Sie sind hier: Home > Sport >

Olympia 2021: Zverev und die Achterbahn – der Junge mit der Goldkette


Olympiasieger Zverev im Porträt  

Der Anti-Becker

01.08.2021, 12:09 Uhr
Olympia 2021: Zverev und die Achterbahn – der Junge mit der Goldkette. Alexander Zverev schrieb Geschichte: Der Deutsche holte das erste deutsche Gold im Herren-Einzel. (Quelle: Reuters/Mike Segar)

Alexander Zverev schrieb Geschichte: Der Deutsche holte das erste deutsche Gold im Herren-Einzel. (Quelle: Mike Segar/Reuters)

Deutschlands bester Tennisspieler ist am Ziel seiner Träume angekommen: Gold bei Olympia. Es ist der nächste Schritt in einem langen Reifeprozess – der schon 2020 Fahrt aufnahm. Ein Porträt.

Da saß er, alleine auf der Bank auf dem Center Court der Tennisanlage von Tokio, bei drückenden, schwülwarmen Temperaturen am späten Freitagabend Ortszeit. Keine Zuschauer, keine Jubelstürme, nur er und sein Erfolg. Vergrub sein Gesicht in ein Handtuch. Weinte Tränen. Konnte es nicht fassen.

Und doch: Es war Realität: Alexander Zverev hatte soeben Novak Djokovic, den Getriebenen, den Besessenen, den aktuell Besten der Welt besiegt und das Finale der Olympischen Spiele erreicht. Ein mitreißendes, packendes, am Ende furioses 1:6, 6:3, 6:1. Eine Achterbahnfahrt, wie sie mit dem Shinkansen, diesem stets auf die Sekunde pünktlichen Schnellzug, einem Wahrzeichen Japans, niemals möglich gewesen wäre.

Eine Achterbahnfahrt, die so nur möglich war mit: Alexander Zverev.

Die "Adria-Tour" 2020 wurde zum Fiasko

Im Gegensatz zur furiosen Aufholjagd gegen den "Djoker" glich der goldbringende Sieg im Finale gegen den Russen Karen Chatschanow am Sonntag (6:3,6:1) eher einer entspannten Auftaktrunde eines 500er-Turniers. Doch das war es nicht. Der immer noch junge Hamburger stand im Olympia-Finale, es war der Höhepunkt seiner bisherigen Karriere – die trotz seiner 24 Jahre schon reicher an Hochs und Tiefs ist als jede Wetterkarte. Besonders seit 2020 hat Zverev, so scheint es, einen Reifeprozess vollzogen – es war ein turbulentes Jahr für einen, der bisher noch nie so richtig geliebt wurde von der deutschen Öffentlichkeit – ändert sich das Verhältnis nun? Nach der Goldmedaille, in diesen bewegenden Tagen von Tokio? 

Völlig aufgelöst: Alexander Zverev nach dem Sieg über Novak Djokovic im Halbfinale der Olympischen Spiele. Am Sonntag veredelte er seinen großen Erfolg und holte Gold.  (Quelle: imago images/Schreyer)Völlig aufgelöst: Alexander Zverev nach dem Sieg über Novak Djokovic im Halbfinale der Olympischen Spiele. Am Sonntag veredelte er seinen großen Erfolg und holte Gold. (Quelle: Schreyer/imago images)

Noch vor etwas über einem Jahr steht der heutige Olympia-Held stark in der Kritik: Im Juni 2020 nimmt Zverev an der umstrittenen Adria-Tour von Novak Djokovic teil, spielt in Showmatches beispielsweise in Belgrad vor vollen Tribünen – mitten in der ersten Hochphase der Corona-Krise. Dazu machen Videos vom oberkörperfreien Zverev auf Partys in Monaco die Runde – keine Masken, kein Sicherheitsabstand. "Man muss sich schon an den Kopf fassen", kritisiert auch der frühere deutsche Weltklassespieler Nicolas Kiefer danach bei t-online. "Mit gesundem Menschenverstand hätte man das doch nicht gemacht." Wenig später werden gleich mehrere Teilnehmer des Turniers positiv getestet, darunter Djokovic selbst.

Zverev ist nicht darunter, kündigt danach öffentlich an, sich für 14 Tage in Quarantäne zu begeben – und wird nur wenige Tage später erneut beim Feiern erwischt. "Mann, wie egoistisch kannst du sein?" ätzte sein meinungsstarker und selbst nicht immer pflegeleichter Kollege Nick Kyrgios. "Wenn Du schon so dreist bist, Dein Management in Deinem Namen eine Nachricht schreiben zu lassen, dass Du Dich für 14 Tage in Selbstisolation begibst und Dich bei der Öffentlichkeit entschuldigst, dann halte Dich doch dran. Mein Gott, das kotzt mich an."

"Mein Vater wird immer mein wichtigster Trainer bleiben"

Da war es wieder, das Image des arroganten Schnösels mit der Goldkette um den Hals, das Zverev seit Jahren schon verfolgt und bis heute noch nicht ganz warm werden ließ mit dem deutschen Publikum. Das Verhältnis auch zu den Medien: angespannt. Schon sein Benehmen auf dem Court: mal überheblich, mal zu verbissen, mal unkonzentriert. Wurde Deutschlands großes Tennis-Idol Boris Becker zu aktiven Zeiten Publikumsliebling und unvermeidbar zum "Bobbele" verniedlicht, war er stets der Nahbare, der Nette, der Mitreißende, wird er noch heute für seine sportlichen Erfolge verehrt, sind Zverev und die deutsche Öffentlichkeit seit Jahren auf gleichbleibender Distanz zueinander.

Und auch sein Spiel: Sein Hang zu verhängnisvollen Doppelfehlern in wichtigen Spielsituationen kostet ihn ein ums andere Mal Matches, 220 davon leistet er sich im Jahr 2020, mehr als jeder andere Spieler der Tour. Lange noch zerschmettert er seine Schläger, er schimpft, er beschwert sich – eben wie ein begnadetes Talent, das noch lernen muss. Schon 2017, mit nur 20 Jahren, klettert Zverev trotz aller Unebenheiten auf Platz drei der Weltrangliste – der ganz große Wurf lässt aber auf sich warten.

Dabei läuft es mit dem Lernen eigentlich von Beginn an ganz gut: Er wächst in einem Tennis-Haushalt auf, sowohl Vater Alexander Senior als auch Mutter Irina waren früher selbst aktiv, führen den jungen Sascha bereits mit drei Jahren an den Tennissport heran, wie schon zuvor den fast zehn Jahre älteren Bruder Mischa. 2011 steigt er mit 13 Jahren in die Junior-Tour der ATP ein, 2013 setzt er sich dort auf Platz eins der Rangliste, wechselt wenig später zu den Profis.

Alexander Zverev im Jahr 2018: Der Deutsche gewann die ATP-Finals und bezwang dafür im Finale Novak Djokovic.  (Quelle: imago images/Colorsport)Alexander Zverev im Jahr 2018: Der Deutsche gewann die ATP-Finals und bezwang dafür im Finale Novak Djokovic. (Quelle: Colorsport/imago images)

"Mein Vater wird immer mein wichtigster Trainer bleiben", betont Zverev noch heute immer wieder. Allerdings: "Ich muss meiner Mutter für meine gute Technik danken, das hat sie mir ganz früh beigebracht. Besonders meine Rückhand kommt hundertprozentig von ihr", erklärte er dem englischen "Telegraph" vor einigen Jahren. Der Papa dagegen habe ihm eher "physisches Training auf sowjetische Art" beigebracht.

Gefühlsausbruch in New York 2020

Mit gleich einigen anderen Trainern wird Familienmensch Zverev nie richtig warm: Im Sommer 2017 versucht sich der frühere Weltranglistenerste Juan Carlos Ferrero am Juwel – nur, um wenige Monate später nach den Australien Open im folgenden Januar wieder gefeuert zu werden. "Wir hatten einen Streit, bei dem er meinem restlichen Team gegenüber sehr respektlos war, deshalb musste ich die Zusammenarbeit beenden", erklärt Zverev danach. Dann engagiert er ab August 2018 den achtmaligen Grand-Slam-Sieger Ivan Lendl. Auch diese Partnerschaft endet früh, im Juli 2019. Zverev wirft dem langjährigen Weltklassespieler vor, sich "mehr für seinen Hund oder für Golf zu interessieren" als für professionelles Coaching.

2020 stößt David Ferrer zum Team, ebenfalls ein früherer Weltklassespieler. Unter dem Spanier erreicht er – nur wenige Wochen nach den Negativschlagzeilen um Partyvideos und Djokovics Adria-Tour – das Finale der US Open in New York. 6:2, 6:4, 4:6, 3:6, 6:7 in einem mitreißenden Endspiel gegen den Österreicher Dominic Thiem. Zverev verliert auf dramatische Weise sein erstes Grand-Slam-Finale. Und gewinnt doch – weil er sich danach von seiner menschlichen Seite zeigt. 

Denn nach der Niederlage bricht es aus dem mitunter unnahbar wirkenden jungen Mann heraus: "Es sind einige wichtige Leute, die heute fehlen. Ich möchte meinen Eltern danken", sagt Zverev im leeren Rund von Flushing Meadows, ehe ihm die Stimme versagt und er die Tränen nicht mehr zurückhalten kann. Er muss ergriffen mehrmals neu ansetzen, bis er den Satz vollenden kann. Dass seine Eltern wegen der Corona-Krise nicht bei ihm sein konnten, habe ihn sehr mitgenommen.

Kritik an Medien: "Oh mein Gott"

Da ist er dann doch, Zverev, der Emotionale. Der Fußball (Bayern München) und Basketball (NBA-Klub Miami Heat) liebt und mal freimütig erzählt hat, dass er bei Roger Federer – der Schweizer ist sein großes Idol – richtige "Fan-Momente" hat. 

Dass auch die Zusammenarbeit mit Ferrer im Januar 2021 schon früh endet, trifft ihn. Anders als bei seinen vorherigen Coaches scheint es gepasst zu haben. Zwar erklärt Ferrer danach: "Ich bin im Moment einfach nicht der Richtige, um Alexander zu helfen", der Spieler selbst aber widmet ihm bewegende Worte in einem langen Instagram-Post. Fügte im Interview mit Eurosport noch an: "Ich wollte ihn nicht loslassen. Ich habe ihn geliebt als Trainer. Für mich war er der beste Trainer – abgesehen von meinem Vater."

Nun lenkt wieder Papa Zverev die Karriere seines Sohnes, auch Bruder Mischa wird ins Trainerteam geholt. Die Ergebnisse, sie wechseln sich trotzdem ab: Viertelfinal-Aus bei den Australien Open (gegen Djokovic), Erstrundenniederlage beim ATP-Turnier in Rotterdam, Turniersieg in Acapulco, Zweitrundenaus in Miami, dritte Runde Monte Carlo, Viertelfinale München, Turniersieg – sein insgesamt 15. – in Madrid Anfang Mai. Danach macht er sich Luft: "Ich habe gerade ein Masters gewonnen und es gibt keine Frage in Deutsch. Oh mein Gott", sagt Zverev auf der Pressekonferenz nach seinem Erfolg. Fügt beim Abgang noch an: "Wie Sie sehen, interessiert es die Deutschen wirklich nicht." 

Die Ergebnisse seitdem: Knappe Niederlage im Halbfinale der French Open gegen Stefanos Tsitsipas, Achtelfinale in Wimbledon, wo er sich – ein bitterer Rückfall in alte und noch nicht so lange vergangene Zeiten – gegen den Kanadier Felix Augier-Aliassime 20 (!) Doppelfehler leistet. Jetzt Gold bei Olympia – und emotionale, reife Töne danach. "Am Ende des Tages möchte ich den Tennissport in Deutschland populär machen. Ohne Tennis wäre ich auch nicht wirklich jemand. Diese Sportart hat mir eine Goldmedaille gegeben. Und ich möchte, dass auch die nächste Generation die Sportart verfolgt."

Eine Sportart, in der er mit dem Triumph von Tokio (im Halbfinale und Finale übrigens: Kein einziger Doppelfehler!) das nächste Hoch auf der Achterbahnfahrt seiner Karriere erreicht hat. Einer Karriere, die vielleicht bald die nächste Kurve nimmt. Nicht nach unten, sondern weiter nach oben für den Anti-Becker.

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Media Markttchibo.deOTTOWeltbildbonprix.deLIDLBabistadouglas.deMadeleine

shopping-portal

Hinweis:

Der Internet Explorer wird nicht länger von t-online unterstützt!

Um sicherer und schneller zu surfen, wechseln Sie jetzt auf einen aktuellen Browser.

Wir empfehlen unseren kostenlosen t-online-Browser: