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Gastronomen kritisieren 2G-Plus-Vorstoß des Senats

Von Nikals Golitschek

06.01.2022Lesedauer: 3 Min.
Anette Birami, Café Heinrich: Sie fürchtet einen Einbruch der Besucherzahlen durch die neuen Corona-Regeln.
Anette Birami, Café Heinrich: Sie fürchtet einen Einbruch der Besucherzahlen durch die neuen Corona-Regeln. (Quelle: Niklas Golitschek)
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Angesichts steigender Infektionszahlen und einer hohen Hospitalisierungsrate reagiert der Bremer Senat mit einer vierten Warnstufe. Die trifft vor allem Gastronomen und Kulturbetriebe. Aus der Branche mischt sich Kritik mit Existenzängsten.

Die Unsicherheit ist zurück in der Bremer Gastronomie. Nach dem vielversprechenden Sommer und der erfolgreichen Impfkampagne mit einer Quote von 83,4 Prozent steigen die Infektionszahlen rasant an. Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard sagt, sie gehe davon aus, dass die Omikron-Variante inzwischen die vorherrschende sei. Die Zahlen sprechen für sich:

Erstmals wurden mehr als 1.000 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden gemeldet. Die Sieben-Tage-Inzidenz ist auf 760,9 angestiegen und auch die Hospitalisierungsrate liegt aktuell etwa bei 12,18.

2G-Plus mit Ausnahmen in Bremen geplant

Schon am Dienstag hat der Senat angekündigt, mit neuen Maßnahmen darauf reagieren zu wollen. Am Donnerstag ist dann die Warnstufe 4 beschlossen worden. Das andernorts bereits bekannte 2G-Plus-Konzept soll nun auch in Bremen für den Kultur- und Gastronomiebereich gelten. Bislang mussten sich damit nur Diskotheken, Bars (Kneipen ausgenommen) und Festhallen befassen.

Obwohl in der neuen Regelung alle mit Auffrischungsimpfung davon ausgenommen sind sowie diejenigen, deren Zweitimpfung maximal drei Monate zurückliegt, fängt sich der Senat mit seiner Entscheidung teils harsche Kritik ein.

Neue Regeln, größere Sorgen

Am Donnerstagmittag ist Anette Birami bei der Arbeit im Café Heinrich an der Contrescarpe nahe dem Hauptbahnhof. Allmählich füllen sich die Plätze, manche Gäste sitzen trotz der fröstelnden Temperaturen draußen. Birami fürchtet, dass einige von ihnen fernbleiben, wenn die neue Reglung greift. Zu besonderen Anlässen würden sich Gäste vielleicht testen lassen, "aber nicht für einen Kaffee am Mittag", sagt sie. Zumal durch Home-Office, weniger Tourismus und Kontaktreduzierungen ohnehin weniger Durchgangsverkehr herrsche.

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Bereits vor dem Senatsbeschluss habe sie die Verunsicherung der Kunden gespürt. "Sie fragen, ab wann sie den Test haben müssen", sagt sie und wünscht sich eine klarere Kommunikation seitens der Politik und Medien. Durch mangelnde Information blieben sonst noch mehr Gäste fern.

Umsatzeinbruch ab Dezember

Im Dezember habe sie durch abgesagte Weihnachtsfeiern und fehlende Weihnachtseinkäufer in der Stadt einen deutlichen Umsatzeinbruch verzeichnet. Nun habe sie zum ersten Mal in sieben Jahren einen Kredit beantragt. Ihre Ersparnisse seien aufgebraucht.

Zu den ersten Januartagen sagt Birami: "Es geht nur noch nach unten." Eigentlich sei sie ein positiver Mensch und habe auch immer noch Hoffnung auf einen besseren Sommer. "Aber jetzt ist eine Grenze erreicht, ich sehe kein Licht", spricht Birami von einer schlechten Stimmung. Ihr fehle die Ansage, wann wieder Land in Sicht sein werde – oder die Gewissheit, die Notbremse zu ziehen.

Seyit Tosun, Schnoor-Terrasse/Schnoor-Konditorei: Die fehlenden Touristen bereiten dem Gastronomen Sorgen.
Seyit Tosun, Schnoor-Terrasse/Schnoor-Konditorei: Die fehlenden Touristen bereiten dem Gastronomen Sorgen. (Quelle: Niklas Golitschek)

Die fehlenden Touristen spürt Seyit Tosun in der Schnoor-Terrasse ebenfalls deutlich. Zur Ladenöffnung am Vormittag ist noch kein Gast in Sicht. "Der Bremer kommt hier in der Regel nicht hin", sagt er. Entsprechend komme kaum jemand für Kaffee und Kuchen spontan in die Konditorei. Immer wieder neue Regelungen und Beschränkungen verunsicherten mögliche Besucher zusätzlich. Er überlege daher mit der kommenden Warnstufe 4, die Öffnungszeiten zu reduzieren oder einige Tage zu schließen.

Gastro-Gemeinschaft sieht Branche als Sündenbock

Der Verein Bremer-Gastro-Gemeinschaft (BGG) wertet die zusätzlichen Beschränkungen unter der Warnstufe 4 vor allem als weiteren Einschnitt für die Branche. Dabei gebe es keine Anzeichen dafür, dass in Cafés oder Restaurants ein erhöhtes Infektionsrisiko vorliege.

"Die Gastronomie hat alles getan, was möglich ist. Wir haben Konzepte entwickelt und uns an Sicherheitsmaßnahmen (Bremen-Bändchen, Pandemie-Checks etc.) beteiligt", schreibt die BGG in einer Mitteilung.

Maßnahmen gleichen einem Lockdown

Aus eben dieser Vorreiterrolle und der damit verbundenen Eigenleistung ziehe die Branche nun keinen Nutzen mehr und werde unter Generalverdacht gestellt. Als "Trauerspiel" kritisiert die BGG das Vorgehen des Senats nun: "Nun werden Gastronomiebetriebe also sanktioniert, um 'Boosteranreize' zu schaffen."

Diese Beschränkungen kosteten Gäste und Wirtschaftlichkeit, warnt der Verein. Aus mehr als 100 Rückmeldungen hätten lediglich zwei Betriebe zustimmend darauf reagiert. Die 2G-Plus-Regelung gleiche einem Lockdown und führe zu starken Umsatzeinbußen, so die einhellige Meinung. Unter der Woche würde sich die Lokalöffnung bei manchen dann nicht mehr lohnen.

Lösungsorientiert trotz schlechter Stimmung

Das Kulturzentrum Lagerhaus im Bremer Steintorviertel bündelt gleich mehrere Bereiche, die von den verschärften Regelungen unter der Warnstufe 4 betroffen sind. Mit dem angebundenen "Kafé" und zahlreichen Veranstaltungen wie Konzerten und Lesungen. "Wir müssen das akzeptieren und gegen Corona kämpfen", sagt Recai Aytas, im Lagerhaus zuständig für den Bereich Migration.

Auch wenn Aytas von einer katastrophalen Stimmung spricht, habe die Gesundheit eben oberste Priorität: "Wir suchen Lösungen." Workshops etwa fänden mit 20 Teilnehmern nun an zwei Terminen mit jeweils zehn statt.

Doch wie bereits in der Vergangenheit bei den Migrantentagen im Lagerhaus könnte es sein, dass vereinzelt Veranstaltungen verschoben werden müssen. Zwar könnten digitale Formate genutzt oder die Migrationsberatung telefonisch abgehalten werden. Doch: "Das Interesse an Kultur ist online minimal", weiß Aytas.

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