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Arbeitsbedingungen bei Amazon: Mitarbeiter kritisieren "Arbeitsklima der Angst"


"Arbeitsklima der Angst und des Misstrauens"
Amazon: Mitarbeiter kritisieren Überwachung und Druck

Von t-online, mkr

Aktualisiert am 01.02.2023Lesedauer: 3 Min.
Mitarbeiter im Logistikzentrum von Amazon in Winsen: Immer wieder stehen die schlechten Arbeitsbedingungen in den Werken im Fokus.Vergrößern des BildesMitarbeiter im Logistikzentrum von Amazon in Winsen: Immer wieder stehen die schlechten Arbeitsbedingungen in den Werken im Fokus. (Quelle: Pressedienst Nord/imago-images-bilder)
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Amazon gilt als einer der größten Arbeitgeber der Welt. Doch welchen Preis haben schnelle und pünktliche Paketzustellung? Ein Blick ins Winsener Werk.

Beschäftigte im Amazon-Logistikzentrum im niedersächsischen Winsen an der Luhe im Landkreis Harburg sehen sich psychischem Druck und permanenter Kontrolle ausgesetzt. Das ist das Ergebnis einer Recherche von "CORRECTIV.Lokal" und dem "Hamburger Abendblatt". Schuld daran sind unter anderem die Digitalisierung der Prozesse und Überwachungsmechanismen wie die Erfassung der Paketrate eines jeden Mitarbeiters.

Diese Praxis, bei der Amazon misst, wie lange die Arbeiter für eine Bestellung brauchen, wie viele Waren sie innerhalb einer Stunde tragen oder wie ihre Geschwindigkeit im Vergleich zu anderen ausfällt, soll demnächst verhandelt werden. Voraussichtlich findet die Verhandlung am 9. Februar vor dem Verwaltungsgericht Hannover statt. Der Grund: Die niedersächsische Landesbehörde für Datenschutz hatte die Nutzung dieser untersagt, weil sie von Vorgesetzten ständig eingesehen werden können.

Amazon: Kritik an Überwachung schon seit 2020

Mit dieser "ununterbrochene Erhebung und Verwendung von Beschäftigtendaten" greife Amazon auf "schwerwiegende Art und Weise in das Recht auf informationelle Selbstbestimmung" ihrer Beschäftigten ein, befand Niedersachsens Landesdatenschutzbeauftragte bereits 2020.

Das gefiel dem US-Konzern nicht, der daraufhin Widerspruch gegen die Entscheidung einlegte und vor Gericht zog. Es handele sich um ein branchenübliches Warenwirtschaftssystem, argumentiert Amazon. "Unserer Einschätzung nach entspricht das bestehende System dem deutschen Recht und den EU-Vorschriften", heißt es.

Mitarbeiter berichten von "Arbeitsklima der Angst" in Winsen

"CORRECTIV.Lokal" und das "Hamburger Abendblatt" haben mit Beschäftigten des Logistikzentrums in Winsen an der Luhe über genau diese Vorwürfe gesprochen. Eine Mitarbeiterin, die anonynm bleiben möchte, fühlt sich "wie in einem Gefängnis" und kritisiert ein "Arbeitsklima der Angst und des Misstrauens". Mehrere Mitarbeiter berichten zudem von einem ständigen Druck und "permanenter Überwachung".

"Sobald jemand die Vorgaben nicht erfüllt, kommt ein Vorgesetzter mit seinem Computer und zeigt ihm die Performancerate", sagt zum Beispiel Mitarbeiterin E. bei einem Besuch des "Abendblatts" in dem Logistikzentrum.

Laut Mitarbeiter M., der seit 2017 in Winsen beschäftigt ist, würde die Paketrate mittlerweile bis zu zweimal pro Schicht am Tag vom Vorarbeiter thematisiert werden – anfangs sei dies einmal pro Woche in Feedbackgesprächen der Fall gewesen. Das sorge für eine psychische Belastung, auch wenn es einige Vorgesetzte gebe, die die Zahlen gelassener sehen würden.

Amazon widerspricht derartigen Kontrollen

Amazon teilt dazu gegenüber "CORRECTIV.Lokal" mit: "Wir verlangen von unseren Mitarbeiter:innen nicht, dass sie individuell bestimmte Arbeitsgeschwindigkeiten oder Produktionsziele erreichen". Bei der Planung werde die durchschnittliche Teamleistung berücksichtigt, welche nur mit den echten individuellen Daten errechnet werden könne.

Auch Jörg Asmussen, Standortleiter in Winsen, widerspricht gegenüber dem "Abendblatt" der Darstellung. Um die bis zu 90 Mitarbeiter mit Zahlen zu konfrontieren, hätten die Teamleiter gar keine Zeit. Und aus der Pressestelle heißt es: Viele Beschäftigte würden das Feedback vielmehr einfordern.

Zur Wahrheit gehören jedoch auch positive Stimmen aus der Belegschaft. Zufällig ausgewählte Mitarbeiter äußern bei einem Besuch des "Abendblatts" im Winsener Standort, sie würden keinen Druck verspüren. "Stress? Gegen meinen vorigen Job als Filialleiterin im Einzelhandel ist das hier gar nichts", sagt zum Beispiel eine Mitarbeiterin dem "Abendblatt".

Auch berichten einige, sich mit der Digitalisierung von Amazon, bei der eine Software alle technischen Anlagen wie selbstfahrende Regalroboter, Paketbänder und per Arbeitsanweisungen letztlich auch den Mitarbeiter steuert, wohlfühlen. Andere hingegen geben an, dass dies "großen Stress" bei ihnen auslöse.

Die Meinungen, die das "Abendblatt" bei einem Besuch an einem Freitag eingesammelt hat und bei dem die Zeitung eine geführte Tour durch die Hallen in Winsen gemacht und die Mitarbeiter ohne Amazon-Begleitung befragt hat, gehen also auseinander. Es bleibt unklar, inwieweit der Konzern vor dem Hintergrund der internationalen kritischen Berichterstattung für derlei Besuche Vorkehrungen trifft.

Immer wieder Kritik am US-Versandgiganten

So berichtete unter anderem NDR Panorama schon im Oktober 2020, wie Vorarbeiter offenbar Druck auf Beschäftigte ausübten, wenn ihre "Rate" gesunken sei. Bereits im Jahr 2017 deckten Recherchen des öffentlich-rechtlichen Senders derartige Kontrollen in dem Winsener Werk auf.

Der Standort ist einer von 20 großen Logistikzentren in Deutschland. 100.000 Pakete verlassen pro Tag das Zentrum mit seinen rund 1.900 Mitarbeitern. Deutschland ist mittlerweile gleich nach den USA der zweitgrößte Markt für Amazon. Im vergangenen Jahr fiel vom gesamten Umsatz im Online-Handel in Deutschland allein ein Fünftel auf den Versandgiganten zurück.

2021 wies der Konzern einen Gewinn in Höhe von weltweit rund 33,36 Milliarden US-Dollar aus. Amazon-Gründer Jeff Bezos liegt mit einem geschätzten Gesamtvermögen von rund 150 Milliarden US-Dollar auf dem vierten Platz der reichsten Menschen der Welt.

Verwendete Quellen
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