oder auch Medikamente eine Rolle spielen.

Aus Sicht von Experten w├Ąre f├╝r eine dauerhafte Gewichts- und Gesundheitskontrolle nach einer Magen-Operation auch eine regelm├Ą├čige Nachsorge bei ├ärzten n├Âtig. Doch hier fehle es an Kapazit├Ąten und Finanzierung. "Die wenigen spezialisierten Adipositas-Zentren k├Ânnen das nicht alleine leisten, in Hausarztpraxen fehlt h├Ąufig die Expertise - nicht zuletzt, da es an geeigneten Weiterbildungsangeboten und Nachfrage daf├╝r mangelt", sagt Oliver Huizinga, politischer Gesch├Ąftsf├╝hrer der Deutschen Adipositas-Gesellschaft.

Nachsorge fehlt

"Das gr├Â├čte Problem ist, dass die Patientinnen und Patienten keiner vern├╝nftigen, routinierten Nachsorge folgen, weil die Krankenkassen das nicht bezahlen. Sie fordern es zwar, bezahlen die Nachsorge aber nicht", so Raakow. Im Langzeitverlauf sei das nat├╝rlich eine Katastrophe, da sich keiner mehr so richtig um die Patienten k├╝mmere. "Mit der geplanten Beauftragung des Gesetzgebers, ein Disease Management Programm Adipositas zu schaffen, wird sich die Situation voraussichtlich wesentlich verbessern", hofft Jodok Fink.

Alexandra Knoch hilft vor allem der Austausch in der Selbsthilfegruppe an der Charit├ę. "Jeder hat seine Strategie beim Abnehmen", sagt sie. Sie selbst habe die Eiwei├čmenge erh├Âht und den Kohlenhydratanteil im Essen reduziert. Leider seien die pers├Ânlichen Treffen in der Pandemie weggefallen und nur noch Online-Treffen m├Âglich gewesen. Zu diesen schalteten sich nicht mehr alle Mitglieder zu. "Diejenigen, die wieder stark zunehmen, melden sich oft nicht mehr", so Knoch. Die Scham sei einfach zu gro├č.

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