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Gibt es den idealen Erziehungsstil?

t-online, Nicola Wilbrand-Donzelli

Aktualisiert am 02.05.2013Lesedauer: 7 Min.
Erziehung: AutoritÀr, Laissez-faire oder demokratisch? Die Palette der Erziehungsstile ist breit gefÀchert.
AutoritÀr, Laissez-faire oder demokratisch? Die Palette der Erziehungsstile ist breit gefÀchert. (Quelle: /imago-images-bilder)
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Was sage ich meinem zweijĂ€hrigen Sohn, wenn er nicht einschlafen will? Wie reagiere ich, wenn meine fĂŒnfjĂ€hrige Tochter sich weigert, GemĂŒse zu essen? Und was mache ich, wenn mein dreizehnjĂ€hriger Spross unbedingt ein Piercing braucht? Eltern stehen oft ratlos vor solchen erzieherischen Herausforderungen und wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Denn im Gegensatz zu frĂŒher gibt es heute keinen allgemeinen Konsens mehr darĂŒber, was denn eigentlich "richtige Erziehung" ist. Die Palette der Erziehungsstile ist vielfĂ€ltig, doch vor allem die autoritĂ€re, antiautoritĂ€re und demokratische Methode mit ihren jeweils variierenden Spielarten und Mischformen haben in den letzten hundert Jahren unsere Kultur geprĂ€gt.

Erziehung im Wandel

"Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die AutoritĂ€t", so soll sich bereits Sokrates vor ĂŒber 2000 Jahren ĂŒber unerzogene Kinder beschwert haben. Damals wie heute scheint dieser Satz aktuell. Doch die Erziehungsmethoden haben sich geĂ€ndert. Bis vor rund hundert Jahren machte sich kaum jemand Gedanken ĂŒber Kindererziehung, geschweige denn ĂŒber die Möglichkeiten, andere ErziehungsansĂ€tze zu finden. Kinder hatten sich vor allem an die familiĂ€re Hierarchie anzupassen, deren Oberhaupt der Vater war. Gehorsam, PflichterfĂŒllung und Disziplin wurde schon von den Kleinsten erwartet und die AusĂŒbung körperlicher ZĂŒchtigung gegen Kinder war gesellschaftlich anerkannt und verbreitet.

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Zaghafte VerÀnderungen

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gab es unter der Sammelbezeichnung ReformpĂ€dagogik eine weltweite Bewegung, die neue Konzepte vertrat und sich vor allem gegen die autoritĂ€ren Paukschulen wendete. Die bekanntesten Vertreter waren Maria Montessori , die mehr SelbststĂ€ndigkeit nach dem Motto "Hilf mir, es selbst zu tun" propagierte, der GrĂŒnder der anthroposophischen Waldorfschule Rudolf Steiner und Alexander Sutherland Neill, der 1921 in England "Summerhill", die erste demokratische Schule grĂŒndete und in den 60er Jahren als Pionier und FĂŒrsprecher der antiautoritĂ€ren Erziehung vereinnahmt wurde.

Zwar brachte die ReformpĂ€dagogik viel frischen Wind in den vermufften Erziehungsapparat. Der Wind erreichte jedoch zunĂ€chst nur einige aufgeschlossene und elitĂ€re Köpfe. Es Ă€nderte sich nur wenig an der starren Erziehungswirklichkeit. Im Nachkriegsdeutschland herrschte bis in die 60er Jahre noch weitgehend gesellschaftliche Übereinstimmung ĂŒber Erziehungsziele, die vorwiegend auf AutoritĂ€t und preußische Tugenden setzten. Mit der Studentenbewegung und den damit verbundenen gesellschaftlichen VerĂ€nderungen, verbreiteten sich schließlich auch die Ideen der antiautoritĂ€ren Erziehung. Ein neues pĂ€dagogisches Zeitalter begann, das Werte wie UnabhĂ€ngigkeit, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung hervorhob und viele neue Erziehungsmodelle hervorbrachte.

Flut pÀdagogischer Ratgeber

Heute lastet auf Eltern, Erziehern und Lehrern ein starker Druck. Noch nie hat man so viel und öffentlich ĂŒber Erziehung nachgedacht und diskutiert wie zurzeit. Und noch nie war die Sehnsucht nach Orientierung und Werten so groß. Wie sonst ist es zu erklĂ€ren, dass der Markt mit Erziehungsratgebern boomt und im Fernsehen pĂ€dagogische Reality-Dokumentationen ĂŒber Nannys, TauschmĂŒtter oder strenge Leih-Eltern Konjunktur haben.

Überzeugt von der eigenen Erziehung

Fragt man die Eltern, so ist ihnen zwar bewusst, dass Kindererziehung heute schwieriger geworden ist, sie zeigen aber gleichzeitig nur wenig Verunsicherung. Das belegte die Studie "Generationsbarometer" des Allensbacher Instituts fĂŒr Demoskopie, die 2009 vom "Forum Familie Stark Machen" in Auftrag gegeben wurde. Danach wollten 90 Prozent der VĂ€ter und MĂŒtter ihre Kinder zu starken, selbstbewussten und freiheitsliebenden Persönlichkeiten erziehen. Achtzig Prozent der Befragten waren ĂŒberzeugt, dass sie diesen Job eigentlich gut machen und ihre Ziele vor allem durch VerstĂ€ndnis, Zuspruch und Liebe erreichen.

Veraltetes Modell

AutoritĂ€re Erziehung lehnen die meisten Befragten deshalb heute ab. Doch bis in die 60er Jahre war dieser Stil tonangebend. Tugenden wie Gehorsam, Disziplin Fleiß und PĂŒnktlichkeit gehören zu den pĂ€dagogischen Zielen. Eltern und Erzieher beanspruchen uneingeschrĂ€nkte AutoritĂ€t. Es herrscht das Prinzip "Du machst, was ich will!"

Dabei erhalten Kinder vorwiegend Anweisungen und Befehle, wĂ€hrend gleichzeitig auf ihre BedĂŒrfnisse und WĂŒnsche nur wenig RĂŒcksicht genommen wird. Nur die Erwachsenen verhalten sich aktiv, stark lenkend und kontrollierend. UnerwĂŒnschte Verhaltensweisen werden konsequent bestraft - auch durch körperliche ZĂŒchtigung. AutoritĂ€re Eltern stellen eine hohe Anforderung an ihr Kind, geben ihnen aber wenig emotionale UnterstĂŒtzung.

Geringes SelbstwertgefĂŒhl und aggressives Verhalten

Auswirkungen des autoritĂ€ren Stils auf das Kind könnte eine EinschrĂ€nkung der KreativitĂ€t und SpontaneitĂ€t sein, da die Eltern einen Großteil der AktivitĂ€ten vorgeben und auf wenige Anreize der Kinder eingehen. ZusĂ€tzlich werden durch diese Methode die SelbststĂ€ndigkeit und die Entwicklung eines gesunden SelbstwertgefĂŒhls gehemmt und andererseits aggressives Verhalten gefördert.

Das Kind wird mehr geachtet

Eine abgemilderte und positive Variante der autoritĂ€ren Methode ist der sogenannte autoritative Stil. Hier wird ebenfalls starke Lenkung und Kontrolle ausgeĂŒbt und klare Regeln zugrunde gelegt, allerdings bei höherer Akzeptanz des Kindes. Das heißt: Eine offene Kommunikation ist möglich, bei der auch die Meinung des Kindes eine Rolle spielt, wenn auch das letzte Wort bei der erziehenden Person liegt. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass sich diese PĂ€dagogik im Gegensatz zu seiner strengen Form förderlicher auf die kindliche Entwicklung auswirken: Die Kinder genießen ein relativ hohes Maß an Sicherheit, besitzen soziale und intellektuelle Kompetenz und ein hohes Maß an Eigenkontrolle.

Ohne Regeln, ohne Grenzen

Der radikale Gegenentwurf ist die antiautoritĂ€re Erziehung. Hier gilt uneingeschrĂ€nkt das Prinzip "Mach, was du willst". WĂ€hrend der Studentenbewegung der spĂ€ten 60er Jahre zum Ideal erhoben, ist hier jegliche AusĂŒbung von Macht verpönt. Das Kind genießt absolute Freiheit, weitgehend ohne Lenkung und Kontrolle. Oberste PrioritĂ€t hat die zwangsfreie Selbstentfaltung, bei der das Kind selbst ĂŒber sein Handeln entscheiden soll und sich so zu einer selbstbewussten und kreativen Persönlichkeit entwickeln kann. Heute genießt diese "Nicht-Erziehung" einen eher schlechten Ruf, denn die meisten PĂ€dagogen wissen mittlerweile, dass eine gesunde kindliche Entwicklung sehr wohl gewisse Regeln, WertgefĂŒge und Grenzen braucht.

Mangel an Zuspruch und PassivitÀt schadet

"Laissez-Faire" nennt sich eine Variante der antiautoritĂ€ren Erziehung. Bei diesem Erziehungsstil verhalten sich die Eltern dem Kind gegenĂŒber eher passiv, kontrollieren es kaum. Es werden nur minimale Vorgaben gemacht, so dass der Nachwuchs im Wesentlichen sich selbst ĂŒberlassen wird. Diese Eltern haben kaum AnsprĂŒche an das Kind und bei Auseinandersetzungen beachten sie nur selten dessen Auffassungen. "Laissez-Faire"-orientierte Eltern versuchen bei der Erziehung nur das zu tun, was nötig ist - im Extremfall kann dies zur Ablehnung und VernachlĂ€ssigung des Kindes fĂŒhren.

Zahlreiche Studien belegen, dass Kinder, die so unkontrolliert und "reibungslos" groß gezogen werden, spĂ€ter nur ein geringes SelbstwertgefĂŒhl entwickeln und erhebliche Probleme bekommen beim Aufbauen und Halten von Beziehungen zu Gleichaltrigen, da sie in der Kindheit keine positive emotionale Bindung kennen gelernt haben. Auch in der Schule haben sie meist Schwierigkeiten, sich einzugliedern und anzupassen, denn ihnen wurden zu Hause weder WertgefĂŒge noch Grenzen vermittelt.

ÜberbehĂŒten und verhĂ€tscheln

Zu kleinen Tyrannen erzieht man seine Kinder, wenn man dem verwöhnend verzĂ€rtelnden Erziehungsstil folgt. Dabei ist im Gegensatz zum "Laissez-Faire"-Stil eine ĂŒberbeschĂŒtzende FĂŒrsorge charakteristisch, bei denen die Eltern jede SelbstĂ€ndigkeit unterdrĂŒcken und fĂŒr ihren Sprössling handeln. Die Folge: Viele Kinder und Jugendlichen werden so zu ungeduldigen und fordernden Egoisten und haben eine Neigung nörgelig und unzufrieden zu sein, gepaart mit geringem Selbstvertrauen und unterentwickelter Leistungsbereitschaft.

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Der pÀdagogische "Hut mit Ohren"?

Die demokratische und liberale Erziehungsmethode kommt wohl den Vorstellungen am nĂ€chsten, die viele Eltern heute von einer "richtigen Erziehung" haben. Hierbei steht die Kommunikation mit dem Nachwuchs im Vordergrund. Wichtige Entscheidungen werden mit den Kindern besprochen, aber dennoch die Rolle der Eltern als Lenker und VerantwortungstrĂ€ger nicht aufgegeben. So lernen die Kinder ein ausgewogenes VerhĂ€ltnis von Freiheit und AutoritĂ€t kennen und sie begreifen, dass sie zwar mitbestimmen, aber ihre BedĂŒrfnisse und WĂŒnsche in einer Gemeinschaft nicht immer berĂŒcksichtigt werden können.

Auch im emotionalen Bereich bekommt das Kind durch WĂ€rme, Akzeptanz und EinfĂŒhlungsvermögen der Eltern einen "sicheren Hafen" und kann deshalb auch gegenĂŒber Anderen Vertrauen aufbauen. Das hat zur Folge, dass die demokratisch-liberale Erziehung eine gute Grundlage fĂŒr große emotionale StabilitĂ€t, gesundes Selbstbewusstsein und hohe Leistungs- und Lernbereitschaft schafft. Auch können Kinder durch diesen Erziehungsstil große soziale Kompetenzen erlernen. Gefördert werden zum Beispiel TeamfĂ€higkeit, Selbstkritik und die WertschĂ€tzung und Toleranz gegenĂŒber Mitmenschen. Ein bekannter Vertreter dieser Richtung ist der dĂ€nische Familientherapeut Jesper Juul. Seine pĂ€dagogische Gleichung lautet: Dialog und Austausch statt Belehrung und Strafe, Einbeziehung statt MachtausĂŒbung und Interesse statt Kontrolle.

Keine zuverlÀssige Gebrauchsanweisung

Trotz aller Konzepte, die sich im Laufe der Zeit herausgebildet haben, die allein selig machende richtige Erziehung, die wie eine zuverlĂ€ssige Gebrauchsanweisung funktioniert, gibt es nicht. Doch die meisten Fachleute sind sich ĂŒber drei wichtige Prinzipien einig, die im Alltag wie Rettungsanker funktionieren und fĂŒr Eltern ein grobes pĂ€dagogisches Fundament darstellen könnten:

1) Kinder brauchen Eltern, die ihnen Zuneigung entgegen bringen und sich jeden Tag mehrmals konzentriert fĂŒr sie Zeit nehmen.

2) Kinder brauchen Eltern, die versuchen, sich ins kindliche Weltbild hinein zu versetzen, VerstĂ€ndnis zeigen und ihnen nicht ihre eigenen Bewertungen ĂŒberzustĂŒlpen.

3) Kinder brauchen feste Regeln und Grenzen, um sich orientieren zu können und festzuhalten.

Erziehung ist in jeder Entwicklungsphase anders

Dass pĂ€dagogische Modelle heute nicht mehr starr, sondern dynamisch sein sollten und sich je nach Entwicklungsphase des Kindes verĂ€ndern mĂŒssen, befĂŒrwortet der Hamburger Erziehungswissenschaftler Peter Struck in seinem Buch "Kunst der Erziehung": "Kinder gehören uns nicht, wir dĂŒrfen sie nur ein StĂŒck ihres Weges begleiten. Wir erziehen sie, wenn sie noch klein sind, dann geht die Erziehung immer mehr in Beratung ĂŒber, weil Überzeugung besser ist als Dressur und Zwang." An die Stelle der Erziehung trete schließlich idealerweise eine gefestigte Beziehung, die durch gegenseitiges Vertrauen geprĂ€gt ist, so Peter Struck.

Erziehung positiv begreifen

Ähnlich argumentiert auch die Psychotherapeutin und Erziehungsberaterin Ursula Neumann in ihrem Bestseller "Wenn Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln, wenn sie groß sind, gib ihnen FlĂŒgel". Sie will außerdem unsichere Eltern motivieren, die individuellen BedĂŒrfnisse ihrer Kinder zu erkennen und Erziehung nicht als tĂ€glichen Kampf, sondern als lenkende Maßnahme zu begreifen, bei der Konflikte zum natĂŒrlichen Loslösungsprozess gehören mĂŒssen: "Kinder wollen so angenommen werden, wie sie sind. Sie wollen beim Essen kleckern dĂŒrfen, sie wollen nicht nur spielen, sondern auch mithelfen dĂŒrfen, sie wollen Angst und Wut nicht verstecken mĂŒssen. Sie wollen die Welt erkunden dĂŒrfen ohne fĂŒr jeden Einfall gleich den Stempel 'richtig' oder 'falsch' zu erhalten."

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Der dĂ€nische PĂ€dagoge Jesper Juul versucht in seinem Buch "Was Familien trĂ€gt“ Eltern den Druck zu nehmen, immer perfekte Erzieher zu sein. Fehler zu machen und authentisch zu bleiben, so der Autor, gehöre einfach dazu: "Nur wenn Eltern sich als Menschen mit guten und schlechten Seiten zeigen, zugeben, dass sie mal mĂŒde sind oder keine Lust haben, lernen Kinder. Und genau dazu ist Erziehung schließlich da. Um das Kind fĂŒr das spĂ€tere Leben in der Gemeinschaft fit zu machen."

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