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Interview mit Moritz Fürste: "Wir brauchen Corona-Strategien für Breiten- und Profisport"

INTERVIEWOlympiasieger Fürste  

"Es wird eine Lösung für die Olympischen Spiele geben"

Von Eva Puschmann und Arne Henkes

04.04.2021, 07:44 Uhr
Interview mit Moritz Fürste: "Wir brauchen Corona-Strategien für Breiten- und Profisport". Moritz Fürste bei den Olympischem Sommerspielen 2016 in Rio (Archivbild): Er konnte mit seiner Mannschaft die Bronzemedaille gewinnen. (Quelle: imago images/Sven Simon)

Moritz Fürste bei den Olympischem Sommerspielen 2016 in Rio (Archivbild): Er konnte mit seiner Mannschaft die Bronzemedaille gewinnen. (Quelle: Sven Simon/imago images)

Keine Zuschauer bei den Olympischen Spielen: Diese Nachricht des Olympischen Komitees hat in der letzten Woche viele Sportler enttäuscht. t-online hat mit dem dreifachen Medaillen-Gewinner Moritz Fürste über die aktuelle Situation im Profi- und Breitensport gesprochen. 

Der ehemalige Hockey-Profi Moritz Fürste hat zweimal Gold und einmal Bronze bei den Olympischen Spielen gewonnen. Aktuell kämpft er gegen Corona und baut Testzentren auf. Seine Motivation: Sportevents sollen wieder möglich sein. Und er ist überzeugt davon, dass es in diesem Jahr klappt. Fürste ist Optimist und findet immer Fakten, die Hoffnung machen. Beispiel: Das Jahr 2021 könne eigentlich nur ein erfolgreiches werden, weil die 21 traditionell seine Rückennummer auf dem Hockeytrikot ist – seit seinem siebten Lebensjahr. "Das kann nur ein gutes Zeichen sein", sagt er und lacht.

t-online: Herr Fürste, 2008 haben Sie zum ersten Mal Gold bei den  Olympischen Spielen in Peking geholt, das mit einer rauschenden Party im Deutschen Haus gefeiert wurde. Was denken Sie, wenn Sie daran zurückdenken?

Moritz Fürste: Ja. Wenn ich jetzt einfach mal versuche, mich in diese Situation zu versetzen, fühlt es sich so an, als hätte es nie stattgefunden – fast wie eine Fiktion. Nicht nur die Tatsache, dass dort eine Party mit dichtgedrängten Leuten stattgefunden hat, sondern auch die Spiele an sich und alles, was damit einhergeht.

Ist es überhaupt vorstellbar, dass in diesem Jahr ein so großes Sportevent stattfindet?

Absolut! Davon bin ich fest überzeugt. Alles andere wäre ein Endzeitszenario. Trotz allem, was gerade passiert, gehen wir nicht davon aus, dass die Welt untergeht.

Ich glaube, dass wir in diesem Jahr Olympische Spiele erleben werden. In welcher Form, das kann ich nicht bewerten. Es wird mit Sicherheit eine Lösung geben, denn die gibt es auch in ganz vielen anderen Dingen.

Wenn die Spiele stattfinden, stellt sich natürlich auch die Frage, wie befriedigend die für Teilnehmer und auch Fans sind. Welche Gefühle gehen Ihnen durch den Kopf, wenn sie an Olympische Spiele ohne Zuschauer denken?

Die Alternative ist, dass sie ihren Sport gar nicht im Rahmen der Spiele betreiben. Und dann wähle ich persönlich lieber Spiele vor leeren Rängen. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass weniger Menschen den Sport verfolgen. Wahrscheinlich werden es die digitalsten und am besten distribuierten Spiele aller Zeiten. Und am Ende verdienen auch die Vereine oder Sportarten über zusätzliche Fernsehverträge.

Und das Gefühl vor leeren Rängen wird kompensiert durch mehr Zuschauer vor dem Fernseher?

Nein. Das wird ein großer Wermutstropfen sein. Und es tut mir für alle Athleten leid, dass sie diesen Part der Spiele nicht erleben können: diese Gastfreundschaft, die Begegnungen, die Menschen. Keine Frage, all das wird fehlen. Aber ich bin kein Freund davon, das Negative in den Vordergrund zu stellen. Wenn es die Pandemielage zulässt, wüsste ich keinen Grund, warum man den Sportlern diese Möglichkeit nehmen sollte. Noch mal: Die Alternative wäre, dass gar nichts stattfindet.

Wir diskutieren über Zuschauer im Profisport, während im privaten Rahmen immer noch überhaupt kein Sport in den Vereinen erlaubt ist. Ist das die richtige Reihenfolge?

Es ist natürlich einfach, sich jetzt hinzustellen und zu sagen: Warum sprechen wir über Öffnungen von Fußballstadien? Und nicht im Amateursport? Dafür würde ich wahrscheinlich viel Applaus bekommen. Das ist auch meine Meinung, aber das ist zu einfach.

Warum?

Beides ist kulturell und gesellschaftlich wichtig. Für viele ist es eine Gewohnheit, am Wochenende ins Fußballstadion zu gehen. Andere treffen sich jede Woche zum Sporttreiben. Es gibt kein "Entweder-Oder". Wir brauchen Strategien für beides, Breitensport und Profisport. Und es gibt Strategien für beides.

Ich möchte auch, dass Spiele wieder vor Publikum stattfinden. Ich würde hingehen.

Aber?

Die Diskussion muss richtig geführt werden. So lange es nicht möglich ist, dass ich am Wochenende mit meinen Kindern in einem Sportverein – draußen und getestet – Sport mache, habe ich auch keine Lust, darüber zu diskutieren, ob man zusammen mit 20.000 Menschen in ein Stadion gehen kann.

Sie würden Ihren Kindern gern ermöglichen, wieder Sport zu treiben. Wie wichtig ist das für Kinder?

Weg von den Kindern: Allgemein ist Sport sehr wichtig. Ich glaube, wir werden in der Gesellschaft in den nächsten Monaten ein riesengroßes Problem haben. Schlechte Ernährung und mangelnde Bewegung sind die Ursache. Es ist eigentlich jetzt schon da und wird immer größer, je länger die Lockdown-Situation so bleibt. Und das ist nicht alles.

Ja bitte?

Auch sozial fehlt ein wichtiger Teil des Lebens. Beispielsweise sehe ich bei meinen Töchtern, dass sie es sich abgewöhnt haben, in der Gruppe Spaß zu haben. Vorher sind sie gerne in den Kindergarten, in die Schule, zum Hockey- oder Tennistraining gegangen. Das möchten sie jetzt gar nicht mehr. Kindern das wieder beizubringen, ist eine riesige Aufgabe – nicht nur für die Eltern, sondern für die ganze Gesellschaft.

Verwendete Quellen:
  • Gespräch mit Moritz Fürste

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