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TV-Tipp - 1944: Bomben auf Auschwitz?

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1944: Bomben auf Auschwitz?

21.01.2020, 00:02 Uhr | dpa

TV-Tipp - 1944: Bomben auf Auschwitz?. Im April 1944 entkamen Rudolf Vrba (David Moorst, l) und Alfred Wetzler (Michael Fox) wie durch ein Wunder dem deutschen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.

Im April 1944 entkamen Rudolf Vrba (David Moorst, l) und Alfred Wetzler (Michael Fox) wie durch ein Wunder dem deutschen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Foto: Oxford Films/ZDF/Arte/dpa. (Quelle: dpa)

München (dpa) - Es ist eine Frage, die immer wieder zum Gedenktag an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz aufkommt. Hätten die Alliierten Abertausende Juden vor dem Tod im Gas retten können, wenn sie das Vernichtungslager der Nationalsozialisten 1944 bombardiert hätten? Eine moralisch schwierige Entscheidung, denn die Bomben hätten nicht nur die ausgefeilte Tötungsmaschinerie zerstört.

Sie hätten vermutlich auch viele Juden getötet, die zu dem Zeitpunkt dort gefangen waren. Kurz vor dem 75. Jahrestag der Befreiung des Lagers am 27. Januar setzt sich Arte mit dieser Frage auseinander. Der Dokumentarfilm "1944: Bomben auf Auschwitz?" läuft am Dienstag um 20.15 Uhr.

Aufbauend auf einem Film des britischen TV-Senders BBC beginnt die ZDF-Produktion unter Regie von Mark Hayhurst mit dem Schicksal von Rudolf Vrba (1924-2006) und Alfred Wetzler (1918-1988). Zwei Jahre lang hatten die Freunde in Auschwitz gelitten, bis es ihnen im April 1944 zu fliehen gelang. In Freiheit wollten sie der Welt von dem Völkermord erzählen, den die Deutschen im besetzten Polen begingen. "Irgendwie fanden wir es nicht richtig, dass die Welt sich weitergedreht hatte, während es Auschwitz gab, dass die Leute gelacht und gescherzt, getrunken und sich geliebt hatten, während Millionen starben und wir um unser Leben kämpften", schrieb Vrba, der seine Erlebnisse in der Autobiografie "Ich kann nicht vergeben" festgehalten hat.

Der Film erzählt in nachgespielten Szenen, wie Vrba und Wetzlar in der Slowakei untertauchten und ihre Schreckenserlebnisse öffentlich machten. Auf verschlungenen Wegen gelangten die Auschwitz-Protokolle in die freie Welt, zum britischen Premierminister Winston Churchill ebenso wie zur US-Regierung unter Präsident Franklin D. Roosevelt, zum War Refugee Board der USA und zu jüdischen Organisationen.

Doch die Meinungen waren gespalten. Die einen wollten sofort bombardieren, zumindest die Bahngleise, auf denen Juden aus ganz Europa in Viehwaggons angekarrt wurden. Andere hatten moralische Bedenken, dadurch tausende jüdische Häftlinge zu töten. Und manche zweifelten, ob die Schilderungen überhaupt der Wahrheit entsprachen.

Noch Jahrzehnte später bedauern viele, dass die Alliierten sich damals nicht zu einem Militärschlag durchringen konnten. Der Jüdische Weltkongress habe die Amerikaner gebeten, die Zufahrtswege zu bombardieren, sagte etwa 1999 der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis. "Sie taten es nicht, obwohl es nicht mehr schlimmer kommen konnte."

2001 verklagten Überlebende und Hinterbliebene von Holocaust-Opfern sogar die US-Regierung auf Schadenersatz in Milliardenhöhe, wegen passiver Mittäterschaft und Beihilfe zur Ermordung europäischer Juden. Der frühere israelische Ministerpräsident Ariel Scharon beklagte 2005: "Während all der Kriegsjahre ist nichts unternommen worden, um die Vernichtung zu stoppen", sagte er. "Sie wussten es und taten nichts." Und 2008 bekannte US-Präsident George W. Bush: "Wir hätten bombardieren sollen", um das Töten zu beenden.

"Die Vorgänge in Auschwitz hätten die allergrößte Empörung auslösen müssen. Es ist ein moralisches Versäumnis des Westens", meint auch der US-Historiker Michael Berenbaum im Film. "Wir sind uns im Klaren, dass die Nazis zwei Kriege führten - einen Rassenkrieg und einen Weltkrieg. Wir führten aber nur den einen: den Weltkrieg." Rebecca Erbelding vom United States Holocaust Memorial Museum in Washington ist überzeugt: "Weil die Nazis den Krieg verloren, versuchten sie, den Rassenkrieg zu gewinnen."

Doch was hätten Bomben gebracht? Darüber sind sich Historiker uneins, schließlich waren die Alliierten im Frühsommer 1944 mit dem D-Day beschäftigt, um nach der Landung in der Normandie ganz Europa von den Nationalsozialisten zu befreien. Das Schicksal der überlebenden Juden in Europa habe davon entscheidend abgehangen, sagt Berenbaum. Zudem sei ein präzises Bombardement etwa nur der Gaskammern schwierig gewesen. "Alle Optionen waren irgendwie schlecht, weil schon ein geringer Fehlwurf viele Menschenleben kosten würde", erläutert die Historikerin Tami Davis Biddle.

Und doch - ein Bombardement wäre eine grundsätzliche Botschaft an die Nazis gewesen, dass so eine Barbarei nicht hinnehmbar sei, findet Biddle. Das glaubt auch Berenbaum: Das Problem der Massenvernichtung hätten die Bomben nicht gelöst. "Doch moralischer Protest angesichts von Völkermord ist weit besser als gar keine Reaktion."

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