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Energiesparmaßnahmen in Deutschlands Städten: Steigt die Gefahr im Dunkeln?


Angst vor der Dunkelheit: Wird Energiesparen zur Gefahr?

  • Patrick Schiller ist t-online Regio Redakteur in Hannover.
Von Patrick Schiller

Aktualisiert am 03.12.2022Lesedauer: 6 Min.
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Eine junge Frau in einem spärlich ausgeleuchteten Tunnel (Symbolbild): Die Energiesparmaßnahmen könnten das Angstempfinden bei Dunkelheit in Innenstädten verstärken.
Eine junge Frau in einem spärlich ausgeleuchteten Tunnel (Symbolbild): Die Energiesparmaßnahmen könnten das Angstempfinden in Innenstädten verstärken. (Quelle: Azat_ajphotos/Getty Images)
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Der Winter macht die Städte dunkler. Und die Energiesparmaßnahmen setzen noch einen darauf: Werbetafeln bleiben häufiger aus. Wird Energiesparen zur Gefahr?

Die dunkle Jahreszeit wirkt sich auf unser Sicherheitsempfinden aus. Laut der aktuellen repräsentativen Studie "Sicherheit und Kriminalität in Deutschland" (SKiD 2020) vom BKA und den Polizeien der Bundesländer haben Frauen nachts in der Öffentlichkeit mehr Angst als Männer.

Die Energiesparmaßnahmen der Bundesregierung, besonders die abgeschalteten Außenbeleuchtungen, könnten diese Ängste noch einmal deutlich steigern: In Hannover etwa bleiben viele Behörden geschlossen und schalten ihre Lichter für bis zu drei Wochen aus, repräsentative Gebäude werden nicht mehr bestrahlt. Auch die festliche Beleuchtung am Weihnachtsmarkt wird in vielen Städten in diesem Jahr deutlich früher ausgeschaltet. Wird der Bummel in der City gefährlich – oder bilden wir uns das nur ein?

t-online hat den Innenexperten Savaş Gel aus Hannover zum Umgang mit der eigenen Angst befragt. Im Interview spricht der Kriminaloberrat über einen persönlichen Sicherheitsradar und den Umgang mit Dunkelheit im öffentlichen Raum im Zusammenhang mit Energiesparmaßnahmen.

Savaş Gel ist Innenexperte und Kriminaloberrat aus Hannover.
Savaş Gel ist Innenexperte und Kriminaloberrat aus Hannover. (Quelle: privat)

t-online: Herr Gel, Deutschlands Städte müssen Energie sparen. Bereits am späten Nachmittag fehlt dadurch mehr Licht als ohnehin schon – das wirkt sich auf unser Sicherheitsempfinden aus. Ist das nur ein Gefühl oder gibt es einen sachlichen Grund?

Savaş Gel: In erster Linie ist Angst ein Schutzmechanismus unseres Organismus, damit dieser keinen Schaden erleidet. Das Gefühl der Angst ist also erst einmal positiv. Es entwickelt sich aus unseren persönlichen Erfahrungen und aus unserer Sozialisation, also zum Beispiel aus unserem Medienkonsum oder dem, was uns durch unser Elternhaus vermittelt wird. Angst ist also hochindividuell.

Was sagen die Zahlen?

Wenn Sie die polizeiliche Kriminalstatistik betrachten, dann kann Angst selbst natürlich nicht in dieser dargestellt werden. Aber Angst ist ein Indikator. Das sieht man zum Beispiel in Dunkelfeld-Studien: Nehmen wir die aktuelle Dunkelfeld-Studie aus Niedersachsen. Die Quote der Strafanzeigen ist zurückgegangen. Das könnte auch bedeuten, dass Opfer Angst vor Repressalien haben und nicht zur Polizei gehen.

Gibt es in Innenstädten Bereiche, denen man generell eher ausweichen sollte?

Das hängt von meinem Sicherheitsempfinden ab und das ist auch eher individuell: Ich empfehle, den persönlichen Sicherheitsradar einzuschalten, also auf das Bauchgefühl zu hören. Wenn man also Angst und Sorge in der U-Bahn und in Bussen hat, dann kann man sich umschauen, wer in der Nähe sitzt. Im Übrigen gibt es im öffentlichen Nahverkehr Notruftasten und häufig auch eine Videoüberwachung, was ich sehr begrüße.

Sind Frauen in dunklen Gassen, Plätzen oder im öffentlichen Nahverkehr besonders gefährdet?

Ich finde, wir sollten Frauen nicht immer in der Opferrolle sehen. Ich kenne viele mental starke und strategisch denkende Frauen. Dennoch müssen wir feststellen, dass die Vulnerabilität von Frauen, also die Verletzlichkeit im öffentlichen Raum, häufig höher ist als die von Männern. Das hängt mit anatomischen Bedingungen zusammen, also mit den möglichen Unterschieden in der vorhandenen Kraft.

Sollten Frauen daher besondere Vorkehrungen treffen?

Das hängt von der individuellen Sorge ab, zum Beispiel in Bezug auf die Dunkelheit: Im öffentlichen Raum würde ich ihnen raten, mit Freunden unterwegs zu sein und in dunklen Bereichen vorausschauend zu blicken. Wenn in der Ferne eine einzelne Person sichtbar ist, vielleicht eher mal die Straßenseite wechseln oder bei besonderer Angst kurzzeitig in eine Bar oder in ein Geschäft gehen.

Kölner Dom ohne Beleuchtung
Der normalerweise beleuchtete Kölner Dom erscheint als dunkler Fleck in der Silhouette der Stadt. Viele Gebäude bleiben nachts dunkel. (Quelle: Henning Kaiser/dpa-bilder)

Mir kommt eine Frau oder eine einzelne Person entgegen. Wie sollte ich als Mann reagieren?

Ich empfehle einen Perspektivwechsel: Wie würde ich in der Situation fühlen? Könnte der Mensch, die Frau sich aufgrund meines Verhaltens belästigt oder verängstigt fühlen? Das können schon vermeintlich harmlose, witzig gemeinte Sprüche auslösen. Könnte ich als Mann vielleicht einfach die Straßenseite wechseln, damit mein Gegenüber keine Angst bekommt? Angst ist, wie gesagt, hochindividuell, aber Rücksicht geht immer.

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Steigert das nächtliche Abschalten der Außenbeleuchtung in den Innenstädten unser Angstgefühl?

Ich glaube, die Entscheidung Energiesparmaßnahmen so umzusetzen, dass Licht im öffentlichen Raum reduziert wird, muss gut überlegt sein. Ich bin mir sicher, dass die kommunalen Verwaltungen tatsächlich sehr genau hinsehen werden, ob und wie sie das umsetzen. Wir wissen aus kriminalgeografischen Betrachtungen von Räumen, dass Licht und Ausleuchtung eine ganz erhebliche Rolle im Sicherheitsempfinden der Menschen spielen – aber auch in der objektiven Sicherheit, also ob es tatsächlich zu Straftaten kommt. In der Kriminologie spricht man vom Entdeckungsrisiko in diesem Zusammenhang. Die Kommunen werden diese Aspekte sicherlich bei der Bewertung von Lichtquellen heranziehen.

Drohen durch die Energiesparmaßnahmen mehr Gefahren auf Deutschlands Straßen?

Ich würde das noch ein bisschen abstrakter sehen: Es geht ja um das Thema Energie in Gänze. Der Angriffskrieg gegen die Ukraine hat zur richtigen Konsequenz, dass wir nicht Russlands Energie konsumieren wollen. Daher sind Energiesparmaßnahmen völlig richtig und sind es in jedem Fall wert. Das ist jetzt eine Gemeinschaftsleistung, die uns auch klimabewusster macht. Ein positiver Nebeneffekt.

Trotzdem ist es ein Balanceakt zwischen Sicherheit und Energieeinsparungen. Und ich denke, dass Verwaltungen auch genauso agieren und zum Beispiel nicht das gesamte Licht im öffentlichen Raum ausschalten werden. Es geht darum zu prüfen, welche Möglichkeiten es gibt, Energie zu sparen. Gegebenenfalls gibt es auch ganz einfache Lösungen: energiesparende Lichtquellen einzusetzen, zum Beispiel.

Nicht kontrollieren könnte man allerdings längere Stromausfälle: Wie sollte ich mich verhalten, wenn im öffentlichen Raum plötzlich das Licht ausfällt?

Es kommt darauf an, wie intensiv der Stromausfall tatsächlich ist. Sind ganze Stadtteile betroffen? Oder sind nur bestimmte Bereiche vom Netz genommen? Das Stromnetz ist nach meinem Stand nicht komplett miteinander verwoben, sondern in Areale unterteilt. Da stellen sich wieder neue Fragen: Welche Areale sind das, wie gestaltet sich der Stromausfall ganz konkret, welche Notstromeinrichtungen und Sicherheitsvorrichtungen gibt es in der Stadt? Damit beschäftigen sich die Institutionen und öffentliche Einrichtungen, und damit sind wir in Deutschland ganz gut aufgestellt, auch wenn es immer Luft nach oben gibt.

Wenn im öffentlichen Raum dann doch kein Licht mehr großflächig vorhanden ist, muss ich anhand meines eigenen Sicherheitsempfindens entscheiden, ob ich vor die Tür gehe oder lieber nicht. Muss ich wirklich dringend raus oder kann ich auch einen Termin verschieben, wenn ich zu viel Angst habe? Das ist natürlich individuell. Außerdem werden die Sicherheitsbehörden und auch die Polizei mit entsprechenden Maßnahmen reagieren. Die polizeiliche Präsenz wurde auf der Straße erheblich gesteigert. Ähnliche Maßnahmen werden die Sicherheitsbehörden auch bei Blackouts durchführen, zusätzlich prüfen und die Areale kriminalgeografisch betrachten, zum Beispiel auch, ob bestimmte Bereiche ausgeleuchtet werden müssen. Das hängt allerdings immer von der konkreten Lage und der konkreten Situation vor Ort ab.

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Würden Sie empfehlen, sich prophylaktisch mit Selbstschutzmitteln wie Pfefferspray und Co. zu bewaffnen?

Ich habe eine kritische Haltung zu derartigem Selbstschutz. Zum einen ist es wichtig, dass man sich auch rechtlich gut auskennt, sonst laufen Sie Gefahr, dass Sie sich selbst strafbar machen. Wenn man z. B. über Schreckschusspistolen oder ähnliche Waffen nachdenkt, sollte man intensiv prüfen, ob man diese Waffen wirklich führen darf. Das gilt gleichermaßen für alle gefährlichen Gegenstände. Waffen, Pfefferspray und ähnliche Gegenstände können für einen selbst zur Gefahr werden.

In einer direkten Konfliktsituation kann es sein, dass mir die Waffe oder der Gegenstand entwendet und gegen mich selbst eingesetzt wird. Oder der Wind sich dreht und der Sprühstoß des Sprays mich selbst trifft. Ich würde eher raten, den Notruf 110 oder 112 zu wählen, andere um Hilfe zu rufen und Zuflucht zu suchen, zum Beispiel in einem Geschäft. Am besten ist es natürlich, wenn Sie gar nicht erst in so eine Situation geraten. Hier kann wieder der eigene Sicherheitsradar helfen und indem Sie sich vorausschauend im öffentlichen Raum bewegen.

Was kann ich noch tun, wenn ich im Dunkeln Angst habe?

Hilfreich können auch Anrufe bei den Telefonnummern vom Heimwegtelefon oder bei der Telefonseelsorge sein. Dort kann man anrufen und sich begleiten lassen, 365 Tage im Jahr.

Herr Gel, vielen Dank für das Gespräch.

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Verwendete Quellen
  • Gespräch mit Savaş Gel, Innenexperte und Kriminaloberrat aus Hannover
  • savas-gel.de: Webseite von Innenexperte Savaş Gel
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