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Prognose von Corona-Simulator: 20.000 Neuinfektionen in zwei Wochen möglich

Forscher entwickeln Corona-Simulator  

"Ich hoffe, dass wir mit unseren Prognosen falsch liegen"

24.10.2020, 13:56 Uhr
Prognose von Corona-Simulator: 20.000 Neuinfektionen in zwei Wochen möglich. Maskenpflicht: Ein Simulator kann zeigen, wie sich die Infektionszahlen weiter entwickeln werden.  (Quelle: imago images/Jochen Eckel)

Maskenpflicht: Ein Simulator kann zeigen, wie sich die Infektionszahlen weiter entwickeln werden. (Quelle: Jochen Eckel/imago images)

Wie viele Corona-Neuinfektionen haben wir zu Weihnachten? Wann sind Deutschlands Krankenhäuser voll? Der Forscher Thorsten Lehr hat einen Simulator entwickelt, der das beantworten kann. Ein Gespräch über den Effekt von Lockdowns und Schulschließungen, eine dritte Welle und den Schutz der älteren Menschen.

t-online: Herr Lehr, Sie haben einen Online-Simulator entwickelt, der die Pandemie-Zukunft in Deutschland vorhersagen kann – und online für jeden frei verfügbar ist. Wie sieht die Prognose für den Winter aus, wenn die Maßnahmen in Deutschland so blieben wie bisher?

Thorsten Lehr: Wir wissen natürlich nicht genau, was sich in den kommenden Wochen ändert. Aber erst einmal sieht es so aus, als würde sich an der Reproduktionszahl R nicht viel ändern. Kurzfristig kann es gut sein, dass in zwei bis drei Wochen die Zahl von 20.000 Neuinfektionen mit dem Coronavirus erreicht ist. Ich hoffe natürlich, dass wir mit unseren Prognosen falsch liegen. Aber das ist das Gemeine am exponentiellen Wachstum, dass die Zahlen irgendwann sehr schnell steigen.

Und was wäre, wenn Deutschland sofort wieder landesweit strengere Maßnahmen einführen würde?

Selbst, wenn wir theoretisch sofort sehr rigorose, einem Lockdown ähnliche Maßnahmen einleiten würden, um den R-Wert wieder unter Eins zu drücken, würden sich die Infektionszahlen erst mit einer deutlichen Verzögerung ändern. Ich habe aber immer noch die Hoffnung, dass die Menschen bei immer mehr Neuinfektionen und Covid-Patienten im Krankenhaus doch vorsichtiger werden – einfach aufgrund des Selbsterhaltungstriebes. 

Sind wir damit schon in der lange befürchteten zweiten Welle?

Das sind wir sehr wohl, wenn wir uns die Infektionszahlen anschauen. Die Frage ist, ob es eine dritte Welle geben wird. Aber das können wir einfach noch nicht sagen.

Ihr Simulator kann ziemlich genau den Verlauf der Corona-Infektionen vorhersagen. Wie funktioniert er?

Der Covid-Simulator basiert auf einem Modell, hier haben wir auch die Zahl der in Kliniken behandelten Patienten eingebunden und können nach Bundesländern unterscheiden, die ja zum Teil sehr andere geografische Gegebenheiten haben.

Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie der Universität des Saarlandes, erläutert die Grafiken aus den Berechnungen des Covid19-Online-Simulators. (Quelle: Pasquale d'Angiolillo)Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie der Universität des Saarlandes, erläutert die Grafiken aus den Berechnungen des Covid19-Online-Simulators. (Quelle: Pasquale d'Angiolillo)

Woher beziehen Sie die Daten?

Wir sind täglich mit der Datenrecherche beschäftigt. Deutschland hat, im Gegensatz zu anderen Ländern, keine zentrale Datenbank, in der alle Daten zusammengeführt werden. Darum sammeln wir Daten vom Robert Koch-Institut, von den Gesundheitsämtern, von den Landkreisen und Ministerien. Zudem bekommen wir auch Daten von Krankenhäusern über Corona-Patienten, die stationär behandelt werden. 

Müssen wir bald wieder mit ähnlich vielen Covid-19 Patienten auf den Normal- und Intensivstationen rechnen, wie in Spitzenzeiten der ersten Welle Mitte April?

Falls sich das Infektionsgeschehen nicht ändert und auch die Covid-19-Patienten im Schnitt nicht älter werden, dann ist in zwei bis drei Wochen mit Belegungszahlen in Krankenhäusern zu rechnen, wie wir sie zu Hoch-Zeiten der ersten Welle gesehen haben. Ende November könnten die vorhandenen Intensivbetten ausgelastet sein. Es steht allerdings noch eine Notfallreserve zur Verfügung, die innerhalb von einer Woche aktiviert werden kann.

Das klingt trotzdem einigermaßen beunruhigend...

Was mich besorgt, ist, dass die Zahl der infizierten Älteren gerade wieder steigt, aktuell machen die über 60-Jährigen schon wieder 15 bis 16 Prozent der Infizierten aus – und diese Menschen haben viel häufiger einen schweren Verlauf und enden viel häufiger im Krankenhaus.


Sollten sich ältere und Risikopatienten jetzt zum eigenen Schutz möglichst abschirmen?

Im Prinzip ja. Aber es muss ja auch um Lebensqualität gehen. Natürlich sollten wir die Älteren schützen, ohne sie zu isolieren. Leicht wird das aber nicht. Wichtig ist, dass sich diejenigen, die mit älteren Menschen engeren Kontakt haben – also etwa Familienmitglieder – möglichst sorgsam verhalten und sich bei Symptomen fernhalten.

Wie sicher lassen sich eigentlich aus den bisherigen Erfahrungen wirklich Vorhersagen ableiten? Schließlich erleben wir die Pandemie jetzt das erste Mal lange in der kalten Jahreszeit. Und die Temperaturen haben ja nicht nur Einfluss auf die Überlebensdauer des Virus, sondern auch auf unser alltägliches Verhalten.

Manche Dinge sind tatsächlich noch nicht vorhersagbar. Was sich recht gut aus dem aktuellen Infektionsgeschehen vorhersagen lässt, ist die Zahl der Covid-19-Patienten im Krankenhaus, die Sterberate, die Zahl der Genesenen.

Aber spezielle Situationen wie jetzt im Winter, in dem sich mehr Leute länger in Innenräumen aufhalten, sind schwerer vorhersagbar. Wir kennen die genauen sozialen Interaktionen – also etwa der Abstand, den Menschen in bestimmten Situationen zueinander einhalten – einfach nicht genau. Das macht es schwierig. Wir können jetzt auch noch nicht beantworten, was passiert, wenn die Grippewelle beginnt und sich Corona- und Influenzawelle überlagern.



Ihr Modell kann verschiedene mögliche Szenarien durchspielen. Mit welchen politischen Interventionen ließe sich der R-Wert denn besonders schnell senken, und welche der aktuell geltenden Maßnahmen sind eher weniger effektiv?

Natürlich haben Maßnahmen wie die Schulschließungen, Maskenpflicht, Sommerferien einen statistischen Einfluss. Was sich zeigt ist: Schulschließungen hatten einen ziemlich großen Effekt – mit 40 Prozent Verringerung des R-Wertes. Ähnlich groß war der Effekt vom Lockdown.

Ganz sicher lässt sich Effekt der einzelnen Maßnahmen aber nicht messen?

Schwierig ist natürlich, dass zu Anfang der Pandemie gleichzeitig oder schnell hintereinander mehrere Maßnahmen eingeleitet wurden, deren Auswirkungen sich überlagern. Schulschließungen führen ja auch dazu, dass mehr Eltern zu Hause bleiben und weniger Menschen den öffentlichen Nahverkehr nutzen.

Ich denke, aktuell können wir den R-Wert am besten senken, indem wir Feiern im großen Kreis und das abendliche Ausgehen reduzieren und darauf achten, dass nicht zu viele Menschen in engen Räumen zusammenkommen.

Genügen also die aktuellen Regeln?

Die jetzt geltenden Maßnahmen sollten so eigentlich ausreichen, wenn sie eingehalten werden. Das Leben muss ja weitergehen, aber natürlich müssen wir sehen, wie wir mit der Pandemie relativ gut leben. Ein erneuter Lockdown ist sicher nicht die Lösung.

Viele Forscher gehen davon aus, dass Menschen, die bei Kontakt mit einer infizierten Person einen Mund-Nasen-Schutz tragen, eine geringere Virenmenge aufnehmen, was wiederum zu einer milder verlaufenden Infektion führen könnte. Kann der Simulator solche Dinge berücksichtigen?

Als Pharmazeut bin ich bei den Virologen und denke auch: Die Dosis macht das Gift. Das weiß man aus Tierversuchen und sieht man auch daran, dass die schweren Verläufe immer dort waren, wo die Menschen einer hohen Virendosis ausgesetzt waren, also in engen geschlossenen Räumen, wo tief ein- und ausgeatmet wurde. Das zeigt das Beispiel Ischgl.

Und das zeigt sich auch in unserem Modell: Die Rate der Behandelten im Krankenhaus ist, nach Korrektur der Altersstruktur, zurückgegangen. Dies kann daran liegen, dass die Verläufe durch die Masken weniger schwerwiegend sind, aber auch an einer erhöhten Testrate. Hinzu kommt natürlich, dass das Gesundheitspersonal inzwischen besser mit Infizierten umzugehen weiß und es auch medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten wie etwa mit Corticosteroiden gibt.

Wann rechnen Sie als Pharmazeut eigentlich mit einem Impfstoff?

In die Forschung wird in der Corona-Pandemie viel Energie investiert, darum bin ich recht optimistisch. Aus pharmazeutischer Sicht kommt ein Corona-Impfstoff aber wohl nicht vor Mitte nächsten Jahres. Nur die Unbedenklichkeit reicht schließlich auch nicht, der Impfstoff muss ja auch wirksam und ohne Langzeitfolgen sein – und verfügbar. Impfstoffe werden biologisch hergestellt, große Mengen zu produzieren braucht einfach Zeit – ähnlich wie beim Bierbrauen.

Ihre Informationen sollen der Politik und dem Gesundheitswesen als Entscheidungshilfe dienen. Geschieht das schon?

Ja, wir informieren regelmäßig die saarländischen Ministerien und stellen unsere Daten auch den anderen Ministerien zur Verfügung. Wir wollen den Simulator auch weiterentwickeln und auch für die Landkreisebenen sowie für andere Länder nutzbar machen.

Vielen Dank für das Gespräch, Professor Lehr!

Verwendete Quellen:

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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