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Lufthansa-Streik | Gestrandete Passagiere: "Warum passiert das ausgerechnet uns?"


Gestrandete Passagiere: "Warum passiert das ausgerechnet uns?"

Von dpa, stn

Aktualisiert am 27.07.2022Lesedauer: 4 Min.
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Streik des Bodenpersonals: Zahlreiche Flüge wurden am Mittwoch gestrichen. (Quelle: Reuters) (Quelle: Reuters)
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Lange Warteschlangen an den Schaltern, streikendes Personal: Am Frankfurter Flughafen verzweifeln gestrandete Touristen. t-online war vor Ort.

Mit verschränkten Armen lehnt Ben Cope an einer Säule. Hinter ihm stehen Hunderte Reisende in einer Schlange, um ihre Flüge umzubuchen. Cope hingegen wartet mit einer Handvoll weiterer gestrandeter Touristen vor einem Lufthansa-Schalter, um einen Hotel-Voucher für sich und seine Ehefrau zu besorgen. Sie sitzt erschöpft in einer Sitzreihe und wartet auf ihren Ehemann. Cope sieht müde aus. Er trägt ein rotes Basecap und einen Dreitagebart. Auf seiner Reisetasche ist ein Aufnäher der kanadischen Flagge. "Den frühesten Flug nach Montreal bekommen wir erst am 1. August", sagt er.

Das Timing könnte für das kanadische Ehepaar aus Ottawa wohl nicht schlechter sein, wie sie noch erklären werden. Ausgerechnet an diesem Mittwoch legt das Bodenpersonal der Lufthansa seine Arbeit nieder. In Deutschlands größtem Flughafen in Frankfurt am Main sind bis zu 11.000 Beschäftigte von der Gewerkschaft Verdi zum Streik aufgerufen worden. Bundesweit sind es bis zu 20.000.

Hintergrund des Streiks sind die derzeit stockenden Tarifverhandlungen zwischen der Lufthansa und Verdi. Das jüngste Angebot der Arbeitgeberseite hätten die Mitarbeitenden als unzureichend empfunden, heißt es laut Verdi. Bestreikt werden verschiedene Lufthansa-Gesellschaften an den Drehkreuzen Frankfurt am Main und München sowie in Düsseldorf, Hamburg, Berlin, Bremen, Hannover, Stuttgart und Köln. Aufgerufen sind ganz unterschiedliche Beschäftigtengruppen wie das Schalterpersonal, Flugzeugtechniker und die Fahrer der riesigen Schlepper, die Flugzeuge am Flughafen auf die richtigen Positionen bringen. Der Ausstand soll bis Donnerstag, 6 Uhr, dauern. Verdi hat zudem zu Kundgebungen an den Flughäfen Frankfurt am Main, Hamburg und München aufgerufen.

In Frankfurt wurden 725 von 1.160 Flügen gestrichen

Die Lufthansa zeigt hingegen wenig Verständnis und hält den Streik für Lufthansa-Passagiere und Mitarbeitende für unzumutbar. "Verdi hat nach nur zwei Verhandlungstagen einen Streik angekündigt, den man aufgrund der Breite über alle Standorte hinweg und der Dauer kaum noch als Warnstreik bezeichnen kann", sagt der Personalvorstand der Lufthansa, Michael Niggemann. Allein in Frankfurt am Main mussten für den Tag 725 von 1.160 Flügen gestrichen werden, sagte ein Lufthansa-Sprecher vor Ort. Betroffen sind mehr als 92.000 Fluggäste.

Zwei der Betroffenen sind Ben Cope und seine Ehefrau. "Wir sitzen bereits seit dem 24. Juli hier fest", erzählt Cope. Schuld daran sind aber weder die Lufthansa noch das streikende Personal, sondern technische Fehler einer App. Für die Einreise nach Kanada muss das Paar ein Gesundheitsformular ausfüllen. Das geht jedoch nur über eine App, und es muss drei Tage vor der Einreise hochgeladen werden.

Am Ende war es zu spät. Den nächsten Flug konnten sie erst für den 27. Juli buchen. "Wir waren zwei Tage im Hotel – und nun wurde unser Flug gestrichen. Es ist sehr anstrengend und wir sind sehr müde. Ich hoffe, dass wir doch noch vor dem 1. August einen Flug bekommen", sagt Cope. Dann legt er den Arm auf die Schulter des t-online-Reporters, schüttelt mit dem Kopf und sagt: "Warum passiert das ausgerechnet uns?"

Bereits am frühen Morgen stehen Hunderte Fluggäste an 15 Lufthansa-Schaltern zum Umbuchen. Die Schlangen sind teils mehr als einhundert Meter lang. Man blickt in müde Gesichter. Einige der Passagiere liegen erschöpft auf dem Boden und dösen. Ein kleiner Junge sitzt mit einem Tablet in der Hand auf dem Boden und spielt darauf herum. Andere wiederum bedienen sich an einem Snackstand, den die Lufthansa für die gestrandeten Passagiere aufgebaut hat.

Ein paar hundert Meter entfernt von den gestrandeten Passagieren in der Nähe vom Terminal 1 nähert sich der Demonstrationszug der etwa 1.000 Streikenden dem Ende. Ihr Ziel: die Lufthansa-Zentrale. Im vorderen Teil des Demozuges halten sie ein Transparent hoch mit der Aufschrift: "Ready for Respekt". Als das streikende Personal an der Zentrale ankommt, sorgen die Leute mit ihren Trillerpfeifen für einen ohrenbetäubenden Lärm.

Eine der Teilnehmenden ist Katharina Horn. Sie steht auf einer kleinen Bühne vor der Lufthansa-Zentrale und ruft in die Menge: "Was für ein geiles Bild! Macht mal ordentlich Lärm!" Doch dann wird sie in ihren Aussagen ernst. Sie spricht über die vielen Schwierigkeiten, mit denen das Personal seit Beginn der Pandemie zu kämpfen habe, und dass man durch das fehlende Personal nun oft die Wut der Fluggäste zu spüren bekomme. "Wir gehen aktuell an die psychischen und physischen Grenzen, manchmal sogar darüber hinaus", sagt sie. Es sei schon normal geworden, dass Beschäftigte körperliche Angriffe und Beleidigungen ertragen müssten. Sie erntet kräftigen Beifall. An der gläsernen Fassade der Lufthansa-Zentrale stehen einige Mitarbeiter und filmen die Kundgebung.

Zurück am Terminal 1 zu Ben Cope. Er wirkt resigniert. "Unser Ziel ist eigentlich Ottawa, aber mit dem Flug nach Montreal wären wir erst mal auch zufrieden", erzählt er. Er bleibt in seinen Aussagen stets freundlich, spricht in einem ruhigen Ton. Morgen wird Cope wieder hier stehen und einen Hotel-Voucher für sich und seine Ehefrau besorgen. Und wenn es mit einem früheren Flug nichts wird, dann muss er am Freitag wieder kommen. Und am Samstag. Und am Sonntag.

Verwendete Quellen
  • Reporter vor Ort
  • Mitteilung der Lufthansa vom 25. Juli
  • Mit Material der Nachrichtenagentur dpa
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