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Fetts├╝chtige Kinder: Magenoperation als einzige Chance

t-online, dpa, Ulrike von Leszczynski

Aktualisiert am 15.10.2013Lesedauer: 5 Min.
Die Zahl der stark ├╝bergewichtigen Kinder nimmt zu. Mediziner sehen nur noch den Ausweg Magen-OP.
Die Zahl der stark ├╝bergewichtigen Kinder nimmt zu. Mediziner sehen nur noch den Ausweg Magen-OP. (Quelle: /Thinkstock by Getty-Images-bilder)
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Wenn Teenager 150 Kilo auf die Waage bringen, werden sie nicht nur geh├Ąnselt. Folgeerkrankungen machen ihnen das Leben schwer. Kinderchirurgen sehen bei Adipositas inzwischen in einer Magenoperation den einzigen Ausweg - trotz des gravierenden Eingriffs. Dennoch ist eine solche Operation mit Skepsis zu betrachten, da sie nicht f├╝r alle f├╝r alle fettleibigen Jugendlichen in Frage kommt und die Grundprobleme nicht l├Âst.

15-J├Ąhrige, die ├╝ber 100 Kilo wiegen

Hunderte Kinder und Jugendliche in Deutschland sind so dick geworden, dass Chirurgen in einer Magenverkleinerung die einzige Chance f├╝r mehr Lebensqualit├Ąt sehen. "Wir reden hier von 15-J├Ąhrigen, die deutlich ├╝ber 100 Kilogramm wiegen", sagte Philipp Szavay, Chefarzt am Luzerner Kantonsspital (Schweiz) und Sprecher der Deutschen Gesellschaft f├╝r Kinderchirurgie auf dem Weltkongress der Kinderchirurgen in Berlin. "Wenn Ern├Ąhrungsumstellung und Sport keinen Erfolg zeigen, wiegen sie mit 20 Jahren 200 Kilo", erg├Ąnzte er. Durch das Gewicht und die Folgeerkrankungen sinke ihre Lebenserwartung erheblich.

Tausende kommen f├╝r OP in Frage

In Deutschland gelten heute rund 800.000 Kinder und Jugendliche als stark ├╝bergewichtig. Selbst bei strengsten Kriterien f├╝r eine Operation w├╝rden immer noch Hunderte oder gar Tausende von ihnen f├╝r eine Magenverkleinerung oder einen Magenbypass infrage kommen, sagte Szavay. "Das sind erschreckende Zahlen. Aber in diesem jungen Alter k├Ânnen wir die Weichen noch umstellen." Fetts├╝chtige Kinder und Jugendliche litten nicht nur k├Ârperlich unter ihrem Gewicht, sondern m├╝ssten auch viele H├Ąnseleien ertragen. Oft fehlten auch ein Freundeskreis und sp├Ąter ein Partner und ein Ausbildungs- und Arbeitsplatz. In Deutschland wurde bei bisher sch├Ątzungsweise 1000 fetts├╝chtigen Jugendlichen Magen-Darm-Trakt operativ verkleinert worden.

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Nur Operieren allein reicht nicht aus

F├╝r die Zukunft sieht Szavay eine deutlich gr├Â├čere Zahl von Adipositaszentren f├╝r Heranwachsende als notwendig an - und auch eine ├änderung bei der Haltung vieler Krankenkassen. Die Finanzierung sei oftmals noch nicht selbstverst├Ąndlich, sagte der Arzt. Die Operation solle dabei aber immer in ein Programm aus Vor- und Nachsorge eingebettet sein - mit Hilfe von Kinder- und Narkose├Ąrzten, Kinderchirurgen, Psychologen, Ern├Ąhrungsberatern, Physiotherapeuten und Psychiatern. Solche Zentren f├╝r Heranwachsende gebe es zum Beispiel bereits in Leipzig, Berlin, Essen und Ulm.

Dicke sind ein Kostenfaktor

Bisher werden Adipositasoperationen vorwiegend bei fetts├╝chtigen Erwachsenen vorgenommen. Zwischen 2005 und 2012 waren das in Deutschland rund 22.000 Menschen - Tendenz steigend. Die Krankenkasse DAK sieht bei ihren Versicherten seit 2008 einen Anstieg der Eingriffe um 60 Prozent. Die Gesamtkosten f├╝r Adipositasoperationen beliefen sich bei "XXL"-Patienten der AOK 2012 auf 30 Millionen Euro.

Erfolge zeigen sich meist schnell

Auch wenn die Therapie durch eine Magenoperation nicht unumstritten ist, kann die stark gebremste Nahrungsaufnahme bei Erwachsenen bereits nach einem Jahr Erfolge zeigen. Nach einer norwegischen Studie verschwinden viele Fettsuchtsymptome wie R├╝cken- und Gelenkschmerzen oder starkes Schwitzen. Viele Patienten f├╝hlten sich nicht nur k├Ârperlich, sondern auch mental und emotional besser. Wegzaubern kann die OP bereits erworbene Folgeerkrankungen wie Herz-Kreislauf-St├Ârungen und Diabetes aber nicht. Und manchmal ist die Gewichtsreduktion so stark, dass Haut und Bindegewebe in Lappen herabh├Ąngen.

Daten aus den USA

Valide Daten zu Adipositas-Chirurgie bei Heranwachsenden gibt es in Europa noch kaum. Untersuchungen aus den USA haben aber gezeigt, dass ab einem Body Mass Index von 35 oder 40 keine andere Therapie mehr erfolgversprechend ist. Forscher Thomas Inge vom Kinderkrankenhaus in Cincinnati (US-Bundesstaat Ohio) berichtete auf dem Kongress, dass bereits vier bis sechs Prozent aller Heranwachsenden in den USA von Fettsucht betroffen seien - mit steigender Tendenz. Bei einer Meta-Studie mit 637 jungen Patienten habe sich nach einer Magenoperation aber bereits nach einem Jahr eine signifikante Gewichtsabnahme gezeigt.

Langzeitergebnisse fehlen noch

Doch das Abspecken per Operation sei bei Heranwachsenden nach wie vor umstritten schr├Ąnkt Szavay ein. Ohne Ern├Ąhrungsumstellung k├Ânne der Magen bei Jugendlichen auch wieder wachsen. Eine Magenverkleinerung sei ein gravierender Eingriff und k├Ânne nicht mehr r├╝ckg├Ąngig gemacht werden. Neben ethischen und juristischen seien auch einige medizinische Fragen noch unbeantwortet. "Uns fehlen Informationen ├╝ber Langzeitergebnisse", berichtet der Kinderchirurg. Denn Adipositas-Chirurgie bei Jugendlichen gibt es erst seit rund zehn Jahren.

Kritische Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft Adipositas

Die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA), in der sich Experten verschiedener Fachrichtungen zusammengeschlossen haben, hat eine kritische Stellungnahme zur Adipositas-Chirurgie ver├Âffentlicht. Die Eingriffe h├Ątte ein hohes Risikopotenzial und k├Ânnten zu schweren Nebenwirkungen mit unklaren Langzeitfolgen f├╝hren. Eine solche Operation d├╝rfe nur das letzte Mittel sein, wenn alle anderen Therapiem├Âglichkeiten ausgesch├Âpft seien und der Patient schwer krank sei, betont die Expertengruppe. Auch dann k├Ânne die Magenverkleinerung nur eine erg├Ąnzende Ma├čnahme sein, denn langfristig m├╝ssten die Betroffenen lernen, ihre Ern├Ąhrungs- und Bewegungsgewohnheiten zu ├Ąndern. Ungeeignet sei diese Art der Therapie f├╝r Patienten mit Ess- oder Pers├Ânlichkeitsst├Ârungen.

"Operation l├Âst weder gesundheitliche, noch psychische Probleme"

Professor Martin Wabitsch, Pr├Ąsident der Deutschen Adipositas Gesellschaft, gibt zu bedenken: "Die Operation l├Âst weder die gesundheitlichen noch die psychischen Probleme. Beide bestehen weiterhin. Die Operation f├╝hrt lediglich zu einem deutlichen Gewichtsverlust. Sucht├Ąhnliches Verhalten wird nach wie vor vorhanden sein. Gesundheitliche Folgen werden zwar vermindert, jedoch bestehen die Anlagen weiterhin. Wir wissen bei Erwachsenen zum Beispiel, dass ein Altersdiabetes durch eine solche Operation zun├Ąchst verschwindet, aber im Verlauf dann wieder auftreten kann."

Wichtig f├╝r den Erfolg sei au├čerdem, dass der Jugendliche aus stabilen Familienverh├Ąltnissen komme, die Entscheidung zu dem Eingriff und seinen Folgen mittrage und bereit sei, an einer Therapie mitzuwirken.

Warum der K├Ârper nach Magen-OP an Gewicht verliert

Dass Patienten nach der magenverkleinernden Operation abnehmen, basiert im wesentlichen auf zwei Faktoren: Nahrungsmittel werden schlechter verdaut und verarbeitet. Zudem ├Ąndert sich die Aussch├╝ttung von Hormonen im Magen- und Darmtrakt, die das Hunger- und S├Ąttigungsgef├╝hl regulieren. "Auf Grund der ver├Ąnderten Physiologie muss davon ausgegangen werden, dass durch eine solche Operation dem K├Ârper langfristig ein erheblicher Schaden zugef├╝gt werden kann, da es zu Mangelerscheinungen bei der N├Ąhrstoffversorgung kommt. Unklar ist auch die Wirkung auf das zentrale Nervensystem und die psychische Gesundheit", sagt Wabitsch.

├ťblicherweise muss der Patient nach der OP dauerhaft Nahrungserg├Ąnzungsmittel einnehmen. Doch Studien belegen, dass weniger als 20 Prozent der Jugendlichen nach der OP die n├Âtigen Protein- und Vitaminzus├Ątze einnehmen.

"Das sind keine Einzelf├Ąlle mehr"

Vor 20 Jahren war das Wegoperieren von ├ťbergewicht bei Kindern in Deutschland noch kein Thema, denn Fettsucht in Massen gab es nicht. Doch mit einem ge├Ąnderten Lifestyle wie ├╝bergro├čen Getr├Ąnkebechern, zucker- und fettreichem Fast Food und ausgepr├Ągtem Bewegungsmangel hat sich das Bild stark gewandelt. "Das sind keine Einzelf├Ąlle mehr, sie fallen in jeder Sprechstunde auf", berichtet Szavay. "Zu mir kommen 16-J├Ąhrige und sagen, dass sie es allein nicht mehr schaffen." Darauf m├╝ssten sich Kinderchirurgen einstellen.

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Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte ├ärzte. Die Inhalte von t-online k├Ânnen und d├╝rfen nicht verwendet werden, um eigenst├Ąndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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Von Christiane Braunsdorf
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