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Aue-Coach Dirk Schuster: "Im Fußball sterben die Typen immer mehr aus"

INTERVIEWAue-Trainer Schuster  

"Im Fußball sterben die Typen immer mehr aus"

Von Alexander Kohne

22.09.2020, 08:35 Uhr
Aue-Coach Dirk Schuster: "Im Fußball sterben die Typen immer mehr aus". Erfahrener Mann: Dirk Schuster ist seit einem Jahr Trainer in Aue. Nach dem ersten Spieltag steht er mit den Sachsen auf Platz eins. (Quelle: imago images/Picture Point)

Erfahrener Mann: Dirk Schuster ist seit einem Jahr Trainer in Aue. Nach dem ersten Spieltag steht er mit den Sachsen auf Platz eins. (Quelle: Picture Point/imago images)

Aue-Trainer Dirk Schuster ist ein Freund klarer Worte. Doch diese fehlen ihm im glattgeschliffenen Profigeschäft immer mehr. Er vermisst Persönlichkeiten wie Effenberg oder Basler – und sorgt sich um die Zukunft.    

Dirk Schuster ist der älteste Trainer der 2. Liga. Dabei ist der Coach des FC Erzgebirge Aue gerade einmal 52 Jahre alt. In einer Liga, in der der Altersschnitt seiner Kollegen um die 40 liegt, hebt sich der 200-fache Bundesligaspieler ab – auch, weil er einen etwas anderen Blick auf das Profigeschäft hat.

t-online: Herr Schuster, nach dem unerwarteten Pokal-Aus gegen Viertligist Ulm sind sie mit Aue aufgrund eines 3:0 in Würzburg Tabellenführer der 2. Liga. In der vergangenen Saison waren Sie Siebter. Wie lauten die Ziele für die neue Saison?

Dirk Schuster: Die Ziele sind keine anderen als in den vergangenen Jahren: Wir wollen drei Vereine hinter uns lassen. Und da tun wird gut daran, demütig und realistisch zu bleiben und nicht zu vergessen, mit welchen Voraussetzungen wir von der wirtschaftlichen Seite her agieren. Denn da sind wir einfach nicht in der oberen Hälfte zu finden. Ziel ist es, den FC Erzgebirge mittel- und langfristig in der 2. Liga zu etablieren.

Das hört sich fast genauso an wie vor der Saison 2014/15, als sie mit dem damaligen Aufsteiger Darmstadt sensationell den Aufstieg in die Bundesliga geschafft haben. Ist so ein Märchen auch mit Aue drin?

Nein, nein, nein. Das war eine einmalige Sache, eine Geschichte, die an ein Wunder grenzte. Wir sind damals als Aufsteiger von einer enormen Euphorie getragen worden und in einen unglaublichen Flow gekommen. Aber so etwas kann man nicht planen und schon gar nicht mit dem Wunsch, es zu wiederholen, in eine Saison starten. Wir schätzen die Situation, die wir momentan haben – mit allen Schwierigkeiten der Corona-Pandemie – sehr realistisch ein. Und da muss man ganz klar sagen, trotz eines außerordentlichen siebten Rangs zuletzt: Alles andere als das Ziel Klassenerhalt wäre einfach übertrieben und an der Realität vorbei.

Während eines Großteils Ihrer Vorbereitung sah es so aus, als ob Zuschauer zwar in den unteren Spielklassen und bei Testspielen, aber nicht in den ersten drei Ligen zugelassen werden.

Genau. Und es war für mich totaler Blödsinn, dass in der Vorbereitung oder der vierten Liga Zuschauer erlaubt waren und diese bei Pflichtspielen im selben Bundesland ausgeschlossen werden sollten. Besonders aus Sicht der Fans war das ein Dilemma.

Dirk Schuster wurde 1967 im heutigen Chemnitz geboren. Als Profi machte der Verteidiger 200 Bundesligapartien und bestritt sowohl für DDR wie später auch BRD Länderspiele. Als Trainer führte er Darmstadt aus der 3. in die Bundesliga und wurde 2016 zum Trainer des Jahres gewählt. Seit August 2019 coacht Schuster Aue.

Nun wird in jeder Region individuell entschieden. Im ersten Heimspiel gegen Fürth dürfen am Freitag einige Tausend Fans in Aue dabei sein. Am Wochenende in Würzburg haben Sie vor leeren Rängen gespielt, davor im Pokal in Ulm vor einigen Hundert Fans. Wie fühlt sich das an?

Auch ein paar Hundert Zuschauer sorgen schon für eine ganz andere Atmosphäre als bei Geisterspielen. Generell gilt: Jede Zahl an Zuschauern, tut Spielern und Vereinen gut. Und je mehr es sind, desto besser ist es auch für die Stimmung. Die Gesundheit steht über allem, aber wie auch in anderen Bereichen sollte man sich langsam wieder rantasten und Mittel und Wege suchen, mehr Zuschauer in die Stadien zu lassen, sodass der Fußball wieder Fußball wird.

2015 führte Dirk Schuster (M.) Darmstadt 98 völlig überraschend in die Bundesliga und schaffte dort ein Jahr später trotz des kleinsten Budgets sensationell den Klassenerhalt. (Quelle: imago images/Roskaritz Eibner Press Photo)2015 führte Dirk Schuster (M.) Darmstadt 98 völlig überraschend in die Bundesliga und schaffte dort ein Jahr später trotz des kleinsten Budgets sensationell den Klassenerhalt. (Quelle: Roskaritz Eibner Press Photo/imago images)

Kommen wir zu etwas ganz anderem: Sie sind mittlerweile seit drei Jahrzehnten im Profi-Geschäft dabei. Wie hat sich der Fußball verändert?

Oh, da hat sich wirklich eine Menge getan – und zwar positiv. Das Spiel ist viel schneller geworden und auch in puncto Sportmedizin oder Leistungsdiagnostik hat sich vieles grundlegend verändert. Entsprechende Erkenntnisse werden jetzt viel mehr genutzt – was beispielsweise Themen wie Trainings- und Spiel-Analysen oder auch Ernährung angeht. Aber natürlich gibt es auch Nachteile.

Und die wären?

Innerhalb des Fußballs sterben die Typen immer mehr aus. Damit meine ich Leute, die sagen, was sie denken – etwas, das für Zuschauer interessanter sein kann, als die Worthülsen, die man sonst oft nach einem Spiel zu hören bekommt. Das ist sicherlich auch ein "Verdienst" der sozialen Netzwerke. Denn wenn man mal einen falschen Zungenschlag getan hat, wird das dort oft genutzt, um Spieler heftig zu attackieren. Das geschieht auch unter Synonymen und weit unter der Gürtellinie. Es werden gar anonym Unwahrheiten verbreitet, was gar nicht geht. Das ist so ein bisschen die Geißel der ganzen Geschichte. Außerdem ist die mediale Beäugung größer geworden. Das Fußballgeschäft hat einen anderen Stellenwert bekommen, und im Zuge der größeren Aufmerksamkeit sind die Gehälter stark gewachsen. Als Nebenwirkung hat die Berichterstattung eine größere Bedeutung bekommen. Man kann schnell gehyped, aber auch platt gemacht werden – besonders auch in sozialen Netzwerken. Und das sind Nebenerscheinungen, die mir persönlich nicht so gefallen.

Haben Sie damit selbst schon entsprechende Erfahrungen in sozialen Netzwerken gemacht?

Ich bin dort gar nicht vertreten, deswegen kriege ich das nicht so mit.

Aber Ihr Verein hat ja entsprechende Accounts?

Ja, aber ich beschäftige mich generell nicht damit, was in sozialen Netzwerken geschrieben wird. Da habe ich null Interesse dran. Die direkte Kommunikation, bei der man dem Gegenüber auch die Möglichkeit gibt zu reagieren, ist leider etwas verloren gegangen. Ich finde: Wenn es etwas zu besprechen gibt, kann man das von Angesicht zu Angesicht machen oder – vor allem jetzt in Corona-Zeiten – zumindest einen Telefonhörer in die Hand nehmen. Dann kann man über alles sprechen, gern auch über gewisse Dinge diskutieren. Auf persönlicher Ebene bin ich da für alles offen – egal ob zum Beispiel nach dem Training, bei Fan-Abenden oder morgens beim Bäcker. Ich finde, dann kommt für alle Beteiligten am meisten bei raus.

Dirk Schuster (M., hier neben Ulf Kirsten) absolvierte vor der Wende vier Länderspiele für die DDR und danach drei für die BRD. (Quelle: imago images/Magic)Dirk Schuster (M., hier neben Ulf Kirsten) absolvierte vor der Wende vier Länderspiele für die DDR und danach drei für die BRD. (Quelle: Magic/imago images)

Wären sie bereit, auf Geld zu verzichten, um die beschriebene Entwicklung zurückzudrehen?

Das ist eine relativ spekulative Geschichte – man weiß nicht, ob sich danach wirklich etwas verbessern würde. Das Ganze ist einfach ein Spiegelbild der Gesellschaft. Alles Mögliche wird heute über entsprechende Plattformen im Internet diskutiert und sehr schnell übermäßig positiv bewertet oder extrem negativ beschienen, oft ohne sich genauer mit der Thematik beschäftigt zu haben. Das betrifft nicht nur den Fußball. In anderen Bereichen ist das ja noch viel schlimmer.

Nochmal zu besagten "Typen". Braucht es die im Fußball aktuell mehr denn je?

Es sind einfach Farbtupfer in der grauen Masse, die das Ganze beleben, interessant machen und auch mal zum Lachen oder Diskutieren anregen. Wenn man immer dasselbe hört, macht es keinen Spaß mehr, über gewisse Sachen zu reden. Solche Persönlichkeiten – ob sie Effenberg, Basler oder Matthäus heißen – die die breite Masse etwas spalten und bei denen man bei gewissen Argumenten geteilter Meinung sein kann, beleben den Fußball einfach, machen ihn interessant. Solche Typen würden dem Fußball sicher wieder guttun – aber wie gesagt, sie haben es heute schwer.

Sie sind ebenfalls für klare Aussagen bekannt. Sehen Sie sich auch ein bisschen in dieser Tradition?

Ja, vielleicht aber nicht in dieser extremen Form – und auch nicht in der Spielklasse der hundertfachen Nationalspieler (lacht). Aber ich bin immer für eine offene, klare und vor allem ehrliche Kommunikation – und zwar mit Spielern, Vereinen, Fans und auch Medien. Mir ist immer lieber, wenn jeder weiß, woran er bei mir ist und andersherum genauso.

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