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Streit um Kongresshalle - Opernhaus auf Nazi-GelÀnde

Von dpa
Aktualisiert am 09.12.2021Lesedauer: 3 Min.
Der Innenhof der Kongresshalle auf dem ehemaligen ReichsparteitagsgelÀnde.
Der Innenhof der Kongresshalle auf dem ehemaligen ReichsparteitagsgelÀnde. (Quelle: Daniel Karmann/dpa./dpa)
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NĂŒrnberg (dpa) - Viele Meter hoch erhebt sich die Kongresshalle am Ufer des Dutzendteichs in NĂŒrnberg. Ein monströser Koloss, mit dem die Nationalsozialisten einmal im Jahr beim Parteitag ihre absolute Macht demonstrieren wollten.

50.000 Menschen sollten dort den NS-GrĂ¶ĂŸen wĂ€hrend ihrer Reden zujubeln. Heute ist das GebĂ€ude vor allem ein Symbol fĂŒr das Scheitern der Nazis und ihres GrĂ¶ĂŸenwahns. Und um dieses wird gerade heftig in der Stadt gestritten.

DĂŒsteres Erbe

Dreh- und Angelpunkt ist die Frage, wie kann und darf man mit dem dĂŒsteren Erbe rund um das ehemalige ReichsparteitagsgelĂ€nde in NĂŒrnberg umgehen? Von der Außenseite mag die Kongresshalle mit ihren riesigen Rundbögen und Granitplatten bedrĂŒckend beeindruckend wirken. Doch vom Innenhof her sieht man eindeutig: Sie wurde nie fertiggestellt.

Statt der geplanten etwa 70 Meter ragt der Bau nur knapp 40 Meter in die Höhe. Zuschauersaal und das freitragende Dach fehlen. Der hufeisenförmige Torso, der spĂ€ter Treppen und Garderoben beherbergen sollte, steht zu großen Teilen leer.

Abstimmung im Stadtrat steht an

Doch das soll sich nun Ă€ndern. Die Oper und das Ballett des Staatstheaters sollen dort fĂŒr mehrere Jahre ein Ausweichquartier finden, wĂ€hrend das mehr als 100 Jahre alte Opernhaus in der Innenstadt saniert wird. ProbenrĂ€ume, WerkstĂ€tten und BĂŒros könnten in dem Rohbau untergebracht werden, die SpielstĂ€tte in einem Leichtbau im Innenhof oder neben der Kongresshalle.

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Am 15. Dezember soll der Stadtrat ĂŒber die PlĂ€ne abstimmen. Eine deutliche Mehrheit ist aber sicher. CSU, SPD und GrĂŒne haben bereits angekĂŒndigt, zustimmen zu wollen. FĂŒr die Kongresshalle spricht nach Ansicht von KulturbĂŒrgermeisterin Julia Lehner (CSU) nicht nur der Mangel an Alternativen: Wenn Musik- und Tanztheater wieder ausgezogen seien, könne die freie Kunstszene die fĂŒr mehrere Millionen Euro hergerichteten RĂ€ume beziehen, sagt sie. Auch die Leichtbau-Halle könne möglicherweise weitergenutzt werden.

Doch Fachleute sehen die PlĂ€ne kritisch. "Was mir Kopfschmerzen bereitet, ist die Frage, will man einen solchen Bau als schickes Kulturzentrum herrichten?", sagt der Leiter des NS-Dokumentationszentrum, Florian Dierl. Das Museum ist im NordflĂŒgel der Kongresshalle untergebracht. Gegen mehr Kultur in unmittelbarer Nachbarschaft hat Dierl eigentlich nichts. Diese dĂŒrfe aber nicht die Funktion des Erinnerungsortes verwĂ€ssern, betont er.

Bröckelnde Fassaden

Am Ende des Rundgangs durch das Dokumentationszentrum gelangen die Besucherinnen und Besucher auf eine Aussichtsplattform, von der sie ĂŒber den Innenhof der Kongresshalle blicken können - dort, wo nach den PlĂ€nen der Nazis ein tempelartiger Saal sein sollte, ist nur Leere.

In dieser steht Pascal Metzger und zeigt auf die bröckelnden Fassaden. Mehr als 1000 Gruppen hat er bereits ĂŒber das ReichsparteitagsgelĂ€nde gefĂŒhrt und jedes Mal dasselbe erlebt. "Wenn die Leute hier reinkommen, wirkt die Architektur auf sie", sagte er. Wie seine Kolleginnen und Kollegen vom Verein fĂŒr Geschichte fĂŒr alle befĂŒrchtet Metzger, dass ein Opernhaus im Innenhof die Fassade verstellen und dieses sinnliche Erlebnis mindern könnte.

Auch anderswo in Deutschland gibt es Diskussionen um den Umgang mit BaudenkmĂ€lern aus der NS-Zeit: So wurde auf der Ostsee-Insel RĂŒgen eine von den Nazis geplante Ferienanlage mit baugleichen HĂ€userblöcken auf einer LĂ€nge von 2,5 Kilometern nach und nach an Investoren verkauft, die dort Hotels und Ferienwohnungen errichteten. In Hamburg wurde ein ehemaliges WehrmachtsgebĂ€ude in einem Villenviertel zur Luxus-Wohnanlage umgebaut, ein Nazi-Bunker in MĂŒnchen zum exklusiven BĂŒro- und Appartementhaus.

Verschiedene Positionen

Darf man das? Und muss man das NS-Erbe ĂŒberhaupt erhalten oder sollte man es lieber verfallen lassen? Diese Fragen sind auch in der Wissenschaft umstritten. FĂŒr Pascal Metzger ist die Kongresshalle ein steinerner Zeitzeuge, der umso mehr an Bedeutung gewinne, je weniger Zeitzeugen des Dritten Reiches noch lebten, sagt er.

Meron Mendel, Direktor der BildungsstĂ€tte Anne Frank in Frankfurt, sieht die Diskussion um Kongresshalle und einstiges ReichsparteitagsgelĂ€nde jedoch auch als Chance. "Es geht nicht darum, dieses GelĂ€nde zu markieren und aus dem tĂ€glichen Leben zu nehmen", sagt er wĂ€hrend einer Diskussionsrunde der Stadt, die auf Youtube ĂŒbertragen wurde. Kunst und Kultur könnten fĂŒr Irritationsmomente sorgen, die die Erinnerungskultur lebendig hielten. Diese dĂŒrften allerdings nicht alltĂ€glich und somit banal werden.

Ein Eingriff in das Bauwerk sei aber auch immer ein Eingriff in die historische Quelle, meint der Historiker Alexander Drecoll, der im wissenschaftlichen Beirat fĂŒr den Erinnerungsort ehemaliges ReichsparteitagsgelĂ€nde sitzt. Deshalb hĂ€tte seiner Meinung nach die Stadtgesellschaft viel mehr in die Diskussion eingebunden werden mĂŒssen statt in einem Hau-Ruck-Verfahren zu entscheiden.

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