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Der Fall Eberl und die Folgen: Der Profifußball unter Druck

Von dpa
Aktualisiert am 02.02.2022Lesedauer: 5 Min.
Der Mainzer Sportvorstand Christian Heidel glaubt nicht, dass sich das FußballgeschĂ€ft nach dem RĂŒcktritt von Max Eberl Ă€ndern wird.
Der Mainzer Sportvorstand Christian Heidel glaubt nicht, dass sich das FußballgeschĂ€ft nach dem RĂŒcktritt von Max Eberl Ă€ndern wird. (Quelle: Werner Schmitt/dpa./dpa)
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Berlin (dpa) - Das Ball rollt wieder, natĂŒrlich. Eine Woche nach dem bemerkenswerten RĂŒcktritt von Max Eberl kehrt der Profifußball an diesem Wochenende zu seinem TagesgeschĂ€ft zurĂŒck.

Ein paar Tage lang, nachdem Eberl mit TrĂ€nen in den Augen offenlegte, einfach "keine Kraft mehr" fĂŒr dieses erschöpfende GeschĂ€ft zu haben, das von so vielen Seiten zerrt, wurde mehr oder minder ernsthaft diskutiert. Sind Eberls Worte ein Warnsignal? Frisst der Fußball jene, die zu viel geben, auf? Eine ĂŒberfĂ€llige Debatte zwar. Aber eine, die lĂ€ngst da gewesen ist.

Fußball "zu 100 Prozent in der Öffentlichkeit"

Christian Heidel ist einer, der das wissen muss. Der Sportvorstand des FSV Mainz 05 kennt das GeschĂ€ft seit drei Jahrzehnten, arbeitete zwischenzeitlich auch in Gelsenkirchen beim aufgeregten FC Schalke 04. Schonender ist der Umgang nicht geworden, im Gegenteil. "Der Unterschied zu meinen AnfĂ€ngen in den 90er Jahren ist, dass sich das GeschĂ€ft inzwischen zu 100 Prozent in der Öffentlichkeit abspielt. Alles wird kommentiert, alles wird bewertet", sagt Heidel (58) der Deutschen Presse-Agentur. Da baut sich Druck auf.

"Das eine sind die Medien, die inzwischen ja sekundengetreu berichten", fĂŒhrt Heidel aus. "Das zweite sind einfach die Sozialen Medien, die es damals nicht gab. Das betrifft ja nicht nur den Fußball, das ist ja in der Politik genau das Gleiche." Entscheidungen wĂŒrden praktisch in Echtzeit von Millionen Menschen bewertet. "Manchmal in einer Art und Weise, die schwierig ist. Aber darĂŒber beschwere ich mich nicht - das ist der Job", sagt Heidel.

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Das Problem der durch die Sozialen Medien praktisch glĂ€sernen Akteure des Fußballs ist ein StĂŒck weit hausgemacht - schließlich wird damit gut verdient. Wer Millionen Follower bei Facebook, Twitter, Instagram und Co. feiert, muss zwangslĂ€ufig damit rechnen, dass etliche davon Grenzen ĂŒberschreiten. Diese Entwicklung, unter der in Corona-Zeiten neben Politikern auch die bekannten Virologen leiden, kann der Fußball kaum zurĂŒckdrehen.

Social Media erhöht den Druck

"Diese Schraube hat in den letzten Jahrzehnten enorm angezogen. Mit Social Media kommen Hunderttausende Cheftrainer dazu", sagt der renommierte Sportsoziologe Gunter Gebauer der dpa. "Es ist schon erstaunlich, wie viel Druck die Spieler, Sportdirektoren und Trainer aushalten mĂŒssen. Es sind sehr viele Stimmen, die sich einmischen." Beispiele fĂŒr GrenzĂŒberschreitungen gibt es zur GenĂŒge.

Der Schiedsrichter Felix Zwayer (40) berichtete von Anfeindungen und Hass, gar von einer Morddrohung nach seiner umstrittenen Leitung des Bundesliga-Spitzenspiels zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern MĂŒnchen im Dezember. Und Eberl (48) nahm seinen eigenen RĂŒcktritt als Paradebeispiel. Bekannt geworden war seine Entscheidung schon am Vorabend der offiziellen Pressekonferenz am vergangenen Freitag. "Was dann in 24 Stunden daraus gemacht wird und was alles gesprochen und spekuliert wird, ist genau das, was mich tatsĂ€chlich krank macht", sagte er. Es werde "kommentiert, beurteilt, verurteilt" - und die Person, "die es trifft, die hat noch nicht mal ein Wort gesagt."

Das ist ein Faktor, die Arbeitsbelastung ein anderer, den der Profifußball beileibe nicht exklusiv hat. Es ist ein extrem weites Feld. Das Burn-out-Syndrom, im Grundsatz der Zustand der emotionalen und dadurch auch körperlichen Erschöpfung, ist lĂ€ngst eine Volkskrankheit geworden. Dem "Psychreport" der DAK-Gesundheit zufolge gab es im ersten Corona-Jahr 2020 in der Arbeitswelt "wegen psychischer Erkrankungen" so viele Ausfalltage wie noch nie. Die Techniker Krankenkasse veröffentlichte Ende 2021 eine reprĂ€sentative Umfrage mit der Einleitung: "Deutschland steht unter Stress".

Heidel warnt vor den Belastungen

Heidel betont auch deshalb: "Unsere Berufsgruppe nimmt sich nicht heraus, dass sie mehr oder hĂ€rter arbeitet als andere. Wir wollen kein Mitleid." Dennoch könnten die VerhĂ€ltnisse im Fußball "nur Leute beurteilen, die das erlebt haben - dazu zĂ€hle ich Politiker. Die sind auch noch schlechter bezahlt als die in der Fußballbranche."

Wohin im schlimmsten Fall Erschöpfungssyndrome und Burn-out fĂŒhren können, musste der Fußball 2009 beim Suizid des an Depressionen erkrankten Nationaltorwarts Robert Enke erfahren. "Dass der Fußball dann sehr ungesund ist, sieht man daran, dass immer wieder Depressionen bekannt werden", sagt Gebauer (78). "Das kann auch heißen, man hat eine Rolle gespielt, zu der man gar nicht steht."

Es sei immer ĂŒberraschend, wenn die Betroffenen an die Öffentlichkeit gehen, "weil die Sportwelt Bilder von Akteuren zeigt, die voll im Saft stehen, die voller Energie und PlĂ€ne sind", sagt der emeritierte Professor fĂŒr Philosophie und Sportsoziologie an der FU Berlin. "Und die auch damit umgehen können, wenn der Misserfolg kommt. Aber das mag oft auch nur Fassade sein. Dahinter ist sehr viel verborgen, hinter dieser Fassade einer Selbstsicherheit, die man im Sport unbedingt halten muss."

Vor vier Jahren berichtete der langjĂ€hrige Nationalspieler und Weltmeister von 2014, Per Mertesacker (37), ĂŒber seine körperlichen Reaktionen auf die Erwartungshaltung, die auf den Profis lastet. "Als sei das, was dann kommt, symbolisch gesprochen, einfach nur zum Kotzen", sagte der 104-malige Nationalspieler in einem "Spiegel"-Interview. Wie nach Eberls Pressekonferenz wurde damals betroffen diskutiert - hat sich was geĂ€ndert?

Eberl trifft eine Entscheidung fĂŒr sich

"Wir diskutieren jetzt, aber wir werden es nicht Ă€ndern. NĂ€chste Woche geht es genauso weiter - das ist einfach so", sagt Heidel. Er habe "sehr großen Respekt" vor Eberls Entscheidung, "ich glaube aber nicht, dass sich etwas Ă€ndern wird." Gebauer weist darauf hin, dass die eine Änderung nicht zu finden sein wird, ein Ansatz: "Man mĂŒsste öffentlich stĂ€rker darauf hinwirken mit Stellungnahmen, dass es nicht angeht, wenn Sportler und Sportdirektoren mit Hass bombardiert werden. Es besteht unbedingter Handlungsbedarf bei den Vereinen - aber auch die Medien mĂŒssen sensibler werden."

Der langjĂ€hrige Club-Manager Heribert Bruchhagen (71) hatte vor sechs Jahren in einem Interview der "SĂŒddeutschen Zeitung" gesagt: "Kein Manager in der Bundesliga ist ĂŒberarbeitet." Das "Image der Gestressten" werde angedichtet. Am Montag aber berichtete er auf dpa-Anfrage, er könne sich "gut" in die Situation von Eberl hineinversetzen. "Die habe ich auch oft erlebt. Aber ich habe diesen Schritt nicht gemacht. Das, was ich von Max gesehen habe, war authentisch. FĂŒr mich kommt das aber nicht infrage."

Eberl selbst deutete an, was befĂŒrchtet werden muss. "Ich weiß, ich werde die Schnelllebigkeit nicht zurĂŒckholen, ich werde diese Rastlosigkeit, die um uns alle herum ist, nicht stoppen können", sagte er. Aber: "Ich kann sie fĂŒr mich stoppen und das tue ich gerade im Moment."

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