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Intensivmediziner: "Ich hoffe, dass wir niemals die letzte Karte zücken müssen"

Intensivmediziner zur Corona-Krise  

"Ich hoffe, dass wir niemals die letzte Karte zücken müssen"

15.04.2021, 15:21 Uhr
Intensivmediziner: "Ich hoffe, dass wir niemals die letzte Karte zücken müssen". Covid-Intensivstation Uniklinik Dresden: Überall in Deutschland füllen sich die Intensivstationen wieder mit Corona-Patienten.  (Quelle: imago images/Max Stein)

Covid-19-Intensivstation der Uniklinik Dresden: Überall in Deutschland füllen sich die Intensivstationen wieder mit Corona-Patienten. (Quelle: Max Stein/imago images)

Fast täglich gibt es neue Meldungen zu steigenden Covid-19-Zahlen auf den Intensivstationen. Die Vereinigung der Intensivmediziner (Divi) fordert eine bundesweite Notbremse. Prof. Rolf Dembinski leitet die Klinik für Intensivmedizin in Bremen – im Interview mit t-online erzählt er von der Situation in seiner Klinik.

Die Intensivmediziner-Vereinigung Divi hat die Politik dazu aufgerufen, die Notbremse mit bundesweit verbindlichen Vorgaben möglichst schnell zu verabschieden. Die Zahl der Corona-Intensivpatienten nehme schneller zu als ohnehin erwartet. Bereits Ende April würden 6.000 Patienten erreicht, so viele wie auf dem Höhepunkt der zweiten Welle.

Wenn das Gesetz erst Ende April beschlossen werde, werde die Patientenzahl auf 7.000 steigen, sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, Gernot Marx, der "Augsburger Allgemeinen". Prof. Rolf Dembinski hat als Leiter einer Klinik für Intensivmedizin in Bremen einen anderen Blick auf das Infektionsgeschehen. Im Interview mit t-online erklärt er, warum er nicht glaubt, dass eine Verschärfung der Corona-Maßnahmen aktuell für Entlastung auf den Intensivstationen sorgen könnte.

Prof. Dr. med. Rolf Dembinski wurde 1968 in Mönchengladbach geboren und studierte von 1990 bis 1997 Medizin an der Freien Universität Berlin. Seit 2012 leitet er die Klinik für Intensivmedizin und Notfallmedizin des Klinikums Bremen Mitte.

Lage auf den Intensivstationen "angespannt aber beherrschbar"

Aktuell (Stand: 14. April 2021) liegen 4.680 Covid-Patienten auf den Intensivstationen in Deutschland, rund 57 Prozent von ihnen müssen künstlich beatmet werden. Seit Beginn der Pandemie waren es fast 92.000 Covid-Patienten auf den Intensivstationen. Die Lage sei "angespannt, aber beherrschbar", erklärt Dembinski im Gespräch mit t-online. "Wir haben im Vergleich zu den vergangenen Wochen eine langsam ansteigende Zahl an Covid-Patienten auf den Intensivstationen, können das aber noch ganz gut kompensieren." Durch den engen Klinikverbund in Bremen könnten die Ressourcen effektiv genutzt werden. "In Absprache mit den anderen Kliniken werden etwa zehn Betten freigehalten und darüber hinaus gibt es eine Reserve von etwa zehn weiteren Betten", zählt der Intensivmediziner auf.

Momentan liegen acht Corona-Patienten auf der Intensivstation in Bremen, insgesamt gebe es dort 46 Betten, von denen neun für Covid-Patienten freigehalten würden. Aktuell ist demnach nur noch ein Bett wirklich frei. "Wir versuchen jetzt so eng zu steuern, damit wir auch die Betten für die anderen Patienten anbieten können", erklärt Dembinski. Das seien in Bremen beispielsweise Polytrauma-Patienten oder Patienten mit Hirnblutungen. Als einziger Versorger in der Region müssen natürlich auch diese Patienten in jedem Fall aufgenommen werden.  

Bisher mussten noch keine dringenden Operationen verschoben werden

"Wir hatten schon schwierigere Zeiten – beispielsweise um die Jahreswende – und es könnte natürlich auch sein, dass jetzt wieder schwierigere Zeiten kommen", sagt der Klinikleiter. Jeden Tag müssten die Kapazitäten neu verteilt werden, teilweise auch planbare OPs verschoben werden. "Natürlich nur, wenn es medizinisch nicht relevant ist, wenn der Eingriff später stattfindet." Für die Versorgung von anderen Patienten bedeute die Entwicklung der Pandemie Engpässe – aber bisher sei es noch nicht nötig gewesen, dringende Operationen zu verschieben.

Aber Dembinski betont auch: "Bei verschiebbaren OPs kann es schon so sein, dass etwa eine OP pro Tag nicht stattfindet – wir haben etwa sechs Intensivbetten, die wir täglich haben müssen."

Steigende Inzidenzen – hohe Fallzahlen auf den Intensivstationen

"Gerade haben wir wieder steigende Inzidenzen und auch wieder sehr viele Patienten auf den Intensivstationen – wir nähern uns wieder der Grenze von 6.500“, fasst der Arzt zusammen. Er verweist auf ein Prognosemodell der Divi, bei einem schwierigen Szenario wären dann wieder etwa 6.000 Covid-Patienten auf der Intensivstation. "Wir haben jetzt in Bremen schon über das Osterwochenende eine höhere Anzahl an Covid-Patienten gehabt als zu Höchstzeiten im Februar“, bekräftigt Dembinski. Aktuell seien 34 Patienten mit Covid-19 in allen Krankenhäusern in Bremen untergebracht.

Alarmierend: Covid-Intensivpatienten werden immer jünger

Doch auch die Zahlen aus Bremen bestätigen, dass diejenigen, die an Covid-19 erkranken, mittlerweile immer jünger werden. Waren zunächst vor allem Ältere betroffen, sind diese mittlerweile häufig durch Impfungen geschützt. "Das mittlere Durchschnittsalter bei mir auf der Station liegt mittlerweile bei 50 Jahren – das ist deutlich geringer als noch zu Anfangszeiten", sagt auch Dembinski. "Der Effekt der Impfungen der älteren Patienten ist schon deutlich zu spüren."

Das erkläre auch, warum es zunächst zwar noch weniger Fälle, aber dennoch mehr Patienten auf den Intensivstationen gegeben habe. "Die jüngeren Patienten sind widerstandsfähiger und versterben nicht so schnell. Das ist erst einmal positiv, aber dafür wird das Intensivbett auch länger benötigt", erklärt der Experte. Das führe zu längeren Verweildauern und so zu "einer Art Verstopfung der Intensivstationen". Zusätzlich spiele wahrscheinlich auch die britische Variante eine Rolle. "Wir haben auf der Station mittlerweile fast nur noch Patienten mit dieser Variante. Ob diese Verläufe jetzt auch schwerer sind oder nicht, mag ich nicht zu beurteilen, aber das wäre dann eventuell auch eine Erklärung", so Dembinski.

Drei-Stufen-System: Notfallszenario sollte niemals eintreten

Dembinski erklärt die Auslastung der Kapazitäten seiner Klinik in einem Drei-Stufen-System. Aktuell gelte noch die erste Stufe. In Stufe zwei könnten schließlich noch etwa zehn Intensivbetten ausgebaut werden. "Und ich nehme an und hoffe, dass wir mit dieser Zahl auch in der dritten Welle auskommen." Dennoch gibt es auch eine dritte Stufe, das sogenannte Katastrophenszenario. "Wenn also alles zusammenbricht, dann sind wir natürlich in der Lage, noch mehr Betten zur Verfügung zu stellen", erklärt der Mediziner. "Die Räumlichkeiten haben wir, die Beatmungsgeräte haben wir – was uns fehlt, sind mehr Kapazitäten für den Anschluss einer künstlichen Lunge, das ist etwas, was wir hier in Bremen fast als Einzige machen." Doch neben diesem materiellen Problem gibt es einen noch größeren Mangel: "Was uns aber noch am schwersten fällt, ist das Personal."

"Wir haben einigermaßen ausreichend Ärzte da – aber das Pflegepersonal ist extrem knapp", fasst der Arzt zusammen. Im Notfallszenario würden Ärzte und Pflegekräfte aus dem gesamten Krankenhaus auf die Intensivstation gezogen werden. Das bedeute dann aber auch, dass dort in diesem Fall medizinisches Personal arbeite, das in der Intensivpflege nicht erfahren ist. "Die Versorgung wäre so zwar gewährleistet, das Niveau der Versorgung wäre aber wahrscheinlich schlechter. Deshalb hoffe ich, dass wir niemals diese letzte Karte zücken müssen."

Betten werden wegen fehlenden Personals gesperrt

Der entscheidende Moment bei der Behandlung der Covid-Patienten seien die Hygienemaßnahmen. Denn die seien "extrem aufwendig" und die Versorgung sei somit ebenfalls deutlich anspruchsvoller. Trotzdem halte seine Klinik die Pflegepersonaluntergrenzen auch während der Pandemie ein. "Das bedeutet, tagsüber betreut eine Pflegekraft zwei Patienten und nachts drei. Das geht hier immer – bei dem Aufwand, den die Patienten erfordern, wäre ein höherer Schlüssel aber natürlich besser." Doch Dembinski macht auch klar: Um die Untergrenzen einhalten zu können, sind einige Betten in Bremen gesperrt.  

Verschärfter Lockdown nicht effektiv?

Während die Intensivmediziner der Divi einen verschärften Lockdown fordern, glaubt Dembinski nicht daran, dass eine Verschärfung der bisherigen Maßnahmen "noch viel effektiver sein könnte als das, was wir bisher haben". "Ich bin der festen Überzeugung, dass der Lockdown weitergeführt werden muss – das konnte man schon vor einem Monat absehen. Aber eine Verschärfung wäre wahrscheinlich nicht effektiver und ich denke, man sollte die Bevölkerung mitnehmen und Perspektiven bieten", betont er. Die Bereitschaft der Menschen, sich anzupassen, sinke und so werde es immer schwerer, Maßnahmen zu verschärfen. "Wenn man die Menschen nicht mitnimmt und die Maßnahmen nicht eingehalten werden, ist nicht viel gewonnen, egal wie scharf man den Lockdown macht."

Denn, so fasst Dembinski zusammen: Die meisten, die jetzt auf den Intensivstationen landen, hätten sich im privaten Umfeld infiziert. Dort, wo sie sich eigentlich hätten schützen können. "Eigentlich weiß ja jeder, wie er sich vor dem Virus und einer Ansteckung schützen kann – und er kann es ja auch, die Möglichkeiten sind ja gegeben", bekräftigt der Mediziner. Man müsse nur aufpassen, dass die Motivation nicht verloren gehe. "Ich glaube, die wichtigste Aufgabe der Politik ist es, die Impfungen umzusetzen. Die Impfungen sind das Einzige, was uns am Ende aus der Pandemie ziehen wird und das muss das Hauptfeld sein, auf dem alle aktiv werden müssen."

Verwendete Quellen:
  • Interview mit Prof. Rolf Dembinski, 9. April 2021
  • DIVI-Intensivregister
  • Nachrichtenagentur dpa
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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