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Corona-Impfung: Sollte die zweite Dosis spÀter verabreicht werden?

Von dpa
Aktualisiert am 06.01.2021Lesedauer: 5 Min.
Impfung: Um das Immunsystem auf eine Infektion vorzubereiten, muss der Corona-Impfstoff zweimal verabreicht werden.
Impfung: Um das Immunsystem auf eine Infektion vorzubereiten, muss der Corona-Impfstoff zweimal verabreicht werden. (Quelle: Piroschka Van De Wouw/Pool Reuters/dpa-bilder)
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FĂŒr ein verzögertes Verabreichen der zweiten Dosis des Corona-Impfstoffs gibt es unter Experten Zustimmung – aber auch skeptische EinschĂ€tzungen. Wie lange kann die zweite Spritze hinausgeschoben werden?

Das Wichtigste im Überblick


Die Idee ist auf den ersten Blick simpel und einleuchtend: Um zumindest einen gewissen Schutz gegen Corona zu haben, könnten möglichst viele Menschen zunĂ€chst die erste Dosis des Impfstoffs bekommen. Die zweite Dosis, die fĂŒr einen besseren Schutz notwendig ist, kĂ€me dann spĂ€ter als vorgesehen dran. Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) will aufgrund der begrenzten Impfstoff-Mengen prĂŒfen lassen, ob ein solches Vorgehen fĂŒr Deutschland in Frage kommt. Auch in anderen LĂ€ndern wird das diskutiert. Bei Experten gehen die Meinungen dazu auseinander – auch weil Daten fehlen. Wichtige Aspekte dabei:


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Um was geht es?

Seit Ende Dezember bekommen bestimmte Bevölkerungsgruppen in Deutschland den Impfstoff "Comirnaty" von Biontech und Pfizer injiziert. Damit das Mittel viel Schutz bietet, mĂŒssen zwei Dosen im Abstand von etwa drei Wochen verabreicht werden. Denkbar wĂ€re nun, die zweite Dosis deutlich spĂ€ter zu spritzen. Dadurch könnten mehr Menschen eine erste Dosis bekommen – und damit zumindest einen gewissen Schutz vor Covid-19, so die Hoffnung. In Großbritannien hatte der zustĂ€ndige Impfstoff-Ausschuss empfohlen, vorerst möglichst vielen Menschen nur die erste Dosis zu geben. Die zweite Dosis könne zwölf Wochen nach der ersten gespritzt werden.

Was genau will das BMG prĂŒfen lassen?

Man habe die StĂ€ndige Impfkommission gebeten, vorliegende Daten und Studien zu einer solchen Praxis zu sichten, auszuwerten und eine Empfehlung in dieser Frage abzugeben, heißt es in einem BMG-Papier. "Eine solche Entscheidung in Abweichung von der Zulassung bedarf einer vertieften wissenschaftlichen Betrachtung und AbwĂ€gung."

Wie ist das aktuelle Vorgehen beim Impfen?

Da in Deutschland erst Ende Dezember mit dem Impfen begonnen wurde, ist bislang nicht bekannt, dass jemand regulĂ€r bereits die zweite Dosis bekommen hĂ€tte. Empfohlen ist laut der EuropĂ€ischen Arzneimittel-Agentur, die zweite Dosis "mindestens 21 Tage" nach der ersten zu spritzen. Die WHO empfiehlt einen Abstand von 21 bis 28 Tagen. In der entscheidenden Phase-III-Studie zu Comirnaty mit rund 36.000 Teilnehmern hat laut Biontech die Mehrheit der Probanden "die zweite Impfstoffdosis wie im Studienprotokoll vorgeschrieben" bekommen – also nach 21 Tagen.

Den Ergebnissen zufolge hat der Impfstoff sieben Tage nach der zweiten Dosis eine Wirksamkeit von 95 Prozent entfaltet. Das bedeutet, dass unter den Probanden der geimpften Gruppe 95 Prozent weniger Erkrankungen auftraten als unter denen einer Kontrollgruppe.

Warum braucht es ĂŒberhaupt eine zweite Dosis?

Bei der Impfung mit Comirnaty werden die Körperzellen angeregt, einen bestimmten Virus-Baustein selbst herzustellen. Dieser Baustein gaukelt dem Körper eine Infektion vor, das Immunsystem wird aktiviert und bildet beispielsweise Antikörper. Allerdings sei diese Reaktion nach der ersten Dosis noch nicht besonders ausgeprĂ€gt, erklĂ€rt Sebastian Ulbert vom Fraunhofer-Institut fĂŒr Zelltherapie und Immunologie (IZI). Erst nach der zweiten kommt es zu einem sogenannten Boost-Effekt, das Immunsystem springt richtig an und ist fĂŒr eine spĂ€tere Infektion mit SARS-CoV-2 gerĂŒstet.

Was spricht dafĂŒr, zunĂ€chst nur die erste Dosis zu geben?

Schiebt man die zweite Dosis nach hinten, ist erstmal mehr Impfstoff da, um mehr Menschen die erste Spritze zu setzen. Die Hoffnung ist, dass diese allein schon einen gewissen Schutz bietet. So weist etwa die Gesellschaft fĂŒr Immunologie darauf hin, "dass bereits die erste Impfung ab Tag 14 einen betrĂ€chtlichen Schutz vor schweren KrankheitsverlĂ€ufen bieten kann". Es dĂŒrfe zwar nicht auf die zweite Dosis verzichtet werden, aber: "In dieser besonderen Pandemielage ist es vertretbar, mit den jetzt vorhandenen Impfdosen möglichst vielen Menschen erst einmal die erste Immunisierung zu ermöglichen, und die zweite Impfung verzögert, aber zwingend innerhalb von 60 Tagen, nachzuholen."

Was ist ĂŒber den Schutz nach der 1. Dosis bekannt?

Gezielt wurde das gar nicht erforscht. "Die Studie war nicht darauf ausgerichtet, die Wirksamkeit des Impfstoffs bei nur einer Dosis zu untersuchen", heißt es in der Fachpublikation zur Phase-III-Studie. Die Autoren schreiben aber auch: "Nichtsdestotrotz lag die beobachtete Wirksamkeit in der Zeitspanne zwischen der ersten und der zweiten Dosis bei 52 Prozent."

Warum gibt es Bedenken, zunÀchst vielen Menschen eine Dosis zu geben?

Weil die Datenlage einigen Experten zufolge fĂŒr eine solche Entscheidung recht schwach ist. "Ich glaube, dass Menschen nach der ersten Spritze nicht gut geschĂŒtzt sind", sagt Ulbert. Publizierte Daten zur Immunantwort von Probanden wĂŒrden zeigen, dass der Körper nach der ersten Dosis kaum schĂŒtzende Antikörper bildet. Es fehle eine Studie mit Zehntausenden Probanden, um die Dauer und StĂ€rke der Schutzwirkung nach nur einer Dosis korrekt beurteilen zu können.

Die Angaben zu einer Wirksamkeit von 52 Prozent nach nur einer Spritze bezeichnet er aufgrund der geringen Anzahl der aufgetretenen Covid-19-Erkrankungen in der Studie als "nicht sehr zuverlÀssig". Zudem sei unklar, wie lange man die zweite Dosis aufschieben könne, um damit noch einen Boost-Effekt zu erreichen.

Was sagt der Hersteller?

Biontech weist in einer Stellungnahme darauf hin, dass in der Phase-III-Studie Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffs nur fĂŒr den Fall untersucht wurden, dass die zweite Dosis 21 Tage nach der ersten erfolgt. "Auch wenn Daten aus der Studie gezeigt haben, dass ein gewisser Schutz auch schon 12 Tage nach der ersten Impfung besteht, gibt es bisher keine Daten, dass ein Schutz nach der ersten Dosis auch ĂŒber 21 Tage hinaus erhalten bleibt."

Und die Zulassungsbehörde?

FĂŒr Corona-Impfstoffe in der EU ist die EMA in Amsterdam zustĂ€ndig. In einer Mail weist die Behörde darauf hin, dass die Empfehlungen zum Ablauf der Impfung auf Daten der Phase-III-Studie beruhen. In dieser Studie habe der Abstand zwischen den beiden Dosen maximal 42 Tage betragen. WĂŒrde der Abstand etwa auf sechs Monate vergrĂ¶ĂŸert werden, "wĂŒrde das eine Änderung der Bedingten Marktzulassung sowie mehr klinische Daten" notwendig machen. Bislang gebe es keine Daten, die zeigen, dass es einen Schutz nach der ersten Dosis gibt, der ĂŒber zwei bis drei Wochen hinausgeht.

Das EMA-Pendant in den USA, die FDA, warnt davor, von der vorgeschriebenen Verabreichung der zwei Dosen abzuweichen. Mögliche VerĂ€nderungen in diesem Vorgehen wie die Reduzierung der Dosen oder die VerlĂ€ngerung der Intervalle könnten eine Gefahr fĂŒr das öffentliche Gesundheitswesen darstellen. Änderungen könnten erst erwogen werden, wenn es dazu wissenschaftlich fundierte Daten gebe.

Kann es bei einer unzureichenden Impfung sein, dass das Coronavirus resistent gegen den Impfstoff wird?

Das hĂ€lt Experte Ulbert fĂŒr "extrem unwahrscheinlich". BefĂŒrchtungen in diese Richtung beruhen seiner EinschĂ€tzung nach auf Erfahrungen bei Antibiotika. Gegen diese Stoffe können Bakterien vergleichsweise einfach Resistenzen bilden, indem sie genau die Stelle eines Proteins verĂ€ndern, an der das Medikament angreift. Bei den Corona-Impfstoffen sei die Lage aber eine andere. Die vom Körper gebildeten Corona-Antikörper seien sehr vielfĂ€ltig und bĂ€nden das Virus an vielen unterschiedlichen Stellen. Um den Impfstoff unwirksam zu machen, mĂŒsste das Virus sich an allen diesen Stellen wandeln.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dĂŒrfen nicht verwendet werden, um eigenstĂ€ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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  • Sandra Simonsen
Von Sandra Simonsen
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