Interview
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"Dann heißt es, Frauen seien selbst schuld"

  • Maria Bode
Von Maria Bode

Aktualisiert am 26.12.2021Lesedauer: 6 Min.
Maria Furtw√§ngler: Die Schauspielerin spricht im Interview unter anderem √ľber Filme, die Gewalt an Frauen unn√∂tig zeigen.
Maria Furtw√§ngler: Die Schauspielerin spricht im Interview unter anderem √ľber Filme, die Gewalt an Frauen unn√∂tig zeigen. (Quelle: IMAGO / J√ľrgen Heinrich)
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Am neuen Lindholm-"Tatort" hat Maria Furtw√§ngler nicht nur als Hauptdarstellerin mitgewirkt. Im Interview mit t-online erz√§hlt sie, weshalb sie hohe Anspr√ľche an sich als Produzentin hatte und woran sie scheiterte.

Maria Furtw√§ngler hat erstmals nicht nur als Schauspielerin in der Rolle der Kommissarin Charlotte Lindholm am neuen "Tatort: Alles kommt zur√ľck" mitgewirkt. Die 55-J√§hrige war obendrein auch Produzentin. Im Gespr√§ch mit t-online erz√§hlt Furtw√§ngler, welche Schwierigkeiten diese Aufgabe mit sich gebracht hat und warum sie das auf ihren "weiblichen Instinkt" zur√ľckf√ľhrt.


Einblicke in den "Tatort: Alles kommt zur√ľck"

Das Date hat Charlotte (Maria Furtwängler) sich anders vorgestellt.
Charlotte (Maria Furtwängler) unter Udos.
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Au√üerdem ordnet sie die Tatsache ein, dass in der Corona-Pandemie zu wenige Expertinnen in verschiedenen TV-Shows zu Wort kommen. Was m√ľsste sich √§ndern? Wer steht in der Verantwortung? Furtw√§ngler hat Antworten und spricht auch √ľber ihre Pl√§ne f√ľr das kommende Jahr.

t-online: In einer Szene im "Tatort" l√§uft Charlotte Lindholm allein durch die Dunkelheit. F√ľr viele Frauen eine Angstsituation. Inwiefern k√∂nnen Sie das nachvollziehen?

Maria Furtw√§ngler: Es geh√∂rt zu den Erfahrungen jeder Frau, nachts √Ąngste zu haben. Ich habe in meiner Jugend auch unangenehme Sachen erlebt. Diese √Ąngste sind sehr real.

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"Wenn Sie ein Problem haben, gehen Sie nach Haus", bekommt Lindholm von einem Passanten entgegengeraunt …

Ja, dann hei√üt es, Frauen seien selbst schuld, wenn sie nachts allein unterwegs sind, da m√ľsse man ja mit dem Schlimmsten rechnen. In Filmen wird oft suggeriert, dass Frauen √úbergriffe provozieren aufgrund ihrer Leichtsinnigkeit. Die Selbstverst√§ndlichkeit, mit der so was hingenommen wird, ist erstaunlich.

Maria Furtw√§ngler als Charlotte Lindholm im "Tatort: Alles kommt zur√ľck": Der Film l√§uft am Sonntag, den 26. Dezember 2021 um 20.15 Uhr im Ersten.
Maria Furtw√§ngler als Charlotte Lindholm im "Tatort: Alles kommt zur√ľck": Der Film l√§uft am Sonntag, den 26. Dezember 2021 um 20.15 Uhr im Ersten. (Quelle: NDR/Frizzi Kurkhaus)

Wie kommen solche Behauptungen zustande?

Durch die Betrachtung aus m√§nnlicher Sicht. Ich muss auch immer den Kopf sch√ľtteln, wenn ich M√§nner h√∂re, die sich wegen "dieser ganzen #MeToo-Geschichten" nicht mehr trauen, mit einer Frau im Fahrstuhl zu fahren ‚Äď es k√∂nnte ihnen ja jemand was anh√§ngen.

In meinen Augen ist es vollkommen in Ordnung, wenn ein Mann sich das eine Zeit lang nicht traut. F√ľr uns ist die Erfahrung, sich nachts drau√üen oder im verlassenen Parkhaus zu f√ľrchten, selbstverst√§ndlich. Dar√ľber macht sich aber kaum jemand Gedanken. Deshalb m√∂chte ich diesen M√§nnern im Grunde nur zurufen: Willkommen in unserer Realit√§t.

Was m√ľsste sich √§ndern, dass Frauen sich sicherer f√ľhlen k√∂nnen?

Wir Medienmacher*innen k√∂nnen die Gewaltdarstellung hinterfragen. Etwa auch mal die strukturelle Dimension von Gewalt innerhalb der Gesellschaft erz√§hlen. Au√üerdem k√∂nnten wir Hinweise vor oder nach der Ausstrahlung einbauen, die es auch gibt, wenn Suizide thematisiert werden. Dar√ľber k√∂nnte man etwa auf eine Hilfehotline aufmerksam machen. Auch dadurch w√ľrde klargemacht, dass es ein strukturelles Problem ist und nicht, wie wir in vielen F√§llen behaupten, ein tragischer Einzelfall.

MaLisa-Stiftung
Die MaLisa-Stiftung wurde 2016 von Maria Furtw√§ngler und ihrer Tochter Elisabeth gegr√ľndet. Der Name setzt sich aus den Namen der beiden Frauen zusammen. Die Stiftung verfolgt das Ziel einer gleichberechtigten Gesellschaft. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Darstellung von Frauen und M√§nnern in den Medien.

Zur Darstellung von Gewalt gegen Frauen im Film gibt es eine in diesem Jahr veröffentlichte Untersuchung Ihrer Stiftung MaLisa.

Genau, wir haben festgestellt, dass Gewalt gegen Frauen h√§ufig gezeigt wird. Dabei ist diese Darstellung oft gar nicht notwendig f√ľr die Geschichte, sondern wird f√ľr ein bisschen Spannungsaufbau missbraucht. Zudem wird Gewalt gegen Frauen h√§ufig zu Beginn eines Films gezeigt, um den traurigen Mann zu rechtfertigen, der auf die Vendetta geht, um sich zu r√§chen. Anfangs wird erz√§hlt, die Frau ist entf√ľhrt, ermordet oder vergewaltigt worden ‚Äď und jetzt erz√§hlen wir die Heldengeschichte von ihm. So wie in "96 Hours" mit Liam Neeson oder in "Gesetz der Rache" mit Gerard Butler.

Frauenfiguren werden also benutzt, um männliche Protagonisten gleichermaßen als Opfer und als Helden dastehen zu lassen?

So ist es, das ist ein klassisches Narrativ, weil oft nur aus m√§nnlicher Perspektive erz√§hlt wird. Wenn es um Gewalt geht, muss Mitgef√ľhl f√ľr die brutalen Ausraster des Mannes aufgebaut werden: Er ist ein armer Kerl. Dadurch, dass wir zu selten aus der Perspektive der Frau erz√§hlen, reduzieren wir, was ihr passiert, auf einen Plotpoint und nehmen es als gegeben hin. Ich bin ‚Äď wie gesagt ‚Äď sicher, dass wir etwas dagegen tun k√∂nnen und sollten.

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Auch zu Diversit√§t im deutschen Fernsehen wurde eine Studie durchgef√ľhrt, die zeigt: Es gibt immer noch ein unausgewogenes Verh√§ltnis zwischen Mann und Frau. So waren in einem untersuchten Zeitraum im Jahr 2020 nur 26 Prozent Expertinnen in TV-Informationssendungen. Wie erkl√§ren Sie das?

Wir Medienschaffende m√ľssen uns entscheiden, ob wir Teil des Problems oder der L√∂sung sein wollen. Es gibt viele Berufsgruppen, in denen Frauen √ľberrepr√§sentiert sind: in Pflegeberufen, in vielen medizinischen Berufen, im Bildungsbereich. Dennoch werden sie sowohl in der Fiktion zu wenig gezeigt als auch ‚Äď und das ist aktuell das gr√∂√üere Problem ‚Äď zu selten als Expertinnen zurate gezogen.

Da sind die Sender gefordert, sich anders zu bem√ľhen, um Frauen, die uns die Welt erkl√§ren und L√∂sungen pr√§sentieren k√∂nnen, dies auch tun zu lassen. Gerade was etwa die Linderung der Auswirkungen der Klimakrise angeht, ein gr√∂√ütenteils m√§nnergemachtes Problem, h√∂re ich zu wenige Frauen. Ich glaube nicht, dass die ganzen Probleme, die durch das patriarchale System entstanden sind, auch von ihm behoben werden k√∂nnen.

Aber weshalb werden nicht einfach Expertinnen zurate gezogen?

Das ist reine Bequemlichkeit. Es geht uns beim Drehen auch so. Ich erlebe immer wieder, dass jungen Regisseuren Dinge zugetraut werden, die w√ľrden einer jungen Regisseurin mit genauso wenig Erfahrung niemals zugetraut werden. Wir sind so gro√ügeworden: Der Mann kriegt das schon hin.

Wir Frauen treten leider auch oft z√∂gerlicher auf, obwohl wir gut in unserer Sache sind. Oder wir wollen uns nicht √∂ffentlich √§u√üern, weil wir damit rechnen m√ľssen, dass wir noch deutlich h√§ufiger als unsere m√§nnlichen Kollegen mit Hass, Beleidigungen und sogar Bedrohungen konfrontiert werden.

Sie haben beim "Tatort: Alles kommt zur√ľck" erstmals als Produzentin mitgewirkt und am Drehbuch mitgearbeitet. Wie war das f√ľr Sie?

Es war spannend und lehrreich. Ich habe Fehler gemacht, die ich beim nächsten Mal sicher nicht mehr machen werde. Aber es hat genau das gebracht, was ich mir erhofft hatte: den kreativen Prozess begleiten und auf die Qualität Einfluss nehmen können, indem man das richtige Team zusammenstellt und es zusammenhält.

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Eine sehr fordernde Aufgabe?

Absolut. Ich wei√ü gar nicht, wie beispielsweise Florian David Fitz oder Matthias Schweigh√∂fer das machen. Die f√ľhren auch noch Regie und spielen selbst die Hauptrolle. Das stelle ich mir schwierig vor. Ich habe bei Drehbeginn an meine Koproduzentin Kerstin Ramcke √ľbergeben und war nur Schauspielerin. Erst beim Schnitt bin ich wieder als Produzentin eingestiegen.

Maria Furtwängler als Charlotte Lindholm mit Jens Harzer als Ruben Delfgau: Die Kommissarin steht zu Beginn unter Verdacht.
Maria Furtwängler als Charlotte Lindholm mit Jens Harzer als Ruben Delfgau: Die Kommissarin steht zu Beginn unter Verdacht. (Quelle: NDR/Frizzi Kurkhaus)

Sie haben von Fehlern gesprochen, die Sie gemacht haben. Was ist passiert?

Ich hatte den Ehrgeiz, dass alle Beteiligten die ganze Zeit supergl√ľcklich und entspannt sein sollten. Aber das geht nicht. Manchmal musste ich einfach sagen: "So muss es sein." Da kann man nicht obendrein noch daf√ľr sorgen, dass sich jeder kuschelig f√ľhlt. Das funktioniert nicht. Es kommt vor, dass man sich unbeliebt macht. Das h√§tte mir fr√ľher klarer sein m√ľssen. Ich habe mich daran erst mal sehr abgearbeitet, das war nicht sinnvoll.

Wie erklären Sie sich Ihre Herangehensweise?

Wahrscheinlich kam das auch aus diesem typisch weiblichen Instinkt heraus, dass man von allen geliebt werden möchte und aus dem Mutterinstinkt, der den Wunsch nach der Zufriedenheit aller beinhaltet.

Was ist derzeit Ihr wichtigstes Ziel?

Ich w√ľrde gerne Filme produzieren, die Themen voranbringen, die mir am Herzen liegen. Es geht dabei um Diversit√§t und um vielschichtige, ambivalente Frauenfiguren. Mich besch√§ftigen auch unser Biodiversit√§tsverlust und die Klimakrise. Ich denke darauf rum, wie man das fiktional umsetzen kann. Ich glaube, ich habe als Geschichtenerz√§hlerin eine Verantwortung, dass wir dieses Thema anders aufgreifen und Fakten, die in unseren K√∂pfen schon halbwegs verankert sind, auch in unseren Herzen ankommen lassen. Dazu k√∂nnen und m√ľssen wir einen Beitrag leisten.

Worauf freuen Sie sich besonders dem Jahresende entgegenblickend?

Ich freue mich, dass der erste von uns produzierte "Tatort" l√§uft. Ich bin stolz auf den Film und gespannt, wie er ankommt und sich behauptet ‚Äď immerhin haben wir keinen leichten Sendetermin: Parallel laufen "Das Traumschiff" und "The Masked Singer". Quote ist nicht alles, aber Quote ist nat√ľrlich eine wichtige W√§hrung.

Und im Privaten?

Das Jahr 2021 war sehr intensiv f√ľr mich. Da freue ich mich sehr auf eine Zeit, wo all meine Liebsten zusammenkommen und ich E-Mails mal E-Mails sein und das Handy auslassen kann.

Warum genau war das Jahr so intensiv f√ľr Sie?

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Ich habe viel gedreht ‚Äď von "Krull" √ľber den "Tatort" bis "Green Light". In der Stiftung gab es viel zu tun, verschiedene Studien wurden aufgesetzt und pr√§sentiert, und dann ist da ja auch die Produktionsfirma. Alles war sehr vielgestaltig, aber auch sehr fordernd. Deshalb habe ich mir f√ľr das n√§chste Jahr vorgenommen, mich auf die Dinge zu fokussieren, von denen ich glaube, dass sie entscheidend sind f√ľr mein ohnehin breit aufgestelltes Berufsleben und alles andere wegzulassen, so verlockend es auch bisweilen ist.

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  • Steven Sowa
Von Steven Sowa
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