Sie sind hier: Home > Gesundheit > Coronavirus >

Divi-Präsident Gernot Marx: "Wir stellen uns auf einen harten Winter ein"

INTERVIEWIntensivmediziner warnt  

"Es kommen wieder mehr Ältere auf die Intensivstationen"

01.11.2021, 14:20 Uhr
Divi-Präsident Gernot Marx: "Wir stellen uns auf einen harten Winter ein". Corona-Intensivstation: Aktuell steigen die Zahlen der Covid-Patienten wieder an. (Quelle: imago images/Reichwein)

Corona-Intensivstation: Aktuell steigen die Zahlen der Covid-Patienten wieder an. (Quelle: Reichwein/imago images)

Die Corona-Inzidenzen steigen rasant, die Zahl der verfügbaren Intensivbetten in Deutschland sinkt. Wie dramatisch das ist und was er aktuell von einem "Freedom Day" hält, erklärt Divi-Präsident Gernot Marx im Interview.

Zum bisherigen Höhepunkt der Corona-Pandemie in Deutschland lagen gleichzeitig rund 6.000 Covid-Patienten auf den Intensivstationen. Aktuell sind es wieder knapp 2.000, ziemlich genauso viele wie genau vor einem Jahr. Doch: Sollten die Zahlen weiter steigen und das Niveau von 2020 erreichen, gibt es in diesem Jahr nicht ausreichend Kapazitäten, um alle Patienten zu versorgen.

Nicht nur deshalb warnt der Intensivmediziner und Präsident der Deutschen Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Gernot Marx, im Interview mit t-online vor weiteren Lockerungen wie einem "Freedom Day". Er erklärt außerdem, warum er zur Booster-Impfung rät und wie viele Jüngere aktuell auf den Intensivstationen liegen. 


 (Quelle: imago images/Political Moments) (Quelle: imago images/Political Moments)Prof. Dr. med. Gernot Marx ist Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) und Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care am Universitätsklinikum Aachen.

t-online: Die Inzidenzen steigen aktuell wieder. Wie ist die Lage auf den Intensivstationen im Land?

Prof. Gernot Marx: Im Moment folgt die Intensivbettenbelegung wieder sehr klar der ansteigenden Inzidenz, allerdings dämpft die Impfquote den steilen Anstieg im Unterschied zu den vorangegangenen Pandemiewellen. Es braucht eine höhere Inzidenz, bis die Intensivbetten vergleichbar stark mit Covid-Patienten belegt sind. Unser größtes Problem ist aber gerade, dass wir sehr viel weniger betriebsbereite Intensivbetten in ganz Deutschland verzeichnen als im vergangenen Herbst.

Welche Folgen hat das?

Das heißt: Wenn sie nicht für zwei Betten eine Pflegekraft zur Verfügung haben, wird das Bett nicht belegt, es wird gesperrt. Teilweise wissen wir von Kliniken, in denen ganze Abteilungen stillliegen. Und wir behandeln ja nicht nur Covid-Patienten, sondern zu 80 bis 90 Prozent andere schwerst- und lebensbedrohlich kranke Menschen. Wir möchten und müssen alle optimal versorgen können. Und das wird jetzt aktuell bereits schwierig. Teilweise muss ein Notarzt 20 Kliniken abtelefonieren und dann 100 km weit fahren, um seinen Notfallpatienten an die Intensivmediziner übergeben zu können.


Wichtige Zahlen:
31. Oktober 2021: 

1.984 Covid-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung
18.826 belegte Intensivbetten
2.919 freie Intensivbetten
insgesamt: 21.745 Intensivbetten

31. Oktober 2020: 
1.944 Covid-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung
21.286 belegte Intensivbetten
7.684 freie Intensivbetten
insgesamt: 28.970 Intensivbetten

Wir haben derzeit im Vergleich zum vergangenen Oktober 40 Covid-Patienten mehr auf den Intensivstationen, aber gleichzeitig mehr als 7.000 Betten weniger für alle anderen Patienten zur Verfügung. 

Wer sind die Patienten bei Ihnen – werden sie weiterhin jünger?

Nein, tatsächlich kommen jetzt wieder verstärkt ältere Menschen auf die Intensivstationen, wie uns die Zahlen im Divi-Intensivregister zeigen. Wir haben insgesamt wieder eine deutliche Zunahme an Patienten und vor allem die Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen und 50- bis 59-Jährigen stellt einen Großteil unserer Patienten dar.

Die jüngeren Patienten der vergangenen Wochen liegen sehr lange, in den letzten Wochen ist aber zum Beispiel der Anteil der Patienten über 70 oder 80 Jahre sehr stark gestiegen. 


Wer sollte sich jetzt besonders Gedanken um eine Booster-Impfung machen?

Die Stiko empfiehlt genau für diese Gruppen die Booster-Impfung: Über 70-Jährige und Menschen mit einem gedämpften Immunsystem. Das sind die Patienten, die wir wieder verstärkt auf den Intensivstationen wegen Covid aufnehmen müssen. Entsprechend sollte die Empfehlung beachtet und die Möglichkeit zur dritten Impfung wahrgenommen werden.

Warum ist das so wichtig?

Die dritte Impfung, also die Auffrischung des bestehenden Impfschutzes, regt das Immunsystem wieder an, neue und weitere Antikörper zu bilden. Egal, wenn es wenige neue Antikörper werden sollten – es werden mehr! Und damit ist die Hochrisikogruppe der Älteren und Immunsupprimierten besser geschützt.

Auch wir, die tagtäglich in der Klinik mit Patienten in Kontakt kommen oder die Teams in den Pflegeheimen – sie alle sind bereits zum dritten Mal geimpft oder sind aufgerufen, dies zu tun. Hierdurch wird ebenfalls erreicht, dass die vulnerable Patientengruppe besser geschützt ist, weil wir bei Kontakt mit dem Virus weniger Symptome entwickeln und auch deutlich weniger Viren abgeben. Die Ansteckungsgefahr reduziert sich also ebenfalls. Entsprechend messen wir der Booster-Impfung einen sehr wichtigen Part in der Bekämpfung der Pandemie bei.

Vergleicht man die aktuelle Inzidenz bei den Ungeimpften mit der aus dem vergangenen Jahr, stellt sich die Frage: Erwartet uns ein noch härterer Winter auf den Intensivstationen?

Da die Situation derzeit bereits angespannt ist – nicht wegen der Corona-Patienten, aber da bedingt durch Corona das Personal fehlt – stellen wir uns auf einen harten Winter ein. Denn wir stehen ja gerade erst am Anfang der Saison. Das Virus kann sich in geschlossenen Räumen wieder deutlich besser verbreiten – das wissen wir jetzt seit zwei Jahren.

Generell rechnen wir Intensivmediziner, also natürlich saisonal bedingt und mit Blick auf steigende Inzidenzen, auch mit einem Anstieg der Covid-Patienten auf den Intensivstationen. Das Risiko besteht, dass die Geschwindigkeit der Infektionen sich deutlich erhöhen kann oder mehrere Infektionswellen gleichzeitig viele Kapazitäten in der Intensivmedizin erfordern.

Auch die Bundesärztekammer warnt derweil vor einem Fachkräftemangel im Gesundheitswesen. Die Personalsituation in Kliniken, Altenpflegeeinrichtungen und bei mobilen Pflegediensten verschlechtere sich zusehends, sagte Ärztepräsident Klaus Reinhardt. "Wenn hier nicht bald etwas passiert, dann droht der Kollaps dieses Systems." Auch im ärztlichen Dienst zeigten alle Kennzahlen massive Engpässe. Viele stationäre Einrichtungen funktionierten nur noch, weil in großem Stil Ärzte nach Deutschland geholt worden seien. Dies sei auch unter globalen Gesichtspunkten nicht gerecht. Es fehle an einer ausreichenden Zahl von Medizinstudienplätzen, sagte Reinhardt. (Quelle: Nachrichtenagentur dpa)

Auch ein "Freedom Day" und das Ende aller Maßnahmen stehen immer wieder zur Diskussion: Wann wäre das für Sie denkbar?

Es ist derzeit nicht an der Zeit darüber zu spekulieren. Wir sollten jetzt in der Herbst- und Wintersaison wachsam und achtsam sein. Die wichtigsten Maßnahmen, die die Bürger umsetzen könnten, sind nach wie vor "Impfen, Abstand, Hygieneregeln".

Welche Rolle spielen Impfdurchbrüche auf den Intensivstationen, könnten die Zahlen zum Problem werden?

Das können wir leider nicht beantworten, da wir den Impfstatus im Divi-Intensivregister noch nicht erheben. Die kommende Regierungskoalition hat uns aber just am 27. Oktober die weitere Finanzierung des Divi-Intensivregister zugesagt sowie den Ausbau. So werden wir den Impfstatus hoffentlich in Kürze erfassen können.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Marx!

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Madeleinetchibo.deOTTOWeltbildbonprix.deLIDLBabistadouglas.deMadeleine

shopping-portal

Hinweis:

Der Internet Explorer wird nicht länger von t-online unterstützt!

Um sicherer und schneller zu surfen, wechseln Sie jetzt auf einen aktuellen Browser.

Wir empfehlen unseren kostenlosen t-online-Browser: