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Depressions-App "Selfapy": Interview mit Gründerin Nora Blum

INTERVIEWPsychologin  

"Die Corona-Maßnahmen sind für die Psyche der Horror"

25.01.2021, 17:19 Uhr
Depressions-App "Selfapy": Interview mit Gründerin Nora Blum . Corona-Krise: Wegen der harten Einschränkungen werden mehr Menschen depressiv als noch vor der Pandemie.  (Quelle: imago images/MiS)

Corona-Krise: Wegen der harten Einschränkungen werden mehr Menschen depressiv als noch vor der Pandemie. (Quelle: MiS/imago images)

Gerade im Lockdown, der auch noch von grauem, kaltem Wetter begleitet wird, geht es vielen Menschen psychisch schlecht. "Selfapy" wurde vor kurzem als erste Depressions-App zertifiziert und kann nun entsprechend verschrieben werden. t-online hat mit der Gründerin Nora Blum gesprochen. 

Kontaktbeschränkungen, Ausgangssperren, Unsicherheit: Die Corona-Krise ist auch für die Psyche eine große Belastung. Doch während immer mehr Menschen psychologische Hilfe bräuchten, gibt es immer weniger Angebote. “Selfapy” hat deshalb eine App entwickelt, die bei Depressionen helfen kann – auf Rezept und somit kostenfrei. Nora Blum und Katrin Bermbach entwickeln bereits seit 2016 gemeinsam digitale Gesundheitsanwendungen. Doch erst im Dezember 2020 schaffte ihre App die Zertifizierung – ein "Meilenstein", wie Blum im t-online-Interview berichtet. Bisher ist "Selfapy" damit einzigartig in Deutschland und der Europäischen Union: Keine andere Depressions-App kann von Ärzten verschrieben werden und wird dann von allen Krankenkassen übernommen. 

t-online: Sie haben eine Therapie-App für Depressionen und Burnout entwickelt: Wie funktioniert diese App?

Nora Blum: Die Anwendung ist in drei Bausteine aufgebaut: Zum einen bekommen Betroffene einen Online-Trainingskurs, der ihnen die Strategien der Verhaltenstherapie beibringt. Das funktioniert mit Videos, Audios und Übungen. Man bearbeitet das selbstständig, ähnlich, wie wenn man eine Sprache online lernt. Der Nutzer klickt sich dann durch verschiedene Trainingsmodule, das ist für drei Monate angelegt und so lernt er Schritt für Schritt, wie er sich selbst helfen kann. Das Programm orientiert sich dabei an den Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie. 

Ist der Nutzer dabei auf sich allein gestellt oder erhält er Unterstützung?

Während der Betroffene diesen Trainingsplan online absolviert, hat er die Möglichkeit, ein Stimmungstagebuch zu führen, in dem er angeben kann, wie es ihm gerade geht und was er gerade gemacht hat. Wir schicken ihm dann automatisierte Auswertungen über die Zusammenhänge zwischen Gefühlen, Gedanken und Tätigkeiten. Außerdem bekommt er immer auch einen persönlichen Ansprechpartner, also einen persönlichen Psychologen, der ihn durch das Programm begleitet und im Hintergrund überwacht, dass sich die Symptomatik nicht verschlechtert. Das heißt, der Ansprechpartner gibt Feedback zu den Inhalten und steht zur Seite. Das ist natürlich für unsere Betroffenen besonders wichtig, da sie eben diesen einen Ansprechpartner haben, der für sie da ist und auch schaut, dass alles gut durchgeführt wird und es ihm besser geht. 

Was ist "Selfapy"?

"Selfapy" bietet Online-Kurse an, mit denen Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, geholfen werden soll. Gemeinsam mit einem Psychologen, der als Ansprechpartner zur Verfügung steht, sollen interaktive Übungen dabei helfen, negative Denkweisen abzulegen und die Stimmung zu verbessern. Seit Dezember 2020 kann die Therapie-App von Ärzten und Psychotherapeuten verschrieben und die Kosten von Krankenkassen übernommen werden. 

"Selfapy" ist ja die erste und einzige Depressions-App in Deutschland, die zertifiziert wurde und somit von allen Krankenkassen übernommen wird: Worin unterscheidet sie sich von anderen Apps, die nicht von den Kassen übernommen werden?

Um diese Zertifizierung zu erhalten, muss eine App einen riesigen Katalog an Anforderungen erfüllen. Beispielsweise in Bezug auf Datenschutz, Datensicherheit, medizinische Qualität der Inhalte und natürlich auch mit Blick auf einen nachgewiesenen Nutzen der angebotenen Inhalte. Wir haben dazu eine Studie mit der Berliner Charité durchgeführt, die zeigt, dass unsere Online-Kurse wirksam sind. Und "Selfapy" hat letztlich all diese Anforderungen als einzige App bei Depressionen bestanden. Wir legen viel Wert darauf, dass jeder Nutzer auch von einem persönlichen Psychologen begleitet wird. Es gibt zusätzlich viele reine Apps, die komplett ohne außenstehende Betreuung angeboten werden – das ist aber nicht unser Anspruch. Wir haben einen telefonischen Service und jeder unserer Nutzer wird individuell begleitet. Ich glaube nicht daran, dass ein ganz reines Online-Tool bei psychischen Erkrankungen ausreicht. 

Gerade in der Corona-Krise gewinnen digitale Angebote an Bedeutung: Haben Sie das Gefühl, dass dadurch auch Therapie-Apps mehr angenommen werden?

Insgesamt ist es natürlich für Betroffene noch schwieriger, einen Therapeuten zu finden, weil viele Praxen geschlossen haben oder notgedrungen auf telemedizinische Möglichkeiten umgestellt haben. Das hilft – denke ich – bei der Bereitschaft zu sagen, dass ein Online-Tool erst einmal vielleicht besser als gar nichts ist. 

Die App soll vom Arzt per Rezept verschrieben werden: An wen wird sie verschrieben und welche Ärzte können das Rezept ausstellen (auch Hausärzte oder nur Fachärzte)?

Letztendlich kann jeder Arzt und jeder Psychotherapeut die App verschreiben – Wir sehen, dass die meisten Rezepte auch von Therapeuten oder Hausärzten kommen. Natürlich muss beim Patienten aber auch eine Affinität zu Online-Angeboten da sein. Die App wird also natürlich nicht Demenzkranken mit einer Altersdepression verschrieben. Aber bei Menschen mit leichten Depressionen, die sagen, dass sie Hilfe benötigen, aber zum Beispiel gerade keinen Psychotherapieplatz finden, kann die App verschrieben werden. 

Nora Blum
 (Quelle: Selfapy) (Quelle: Selfapy)
Nora Blum ist CEO und Gründerin von "Selfapy". Sie hat an der University of Cambridge Psychologie studiert, verschiedene Arbeitsstationen im klinischen Bereich durchlaufen und ist danach schließlich in die Wirtschaft gewechselt. Vor fünf Jahren hat sie "Selfapy" gegründet.

Kann die App eine persönliche Therapie ersetzen oder ist sie eher als begleitende Maßnahme gedacht? Wo kann sie ergänzen oder hat sogar Vorteile?

Ich glaube, eine App kann niemals einen Psychotherapeuten ersetzen – das ist aber auch nie unser Anspruch gewesen. Der Online-Kurs kann aber bei leichten und mittelgradigen Symptomen wirklich sehr gut wirken und für manche auch ausreichend sein. Nichtsdestotrotz gibt es immer einen fundamentalen Wert der Psychotherapie. Es kommt aber auch immer darauf an, was der Patient möchte. Einige sagen, sie sind noch nicht so weit, um mit jemandem zu sprechen – da kann ein Online-Angebot optimal sein. Es ist wichtig, verschiedene Formen der psychotherapeutischen Hilfe anzubieten. 

Gibt es auch Fälle, die nicht per App behandelt werden sollten oder können?

Bei schweren Depressionen weisen wir immer von uns ab, weil man in diesen Fällen immer einen Psychotherapeuten vor Ort braucht. Gleiches gilt natürlich für Betroffene, die unter Suizidgedanken leiden. Die App wird außerdem auch dann nicht verschrieben, wenn es schwere Begleiterkrankungen gibt. Also zum Beispiel, wenn jemand zusätzlich zur Depression an einer Substanzabhängigkeit leidet. Hier kann ein Online-Programm nicht ausreichen. Das gleiche gilt für Begleiterkrankungen wie eine Schizophrenie oder eine bipolare Störung. In diesen Fällen ist ein geradliniges Online-Programm nicht das Richtige. Und natürlich gibt es auch immer Betroffene, die unbedingt ein Gespräch mit einem Psychotherapeuten wollen, die kann man dann auch nicht von einem Online-Angebot überzeugen. 

Was würden sie skeptischen Menschen erwidern, die eine solche App mit der Begründung ablehnen, ein Programm könne keinen Menschen ersetzen?

Es muss verschiedene Formen der Hilfe geben. Genauso falsch, wie es wäre zu sagen "Eine App kann eine Psychotherapie ersetzen" wäre es auch zu sagen, dass ein Psychotherapeut für alle Situationen und immer das richtige Mittel der Wahl ist. Ich glaube, es muss einfach für verschiedene Situationen und Bedürfnisse auch verschiedene Möglichkeiten der Hilfe geben. Und für viele sind eben auch Online-Apps eine gute Maßnahme. Manche bevorzugen einfach den Online-Kontakt. 

Steigt die Nachfrage nach psychologischer Hilfe generell durch die Corona-Krise? 

Wir haben gesehen, dass seit Beginn der Pandemie auch unsere Angebote mehr in Anspruch genommen werden. Insbesondere unsere psychologische Hotline – es rufen mehr Menschen an, die sich informieren wollen oder einen Psychologen sprechen möchten. Im ersten Lockdown hatten wir dort eine Verdreifachung des Telefonaufkommens. 

Welche Erkrankungen nehmen besonders zu und warum?

Viele Menschen, die zu uns kommen, sind schon in irgendeiner Weise psychisch vorbelastet. Durch die Pandemie geht es ihnen zurzeit wieder schlechter. Die Störungsbilder sind überwiegend Stress, Depressionen und Angststörungen. Was die Politik uns gerade auferlegt, ist das Gegenteil von allem, was wir in unserem Programm den Menschen raten. Wir sagen: Geh raus, hab soziale Kontakte, hab eine gute geordnete Tagesstruktur. Und all das wird den Menschen gerade genommen. Das ist für die Psyche der Horror. Ich kenne kaum jemanden, der gerade sagt: Das ist mir total egal und belastet mich gar nicht. Für Menschen, die ohnehin psychisch instabil sind, ist es besonders schwierig. 

Ist es durch die Pandemie noch schwieriger für Betroffene, einen Platz beim Therapeuten zu bekommen?    

Ja, einfach aus dem Grund, dass viele Praxen gerade geschlossen sind. Und nicht jeder Therapeut nutzt die digitalen Mittel. Und das ist so ärgerlich: Zum einen ist der Bedarf erhöht, zum anderen ist das Angebot noch weniger geworden. Und auch dort, wo die Praxen offen haben, ist es natürlich nicht das gleiche mit Maske, geöffneten Fenstern und Sicherheitsabstand. 

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Blum!

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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