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Selbst an der "Smart School" streikt das WLAN

  • Nicolas Lindken
Von Ali Vahid Roodsari, Nicolas Lindken

23.02.2019Lesedauer: 6 Min.
"Wir sind gezwungen zu improvisieren": Wie eine Schule modernen Unterricht mit großen Geldsorgen macht. (Quelle: t-online)
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Mit dem Digitalpakt will der Bund deutsche Schulen technisch aufrĂŒsten. Haben die das nötig? Ein Besuch in einer Berliner "Smart School" zeigt: Ja, und zwar dringend. Und Geld allein wird nicht reichen.

Die Probleme fangen an, als Nico Wirtz den Klassenraum betritt – wenige Minuten bevor die Schulglocke lĂ€utet. Noch ist der Rechner im Klassenzimmer damit beschĂ€ftigt, 135.309 Dateien zu kopieren. WĂ€hrend des Unterrichts zeigt der Bildschirm eine Fehlermeldung. Dann scheitern Wirtz' SchĂŒler daran, mit ihren iPads die Lernanwendung zu starten. Und als letztes zeigt das Smart Board – die digitale Tafel – die Eingaben der SchĂŒler nur verzögert an. "Und wir nennen uns eine Smart School", sagt ein SchĂŒler ironisch.

Nico Wirtz ist 47 Jahre alt und arbeitet als Lehrer fĂŒr Deutsch und Englisch am John-Lennon-Gymnasium (JLG) in Berlin. Er trĂ€gt den Titel "Koordinator fĂŒr digitale Schulentwicklung". Denn das JLG ist eine "Smart School", ausgezeichnet vom Digitalverband Bitkom. Zusammen mit 20 anderen Schulen in Deutschland soll das JLG als Leuchtturm der Digitalisierung im Bildungsbereich dienen, als Leitbild fĂŒr eine Schule, an der sich andere Einrichtungen orientieren können – eigentlich. "Verglichen mit anderen LĂ€ndern sind wir in Deutschland noch sehr rĂŒckstĂ€ndig", sagt Wirtz.

250 Megabit pro Sekunde fĂŒr 900 Menschen

Ein Beispiel dafĂŒr sind die iPads: Apple-Produkte, nicht gĂŒnstig in der Anschaffung, aber Wirtz erklĂ€rt, dass sie dank Apples Update-Politik eine lange "Nutzwertzeit" haben werden. 32 solcher GerĂ€te kaufte die Schule vor einem halben Jahr – fĂŒr knapp 800 SchĂŒler. Laut Wirtz zu wenig: "Bei unserer SchĂŒlerzahl brĂ€uchten wir drei bis viermal so viel", so der Lehrer.

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TatsĂ€chlich zeigt der Bildungsmonitor der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" von 2018, dass deutsche Schulen bei der technischen Ausstattung international im besten Fall im Mittelfeld liegen. WĂ€hrend in LĂ€ndern wie Estland Laptops oder Glasfaseranschluss in Schulen zur Standardausstattung gehören, musste das JLG sich ein Teil der Tablets mit der Hilfe des hauseigenen Fördervereins finanzieren: also mit Geld von Eltern und Spendern. "FĂŒrs Internet hatten wir bis vor kurzem einen 16-Megabit-Haushaltsanschluss", sagt Wirtz. "Aktuell sind es 250 Megabit. Aber auch das reicht nicht fĂŒr eine Schule mit 800 SchĂŒler und 90 Kollegen."

32 iPads hat sich das John-Lennon-Gymnasium angeschafft – zum Teil durch Spenden finanziert.
32 iPads hat sich das John-Lennon-Gymnasium angeschafft – zum Teil durch Spenden finanziert. (Quelle: Nicolas Lindken/T-Online-bilder)

Digitalpakt soll Schulen aufrĂŒsten

Die Lösung fĂŒr dieses Problem ist der Digitalpakt – jedenfalls ist das die Meinung der Politik. Mindestens 5 Milliarden Euro sollen Schulen fĂŒr neue Technik innerhalb von fĂŒnf Jahre von Bund und LĂ€ndern bekommen. Runtergerechnet sind das etwa 137.00 Euro pro Schule, beziehungsweise 500 Euro pro SchĂŒler, schreibt das Bundesministerium fĂŒr Forschung und Bildung.

FĂŒr den Digitalpakt soll sogar das Grundgesetz reformiert werden. Das beschloss der Bundestag im November 2018. ZunĂ€chst scheiterte die Reform am Widerstand der LĂ€nder. Sie sahen durch die Änderung ihre Schulhoheit in Gefahr. Am Mittwoch einigten sich alle Parteien aber auf einen Kompromiss. Der sieht vor, dass der Bund Personal fĂŒr besondere Aufgaben befristet finanzieren kann – zum Beispiel einen Systemadministrator. Auch der Bundestag stimmte der Entscheidung am Donnerstag zu. Der Kompromiss muss noch vom Bundesrat abgesegnet werden.

Trotz allem ist Wirtz von der monatelangen Diskussion etwas genervt: "Dieser Bildungsföderalismus gehört komplett abgeschafft", sagt der Lehrer. "Um im internationalen Vergleich nicht restlos abgehÀngt zu werden, sind drastische Reformen im Bildungssystem unumgÀnglich." Auch die Mehrheit der Deutschen sieht den Bildungsföderalismus kritisch. Das ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov.

Geld fĂŒr Technik allein reicht nicht

PĂ€dagoge Michael Kirch sieht das Ă€hnlich: "Das Digitale macht grenzenloses Lernen und Lehren möglich und notwendig", sagt Kirch. "Solange wir in Deutschland lokal denken und Kooperation behindern, werden wir nicht wirklich weiterkommen." Kirch ist Akademischer Rat am Lehrstuhl fĂŒr GrundschulpĂ€dagogik und -didaktik an der der Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t MĂŒnchen.

Er betont, dass Schulen zunĂ€chst darĂŒber nachdenken sollten, wie sie das Lehren und Lernen vor dem Hintergrund der DigitalitĂ€t gestalten wollen, bevor sie an konkrete Anschaffungen denken. "Ich wĂŒrde davon abraten, mit der Gießkanne Technik auszuschĂŒtten, wenn vorher keine Konzepte entwickelt werden", sagt der PĂ€dagoge. "Am Ende stecken wir einen Haufen Geld in Technik, die irgendwann im Keller verschwindet."

Dass Deutschland im Vergleich zu anderen LĂ€ndern erst spĂ€t mit der Digitalisierung anfĂ€ngt, findet Kirch nicht so tragisch: So haben wir die Chance, von Erfahrungen und Fehlern der anderen zu lernen und könnten dadurch einiges an Zeit aufholen." Allerdings hĂ€lt Kirch es fĂŒr notwendig, dass in allen Phasen der Lehrerbildung in die Ausbildung von LehrkrĂ€ften investiert wird.

Nico Wirtz ist Deutsch- und Englisch-Lehrer am John-Lennon-Gymnasium und "Koordinator digitale Schulentwicklung".
Nico Wirtz ist Deutsch- und Englisch-Lehrer am John-Lennon-Gymnasium und "Koordinator digitale Schulentwicklung". (Quelle: Nicolas Lindken/T-Online-bilder)

Ein Medienkoordinator fĂŒr jede Schule

Lehrer Wirtz bestÀtigt, dass wÀhrend des Lehramtsstudiums zu wenig der Umgang mit neuen Medien gelehrt wird. Er hatte vor seinem Beruf als Lehrer in der freien Wirtschaft gearbeitet. Vor knapp sechs Jahren kam er ans JLG, wÀhrend der Ausbildung habe er nur ein einziges Mal ein Smart Board gesehen: "In puncto Digitalisierung ist seit Ende meiner eigenen Schulzeit in den achtziger Jahren gesellschaftlich so viel passiert", sagt Wirtz. "Ich war entsetzt, wie wenig davon in der Schule angekommen war."

Der 47-JĂ€hrige betont immer wieder, dass jede Schule einen Medienkoordinator brauche. Der wĂŒrde garantieren, dass die neuen Medien richtig an der Schule eingesetzt werden. "Bisher schneiden sich das die Schulen aus den Rippen – wenn ĂŒberhaupt", so Wirtz. "Sie beauftragen dafĂŒr LehrkrĂ€fte, die das nicht gelernt haben und geben ihnen meistens zu wenig Entlastung, um wirklich etwas auf die Beine stellen zu können."

Krankmelden per E-Mail

Wirtz selbst wurde vor knapp zwei Jahren damit beauftragt, die Website der Schule zu ĂŒberarbeiten. Das Projekt wuchs schnell in alle Richtungen und innerhalb kĂŒrzester Zeit hatte das JLG ein Gremium aus Lehrern, Eltern, Schulleitung und SchĂŒlern, das sich mit der Digitalisierung an der Schule beschĂ€ftigte.

Den Titel "Smart School" hat die Schule vor allem fĂŒr ihr "gemeinschaftliches Lernkonzept" verliehen bekommen, sagt Wirtz. Das JLG nutzt verschiedene Lernplattformen, die die Zusammenarbeit zwischen SchĂŒlern und Lehrern erleichtern. So können Lehrer Unterrichtsmaterialen digital austauschen oder an SchĂŒler verteilen. Auch lassen sich bestimmte Tests automatisch auswerten, oder SchĂŒler-Antworten auf Smartboards abbilden. Zudem können SchĂŒler mit Lehrern chatten oder den aktuellen Stundenplan online abrufen. "Das Papierklassenbuch haben wir vor eineinhalb Jahren abgeschafft", sagt Wirtz.

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Die SchĂŒler am JLG lernen mit ananlogen und digitalen Medien.
Die SchĂŒler am JLG lernen mit ananlogen und digitalen Medien. (Quelle: Nicolas Lindken)

Krankmelden geht am JLG per E-Mail. Nur zur Not sollen Eltern oder Lehrer anrufen, schreibt das JLG auf seiner Website. Der Vorteil laut Wirtz: Nachdem das Sekretariat die Krankmeldung ins System eingegeben hat, erhalten Lehrer sie auf ihr Tablet oder Smartphone. So sparen sie sich den Gang zu ihrem Fach. "Und wer nachts schon merkt, dass es ihm nicht gut geht, kann sich per Mail krankmelden und ausschlafen."

"Ein Flickenteppich an GerÀten"

Trotz dieser Fortschritte hapert es am JLG vor allem im Technik-Bereich. So sagt SchĂŒlerin Inas: "Wenn wir mit den Tablets arbeiten, stĂŒrzt das WLAN immer wieder ab." Und SchĂŒler Leo sagt: "Wenn man in einen Raum kommt, ist es gefĂŒhlt eine 50:50 Chance, ob das Smart Board funktioniert".

Wirtz zeigt den Computerraum: Sichtlich veraltete Rechner liegen auf dem Tisch, auf jedem steht ein Monitor. Manche Monitore, MĂ€use oder Tastaturen sind schwarz, andere weiß. "Wie die meisten öffentlichen Schulen haben wir einen Flickenteppich aus GerĂ€ten", sagt Wirtz. "Wir kommen gĂŒnstig an Rechner, die irgendwo ausgemustert wurden. Den Anforderungen an moderne Netzwerklösungen kann man damit kaum nachkommen". Zwar seien neue Computer bestellt, jedoch verzögere sich die Lieferung.

Vom Digitalpakt verspricht sich Wirtz, dass die Schule mit dem Geld lĂ€ngst geplante Konzepte endlich umsetzen kann. "Wobei man dazu sagen muss: Diese fĂŒnf Milliarden sind auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein."

Panne: Wegen WLAN-Problemen zeigt das Smart Board zunĂ€chst nicht die Eingaben der SchĂŒler.
Panne: Wegen WLAN-Problemen zeigt das Smart Board zunĂ€chst nicht die Eingaben der SchĂŒler. (Quelle: Nicolas Lindken/T-Online-bilder)

Schule muss sich an gesellschaftliche RealitÀt anpassen

Doch es gibt auch Menschen, die digitale Medien an Schulen kritisieren. Wirtz berichtet beispielsweise von manchen Eltern, die im Schulgremium dazu gern Studien zitieren. Er sieht es darum als Pflicht der Schule, den SchĂŒlern den richtigen Umgang mit den digitalen Medien beizubringen. Das sei im Medienbildungskonzept des JLGs vorgesehen. Es soll garantieren, dass SchĂŒler "die GerĂ€te beherrschen, aber sich nicht von ihnen beherrschen lassen."

Digitale Medien aus dem Schulalltag zu verbannen, sieht Wirtz als falschen Weg: "Die GerĂ€te sind Teil unserer Gesellschaft und es wĂ€re weltfremd, sie aus dem Unterricht auszuschließen", sagt der Lehrer. "Dann werden die Kinder vollkommen unvorbereitet in eine Welt geschmissen, in der die GerĂ€te eine immense Rolle spielen. Das wĂ€re meines Erachtens eine VersĂŒndigung gegenĂŒber den SchĂŒlern."

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