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Carbon 1 Mk II im Test: Das Smartphone für Leute mit Pioniergeist

Carbon 1 aus Kohlefasern  

Was kann das leichte, schlanke und stabile Smartphone?

01.03.2021, 15:52 Uhr | Till Simon Nagel, dpa

Carbon 1 Mk II im Test: Das Smartphone für Leute mit Pioniergeist. Schwarzer Block aus High-Tech-Material: Das Carbon 1 MK II mit seinem Gehäuse aus Kohlefaser ist mit knapp 6 Millimetern sehr dünn.  (Quelle: dpa/tmn/Carbon Mobile)

Schwarzer Block aus High-Tech-Material: Das Carbon 1 MK II mit seinem Gehäuse aus Kohlefaser ist mit knapp 6 Millimetern sehr dünn. (Quelle: Carbon Mobile/dpa/tmn)

Leicht, stabil und nachhaltig soll das Carbon 1 Mk II sein. Und doch ist das in Deutschland entwickelte Smartphone nicht ganz die versprochene Revolution. Warum? Das zeigt unser Test.

Der erste Eindruck: "Wow, ist das leicht." Und auch wenn man es in der Hosentasche trägt, merkt man vom Carbon 1 Mk II kaum etwas. Dabei ist das Carbon-Smartphone mit seinem Sechs-Zoll-Display nicht gerade klein. Dafür ist es sehr schlank und mit 127 Gramm Gewicht geradezu sagenhaft leicht. So leicht, dass es sich fast ein wenig billig anfühlt. Der Eindruck hält aber nur kurz an, man muss sich erst einmal umgewöhnen. Heutzutage wiegen Smartphones oft gut und gerne um die 200 Gramm.

Nach ein paar Stunden kehrt sich der Effekt um: Alle anderen Smartphones liegen plötzlich schwer und klotzig in der Hand. Das geringe Gewicht machen Kohlefasern möglich. Das Carbon 1 hat ein Gehäuse aus hochfestem und funkfähigem Spezial-Carbon mit nur 0,6 Millimetern Wandstärke. Mit diesem Werkstoff will Hersteller Carbon Mobile punkten. Knapp 800 Euro soll das wie ein mattschwarzer Monolith wirkende Telefon kosten, wenn es Mitte März in den Handel kommt. Zu den Details:

Was ist so besonders am Carbon 1 Mk II?

Kohlefaser ist hochfest und extrem leicht. Ein Gehäuse daraus kann also extrem dünn und dabei sehr steif sein. Leider lassen Kohlefasern Funkwellen schlecht durch. Für Smartphones sind sie damit eigentlich nicht gut geeignet.

Eigentlich: Die Gehäuseschale des Carbon 1 besteht aus Kohlefasern, die mit funkfähigen Komponenten verwoben wurden. Hersteller Carbon Mobile nennt das Produkt "HyRECM". Das soll hybrides, funkfähiges Kompositmaterial bedeuten. Vier Jahre Arbeit stecken in "HyRECM". Daraus gebaute Telefone sind dünn, leicht und sehr stabil. Die 127 Gramm des Carbon 1 sind tatsächlich verhältnismäßig wenig. Zum Vergleich: Das etwa gleich große Google Pixel 3a wiegt 166 Gramm, das kleinere iPhone 11 Pro 195 Gramm.

Ein weiterer Vorteil der Kohlefaser: Es ist kaum noch Plastik nötig. Die Rohstoffe kommen als Produktionsresten von deutschen Industrieunternehmen, erklärte Gründer Firas Khalifeh vergangenes Jahr im "Handelsblatt". Gefertigt wird in China. Nach Herstellerangaben kann ein Carbon 1 weitgehend zerlegt und die Materialien wiederverwendet werden. Eines Tages könnten die Fasern auch aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden.

Was steckt denn drin?

Eigentlich sollte das Carbon 1 schon im Mai 2020 auf den Markt kommen. Dann kam Corona. Die Zeit bis zum zweiten Verkaufsstart am 1. März haben die Entwickler genutzt und noch etwas am Gerät gefeilt. Zum Beispiel hat das Telefon nun mehr Speicher sowie stabileres Glas und trägt den Zusatz Mk II.

Das Innenleben des Carbon 1 ist das eines recht gewöhnlichen Mittelklasse-Smartphones. Herzstück ist ein Mediatek Helio P90 mit acht Kernen. Dazu gibt es 8 Gigabyte (GB) Arbeitsspeicher und 256 GB Platz für Apps, Fotos und Musik. Der Speicherkartenslot fasst die SIM-Karte und eine Speicherkarte – oder eine zweite SIM. Das Sechs-Zoll-Display ist ein selbstleuchtendes AMOLED in FHD+-Auflösung (2.160 zu 1.080 Pixel). An der rechten Gehäuseseite sind die Lautstärkeregler, Sperrtaste und ein Fingerabdrucksensor angebracht.

In der Hauptkamera steckt Samsungs S5K3P9-Sensor mit 16 Megapixeln (MP) Auflösung, der sonst noch in einigen Mittelklasse-Nokias steckt. Die 20-MP-Selfieknipse kommt ebenfalls von Samsung. Das Carbon 1 funkt auf allen gängigen 2G- bis 4G-Frequenzen, 5G kann es nicht. Als Betriebssystem ist Android 10 installiert, Android 11 soll im zweiten Quartal 2021 folgen.

Das hat uns gefallen

Das Carbon 1 Mk II sieht toll aus mit seinem matten Gehäuse aus einem Stück, dem Flechtmuster auf der Rückseite. Das an sich in Zeiten von randlosen Displays und Lochkameras veraltet scheinende Design mit deutlichen Rändern oben und unten wirkt zeitlos modern. Mit dem leuchtenden Schriftzug auf der Rückseite ist das Carbon 1 ein Hingucker.

Auch das Gewicht ist nach kurzer Verwirrung ein echtes Plus. Wo zunächst viele denken mögen: "Schwer ist gut, schwer ist zuverlässig", heißt es schnell "schön leicht". Das Gehäuse ist tatsächlich so fest, dass es ein versehentliches Hinsetzen mit dem Telefon in der hinteren Hosentasche schadlos übersteht. Auch wer mutig etwas biegt, braucht kein "Bendgate" zu fürchten.

Auch das schnörkellose, weil nahezu unveränderte Android 10 gefällt. Wer mag, kann in den Einstellungen oft genutzte Apps beschleunigen. Dann starten sie schneller, wenn die künstliche Intelligenz ihre Nutzung voraussieht. Klappt subjektiv gut. Auch die Akkulaufzeit ist mit einem guten Tag im Rahmen – obwohl das Gerät so flach ist.

Das hat uns nicht gefallen

Das schöne Äußere kann leider nicht verdecken, dass im Inneren einiges noch in Entwicklung ist. Das fängt bei der Kamera an. An sich ist der Sensor gut und in etlichen Mittelklassegeräten erprobt. Zusammen mit der eigenen Kamera-App liefert er leider nur mäßige Fotos. Der Farbeindruck ist eher düster, Details in dunkleren Bildbereichen verwaschen. Laut Hersteller ist eine bessere Version der App zu 70 Prozent fertig. Sie soll mehr Funktionen liefern. Bislang gibt es nur "Auto" und "Porträt".

Etwas hakelig gerät das Entsperren des Telefons. Weil das Carbon 1 nur knapp sechs Millimeter dick ist, fällt auch der an der Seite verbaute Fingerabdrucksensor sehr schmal aus. Das führte in der Praxis beim Testgerät zu einigen vergeblichen Entsperrversuchen. Ein Softwareupdate soll hier bald Abhilfe schaffen. Außerdem gibt es nur einen Lautsprecher.

Dann fehlen da noch Komfortfeatures, die mittlerweile Standard sind. Das Telefon antippen, damit der Bildschirm aufwacht? Kann das Carbon 1 noch nicht. Oder aktuelle Sicherheitsupdates. Das Testgerät ist noch auf dem Stand vom 5. November 2020, die Google-Play-Dienste vom 1. Januar. Auf seiner Webseite wirbt Carbon Mobile mit dem Fleksy-Keyboard als Standardtastatur mit besonderem Datenschutz. In der Realität ringt man noch mit Googles Zertifizierung – so lange bekommen Kunden das Google-Keyboard.

Dieser Eindruck bleibt

Das Carbon 1 Mk II ist ein spannendes Gerät. Das Kohlefaser-Chassis ist elegant und zieht Blicke auf sich. Ihr Primärziel haben die Macher erreicht. Ein leichtes, schlankes und stabiles Smartphone aus einem revolutionären Werkstoff zu bauen. Das Carbon 1 ist ein Ausblick darauf, was mit dem Werkstoff Kohlefaser noch alles möglich ist. Leider ist es beim Erstling nicht gelungen, den revolutionären Sprung beim Werkstoff auch auf das Nutzererlebnis zu übertragen.

Softwareseitig unterscheidet sich das Carbon 1 nämlich kaum von anderen Geräten. Das pure Android verhindert wirkliche Abgrenzung zur Konkurrenz bei Aussehen und Funktionen. Kurz gesagt: Für ein 800-Euro-Gerät ist es ein bisschen langweilig. Einige der auf der Webseite versprochenen Funktionen sollen erst noch nachgereicht werden. Alles wirkt ein wenig unfertig. Wer sich ein Carbon 1 Mk II zulegen will, sollte also ein wenig Pioniergeist mitbringen.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa

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