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Flucht vor Putins Bomben: Einmal Dortmund und zurück


Zwei Jahre Angriffskrieg
Flucht vor Putins Bomben: Einmal Dortmund und zurück


23.02.2024Lesedauer: 5 Min.
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Ein Fünfsitzer für sieben Personen: Im Pkw flüchtete die Familie über die Grenze nach Polen, dann nach Deutschland.Vergrößern des Bildes
Ein Fünfsitzer für sieben Personen: Im Pkw flüchtete die Familie über die Grenze nach Polen, dann nach Deutschland. (Quelle: privat)

Marysia und Alexander V. flohen vor den Bomben Putins nach Dortmund und kehrten dann in ihre Heimat zurück. Protokoll eines Gesprächs über Flucht, ihre Zeit in Dortmund und das Leben in Kiew.

Marysia (42) und Alexander V. (40) aus Kiew verfolgten die Nachrichten über Putins Angriff auf die Ukraine unaufhörlich. Einen Tag vor Beginn der Anschläge auf Kiew am 24. Februar 2022 beschlossen die Eltern dreier Kinder, die ukrainische Hauptstadt zu verlassen. Sie stiegen ins Auto und flüchteten mit ihren Kindern, einer Freundin und ihrer Großmutter. Kurz darauf fielen die ersten Bomben. Mittlerweile sind sie in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. Die Hoffnung auf ein normales Leben in der Ukraine treibt sie an, manchmal fällt es ihnen jedoch schwer, Licht am Ende des Tunnels zu sehen.

Die ersten Bomben fielen, als sie schon weit außerhalb von Kiew waren. Sie übernachteten in einem Hotel in Winnyzja, die Stadt liegt vier Stunden südlich von Kiew. "Wir wachten um 4 Uhr auf – unsere Telefone begannen zu klingeln – Freunde und Verwandte meldeten sich über verschiedene Kanäle bei uns – der Krieg begann", erzählt Marysia. "Ich und Alex beschlossen, in den Supermarkt und zur Tankstelle zu gehen, um Lebensmittel und Benzin einzukaufen. Wir dachten, dass diese bald geschlossen sein würden. Wir waren zehn Minuten von dem Hotel entfernt, als ein Militärobjekt der Russen in der Nähe unseres Hotels einschlug. Alex‘ Mutter, die Kinder und unsere Freundin Tania rannten raus. Sie dachten, wenn es noch eine weitere Explosion gäbe, würden die Fenster zerbrechen."

Die beiden wohnten mit ihren Kindern Emma (7), Julia (11) und Lisa (15) bis zum Überfall des russischen Militärs im Stadtviertel Novosikly in Kiew. Die Kinder gingen zur Schule, Alex und Marysia arbeiteten in einem von ihnen gegründeten IT-Unternehmen. Ihr Plan war es, für ein oder zwei Wochen ein Haus weiter außerhalb von Kiew zu mieten, da sie dachten, dass die Russen Kiew angreifen könnten. Aber sie hatten nicht mit einem so schrecklichen, riesigen Angriff gerechnet.

"Es war alles so ungeplant. Ausgerechnet einen Tag zuvor musste mein Auto kaputtgehen", erinnert sich Marysia. Also stiegen sie zu siebt in einen Wagen – mit einer Freundin und auch Alex‘ Mutter.

Zunächst wollten sie das Land überhaupt nicht verlassen, nur so weit weg von Kiew, dass sie in Sicherheit waren. Doch als sie in Winnyzja ankamen, wurde ihnen schnell klar, dass sie nicht die Einzigen waren, die diese Idee hatten. "Auf dem ganzen Weg bis in die Westukraine haben wir versucht, ein Haus zu mieten. Die Leute sagten uns, dass man dafür viel Geld im Voraus bezahlen muss. Das war uns einfach zu unsicher", sagt Marysia. Die Entscheidung war gefallen: Sie wollten nun so schnell wie möglich die Grenze nach Polen überqueren.

Unklar war zu diesem Zeitpunkt, ob Alex das Land würde verlassen dürfen, da das ukrainische Militär sämtliche Kräfte an der Waffe mobilisierte. Doch nach stundenlangem Warten an der Grenze und ersten Abweisungen durfte er ausreisen. "Stündlich gab es neue Informationen zu aktuellen Regelungen. Letztendlich zeigte ich dem Zöllner die Regierungsinformation zur Ausreiseerlaubnis von Familienvätern mit drei Kindern", so Alex. Der Grenzbeamte winkte ihn durch.

Ein Jahr mit Freude und Schwierigkeiten in Dortmund

Von Dortmund aus meldete sich eine Freundin bei der Familie. Sie riet, Polen zu verlassen und ins Ruhrgebiet zu kommen. Endlich ein bisschen Ruhe. Endlich mal durchatmen nach all den Strapazen.

"Als wir in Deutschland lebten, fühlte ich eine starke Verbundenheit zu meiner Großmutter. Während des Zweiten Weltkriegs wurde meine Oma als Arbeiterin nach Deutschland zwangsumgesiedelt. Wir mussten beide das Land verlassen. Natürlich ist meine Situation anders: Ich habe mein Land mit meinen Kindern und meinem Mann verlassen, weil ich vor dem Krieg geflohen bin, und die Deutschen haben mich beschützt. Dennoch gibt es Ähnlichkeiten. Ich habe auch in einem alten deutschen Haus aus dem 20. Jahrhundert gewohnt. Meine Großmutter wohnte in Essen, ich wohnte in Dortmund – ganz in der Nähe. Endlich verstand ich wirklich, was meine Großmutter empfand, als sie von zu Hause weggebracht wurde. Wenn Sie sich ständig Sorgen um Ihre Angehörigen machen, die in Gefahr sind."

"Uns wurde klar, dass wir jetzt Flüchtlinge sind"

Die Familie mietete eine Wohnung in Kirchhörde an. "Viele Leute aus Dortmund waren super hilfsbereit. Wir wurden wirklich gut aufgenommen", berichten beide. Dafür sind sie dankbar. Die Kinder konnten endlich wieder zur Schule gehen und die Eltern arbeiteten von einem Coworking-Büro aus.

Doch schon nach kurzer Zeit vermisste die ganze Familie immer stärker ihr altes Zuhause. "Erst nach und nach wurde uns klar, dass wir jetzt Flüchtlinge sind, das mussten wir erst einmal verarbeiten", so Marysia. Tag für Tag wurde ihnen klar, dass das Geschäft nicht mehr gut lief und sie den Ukrainern von Dortmund aus nicht mehr helfen konnten.

Bereits als sie die Ukraine verließen, hatten sie alle verfügbaren Mittel der ukrainischen Armee gespendet, kauften auch fast 100 Walkie-Talkies für die Einheit des Mannes von Marysias Nichte und militärische Ausrüstung für einen Mitarbeiter ihrer Firma. Sie verfolgten täglich die Nachrichten aus Kiew. Im April letzten Jahres fiel die Entscheidung: "Wir gehen zurück. Das ist das Beste für uns alle."

"Die Kinder sind wieder bei ihren Freundinnen"

Während des Gesprächs mit Alex und Marysia per Videocall ertönt auf Alex' Smartphone ein Alarm, doch gefährlich sei dieser heute nicht. "Jeden Tag gibt es in Kiew ballistische Warnungen, aber nicht jedes Mal fliegen Raketen und Drohnen über Kiew", sagt er. "Aber wenn sie fliegen – dann ist es beängstigend. Die Russen starten sie oft nachts. Drei- bis viermal im Monat", sagt er.

Dann müsse die ganze Familie in den Bunker. Dennoch sei es die richtige Entscheidung gewesen, zurückzukehren. "Die Kinder haben wieder ihre Freunde hier, und wir versuchen, zum Alltag zurückzukehren", sagen beide. Sie wohnen wieder in ihrer alten Wohnung. Auch die Großmutter, die derzeit noch in Dortmund lebt, will nächsten Monat zurückkehren.

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Kiew liegt zwar nicht im Frontgebiet, allerdings wurden in der Ukraine bereits mehr als 250.000 Gebäude zerstört oder beschädigt. Nach Angaben der Kyiv School of Economics werden die direkten Gebäudeschäden auf 58,9 Milliarden Dollar geschätzt. Im Sommer 2023 lag die Zahl der zerstörten und beschädigten Gebäude in Kiew bei 400. "Kiew ist zu groß, wir können nicht alle Zerstörungen sehen, sondern nur ein paar Gebäude", berichten beide.

"Auch wenn Kiew nicht mehr das Hauptkampfgebiet ist, machen wir uns Sorgen um Freunde und Verwandte in den kritischen Gebieten", sagt Alex. Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges haben beide wenig – im Gegenteil. Trumps Wahlkampf in den USA bereitet ihnen Sorgen. Wenn er wieder an die Macht komme, werde sich die Lage in der Ukraine verschlechtern, glauben sie. "Aber unter Putin werden wir das Land definitiv verlassen", sagen beide einstimmig.

Verwendete Quellen
  • Gespräche mit Alexander und Marissa V.
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