Meinung
Was ist eine Meinung?

Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung ĂŒbernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Das zerstört unsere Gesellschaft

  • Steven Sowa
Von Steven Sowa

Aktualisiert am 26.01.2022Lesedauer: 4 Min.
Janina Youssefian: Die Dschungelcamp-Kandidatin beleidigte ihre Konkurrentin Linda Nobat am Montagabend rassistisch.
Janina Youssefian: Die Dschungelcamp-Kandidatin beleidigte ihre Konkurrentin Linda Nobat am Montagabend rassistisch. (Quelle: RTL)
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Das Dschungelcamp erlebt eine historische Entgleisung. Eine Kandidatin beleidigt eine andere rassistisch und muss die Show verlassen. Der Sender reagiert richtig – und trotzdem: Wir mĂŒssen reden!

Die deutsche Sprache ist mĂ€chtig. Sie kann entwaffnend sein und einen polternden Idioten mit gut vorgetragenen Argumenten in die Schranken weisen. Sie kann ĂŒberzeugen und heilen. Auch ein engstirniger Hornochse wird in der richtigen Tonlage und mit der angemessenen Wortwahl in seiner Meinung erschĂŒttert, wenn er spĂŒrt: Ich bin auf dem Holzweg.


Die Dschungelcamp-Stars 2022

Ex-"Prince Charming"-Teilnehmer Manuel Flickinger
Schauspielerin Anouschka Renzi
+10

Die Sprache leitet an, sie ist Orientierung, sie konstituiert unser Denken. Sie ist unser Werkzeugkasten, mundgerecht und mobil. Permanent bei uns und bereit, zur Problemlösung beizutragen. Es mag wie ein Kalenderspruch klingen, aber: Wer laut brĂŒllt, wird gehört. Wer sich gewĂ€hlt ausdrĂŒckt, wird verstanden – die einfachste Handlungsmaxime zum LebensglĂŒck.

Rassismus, die No-go-Area der deutschen Sprache

Denn ja, auch das ist Sprache: Sie kann verletzen, erniedrigen, diffamieren. Niemand kann verhehlen, dass es deutsche AusdrĂŒcke gibt, die so schroff und roh sind, dass sie in der gesellschaftlichen Mitte unseres Landes nicht akzeptiert werden. Doch vor allem fĂŒr einen Bereich der Sprache gilt in unserer Gesellschaft das Motto "No-go-Area": Halte dich fern von rassistischen Äußerungen. Rassismus hat in unserer Sprache nichts verloren. Nur wer seine Sprache anpasst, kann auch seine Gedanken Ă€ndern.

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Denn wer rassistisch spricht, bei dem stellt sich die Frage: Wie voll von Ressentiments und Vorurteilen mag dann erst seine Gedankenwelt sein? "Sie hĂ€tte alles sagen können, beleidige mich, mach alles, was du willst, aber lass die Hautfarbe aus dem Spiel", gab daher Linda Nobat gestern in der RTL-Sendung "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus" fassungslos zu Protokoll, nachdem sie einen Spruch zu hören bekam, der vor Rassismus nur so strotzte.

Ein Millionenpublikum sah die Entgleisung von Janina

Man mag diesen Satz gar nicht zitieren, so schĂ€ndlich ist er. Aber es muss sein. Ein jeder soll wissen: Wer so redet, gehört nicht zu uns – und tritt unsere Werte mit FĂŒĂŸen. "Geh doch zurĂŒck in den Busch, wo du hingehörst", giftete Janina Youssefian, einstmals als angebliche "Teppichluder"-AffĂ€re von Dieter Bohlen bekannt geworden, gegen ihre Kontrahentin.

FĂŒr einen Moment stand die Welt im Dschungel still.

Die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Show waren ĂŒberfordert, schockiert – angeekelt. "Hat sie das gerade wirklich gesagt?", stand in ihren Augen geschrieben, groß und grell. 3,84 Millionen Menschen schauten am Montagabend bei RTL zu, als dieser unsĂ€gliche Kommentar die zehn Mitinsassen am Lagerfeuer, aber auch die Moderatoren Sonja Zietlow und Daniel Hartwich sprachlos zurĂŒckließ. Man muss sich das vergegenwĂ€rtigen: Fast jeder dritte Fernsehzuschauer, der gestern um 22.15 Uhr noch vor der Glotze saß, sah, wie eine 39-jĂ€hrige Deutsch-Iranerin eine 27 Jahre alte Frau mit kamerunischen Wurzeln herabwĂŒrdigte.

Am Vortag machten sie gemeinsam eine PrĂŒfung, dann platzte die Bombe.
Am Vortag machten sie gemeinsam eine PrĂŒfung, dann platzte die Bombe. (Quelle: RTL)

Zuvor flogen die Fetzen, es wurden ĂŒble Beleidigungen ausgesprochen, die Emotionen kochten hoch. Eine Ausnahmesituation. Und dennoch war es nur dieser eine Satz, der alles verĂ€nderte. Der Janina Youssefian ins Abseits manövrierte und deutlich machte, wie rĂŒckstĂ€ndig sie denkt.

Das Problem: Youssefian verstand gar nicht, worin das Problem lag. Als eine Kandidatin sie auf ihren Fehler hinwies, reagierte sie pampig. Hört mal! Sie sei doch auch als "Bitch" betitelt worden – so die Ausflucht.

RTL ließ das nicht gelten. Richtigerweise schickte der Sender die 39-JĂ€hrige umgehend nach Hause. "RTL duldet ein derartiges Verhalten nicht (...) Das Dschungelcamp gibt Personen, die dieser Haltung nicht entsprechen, keine BĂŒhne", hieß es als BegrĂŒndung. Gut so. Thema abgehakt. Alles wieder eitel Sonnenschein. War ja eh nur das Dschungelcamp. Also diese Trash-Show fĂŒrs niedere Volk, voll mit Gossensprache und einer Inszenierungsform, die es um des Effekts willen immer schon auf Erniedrigung abgesehen hat.

Pustekuchen!

Wer diesen Rassismus-Eklat im Dschungel SĂŒdafrikas nun als Ausnahme abtut und vorgibt, solche verbalen Entgleisungen seien nur in der Show-Dynamik krawalliger Unterhaltungsformate möglich, irrt gewaltig. Der einzige Unterschied zum sprachlichen Alltag, in dem rassistische Untertöne oder sprachliche GrenzĂŒberschreitungen immer noch viel zu hĂ€ufig vorkommen, ist die Aufmerksamkeit, die ihnen nun gewidmet wird.

Dort wo Sprache ist, beginnt die Wirklichkeit

Wenn Harald XY zu Max Mustermann mal wieder das N-Wort sagt und auf den Fernseher zeigt, um seinem Kumpel zu zeigen, wen er meint, kriegt das nur keiner mit. Aber ist das weniger schlimm? Stört es gar nicht, von "Fremdenhass" zu sprechen, wenn eigentlich Rassismus gemeint ist, man aber die Menschen, ĂŒber die man spricht, zu Fremden macht – ohne zu wissen, woher sie kommen? Doch, es stört: Denn dort wo Sprache ist, beginnt die Wirklichkeit. Wie wir miteinander und ĂŒbereinander reden, so leben wir auch zusammen.

Niemand muss in diesem Kommentar Angst haben, dass gleich die viel beschworene "Sprachpolizei" aufkreuzt, ein Absperrband zieht mit dem Aufdruck "Das wird man ja wohl noch sagen dĂŒrfen" und dahinter ein Vokabular einkesselt, das fortan zu mehrjĂ€hriger GefĂ€ngnisstrafe und Verbannung fĂŒhren wird. Nein: Dieser Text hier möchte nur sensibilisieren und deutlich machen, dass Rassismus in unserer Sprache leider noch viel zu hĂ€ufig Platz findet – ob bewusst oder unbewusst.

Der Fachjargon fĂŒr den Busch-Ausspruch von Frau Youssefian und ebenso fĂŒr AusdrĂŒcke wie das N-Wort lautet: "Othering". Menschen werden als andersartig erklĂ€rt, herabgestuft und nicht zur vermeintlichen Norm gezĂ€hlt. Eine Erniedrigung, die einem kolonialistischen Zeitgeist entspringt: Hier die weißen Gutsherren, dort die Nicht-Weißen, die sich unterzuordnen haben.

Sprache: "Nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da"

Unsere Sprache ist viel zu mĂ€chtig, als dass wir zulassen dĂŒrften, dass mit ihr solch Schindluder getrieben wird. Wie sagte es der von den Nazis verfolgte jĂŒdische Romanist und Politiker Victor Klemperer einst in seiner Abhandlung "Sprache des Dritten Reiches"? Wörter seien wie Arsendosen, eine Kapsel mit gefĂ€hrlichem chemischen GebrĂ€u: "Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da."

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Wir dĂŒrfen nicht tolerieren, dass dieses Gift in unsere Gesellschaft getrĂ€ufelt wird. Ob im Dschungelcamp, vermeintlich weit weg von unserem Alltag, oder hier und jetzt: am Arbeitsplatz, auf der Couch, an der Supermarktkasse, in der Schule, auf den SportplĂ€tzen, an Rasthöfen und in den Chats und Kommentarspalten der sozialen Medien. Mit unserer Sprache entscheiden wir ĂŒber unser menschliches Miteinander: Wir können diskriminieren – oder Respekt zeigen. Entscheiden wir uns fĂŒr Letzteres.

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