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US-Justiz stĂ¶ĂŸt bei Harvey Weinstein an Grenze

Von dpa
Aktualisiert am 25.02.2020Lesedauer: 3 Min.
Das Strafmaß gegen Harvey Weinstein wird am 11.
Das Strafmaß gegen Harvey Weinstein wird am 11. MĂ€rz verkĂŒndet. (Quelle: John Minchillo/AP/dpa./dpa)
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New York (dpa) - "Die Menschen des Staates New York vs. Harvey Weinstein" stand immer wieder auf den großen Bildschirmen im Gerichtssaal 1530 in Manhattan. Die besagten Menschen saßen an der Seite in zwei Reihen, fĂŒnf Frauen und sieben MĂ€nner.

Sie sprachen nun den einst ĂŒbermĂ€chtigen Weinstein schuldig. Nicht in den schwersten Anklagepunkten, doch trotzdem wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung - er könnte Jahrzehnte hinter Gitter kommen. Das Verfahren aber kĂ€mpfte vom ersten Tag an mit einer großen SchwĂ€che: Der maximalen medialen Mobilisierung.

"Wie kann so etwas in Amerika passieren?", sagte Weinstein in Schockstarre nach Angaben seines Anwalts, wĂ€hrend er das historische Urteil hörte. Es war das vorlĂ€ufige Ende eines beispiellosen öffentlichen Kampfes, angefangen vor mehr als zwei Jahren mit VorwĂŒrfen von Frauen aus der Unterhaltungsbranche gegen Weinstein. Unter großem Risiko fĂŒr sich und ihre Karrieren traten sie in Artikeln des "New Yorkers" und der "New York Times" hervor. Ihre Zahl schwoll bald auf ĂŒber 80 an.

Doch aus dem Skandal um Weinstein erwuchs etwas noch GrĂ¶ĂŸeres: Viele erkannten ihre eigenen Peiniger in den Geschichten wieder, die Weinsteins Opfer erzĂ€hlten. Der massige Mann mit dem schiefen Gesicht wurde zum Symbol des "raubtierhaften" mĂ€nnlichen Machtmissbrauchs. Und die MeToo-Debatte fand Eingang in Familien, BĂŒros, Sportvereine und bis in die letzten Winkel der Gesellschaft.

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Kaum jemand blieb von der umwĂ€lzenden Macht der Bewegung mit 19 Millionen #MeToo-Tweets in einem Jahr unbeeindruckt. So gut wie jeder hatte eine Meinung zur neuen Welle im Kampf fĂŒr Frauenrechte. Ob es nun die blanke Wut vieler gegenĂŒber frauenverachtendem Verhalten war oder ein UnverstĂ€ndnis bei Anderen, von denen einige sich fragten: "Was darf man jetzt eigentlich noch?".

MeToo verĂ€nderte nicht nur die USA, sondern die ganze Welt. Und auch, wenn die Prozessbeteiligten den Eindruck vermeiden wollten: FĂŒr viele wurde das Verfahren gegen Weinstein zu einem Stresstest der Bewegung.

Der Fall von Harvey Weinstein brachte die US-Justiz dabei an ihre Grenzen. Idealerweise stehen Juroren den Inhalten eines Gerichtsverfahrens mit grĂ¶ĂŸtmöglicher NeutralitĂ€t gegenĂŒber und sind fĂŒr Argumente von Anklage und Verteidigung gleichermaßen offen - das schien in diesem Fall in New York kaum möglich. Wie tief MeToo in die Gesellschaft vorgedrungen war, zeigte sich auch, als sich potenzielle Geschworene bei der Jury-Auswahl reihenweise fĂŒr befangen erklĂ€rten.

Proteste und GesĂ€nge von Aktivisten waren bis in den Gerichtssaal im 15. Stock hinein zu hören. Weinsteins Verteidiger argumentierten, dass bei einer AtmosphĂ€re wie in einem "Zirkus" kein unparteiischer Prozess möglich sei. Ihr Antrag zur Verlegung aus der Stadt heraus wurde von Richter James Burke zurĂŒckgewiesen. Der schĂ€rfte den gewĂ€hlten Juroren ein: "Dieser Prozess ist kein Referendum ĂŒber die MeToo-Bewegung".

Weinstein-ChefanwĂ€ltin Donna Rotunno sprach die Jury in einem umstrittenen Kommentar fĂŒr das US-Magazin "Newsweek" direkt an. Sie bemĂ€ngelte die angebliche Parteilichkeit der Medien und bezweifelte, dass die Juroren sich vom Sog ihrer Berichterstattung fernhalten konnten: "Glaubt jemand in einem hochkarĂ€tigen Fall wie dem von Harvey Weinstein wirklich, dass dies realistisch möglich ist?"

Nun kann man den fĂŒnf Frauen und sieben MĂ€nnern der Jury nicht vorwerfen, dass sie es sich leicht gemacht hĂ€tten. Eine ihrer Anfragen am Freitagnachmittag offenbarte, dass sie bei den beiden schwersten VorwĂŒrfen mit sich rangen. Am Ende stand der Schuldspruch in zwei FĂ€llen, ein Freispruch in dreien.

Auch die Reaktionen offenbarten das immense Spannungsfeld, in dem die Entscheidung getroffen wurde. WĂ€hrend die Verteidigung in ihrer angekĂŒndigten Berufung die NeutralitĂ€t des Gerichts anzweifeln dĂŒrfte, kritisierten mutmaßliche Opfer Weinsteins - darunter prominente Schauspielerinnen wie Ashley Judd und Rosanna Arquette -, dass Weinstein nicht in allen Punkten schuldig gesprochen wurde.

Das Urteil ist trotzdem ein großer Sieg und Meilenstein fĂŒr sie, die MeToo-Bewegung und Opfer sexueller Gewalt. Außerhalb des Gerichtssaals hatte die Gesellschaft Weinstein auch angesichts der ĂŒberwĂ€ltigenden Zahl von Frauen, die ihn ĂŒberzeugend beschuldigten, schon lĂ€ngst gerichtet. Dass er seine Machtposition schamlos ausnutzte, um junge Frauen dazu zu bringen, mit ihm zu schlafen, ist unbestritten. Doch moralische Schuld war und ist nicht gleichzusetzen mit der juristischen.

In den vergangen Wochen ging es darum, ob die VorwĂŒrfe auch in den engen Grenzen einer Anklage vor Gericht bestehen könnten. Die Staatsanwaltschaft kam mit der Anklage auch einem riesigen öffentlichen Druck nach. Ihr Vorgehen war risikoreich: Die Anschuldigungen vieler Frauen konnten aus verfahrenstechnischen GrĂŒnden nicht Teil des Prozesses sein - ĂŒbrig blieben sechs mutmaßliche Opfer. Dazu kam die Schwierigkeit, eine Jury von sexuellen Übergriffen nur anhand von Zeugenaussagen zu ĂŒberzeugen.

In zwei Anklagepunkten schafften die StaatsanwÀltinnen Joan Illuzzi und Meghan Hast das trotzdem - ein auch rechtlich historischer Sieg.

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