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Gefährliche Folge der Corona-Pandemie: Weniger Krebsbehandlungen im Lockdown

Gefährliche Entwicklung  

Studie: Weniger Krebsbehandlungen im Corona-Lockdown

15.01.2021, 10:22 Uhr | dpa

Gefährliche Folge der Corona-Pandemie: Weniger Krebsbehandlungen im Lockdown. Krebsbehandlungen während der Corona-Pandemie: Für die Studie wurden rund 69.000 Fälle von 75 Helios-Kliniken in 13 Bundesländern analysiert. (Symbolbild) (Quelle: Getty Images/Marco VDM)

Krebsbehandlungen während der Corona-Pandemie: Für die Studie wurden rund 69.000 Fälle von 75 Helios-Kliniken in 13 Bundesländern analysiert. (Symbolbild) (Quelle: Marco VDM/Getty Images)

Aus Angst vor Corona nicht in die Klinik? Verspätete Krebsdiagnosen und -behandlungen befürchten Experten schon länger als Folge der Pandemie. Ein großer Klinikbetreiber hat nun Zahlen ausgewertet.

Im und nach dem Lockdown im Frühjahr 2020 hat es nach Daten eines großen deutschen Klinikbetreibers weniger Krebsbehandlungen gegeben als in der gleichen Zeit 2019.

Der Rückgang der stationären Aufnahmen für Diagnostik und/oder Therapien betrage im Schnitt zehn bis 20 Prozent, heißt es in einer Studie von Autoren um den Mediziner Peter Reichardt vom Helios-Klinikum Berlin-Buch. Besonders betroffen seien Patienten über 75, bei denen im Schnitt 20 Prozent weniger Behandlungen durchgeführt worden seien.

Häufig Kliniken mit höheren Covid-19-Fallzahlen betroffen

Für die Studie wurden rund 69.000 Fälle von 75 Helios-Kliniken in 13 Bundesländern analysiert. Die Autoren halten die Ergebnisse für repräsentativ für Deutschland. Betrachtet wurden Krankenhausaufnahmen zwischen Mitte März und Ende April sowie der Zeit unmittelbar danach bis Mitte Juni 2020 – im Vergleich zu den entsprechenden Zeiträumen 2019.

Die Einschnitte in der Onkologie betrafen laut der Studie insbesondere größere Kliniken und Häuser in Bundesländern mit höheren Covid-19-Fallzahlen. Helios ist nach eigenen Angaben Europas größter privater Klinikbetreiber.

Mögliche Gründe

Besonders bedenklich sei, dass es 2020 nicht deutlich weniger Krebserkrankungen gab, "sondern die Erkrankungen wahrscheinlich erst später festgestellt wurden", erklärt Studienautor Reichardt. Gerade bei Krebs sei ein früher Therapiestart aber wichtig für die Überlebenschancen.

Weitere Untersuchungen sind nach Einschätzung der Helios-Kliniken nötig, um die Gründe für den Rückgang zu klären. Vermutet wurde ein Einfluss von Ängsten von Patienten vor einer Ansteckung im Krankenhaus, aber womöglich auch von geschlossenen oder eingeschränkt geöffneten Arztpraxen im Lockdown.

Die Auswirkung auf Sterblichkeit noch unklar

Für Antworten auf die Frage, ob der Rückgang an Behandlungen und Diagnosen auch zu einer höheren Sterblichkeit von Krebs-Patienten führe, sei es noch zu früh, sagt Lorenz Trümper, der Geschäftsführende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie. Er beklagt eine Datenlücke: "Das Krebsregisterwesen funktioniert in Deutschland bisher nicht so, wie wir es brauchen." Trümper sprach von einem "föderal-bürokratischen Monster". Andere Länder hätten bereits Daten, hierzulande sei ein Fazit wohl erst nach der Pandemie möglich.

Bei den Krankenhausdaten müsse man auch bedenken, dass ein Teil der Patienten möglicherweise stattdessen ambulant behandelt worden sei, sagte Trümper. Daten aus der niedergelassenen Onkologie zeigten einen Rückgang der Behandlungen um etwa acht Prozent in der Haupt-Lockdownphase, danach seien die Zahlen schnell wieder angestiegen. Der in der Studie beobachtete Rückgang der Krankenhausaufnahmen könne zudem teils auch dadurch bedingt sein, dass zu der Zeit weniger Patienten während der Therapie zwischendurch nach Hause entlassen wurden.

Untersuchungen rechtzeitig wahrnehmen

Im vergangenen Frühjahr hatten Krankenhäuser sogenannte Freihaltepauschalen bekommen, damit genug Betten für Covid-19-Patienten zur Verfügung stehen. Diese Regelung gibt es nun nicht mehr.

Vom Verschieben nicht dringlicher Eingriffe sind Krebspatienten nach Trümpers Einschätzung weniger betroffen – die klassische Darmkrebs- oder Brustkrebs-OP werde maximal um einige Tage verschoben. "Aber trotzdem ist es natürlich eine Belastung für die Patienten", sagt der Onkologe der Universitätsmedizin Göttingen. Er rief dazu auf, dass auch im aktuellen Lockdown Untersuchungen und Behandlungen wahrgenommen werden sollten.

Die Fachgesellschaft hatte bereits im Mai vergangenen Jahres betont, dass Vorsichts- und Schutzmaßnahmen getroffen worden seien, damit Patienten etwa Therapien sicher wahrnehmen können – und dass für die allermeisten Patienten der Krebs "eine weitaus größere Gefahr für ihr Leben" darstelle als Covid-19. Hintergrund war zum Beispiel die Beobachtung, dass Patienten erst in sehr fortgeschrittenen Tumorstadien in die Klinik kamen.

Krebspatienten während der Pandemie nicht benachteiligen

Experten warnten auch noch Ende 2020 vor der Vernachlässigung von Krebskranken. "Immer mehr onkologische Eingriffe werden verschoben, diagnostische Untersuchungen und Nachsorge teilweise stark zurückgefahren", kritisiert die Corona Task Force von Deutscher Krebshilfe (DKH), Deutschem Krebsforschungszentrum (DKFZ) und Deutscher Krebsgesellschaft (DKG). Die Gruppe beobachtet die Versorgungssituation von Krebspatienten.

In anderen Ländern, deren Gesundheitssysteme derzeit sehr stark unter Druck stehen, wird die Sorge geteilt. Der britische Thronfolger Prinz Charles etwa warnte kürzlich, wegen der Corona-Pandemie im Kampf gegen die Folgen von Krebserkrankungen nachzulassen. Wegen der hohen Auslastung des Gesundheitswesens blieben schätzungsweise 50.000 Krebserkrankungen nun unerkannt, zitierte der 72 Jahre alte Royal den Verein Macmillan Cancer Support in einem Gastbeitrag im "Telegraph".

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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