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Krieg in der Ukraine: Eine Nacht mit Geflüchteten am Berliner Hauptbahnhof


Sie sahen Tod und Zerstörung – und haben trotzdem Hoffnung

Von Katharina Weiß

17.03.2022Lesedauer: 5 Min.
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Aliona Rybak und Peter Manolov am Berliner Hauptbahnhof: Beide sind wie Zehntausende andere aus der Ukraine in die deutsche Hauptstadt geflohen.
Aliona Rybak und Peter Manolov am Berliner Hauptbahnhof: Beide sind wie Zehntausende andere aus der Ukraine in die deutsche Hauptstadt geflohen. (Quelle: Frederike van der Straeten - Collage t-online)
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Rund um die Uhr kommen erschöpfte Ukrainer in Berlin an. Wer nachts auf seine Weiterreise oder eine Unterkunft wartet, wird im Zelt der Berliner Stadtmission versorgt. t-online hat eine Nacht am Hauptbahnhof verbracht.

Aliona Rybak muss noch bis 4 Uhr nachts im Zelt der Berliner Stadtmission am Hauptbahnhof auf ihren Zug nach Düsseldorf warten. Die 37-Jährige beschwert sich nicht. Denn wie alle Ankommenden aus der Ukraine ist die Lehrerin dankbar, dass sie im Warmen warten kann.

Aliona Rybak: Die Ukrainerin ist gemeinsam mit ihrem Sohn aus der Ukraine geflohen. Ihr Mann ist zum Kämpfen dort geblieben.
Aliona Rybak: Die Ukrainerin ist gemeinsam mit ihrem Sohn aus der Ukraine geflohen. Ihr Mann ist zum Kämpfen dort geblieben. (Quelle: Frederike van der Straeten)

Die Menschen bekommen Kaffee und Sandwiches, sie können ihr Handy aufladen und die Kinder werden in einer Malecke abgelenkt. Mit ihrem großen Zelt hat die Stadtmission in den letzten Tagen eine Infrastruktur der Freiwilligenarbeit geschaffen, die im Vergleich zum Chaos der ersten Tage positive Zeichen setzt.

Aliona Rybak spricht gutes Englisch, sie wirkt tapfer. Eine Fassade, die sie nicht zuletzt für ihren 17-jährigen Sohn aufrechterhalten will. "Im Oktober wird er 18", erzählt sie vielsagend. Nur ein paar Monate später hätte auch ihr Kind zur Waffe greifen müssen, wie jeder Mann in der Ukraine. Nun hofft die Mutter, dass ihr Sohn in Deutschland zumindest die paar übrigen Monate bis zum Schulabschluss absolvieren kann.

Geflüchtete in Berlin: "Viele wollen so schnell wie möglich nach Hause"

Viele der Mütter hier wollen schnellstmöglich wissen, wie sie sich eine Arbeit suchen und ihren Kindern eine halbwegs normale Ausbildung ermöglichen können. Doch wenn es um ihre eigene Zukunft geht, schweift der Blick zurück in die Heimat.

Blick in das Flüchtlingszelt am Berliner Hauptbahnhof: Viele Geflüchtete wollen schnellstmöglich zurück in die Ukraine.
Blick in das Flüchtlingszelt am Berliner Hauptbahnhof: Viele Geflüchtete wollen schnellstmöglich zurück in die Ukraine. (Quelle: Frederike van der Straeten)

Auch Aliona Rybak sagt: "Mein Mann ist in der Ukraine, er kämpft für unser Land. Wir sind stolz auf die Ukraine und wir hoffen, bald zurückkehren zu können." Eine Hoffnung, die viele der Menschen, die in dieser Nacht am Hauptbahnhof gestrandet sind, teilen.

Die Pressesprecherin der Berliner Stadtmission Barbara Breuer und ihr Helferteam beobachten diese Stimmung seit Tagen: "Viele wollen so schnell wie möglich wieder nach Hause und gehen ihrer Gefühlslage nach davon aus, schon übermorgen wieder dort zu sein. Das ist vielleicht gut zum Selbstschutz, aber es wird eine große Herausforderung, wenn die Blase platzt. Dann werden wir viel Unterstützung brauchen, um das aufzufangen."

Immer mehr traumatisierte Menschen erreichen Berlin

Die Helferinnen und Helfer beobachten auch, dass die jetzt Ankommenden viel stärker vom Krieg betroffen sind: Während die Geflüchteten, die vor einigen Tagen ankamen, noch relativ geplant fliehen konnten, haben einige der älteren Herrschaften und Jugendlichen, die nun die Grenzen Deutschlands passieren, bereits Tod und Zerstörung miterlebt.

Es ist schwieriger geworden, mit den Geflüchteten ins Gespräch zu kommen. Obwohl eine ehrenamtliche Übersetzerin t-online begleitet, sind viele zu aufgelöst, um über das Erlebte zu sprechen.

Geflüchtete schlafen auf dem Boden: Viele von ihnen kommen völlig erschöpft in der Hauptstadt an.
Geflüchtete schlafen auf dem Boden: Viele von ihnen kommen völlig erschöpft in der Hauptstadt an. (Quelle: Frederike van der Straeten)

Einige verbringen die Nacht in Schlafsäcken. Andere, die noch Geld dabeihaben, lenken ihre Kinder mit einem Besuch bei McDonalds ab. Ihre Mienen sind abgekämpft. Die Stimmung bei den Helfern hat sich ebenfalls verändert. Das liegt an den zahlreichen Journalisten, die vor Ort sind. Die Erfahrungen mit dem Medienauflauf empfanden die freiwilligen Berlinerinnen und Berliner zwiegespalten.

Eine Helferin, die seit Tagen am Kinderstand arbeitet, berichtet von negativen Erlebnissen mit anderen Medien. Zur Müdigkeit vieler Helfer kommt nun zusätzlich das Gefühl, die mühsam aufgebaute Struktur vor Eindringlingen schützen zu müssen.

Aber auch die Behörden reglementieren jetzt strenger, wer das Gelände betreten darf. Während vor ein paar Tagen die Presseberichterstattung in jedem Teil des Hauptbahnhofgebäudes möglich war, kontrollieren in dieser Nacht BVG-Mitarbeiter den Zugang zum Kellerbereich der Essensausgabe.

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Riesige Solidarität: Berliner Omas bringen gekochte Eier vorbei

Doch die Solidarität unter den Helfern scheint ungebrochen. Im Zelt der Stadtmission sind sich die Freiwilligen einig: Man wird harmonisch aufgenommen und auf den aktuellen Wissensstand gebracht. Die flachen Hierarchien führen weiterhin zu einer harmonischen Atmosphäre bei der Freiwilligenarbeit. "Man kennt sich nicht, und es geht sofort mit dem Du los", erzählt Maik Danier.

Der 50-Jährige ist in dieser Nacht zum zweiten Mal da. Er erklärt hier, wie das Schichtsystem funktioniert und wie die Struktur der Stadtmission die Organisation verändert hat. Der Ehrenamtliche hat Urlaub und wird bis in die frühen Morgenstunden Sandwiches und Kaffee im Zelt ausgeben. Vor ein paar Stunden hat er Eileen Abert und Sarah Leistner in ihre Arbeit eingewiesen.

Sarah Leistner, Maik Danier und Eileen Abert im Zelt der Berliner Stadtmission: Sie packen als freiwillige Helfer mit an.
Sarah Leistner, Maik Danier und Eileen Abert im Zelt der Berliner Stadtmission: Sie packen als freiwillige Helfer mit an. (Quelle: Frederike van der Straeten)

Sarah zeigt sich sehr bewegt: "Es sind so viele unterschiedliche Menschen und Geschichten. Einige davon haben auch Schlimmes erlebt. Aber man sieht auch, wie es untereinander ganz viele schöne Momente gibt, und man auch mal ein Lächeln bekommt. Es fühlt sich richtig an für mich, etwas tun zu können. Und immerhin habe ich schon das russische Wort für Käse gelernt!"

Eileen ergänzt: "Man kommt gut ins Gespräch, mit Helfern und Ankommenden. Manchmal bringt einen die Spendenbereitschaft der Berliner und Berlinerinnen auch zum Schmunzeln: Heute kamen zwei Omas mit Trolleys, in denen bestimmt über 100 gekochte Eier waren."

"Brauchen weiterhin die Unterstützung der Berliner"

Wie wichtig jede dieser unbezahlten Arbeitsstunden ist, betont Robert Michaelis mit Nachdruck. Er ist an diesem Abend Schichtleiter im Zelt der Berliner Stadtmission und seit Tagen vor Ort: "Von staatlicher Seite setze ich natürlich voraus, dass dann nun Tag für Tag mehr an Hilfe und Struktur kommt. Aber was wir auch brauchen, ist weiterhin die Unterstützung der Zivilbevölkerung. Es wäre großartig, wenn die Berlinerinnen und Berliner so lange wie möglich helfen können", appelliert er.

Robert Michaelis, Schichtleiter im Flüchtlingszelt der Berliner Stadtmission: Er bittet die Berlinerinnen und Berliner weiter um Solidarität und Hilfe.
Robert Michaelis, Schichtleiter im Flüchtlingszelt der Berliner Stadtmission: Er bittet die Berlinerinnen und Berliner weiter um Solidarität und Hilfe. (Quelle: Frederike van der Straeten)
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"In einzelnen Fällen bezahlten Freiwillige den Familien die Taxis zum Hotel. An solchen Stellen könnte der Senat noch ordentlich nachbessern. Auch Corona-positiv getestete Geflüchtete sollten nicht zwei Stunden oder länger in der Kälte stehen müssen", meint der 41-Jährige. "Zudem brauchen wir einen effektiven Aufbau von Strukturen: Privatunterkünfte müssen besser gecheckt werden. Denn eine Frau mit zwei Kindern kann nicht einfach so von einem Fremden mit nach Hause genommen werden.“

Malecke im Zelt der Berliner Stadtmission am Hauptbahnhof: Hier sollen geflüchtete Kinder etwas Ablenkung finden.
Malecke im Zelt der Berliner Stadtmission am Hauptbahnhof: Hier sollen geflüchtete Kinder etwas Ablenkung finden. (Quelle: Frederike van der Straeten)

Die Verwundbarkeit der Frauen und Kinder ist ein großes Thema. An diesem Abend wird für kurze Zeit eine Minderjährige vermisst. Per Megafon wird auf Russisch nach einem Mädchen gesucht. Bei der Berliner Bundespolizei war auf Anfrage bis zum Morgen keine Vermisstenanzeige eingegangen. Ein Fall, der wohl gut ausgegangen ist.

Geflüchteter berichtet von Bombeneinschlägen: "Dieser Augenblick hat mein ganzes Leben verändert"

Männer, vor allem recht junge, sieht man hier sehr wenige. Eine Ausnahme ist Peter Manolov. Er ist bulgarischer Staatsbürger, war aber zum Zeitpunkt des Kriegsausbruchs bereits seit mehreren Monaten in Kiew ansässig, weil er dort eine Ukrainerin heiraten wollte. "Das ist Tara, drei Monate alt", sagt er und kuschelt dabei mit seinem kleinen Hund, während er Fotos seiner Verlobten zeigt. "Er sollte ein Geschenk für sie sein."

Peter Manolov kam aus Kiew nach Berlin: Seinen Hund Tara wollte er eigentlich seiner ukrainischen Verlobten schenken, doch nun ist der Kontakt abgebrochen.
Peter Manolov kam aus Kiew nach Berlin: Seinen Hund Tara wollte er eigentlich seiner ukrainischen Verlobten schenken, doch nun ist der Kontakt abgebrochen. (Quelle: Frederike van der Straeten)

Peter ist aufgebracht und durcheinander. Er hat Liebeskummer: Das Paar hatte sich beim Kriegsausbruch getrennt. Seitdem versucht er sie zurückzugewinnen, doch der Kontakt zu der Ukrainerin brach ab.

Er erzählt von dem Moment, als die ersten Bomben in seinem Bezirk fielen: "Dieser Augenblick hat mein ganzes Leben verändert", sagt Peter mit traurigen Augen. Die anderen Geflüchteten nicken wissend.

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Verwendete Quellen
  • Besuch am Berliner Hauptbahnhof in der Nacht zum 16.03.2022
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