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Weshalb die 6.000 Toten nicht stimmen

Vielzitierte Diesel-Studie  

Weshalb die 6.000 Toten nicht stimmen

31.05.2018, 16:17 Uhr | Gregor Becker, Yannick Ramsel

. Frühere Tode durch Dieselabgase: Die Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen. (Quelle: imago images/ Alexander Stein)

Frühere Tode durch Dieselabgase: Die Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen. (Quelle: Alexander Stein/imago images)

Durch Dieselabgase sterben Menschen früher, so das Umweltbundesamt in einer Studie. Doch wie berechnet man Dieseltote? Bei den Zahlen ist Skepsis angebracht.

Anfang März tritt Maria Krautzberger in Berlin vor die Presse und nennt eine Zahl, die in den Tagen darauf überall aufgegriffen wird: 6.000. So viele Menschen sollen in Deutschland im Jahr 2014 frühzeitig gestorben sein, weil sie verschmutzte Luft einatmeten. Stickstoffdioxid, um genauer zu sein. Chemische Formel: NO2. Häufigster Verursacher: der Straßenverkehr, vor allem Diesel-Fahrzeuge.

Eine akribische Analyse bestehender Studien

Aber wie kommt das Umweltbundesamt auf diese Zahl? Wie berechnet man, dass 6.000 Menschen noch leben könnten, wenn es den Dieselmotor nicht gäbe? Nicht das Umweltbundesamt selbst hat die Berechnungen angestellt. Sondern die Arbeitsgruppe Umweltrisiken des Helmholtz Zentrums München und die Freiburger IVU Umwelt GmbH.

Mehr als 350 Studien haben die Autoren verglichen, in allen geht es um die Gesundheitsgefahren durch Stickstoffdioxid. Es ist eine akribische Analyse bestehender Stickstoff-Studien, eine NO2-Fleißarbeit – und die Grundlage, um die gesundheitlichen Folgen für viele Bürger zu berechnen.

Projekt mit Journalistenschülern
Zum Start der Dieselfahrverbote in Hamburg berichten die Schülerinnen und Schüler des 38. Lehrgangs der Henri-Nannen-Schule in Hamburg über Folgen und Hintergründe des Fahrverbots. Die Schule wurde 1978 gegründet und ist die Journalistenschule des Gruner+Jahr-Verlags, der Zeit und des Spiegels. Autoren dieser Texte sind: Gregor Becker, Alexandra Duong, Félice Gritti, Luisa Hommerich, Julia Kopatzki, Timo Lehmann, Roland Lindenblatt, Katharina Meyer zu Eppendorf, Max Polonyi, Jakob Pontius, Yannick Ramsel, Maximilian Rieger, Claudio Rizzello, Tobias Scharnagl, Veronika Völlinger, Cara Westerkamp.

Die Forscher erstellten einen Katalog mit verschiedenen Gesundheitsrisiken, die in den anderen Studien mit NO2 in Verbindung gebracht worden waren. Dann verglichen sie für den Zeitraum 2007-2014 die durchschnittliche NO2-Belastung mit dem Auftreten der verschiedenen Risiken.

Nach der Studie sind Hunderttausende durch die NO2-Belastung erkrankt 

Sie schauten zum Beispiel, ob Menschen öfter einen Herzinfarkt bekommen, wenn sie an einer viel befahrenen Straße leben. Oder ob Menschen eher an Asthma leiden, wenn sie häufig Abgasen ausgesetzt sind.

Es war eine simple epidemiologische Hochrechnung – mit bemerkenswerten Ergebnissen. Acht Prozent der bestehenden Diabetes-Erkrankungen im Jahr 2014 führten die Forscher auf NO2 in der Außenluft zurück. Das entspricht 437.000 Krankheitsfällen. Bei bestehenden Asthmaerkrankungen war der Anteil noch höher: 14 Prozent seien auf die Langzeitbelastung durch NO2 zurückzuführen. In absoluten Zahlen: 439.000 Krankheitsfälle.

Präsidentin des Umweltbundesamtes: Maria Krautzberger präsentierte die Studie zu den Toten durch Stickoxide aus dem Verkehr.  (Quelle: imago images)Präsidentin des Umweltbundesamtes: Maria Krautzberger präsentierte die Studie zu den Toten durch Stickoxide aus dem Verkehr. (Quelle: imago images)

Und dann sind da noch die 6.000 Menschen, die im 2014 frühzeitig an Herzkreislauferkrankungen gestorben sein sollen, ausgelöst durch verschmutzte Atemluft.

Andere Krankheitsursachen lassen sich kaum ausschließen

Aber wie will man erkennen, dass Menschen an den Folgen von Stickstoffdioxid sterben und nicht, weil sie an einer Erbkrankheit oder Übergewicht litten? Wie sicher kann man sein, dass ein Asthma-Leiden durch Stickstoffdioxid verursacht wurde und nicht einfach genetisch veranlagt ist?

Die von den Forschern identifizierten Muster liefern Indizien für die gesundheitsgefährdenden Effekte von Stickstoffdioxiden – aber noch keine Beweise. „Die größte Schwachstelle dieser Studien ist, dass Stickoxide ja nicht der einzige Umwelteinfluss sind, dem die Menschen ausgesetzt sind“, sagt Walter Krämer, Statistik-Professor an der Technischen Universität Dortmund.

Das Leben in der Stadt und auf dem Land unterscheide sich nicht nur durch den Stickoxidgehalt in der Luft, sondern auch durch viele andere Faktoren. „Bei manchen Studien werden die Menschen nicht einmal gefragt, ob sie rauchen, obwohl das alle anderen Umwelteinflüsse überlagert.“

Diese Kritik weist Josef Cyrys zurück. Cyrys ist einer der Autoren der UBA-Studie. „Solche Umweltfaktoren kann man sehr gut ausschließen, da die NO2-Exposition in den ausgewerteten Studien nicht mit Rauchen oder Stress korreliert“, sagt Cyrys. „Menschen, die rauchen, werden oft von vornherein aus den Studien ausgeschlossen“. 

Eine saubere Studie ist nicht möglich

Um statistisch gesicherte Aussagen über die Gesundheitsgefahren von Stickstoffdioxid treffen zu können, müsste man alle anderen Faktoren kontrollieren. In der Praxis hieße das: Man beobachtet über Jahre zwei Gruppen, die sich in allem ähneln - Herkunft, Alter, Geschlecht, Gewicht, Lebensweise. Und sich nur in einem unterscheiden. Die eine Gruppe wird Tag für Tag einer erhöhten NO2-Konzentration ausgesetzt.

Würden die Probanden der NO2-Gruppe öfter an Asthma und Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden oder im Durchschnitt früher sterben, wäre der gesundheitsschädliche Effekt von Stickstoffdioxid belegt.

Nur kann man ein solches Experiment in der Realität nicht umsetzen. Und die Autoren der Studie sagen selber „Epidemiologische Studien ermöglichen keine Aussagen über ursächliche Beziehungen.“ Statistik-Professor Krämer sagt sogar: „Was wir statistisch wissen ist, dass die Menschen in Deutschland immer älter werden und die Luftqualität sich stetig verbessert. Auch die Stickoxidbelastung geht seit langem zurück.“

Und tatsächlich: Die auf Stickstoffdioxid-Belastung zurückzuführenden Todesfälle sind von 2007 bis 2014 um fast 25 Prozent gesunken – auch das geht aus der Studie hervor. In die Schlagzeilen schaffte es diese Zahl aber nicht. 

Weitere Aspekte des Themas, Interviews mit Betroffenen, Gegnern und Verfechtern des Diesels finden Sie auf der Sonderseite, die Journalistenschüler der Henri-Nannen-Schule befüllt haben.

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