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Willkommen in der Albtraumfabrik

  • Steven Sowa
Von Steven Sowa

Aktualisiert am 27.05.2022Lesedauer: 4 Min.
Prozess zwischen Depp und Heard: Kate Moss kommt in der gerichtlichen Auseinandersetzung eine entscheidende Rolle zu.
Prozess zwischen Depp und Heard: Kate Moss kommt in der gerichtlichen Auseinandersetzung eine entscheidende Rolle zu. (Quelle: REUTERS/Evelyn Hockstein/Pool Montage: U. Frey/t-online)
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Sie liefern sich die Schlammschlacht des Jahres: Amber Heard und Johnny Depp. Live und in allen Details blicken Millionen Menschen weltweit auf den Promi-Prozess. Dabei stehen die Verlierer lÀngst fest.

Als sie am Mittwoch um etwa 15.30 Uhr ihren Arm hebt, kann die Show beginnen. Der groß angekĂŒndigte Auftritt von Kate Moss folgt. Das Supermodel sitzt mit versteinerter Miene vor einer kargen weißen Wand. Weiße Bluse, schwarzer Blazer, die blonden Haare auffallend unauffĂ€llig gestylt. Sie liefert eine spektakulĂ€re nĂ€chste Episode im an Spektakel nicht gerade armen Zivilprozess zwischen Amber Heard und Johnny Depp.


Das turbulente Leben von Johnny Depp

Er zÀhlt zu den bekanntesten Schauspielern der Welt. Seine Karriere startete Johnny Depp jedoch mit der Musik.
Mit 13 Jahren grĂŒndete Johnny Depp die Band Flame, spĂ€ter Ă€nderte er den Namen in The Kids.
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Oder auch nicht.

Kate Moss redet nur wenige Minuten. Nein, Johnny Depp habe sie niemals geschubst. Geschlagen? Nein, auch das nicht. Auftritt beendet. Der Videostream, mit dem die 48-JÀhrige live in den Gerichtssaal im US-Bundesstaat Virginia geschaltet wird, fÀrbt sich schneller schwarz als ihre Wimpern am Morgen vor dem Zeugenauftritt.

Ob die geifernden Massen enttĂ€uscht in die Röhre gucken? Die Erwartungen waren groß, am Mittwoch landet der Suchbegriff "Kate Moss" schon frĂŒh in den Twittertrends. Als der Kurzauftritt vorbei ist, heißt es: "Johnny Depp kann aufatmen", "Wieder eine LĂŒge von Amber Heard aufgedeckt", "Mein Herz hĂ€lt das nicht aus". Es sind nur einige von unzĂ€hligen Reaktionen, die in den sozialen Medien in einen lautstarken Chor einstimmen. Heard, die LĂŒgnerin. Depp, der Held.

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VerhĂ€rtete Fronten: Heard-Verteidiger gegen Depp-JĂŒnger

Wer in diesem Prozess fĂŒr wen ist, steht lĂ€ngst fest. Die Fronten haben sich in den sechs Wochen, in denen die beiden Hollywoodstars vor Gericht streiten, kein StĂŒck verschoben. Es gibt das Lager, das Depp einen FrauenschlĂ€ger nennt, wie es der Prozess um das britische Blatt "The Sun" im Jahr 2020 festgehalten hat. Und es gibt die "Fluch der Karibik"-JĂŒnger, die sich schĂŒtzend vor ihr Idol stellen, als wĂ€ren sie persönliche Zeugen im Schlafzimmer der einstigen Eheleute gewesen.

Warum also diese Schaulust? Wieso Livestreams, tagtĂ€glich auf unzĂ€hligen Nachrichtenseiten, US-Sendern und Videoplattformen? Weshalb schalten die Menschen ein, wenn sie doch ohnehin wissen, wer hier lĂŒgt und wer im Recht ist? Dieser Gerichtsprozess erzĂ€hlt viel mehr als die skandalösen Details einer toxischen Beziehung. Kein Mensch kann ernsthaft glauben, dass zig Millionen Abrufe fĂŒr "Highlight"-Clips, "schockierende Momente" und "lustige Szenen" zusammenkommen, weil die Zuschauer an Gerechtigkeit interessiert sind.

Amber Heard: Jede ihrer Regungen wird verfolgt, ausgewertet und von den Depp-Fans zerrissen.
Amber Heard: Jede ihrer Regungen wird verfolgt, ausgewertet und von den Depp-Fans zerrissen. (Quelle: Evelyn Hockstein/Reuters-bilder)

Ob Johnny Depp mit seiner Verleumdungsklage gewinnt und die geforderten 50 Millionen Dollar Schadenersatz einstreicht oder Amber Heard ihre im Gegenzug aufgerufenen 100 Millionen Dollar wegen körperlicher Gewalt und Missbrauchs erhĂ€lt, gerĂ€t in diesem Livespektakel fĂŒr die Massen zur Nebensache. Wie bei einem Drittligaspiel zwischen verfeindeten Fußballklubs: Die spielerische Klasse, das Ergebnis, alles rĂŒckt in den Hintergrund, wenn ein Flammenmeer auf den TribĂŒnen entbrennt, pöbelnde AnhĂ€nger enthemmt ihre Emotionen ins Stadionrund brĂŒllen und Transparente mit Hassparolen ausgerollt werden. Neben dem Platz ist entscheidend.

Das Hochglanzbild der Hollywood-Prominenz zerfÀllt

So auch hier, nur in hochklassig. Welchem millionenschweren Hollywoodstar können Fans sonst derart ungeschönt in die IntimsphĂ€re blicken? Hier wird keine schmutzige WĂ€sche beim Nachbarplausch im Hinterhof gewaschen, hier werden privateste EnthĂŒllungen auf dem Streaming-Tablett serviert: live und in Farbe, bis ins letzte Detail. Der Zuschauer als Voyeur. Die Neugierde als Sensationslust. Dieser Rosenkrieg zweier weltbekannter Schauspieler hat nur einen Gewinner: das Publikum. Es kann sich suhlen in den plötzlich so stinknormalen und zugleich perversen Geschichten, die so gar nicht zu dem Hochglanzbild der Stars passen, die sonst von PR-Agenturen, Managements und Beratern sorgsam gepflegt werden.

Sie sitzen da, Heard und Depp, in sĂŒndhaft teuren Designerklamotten und sind trotzdem nackt. Bis in die tiefsten Körperregionen entspinnen sich die abstrusen ErzĂ€hlungen, von einem kokainsĂŒchtigen Filmstar, der auf der Suche nach seinem Stoff in seiner Ehefrau herumbohrt. Kein noch so irres Hollywood-Drehbuch kann solche Geschichten liefern. Das hier ist die Albtraumfabrik von Virginia und kein Stadtteil von Los Angeles.

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Kein Wunder, dass US-Fernsehmacher wie Rachel Stockman, Chefin einer der grĂ¶ĂŸten Übertragungsplattformen, betonen: Dieser TV-Prozess bricht alle Quotenrekorde. Dass die Art der Inszenierung und Amber Heards Rolle in dem Trash-Drama der Debatte um hĂ€usliche Gewalt einen BĂ€rendienst erweisen? Geschenkt. Acht Millionen TikTok-Klicks fĂŒr #IStandWithAmberHeard gegen 15 Milliarden auf Seiten von #JusticeForJohnnyDepp sprechen eine klare Sprache.

Wir erwĂ€hnten es bereits: Die Gerechtigkeit hat in diesem Streifen höchstens einen Cameo-Auftritt, mit einem Credit, der nach dem Ende der Anhörungen am 27. Mai von den Geschworenen ausbuchstabiert wird. Ein trostloser Abspann, ohne Happyend. Die Lager werden sich weiter unversöhnlich, ohne jedes Interesse an ausgleichender Differenzierung gegenĂŒberstehen.

Das GeschÀftsprinzip der Empörungsmaschinerie

Dieser Prozess ist nur fĂŒr eine Sache gut: Die Erkenntnis, dass Getöse immer funktioniert. Erst recht, wenn es mit zwei weltbekannten Marken als Etikette daherkommt. Genau deshalb sollten wir froh sein, dass vergleichbare GerichtsfĂ€lle in Deutschland nicht live im Internet gestreamt werden. Daraus entspinnt sich nur ein GeschĂ€ft mit Hobbyrichtern als Laiendarsteller, die die Welt nicht zu einem besseren Ort machen, im Gegenteil.

Das GeschĂ€ftsprinzip ist so alt wie bekannt: Was aufregt, animiert zum Mitmachen. Menschen klicken die Clips, teilen die Ausschnitte, interagieren in den sozialen Medien. Anfeindungen, Hass und Schadenfreude sind dabei Mitleid, Empathie und dem Willen zur Dialektik hoch ĂŒberlegen. Insofern erscheinen Heard und Depp wie das heillos ĂŒberdrehte Abbild der Social-Media-Gesellschaft: Diffamierung first, Nachdenken second – und die Mehrheit schweigt oder sitzt höhnisch grinsend vor dem Bildschirm und genießt das Gefecht der Empörung.

Johnny Depp: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.
Johnny Depp: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. (Quelle: Evelyn Hockstein/Reuters-bilder)

Die Verlierer stehen dabei lĂ€ngst fest: Amber Heard und Johnny Depp. Zwei Filmstars, die derart beschĂ€digt aus diesem Prozess gehen werden, dass ihnen eine weitere, schillernde Karriere verwehrt bleiben wird. Womöglich schlittern sie noch in eine weniger glamouröse Zweitkarriere: ins Reality-GeschĂ€ft. Hierzulande sind Trash-Formate wie das Dschungelcamp, "Promi Big Brother" oder "Das Sommerhaus der Stars" Resterampen fĂŒr die ruinierte Prominenz und BĂŒhnen fĂŒr solche, die mal prominent werden wollen.

Diese Shows funktionieren nach den gleichen Mechanismen wie die Hollywood-Schlammschlacht zwischen Heard und Depp: Millionen Zuschauer laben sich an der zur Schau gestellten Erniedrigung, erfreuen sich an schmutzigen Anekdoten, frivolen Geschichten und der Genugtuung, den armen Promi-Seelen gemĂŒtlich von der Couch aus beim Scheitern zuzusehen. Amber Heard und Johnny Depp wĂ€ren fĂŒr jeden Fernsehsender oder Streaminganbieter ein gefundenes Fressen – und der nĂ€chste Quotenrekord ist garantiert.

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