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"Situation im Spitzensport ist ein Traum f├╝r Kriminelle"

Von t-online
Aktualisiert am 27.01.2015Lesedauer: 7 Min.
Perikles Simon sieht den Biathlon-Weltverband IBU und seine Doping-Politik kritisch.
Perikles Simon sieht den Biathlon-Weltverband IBU und seine Doping-Politik kritisch. (Quelle: Fredrik von Erichsen/dpa-bilder)
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Von Johann Schicklinski

Im Gespr├Ąch mit t-online.de erkl├Ąrt Simon, warum er im Bereich der Dopingkontrollen eine Reform f├╝r unabdingbar h├Ąlt, was er von der angek├╝ndigten Kooperation russischer Beh├Ârden mit der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA h├Ąlt und warum er nicht an eine "neue Sauberkeit" unter den deutschen Radprofis glaubt.

t-online.de: Herr Simon, Sie pl├Ądieren im Kampf gegen Doping f├╝r einen ungew├Âhnlichen Ansatz: Athleten sollen sich in einer Gewerkschaft organisieren, um Druck auf die Verb├Ąnde und Organisationen aus├╝ben zu k├Ânnen, die f├╝r die Dopingkontrollen zust├Ąndig sind. Dadurch soll eine "Kontrolle der Kontrolle" erreicht werden. F├╝r wie realistisch halten Sie es, dass es zu einem solchen Zusammenschluss der Sportler kommt?

Perikles Simon: Das sind nat├╝rlich zurzeit unrealistische Forderungen, die aber logisch gut begr├╝ndbar sind. Zun├Ąchst einmal muss man ja nicht einmal die Kontrolle kontrollieren, man m├╝sste erst einmal erm├Âglichen, dass die Kontrolle ├╝berhaupt kontrollieren kann und will. Ich glaube, dass sich auf der Athleten-Seite etwas tut. Ich habe R├╝ckmeldungen erhalten, dass Sportler daran Interesse haben und sich das durchaus vorstellen k├Ânnen. Allerdings glaube ich nicht, dass auf institutioneller Seite beim Thema Anti-Doping-Kampf ein gro├čer Reformwille vorherrscht.

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Warum halten Sie diese "Kontrolle der Kontrolle" oder zumindest deren kontrollierte Reform f├╝r notwendig?

F├╝r die wenigen Leute, die im Spitzensport kriminell agieren, ist die jetzige Situation ein Traum. Es gibt praktisch keine Selbstkontrolle, es gibt keine Gewaltenteilung, sie k├Ânnen in Personalunion an verschiedenen neuralgischen Punkten wirken: Anti-Doping-Tests, Verbandst├Ątigkeiten, Exekutivfunktionen - im negativen Fall beinhaltet diese auch gleich die Bestechung ÔÇô und das ├╝ber L├Ąndergrenzen hinweg. Sp├Ątestens der Doping-Skandal in Russland sollte doch allen die Augen ge├Âffnet und gezeigt haben, dass wir eine transparente Kontrolle ├╝ber Grenzen hinweg brauchen. Eine Kontrolle nicht nur der Sportler, sondern auch der Kontrolleure. Doch die Tendenz, in diesem Bereich ├änderungen herbeizuf├╝hren, geht meines Erachtens gegen Null.

Zuletzt stand wieder einmal der Biathlon-Sport am Pranger. Durch nachtr├Ągliche Tests konnte mehreren Athleten Doping nachgewiesen werden - bei den vier ├╝berf├╝hrten Dopings├╝ndern handelt es sich um drei russische und einen ukrainischen Sportler. Macht der Biathlon-Weltverband IBU jetzt ernst?

Ich w├╝rde das eher als "Anti-Anti-Doping-Offensive" bezeichnen, denn ich halte es f├╝r eine Ma├čnahme, die zur Beruhigung der ├ľffentlichkeit dient. Man hat bei der IBU offensichtlich festgestellt, dass man Dreck am Stecken hat und diesen beseitigen muss. Dort wussten die Verantwortlichen wohl schon l├Ąnger, dass bestimmte Athleten nicht sauber sind. Deshalb hat man diese wohl noch einmal gezielt getestet. Nun hat der Verband f├╝r die ├ľffentlichkeit vier Dopings├╝nder, verweist stolz auf diese Alibi-Ma├čnahmen und kann sagen: "Seht her, wir tun etwas gegen Doping." Dabei hat der Verband nur das getan, was er schon l├Ąngst h├Ątte tun sollen.

Eine reine PR-Ma├čnahme seitens des Verbandes?

Es sieht bei den genannten Namen zumindest nach einem Bauernopfer aus. Es geht nur darum, den Schein zu wahren und sich im Nachhinein reinzuwaschen. Wer soll denn das bitte ernst nehmen? Diese Aktion ist bedenklich und l├Ąsst einen im Grunde verzweifeln.

Weil sich nichts ├Ąndern wird?

Das ist doch geradezu ein Signal, dass alles beim Alten bleibt ÔÇô sprich der Verband h├Âchstens auf Druck gegen dann meist offensichtliches Doping vorgeht. Wenn das einen vorsichtig dopenden Sportler nicht bei seinen unrechtm├Ą├čigen Aktivit├Ąten best├Ąrkt, dann wei├č ich auch nicht.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie h├Âren, dass die italienische Staatsanwaltschaft seit l├Ąngerer Zeit wegen angeblicher Dopingverstrickungen gegen den italienischen IBU-Vizepr├Ąsident Gottlieb Taschler und dessen Sohn Daniel ermittelt?

Das erstaunt mich nicht. Ich w├╝rde sch├Ątzen, dass das in ├Ąhnlicher Form bei den meisten Sportverb├Ąnden weltweit vorkommt. Alleine schon aufgrund der angesprochenen Struktur der mangelnden Selbstkontrolle f├Ârdert man genau diese Leute, die den Betrug suchen, denn sie sind genau in so einem System erfolgreich.

Es ist ja nicht nur ein Problem des Biathlons, sondern auch der Leichtathletik und weiterer Sportarten in Osteuropa und speziell in Russland. Die russischen Beh├Ârden haben Ende Dezember angek├╝ndigt, k├╝nftig enger mit der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA kooperieren zu wollen. Sehen Sie da einen ernsthaften Reformwillen?

Das klingt f├╝r mich eher nach einer "Allianz des Schreckens". Ich w├╝rde den Blick gerne auf die WADA wenden, denn die Frage, die sich mir aufdr├Ąngt, ist: Was wusste die WADA eigentlich und warum hat sie nicht fr├╝her reagiert? Die WADA setzt sich in ihrem obersten Kontrollausschuss ├╝berwiegend aus Verbandsfunktion├Ąren zusammen, was wiederum die Frage nach deren Unabh├Ąngigkeit aufwirft. Das dortige "Stakeholder"-Modell muss ├╝berdacht werden, denn sonst ist die WADA nicht unabh├Ąngig genug.

Robert Harting hat diese Problematik ja auch schon thematisiert und Änderungen gefordert. Sie stimmen mit ein?

Ja, ich muss Robert Harting Recht geben. Es darf nicht so weitergehen, es muss eine unabh├Ąngige Instanz gebildet werden.

Wie realistisch ist das in Ihren Augen?

Leider wird das in absehbarer Zeit nicht geschehen. In vielen L├Ąndern genie├čt das Thema Anti-Doping-Kampf nicht absolute Priorit├Ąt und ohne einen internationalen Konsens wird sich nichts ├Ąndern.

Evi Sachenbacher-Stehle wurde im letzten Jahr in Sotschi positiv auf die verbotene Stimulanz Methylhexanamin getestet. Sie schob das auf verunreinigten Tee. Ihre Sperre wurde dann im letzten Herbst von zwei Jahren auf sechs Monate reduziert. Sie hat zwischenzeitlich ihre Karriere beendet und erw├Ągt nun eine Klage gegen die IBU. Wie bewerten Sie die ganze Personalie mit etwas Abstand?

Einen Tee mit einem Nahrungserg├Ąnzungsmittel muss sicherlich kein Sportler zu sich nehmen, es sei denn, man erwartet sich davon eine Wunderwirkung. Im Fall von Frau Sachenbacher-Stehle hatte dieser offensichtlich diese Wunderwirkung (lacht). Aber ernsthaft: Sie war Hochleistungssportlerin, stammt aus einer westlichen Industrienation und hatte ├╝ber zehn Jahre Erfahrung in der absoluten Weltspitze. So bleibt f├╝r mich die Frage, warum ihr das passiert ist. Sportler merken ja normalerweise, wenn etwas auf die eigene Leistung einwirkt. Und Methylhexanamin hat so eine starke Wirkung, dass ein erfahrener Sportler das wahrnehmen muss.

Welche Erfahrung k├Ânnen noch aktive Athleten aus dieser Doping-Aff├Ąre mitnehmen?

Allgemein l├Ąsst sich sagen: Es ist allen Profi-Sportlern davon abzuraten, Nahrungserg├Ąnzungsmittel einzunehmen, so sie nicht absolut von N├Âten sind. Oft hat man im Hochleistungssport Scharlatane, die einem einfach nur behaupten: Nimm doch mal dies oder das, es wird deine Leistung steigern. Da sollte man als Athlet die Finger davon lassen.

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Ein weiteres Thema, das in Zusammenhang mit Doping j├╝ngst f├╝r Aufmerksamkeit gesorgt hatte, ist die Ank├╝ndigung der ARD, die Live-Berichterstattung von der Tour de France wieder aufzunehmen. Dabei war der Senderverbund vor wenigen Jahren wegen zahlreicher Dopingskandale ausgestiegen. Anfang Januar wurde der Wiedereinstieg ├Âffentlich gemacht, angeblich verbunden mit einer Ausstiegsklausel im Falle eines erneuten Dopingskandals. Wie bewerten Sie diesen Schritt?

Durch diese Klausel entsteht ein Druck auf Verb├Ąnde und Veranstalter. Wenn ein Vergehen ├Âffentlich wird, kommt es zu Repressalien. TV-Sender ziehen sich zur├╝ck, Geld geht verloren. Damit w├Ąchst der Druck, dass m├Âglichst kein Vergehen aufgedeckt wird. Rein theoretisch f├Ąnde ich deshalb eine Klausel besser, die im Falle eines positiven Dopingfalls beinhaltet, dass das urspr├╝nglich f├╝r die ├ťbertragung vorgesehene TV-Geld in den Anti-Doping-Kampf und damit auch in die Rehabilitation und in die Zukunftsausrichtung der betroffenen Sportart gesteckt wird. Damit w├╝rden die TV-Sender mehr Verantwortung ├╝bernehmen, anstatt nur Druck weiterzugeben, der letztendlich doch beim Athleten landet.

Ist der Schritt der ARD f├╝r sie nachvollziehbar?

Den Schritt zuvor finde ich eher interessant. Denn konsequenterweise h├Ątte die Entscheidung, aus der Tour-de-France-Berichterstattung auszusteigen, mit sich bringen m├╝ssen, aus der Berichterstattung ├╝ber alle olympischen Sportarten auszusteigen. So richtig plausibel war es f├╝r mich nicht, warum Radsport nicht mehr ├╝bertragen wurde, beispielsweise Biathlon, Triathlon oder auch Leichtathletik schon.

Die deutschen Radprofis wie Marcel Kittel oder Tony Martin, die in den letzten Jahren speziell bei der Tour de France sehr erfolgreich waren, pr├Ąsentieren sich immer wieder auch als Vork├Ąmpfer im Anti-Doping-Kampf und stehen in der ├ľffentlichkeit f├╝r die "neue Sauberkeit" des Radsports. Glauben Sie daran, dass zumindest unter den deutschen Fahrern ein Umdenken eingesetzt hat?

Ich finde es zumindest auff├Ąllig, wie gewisse Nationen immer in Zyklen erfolgreich sind. Bis vor kurzem waren es die Engl├Ąnder, davor war es eine andere Nation, aktuell sind es wir Deutschen. F├╝r mich als Au├čenstehenden ist das nicht wirklich plausibel. Liegt das an bestimmten Trainingsmethoden, an der Verlagerung von Geldern oder an etwas anderem? Hierzu m├╝sste mich mal jemand aufkl├Ąren. An ein generelles Umdenken, auch unter den deutschen Fahrern, glaube ich pers├Ânlich hingegen nicht mehr.

Wie k├Ânnten die deutschen Radprofis Sie von ihrer Sauberkeit ├╝berzeugen?

├ľffentliches Beteuern der eigenen Unschuld befeuert zun├Ąchst einmal immer mein Misstrauen (lacht). Das reicht nicht aus. Ich f├Ąnde es gut, wenn sich die deutschen Fahrer organisieren ÔÇô vielleicht auch mit Radprofis aus anderen L├Ąndern ÔÇô und konkrete Ma├čnahmen in die Wege leiten, welche die ├ľffentlichkeit ├╝berzeugen. Das kann zum Beispiel das Bestreiken von Wettk├Ąmpfen oder Veranstaltungen sein, bei denen man vorher wei├č, dass auch gedopte Sportler mit dabei sind. Es kann und darf auch sein und auch vom Zuschauer erwartet werden, dass Sportler ganz klare Forderungen entwickeln, die es sauberen Fahrern besser erm├Âglicht an Wettk├Ąmpfen ├╝berhaupt partizipieren zu k├Ânnen. Hierf├╝r sollte man sich ├╝berlegen, wie man den Wettbewerb insgesamt so gestaltet, dass leistungssteigernde Verfahren deutlich schwerer durchzuf├╝hren sind und auch einen, relativ gesehen, m├Âglichst geringen Einfluss auf das Abschneiden im Wettkampf haben. Wer bitte hat genau was in die Sauberkeit des Radsports investiert, seit wir wissen, dass ganze Radsportteams mit allem, was angeblich nachweisbar ist, die Tour wiederholte Male durchradeln konnten? Genau was davon hat die Athleten ver├Ąndert? Als organisierte Gemeinschaft h├Ątten die Radprofis die M├Âglichkeit, Medien, Veranstalter oder Verb├Ąnde unter Druck zu setzen gemeinsam an einer saubereren Zukunft zu arbeiten. Die Geschichte zeigt uns, dass Tour-de-France-Fahrer streiken k├Ânnen, wenn sie etwas wirklich interessiert. Zuletzt taten sie das bei der Tour 1998 im Rahmen des bislang gr├Â├čten Dopingskandals, der wohlgemerkt durch polizeiliche Ermittlungen ausgel├Âst wurde. Damals solidarisierten sie sich offen mit den gedopten Fahrern und mit den dopenden Teams. Seitdem warte ich vergeblich auf ein Zeichen, dass sich irgendetwas ge├Ąndert haben k├Ânnte.

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