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Monica Seles: Wie das Attentat vor 25 Jahren alles änderte

Vor 25 Jahren am Hamburger Rothenbaum  

Wie das Attentat das Leben von Seles veränderte

30.04.2018, 13:43 Uhr | sid

Monica Seles: Wie das Attentat vor 25 Jahren alles änderte. Monica Seles: Nach der Messerattacke ist sie zusammengebrochen und wird von Helfern versorgt. (Quelle: imago images/Norbert Schmidt)

Monica Seles: Nach der Messerattacke ist sie zusammengebrochen und wird von Helfern versorgt. (Quelle: Norbert Schmidt/imago images)

Ein Mann attackierte Tennis-Star Seles vor 25 Jahren mit einem Messer, um Steffi Graf zurück auf den Tennisthron zu verhelfen. Ein Fall mit heftigen Folgen.

Als Günter Parche am 30. April 1993 mit einer Plastiktüte in der Hand die Tennisanlage am Hamburger Rothenbaum betritt, hat er Angst. Der arbeitslose Dreher aus Görsbach in Thüringen sorgt sich jedoch nicht um die Kontrollen am Eingang an der Hallerstraße. Er sorgt sich nicht darum, dass die Ordner das Ausbeinmesser in seiner Tasche entdecken und ihn verhaften lassen könnten. Parche fürchtet, auf der roten Asche des Center Courts auszurutschen – und zu scheitern.

Parche stößt mit beiden Händen zu

Also beschließt er, Monica Seles das Messer in den Rücken zu rammen. Ein Angriff von hinten, in sicherem Stand auf der Tribüne, und sein Star ist zurück an der Spitze. Ein Attentat für Steffi Graf – das hatte Parche geplant.

An diesem Freitagnachmittag spielt Seles nicht ihr bestes Tennis und steht doch auf dem Sprung in die nächste Runde. Im Viertelfinale des WTA-Turniers führt die Weltranglistenerste aus Jugoslawien 6:4, 4:3 gegen Magdalena Maleewa, es könnte der letzte Seitenwechsel der Partie sein. "Die Pause in einem solchen Spiel dauert gewöhnlich etwa eine Minute, ich musste mich also beeilen", gibt Parche später beim Landeskriminalamt zu Protokoll. Mit beiden Händen stößt er zu.

Monica Seles 2015. Sie lacht – doch das Attentat "beschädigte ihre Seele", wie sie sagt. (Quelle: imago images/UPI Photo)Monica Seles 2015. Sie lacht – doch das Attentat "beschädigte ihre Seele", wie sie sagt. (Quelle: UPI Photo/imago images)

Seles: "Mir kam das Wort 'erstochen' in den Sinn"

Lange hat Günter Parche an seinem Plan gefeilt, schnell setzt er ihn in die Tat um. Ein Stich zwischen Wirbelsäule und Schulterblatt und Parches Träume werden Wirklichkeit. Doch zum Glück dringt des Messer "nur" zwei Zentimeter tief in den Rücken ein, Seles hatte sich gerade weit nach vorne gebeugt. Dennoch fügt Parche Monica Seles eine Wunde zu, die niemals verheilt, und hilft seiner Königin zurück auf den Tennis-Thron.

Während Ordner und Zuschauer Parche zu Boden ringen, bekommt dieser mit, wie Seles einen spitzen Schrei ausstößt, aufsteht und zum Netz taumelt. Seles greift sich an den Rücken, sieht das Blut an ihrer Hand, realisiert jedoch nicht, was geschehen ist. Im Krankenwagen rasen ihre Gedanken, "und immer wieder kam mir das Wort 'erstochen' in den Sinn", erinnert sich Seles: "Ich hatte dieses Wort noch nie benutzt und nie daran gedacht."

Parche über Graf: "Ihre Augen glänzen wie Diamanten"

19 Jahre alt ist Seles und auf dem Weg, alle bisherigen Rekorde zu brechen. Bei den letzten neun Grand Slams triumphierte sie siebenmal. Seles ist längst die dominierende Spielerin der Tour, sie hat Steffi Graf abgelöst. Die Serbo-Kroatin mit ungarischen Wurzeln, aufgewachsen in Nick Bollettieris Akademie, ist schon damals der Prototyp der heutigen Spielerinnengeneration: Druckvoll, aggressiv, offensiv und bis zum 30. April 1993 kaum verwundbar.

"Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass irgendjemand Steffi Graf schlagen könnte", sagt Parche bei seiner Vernehmung: "Für mich ist Steffi die Spitzenfrau. Ihre Augen glänzen wie Diamanten. Sie ist eine absolute Traumfrau." Sie sei für ihn "fast wie der Liebe Gott". Das psychiatrische Gutachten diagnostiziert bei Parche "eine irreale Idealisierung mit wahrscheinlich unbewussten sexuellen Elementen und einem Fanatismus, der bis zur Selbstaufopferung ging."

Parche bekommt Bewährung – Seles versteht die Welt nicht mehr

Parche rechnet fest damit, für seine Tat ins Gefängnis zu wandern. Vorsichtshalber nimmt er deshalb die Graf-Poster von den Wänden des kleinen Zimmers im Haus seiner Tante, damit sie in seiner Abwesenheit nicht beschädigt werden. Die Justizbehörden in Hamburg verurteilen ihn jedoch nicht wegen versuchten Totschlags, sondern wegen gefährlicher Körperverletzung. Parche bekommt Bewährung, Seles' Weltbild weitere Risse: "Ich kann nicht verstehen, warum dieser Mensch nicht für seine Tat büßen musste."

Auch Steffi Graf, die Seles zwei Tage nach dem Attentat im Krankenhaus besucht und mit ihrer Rivalin stumme Tränen weint, äußert ihr "totales Unverständnis" für das Urteil: "Wie kann ein Mann, der, unter welchen Umständen auch immer, ein Menschenleben gefährdet hat, den Gerichtssaal in Freiheit verlassen?" Kritik hagelt es zudem von der internationalen Presse, doch Parche bleibt auch nach der Berufungsverhandlung auf freiem Fuß.

"Es beschädigte meine Seele"

"Ich bin niedergestochen worden, auf dem Tennisplatz, vor zehntausend Leuten. Es ist nicht möglich, distanziert darüber zu sprechen", schreibt Seles in der 2009 erschienenen Biographie "Immer wieder aufstehen": "Es veränderte meine Karriere unwiderruflich und beschädigte meine Seele. Ein Sekundenbruchteil machte aus mir einen anderen Menschen." Die äußerliche Wunde heilt schnell, und dennoch dauert es Jahre, ehe die einst zähe Kämpferin mit den beidhändigen Treibschlägen wieder auf den Tennisplatz zurückkehrt. Parche hatte sein Ziel erreicht.

Einen weiteren Grand-Slam-Sieg feiert Seles bei den Australian Open 1996, doch ihr Leben ist aus den Fugen geraten. Immer wieder flüchtet sie in Fressattacken und nimmt bis zu 30 Kilogramm zu, bis sie 2008 endgültig ihre Laufbahn beendet.

Parche lebt entmündigt in einem Seniorenheim

Heute, 25 Jahre nach dem Attentat in Hamburg, ist Seles zurück im Leben, hat Bücher geschrieben und mit dem Tennis abgeschlossen. Verheiratet ist sie mit dem 32 Jahre älteren amerikanischen Milliardär Tom Golisano. Ihr Essstörungen hat sie überwunden.

Günter Parche lebt nach mehreren Schlaganfällen zurückgezogen und entmündigt in einem Seniorenheim in Thüringen.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur sid

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