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EM 2021 | Berti Vogts: Robin Gosens muss ein Alarmsignal sein


Ex-Bundestrainer Vogts
Gosens muss ein Alarmsignal sein

MeinungEine Kolumne von Berti Vogts

Aktualisiert am 21.06.2021Lesedauer: 4 Min.
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Joshua Kimmich und Mats Hummels feiern mit Robin Gosens (l.): Der Spieler von Atalanta Bergamo avancierte gegen Portugal zum Matchwinner.Vergrößern des Bildes
Joshua Kimmich und Mats Hummels feiern mit Robin Gosens (l.): Der Spieler von Atalanta Bergamo avancierte gegen Portugal zum Matchwinner. (Quelle: t-online/imago-images-bilder)

Deutschland hat beim Sieg gegen Portugal vor allem durch seine kämpferische Leistung überzeugt. Ein DFB-Spieler ragt dabei zwar heraus. Doch sein

Gott, bin ich froh!

Endlich hat mich ein Spiel unserer Nationalmannschaft mal wieder so richtig begeistert. Ich saß zu Hause auf der Couch, habe geflucht, gejubelt, mitgefiebert. 4:2 gegen die Portugiesen um Superstar Cristiano Ronaldo. Kampf, Leidenschaft und phasenweise eine Weltklasse-Leistung hat das DFB-Team gezeigt. Mann, war das gut.

Sie merken: Ich bin emotional. Und daran haben vor allem zwei Menschen einen Löwenanteil.


Zum einen ist da Bundestrainer Jogi Löw, der nach der 0:1-Pleite im EM-Auftaktspiel gegen Frankreich auch gegen Portugal überraschend an seiner Startformation festhielt – trotz aller Kritik.

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Doch genau diese Sturheit brauchst du als Bundestrainer, um erfolgreich zu sein. Die eigene Überzeugung ist wichtiger als jeder Einfluss von außen. Und das hat Jogi beherzigt. Dafür muss ich ihm ein großes Lob aussprechen.

Ein Bundestrainer muss ein bisschen stur sein

Er hat den elf Spielern aus dem Frankreich-Spiel trotz der Niederlage vertraut, und sie haben ihm dieses Vertrauen gegen Portugal zurückgezahlt. Ein guter Bundestrainer muss auch ein bisschen stur sein. Das ist eine riesige Stärke.


Und dann ist da noch Robin Gosens: der Matchwinner. Viele Portugiesen werden ihn vor der Partie gegen Deutschland gar nicht gekannt haben. Aber jetzt kennt ihn die ganze Fußballwelt. Was er da gestern in München auf dem Feld gezeigt hat, hat mich begeistert. Gosens wetzte die Seitenlinie hoch und runter, schlug Diagonalbälle, warf sich in jede Flanke im Strafraum hinein. Legte Treffer vor, schoss ein Tor selbst. Was für eine irre Leistung! Er war der überragende Mann auf dem Feld.

Und ich freue mich, dass ich am Beispiel Gosens ein Thema aufmachen kann, welches mir seit langer Zeit unter den Nägeln brennt.

Wir brauchen keine Roboter

Gosens hat nie in einem Nachwuchsleistungszentrum gespielt und erst über Umwege in den Profifußball gefunden. Ich sage: Gott sei Dank! Denn die Profiakademien der Bundesligaklubs und des DFB sind mir seit Jahren ein Dorn im Auge. Denn dort wird nicht etwa das individuelle Talent gefördert, sondern die Allgemeinheit der Nachwuchs-Topspieler auf ein gemeinsames Niveau gebracht. Was für ein Quatsch! Wir brauchen keine Roboter, sondern besondere Menschen.

Gut, dass Oliver Bierhoff – der zuständig für die DFB-Akademie ist – Gosens in München live im Stadion gesehen hat. Der Fall Gosens muss ein zusätzliches Alarmsignal für den DFB sein.


Was ich damit meine? In jedem Menschen steckt ein einzigartiges Talent, und das muss individuell gefördert werden. Und da haben wir uns lange in eine falsche Richtung bewegt. Zu lange.

Ich bin mir sicher: Wäre Gosens mit 14 in ein Nachwuchsleistungszentrum gegangen, wäre er heute nicht so besonders, wie er es nun mal ist. Und wahrscheinlich hätten wir ihn dann nach dem Portugal-Spiel auch nicht so gefeiert, wie wir es getan haben. Möglicherweise wäre er gar nicht dabei gewesen. Denn vielleicht hätte ihm ein Akademie-Leiter in der Jugend gesagt, dass es nicht reicht, dass er technisch zu schwach ist, zu dünn ist oder die schulische Leistung zu schlecht ist.


Ich sage: Schluss mit der Gleichmacherei im deutschen Fußball! Wir brauchen wieder echte Talentförderung.


Nur ein Beispiel: Auch ich bin erst mit 18 Jahren zu Gladbach gewechselt, habe vorher nie Kreisauswahl gespielt, weil der Trainer der Auswahl mir damals sagte, dass ich zu klein bin. Und trotzdem wurde ich Nationalspieler.

Und wir sind früher alle diesen individuellen Weg gegangen: Beckenbauer, Netzer, Matthäus und ich. Hat es uns geschadet? Im Gegenteil. Wir haben uns als Fußballer und Menschen weiterentwickelt.

Die Art und Weise, wie Gosens Fußball spielt, ist so besonders, weil ihm in der Jugend nie gesagt wurde, dass er so sein soll wie andere junge Fußballer. Gosens ist seinen eigenen Weg gegangen. Und das ist der einzig richtige.

Gosens wird eine ganz große Karriere machen

Ich bin mir sicher: Er wird eine ganz große Karriere machen. Eine größere, als sie viele seiner Kollegen machen werden. Denn er ist nicht nur ein toller Fußballer, sondern auch ein besonderer Mensch.

Und nun müssen wir hoffen, dass wir auch am kommenden Mittwoch gegen die Ungarn einen gut aufgelegten Gosens – und am besten noch zehn weitere DFB-Spieler – erleben. Denn dann geht es um den Einzug ins EM-Achtelfinale.

Doch nach dem Portugal-Auftritt glaube ich fest daran, dass wir auch das letzte Spiel der Vorrunde gewinnen. Denn so ein Erfolg gibt Rückenwind.

Wir dürfen allerdings nicht den Fehler machen, dass wir gegen die Ungarn nur 70 Prozent unserer Leistungsfähigkeit abrufen. Wir brauchen 100 Prozent. Denn es geht nicht nur um einen Sieg, sondern auch darum, die Menschen vor den Fernsehern weiter zu begeistern und einen Hype zu entfachen – so wie es ihnen bei mir gegen Portugal gelungen ist.

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