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"Eigentlich ist es ganz einfach: Schwulsein ist nicht witzig"

  • Ron Schlesinger
Von Ron Schlesinger

Aktualisiert am 10.05.2018Lesedauer: 6 Min.
(T)Raumschiff Surprise Periode 1: Bully Herbig (l) als Mr. Spuck – abwertende Witze auf Kosten von schwulen MĂ€nnern?
(T)Raumschiff Surprise Periode 1: Bully Herbig (l) als Mr. Spuck – abwertende Witze auf Kosten von schwulen MĂ€nnern? (Quelle: United Archives/imago-images-bilder)
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Machen TV-Komiker wie Bully Herbig Witze auf Kosten von Schwulen? Und verbreiten Politikerinnen wie Annegret Kramp-Karrenbauer Hassreden? Johannes Kram meint: ja. Der Autor und Blogger sagt, wie homophob unser Alltag ist.

Ein Zeichen setzen gegen Diskriminierung: Das ist die Botschaft des alljĂ€hrlichen Christopher-Street-Days (CSD). Bis zum 8. September werden in 58 deutschen StĂ€dten Lesben, Schwule und Transgender auf die Straßen gehen. Und fĂŒr mehr Akzeptanz und Gleichberechtigung demonstrieren.

Dass es damit aber nicht weit her ist, meint Johannes Kram. Der Wahl-Berliner hat 2016 mit seinem "Nollendorfblog" – in dem er ĂŒber Homophobie und die Rolle von Lesben und Schwulen in der Gesellschaft schreibt – eine Nominierung fĂŒr den "Grimme Online Award" erhalten.

Einige Blogartikel hat der 51-JĂ€hrige jetzt in einem Buch veröffentlicht. Im Interview mit t-online.de spricht er ĂŒber die kaum gefĂŒhrte Homophobie-Debatte in Deutschland.

Herr Kram, in Angela Merkels Kabinett sitzt ein offen homosexueller Minister, die ARD holt sich den offen schwulen Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger als TV-Experten fĂŒr die Fußball-WM und seit gut einem Jahr gibt es die Ehe fĂŒr alle. Warum ist Deutschland fĂŒr Sie trotzdem ein homophobes Land?

Johannes Kram: Dass das so ist, kann man etwa daran sehen, dass nur ein Drittel aller Lesben und Schwulen offen im Job zu ihrer sexuellen IdentitĂ€t steht, dass "schwule Sau" das beliebteste Schimpfwort an deutschen Schulen ist, und dass TV-Komiker wie Dieter Nuhr immer noch Schwuchtelwitze aus den 50er-Jahren reißen und denken, dass sei deshalb nicht homophob, weil sie ja fĂŒr die Ehe fĂŒr alle sind.

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Johannes Kram: Der Autor attackiert in seinem neuen Buch die "schrecklich nette Homophobie in der Mitte der Gesellschaft".
Johannes Kram: Der Autor attackiert in seinem neuen Buch die "schrecklich nette Homophobie in der Mitte der Gesellschaft". (Quelle: PR)

Was heißt fĂŒr Sie Homophobie?

Homophobie ist die Abwertung von Lesben und Schwulen. Um herauszufinden, ob etwas homophob ist, kann man oft ganz einfach den Gegentest zu machen. Also: Gilt das Gesagte umgekehrt auch fĂŒr Heteros? Wer etwa wie CSU und AfD von FrĂŒhsexualisierung spricht, Ă€ußert sich deshalb homophob, weil er einen wertenden Unterschied zwischen hetero und nicht-hetero macht. Wieso mĂŒssen Kinder vor der RealitĂ€t eines kĂŒssenden Lesben- oder SchwulenpĂ€rchens geschĂŒtzt werden, aber nicht von der eines Kusses zwischen Mann und Frau?

Sie haben Dieter Nuhr erwĂ€hnt. Auch Bully Herbig zieht Schwule in seinen Kinofilmen "(T)Raumschiff Surprise" oder "Der Schuh des Manitu" durch den Kakao – ohne dass das jemanden stört. Was sind fĂŒr Sie abwertende Witze auf Kosten von schwulen MĂ€nnern?

Eigentlich ist es ganz einfach: Schwulsein ist nicht witzig. Es gibt witzige Schwule und es mag witzigen Sex geben. Aber wenn die sexuelle IdentitÀt schon die Pointe ist, dann ist das abwertend.

Johannes Kram, 1967 in Trier geboren, lebt in Berlin. Er ist Kolumnist beim "BILDblog" – eine unabhĂ€ngige, journalistische Internetseite, die sich kritisch mit der deutschsprachigen Presselandschaft auseinandersetzt. Zuletzt hat Kram das TheaterstĂŒck "Marx! Love! Revolution!" geschrieben, das am 2. Mai 2018 in Trier uraufgefĂŒhrt wurde.

Ist es ĂŒberhaupt okay, Witze ĂŒber Homosexuelle machen?

Ja, natĂŒrlich darf man Witze ĂŒber Lesben und Schwule machen und natĂŒrlich gehört es auch dazu, Klischees zu strapazieren. Doch wenn der Schwule witzig ist, weil er eine Tunte ist und die Tunte witzig, weil sie dumm ist, wenn also der eigentliche Witz die LĂ€cherlichkeit ist, dann ist der Witz nicht nur dumm, sondern auch homophob.

Und warum lachen die Deutschen immer noch so gerne darĂŒber?

Weil der gute alte Schwuchtelwitz nicht nur im Karneval stattfindet, sondern eben auch noch von so netten Menschen wie Dieter Nuhr vorgetragen wird. Die Zuschauer denken dann, das ist doch Satire, das lÀuft doch in der ARD, das ist doch seriös, wo soll denn da das Problem sein?

Dieter Nuhr: Der TV-Komiker wehrte sich im "Spiegel" gegen die VorwĂŒrfe.
Dieter Nuhr: Der TV-Komiker wehrte sich im "Spiegel" gegen die VorwĂŒrfe. (Quelle: Henning Kaiser/dpa-bilder)

Gibt es deutsche Berufskomiker, die es Ihrer Ansicht nach besser machen?

Oliver Welke und sein Team von der ZDF-Nachrichtensatire "heute-show". Oder die Entertainerin Désirée Nick. Es gibt nicht so viele.

In Ihrem Blog schauen Sie auch den Politikern auf den Mund. So warnte fĂŒnf Tage nach der Abstimmung zur Ehe fĂŒr alle die jetzige CDU-GeneralsekretĂ€rin Annegret Kramp-Karrenbauer, "dass das Fundament unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts dadurch nicht schleichend erodiert".

Als der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder von der deutschen Musikindustrie forderte, den Musikpreis "Echo" abzuschaffen ...

... dachte ich, mit der gleichen Logik mĂŒsste er sich jetzt dafĂŒr einsetzen, die CDU abzuschaffen. Denn Frau Kramp-Karrenbauer ist ja nicht CDU-GeneralsekretĂ€rin trotz ihrer homophoben Hassreden geworden, sondern genau deswegen. Nur so war die ansonsten als liberal geltende Politikerin auch den sogenannten Konservativen vermittelbar. Was sie da sagt, klingt zwar harmloser, ist aber nicht besser als die Hass-Texte der Rapper. Es macht eine Minderheit zu einer Gefahr, die die Gesellschaft zersetzt. Das ist ein Prinzip, wie wir es vom Antisemitismus her kennen.

Annegret Kramp-Karrenbauer: Die CDU-GeneralsekretĂ€rin warnte davor, dass durch die Ehe fĂŒr alle "das Fundament unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts nicht schleichend erodiert".
Annegret Kramp-Karrenbauer: Die CDU-GeneralsekretĂ€rin warnte davor, dass durch die Ehe fĂŒr alle "das Fundament unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts nicht schleichend erodiert". (Quelle: Kay Nietfeld/dpa-bilder)

Apropos: rechtliche Gleichstellung homosexueller Paare. FĂŒr Sie war das damals eher eine "politische Sturzgeburt" und den meisten Deutschen bestenfalls egal. Wie sehen Sie die Situation heute – fast ein Jahr spĂ€ter?

Einerseits ist die Ehe fĂŒr alle NormalitĂ€t geworden und den Gegnern ist aufgefallen, dass die Welt immer noch nicht untergegangen ist. Andererseits wird auch in linken Kreisen vermehrt so getan, als ob die Eheöffnung irgendjemandem etwas weggenommen hĂ€tte, als ob es etwa dem Industriearbeiter deshalb so schlecht geht, weil man sich lieber um so Luxusprobleme wie Gerechtigkeit fĂŒr Lesben und Schwule gekĂŒmmert hat.

Aber schließen sich links-liberales Milieu und Homophobie nicht aus?

Links-liberale Kreise versichern sich ihre Weltoffenheit gerne, indem sie ihre Supertoleranz gegen Homosexuelle betonen. Wer zum Beispiel die "Zeit" liest, kann ja gar nicht homophob sein. Der Erfolg des "Zeit"-Kolumnisten Harald Martenstein liegt auch darin begrĂŒndet, dass er seine Klientel darin schult, das Bewahren von allen möglichen Ressentiments als ihr gutes Recht zu betrachten und dumpfe Reflexe kulturell zu verklĂ€ren. In meinem Buch beschreibe ich, wie Martenstein als ein Pionier dieser ganzen "Das-wird-man-doch-mal-sagen-dĂŒrfen"-Pose frĂŒher als andere auf Homosexuelle losgegangen ist, und das dann als Mut deklariert hat.

Verleihung des Grimme Online Award 2016: Johannes Kram (v. l. n. r.), Nicolas Flessa, Stella Schiffczyk, Jonas Schönfelder und Felix Betzin in der Kölner Flora.
Verleihung des Grimme Online Award 2016: Johannes Kram (v. l. n. r.), Nicolas Flessa, Stella Schiffczyk, Jonas Schönfelder und Felix Betzin in der Kölner Flora. (Quelle: Future Image/imago-images-bilder)
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Mitte April sorgte ein brutaler Angriff auf einen Israeli in Berlin deutschlandweit fĂŒr Aufsehen. Viele Politiker verurteilten aufs SchĂ€rfste diese antisemitische Attacke. In mehreren StĂ€dten fanden Aktionen gegen Judenhass statt. Wenige Tage zuvor wurde in Berlin ein junger Mann mit einem Messer angegriffen, weil er schwul ist. Die Öffentlichkeit nahm davon aber kaum Notiz. Warum gibt es wenig SensibilitĂ€t fĂŒr homophobe Straftaten?

Ich glaube nicht, dass ein Großteil der Bevölkerung ĂŒberhaupt Homophobie als ein wirkliches Problem sieht. Deswegen gelten auch homophobe Straftaten eher wie Zufallsdelikte nach dem Motto: Das kann ja jeden treffen. Warum mĂŒssen die Lesben und Schwulen sich auch hier noch mit HomosexualitĂ€t so wichtig tun? Und wenn Homo- und Transsexuelle dann darauf hinweisen, dass Homo- oder TranssexualitĂ€t zusĂ€tzlich Faktoren sind, die einen zum Opfer machen können, dann sehen viele das als einen Beweis dafĂŒr, wie besessen die Homos und die Transmenschen darin sind, sich als Opfer darzustellen.

Seit 2005 wird jÀhrlich am 17. Mai der Internationale Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie, kurz: IDAHOT, begangen. Wie wichtig finden Sie diesen Aktionstag?

Außerhalb der Community spielt er leider keine große Rolle. Warum kommen eigentlich so wenig Schulen auf die Idee, das Datum fĂŒr einen Projekttag zu nutzen? Innerhalb der Community finde ich es besonders wichtig, die internationale SolidaritĂ€t in den Vordergrund zu rĂŒcken. Bei allen Problemen, die wir in Deutschland haben, dĂŒrfen wir nie vergessen: Menschen wie wir werden in vielen LĂ€ndern staatlich verfolgt und umgebracht.

Der Eurovision Song Contest gilt als Highlight im Jahreskalender von Schwulen und Lesben. Sie waren der Manager von SchlagersÀnger Guildo Horn, als er 1998 mit "Guildo hat euch lieb!" einen siebten Platz erreichte. Schauen Sie sich heute noch den ESC an?

Hab gerade gar nicht auf dem Schirm, wann das ist. Aber wahrscheinlich werde ich es mir anschauen. Stimmt, Guildo, das ist jetzt 20 Jahre her.

Guildo Horn: Der SchlagersĂ€nger gewann die deutsche Vorentscheidung fĂŒr den Grand Prix d'Eurovision am 26. Februar 1998.
Guildo Horn: Der SchlagersĂ€nger gewann die deutsche Vorentscheidung fĂŒr den Grand Prix d'Eurovision am 26. Februar 1998. (Quelle: COLORplus/dpa-bilder)

Ihr Tipp: Wo wird der deutsche Beitrag in diesem Jahr landen?

Das klingt jetzt böser, als es gemeint ist: Aber wÀhrend des deutschen Vorentscheides bin ich eingeschlafen. Deswegen kann ich das leider wirklich nicht einschÀtzen.

Vielen Dank fĂŒr das GesprĂ€ch, Herr Kram.

Johannes Kram: "Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber ... Die schrecklich nette Homophobie in der Gesellschaft". Quer-Verlag. 190 Seiten. 14,90 Euro.

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