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Zum Tag der Deutschen Einheit: Sprachunterschiede in Ost und West

Deutsch-deutsche Unterschiede  

Sprechen Ost und West wirklich eine andere Sprache?

Von Ron Schlesinger

03.10.2018, 19:18 Uhr
Zum Tag der Deutschen Einheit: Sprachunterschiede in Ost und West. Parkende PKW der Marke Trabant: Der DDR-Kleinwagen wurde im Volksmund liebevoll Trabi genannt. (Quelle: imago/Günter Schneider)

Parkende PKW der Marke Trabant: Der DDR-Kleinwagen wurde im Volksmund liebevoll Trabi genannt. (Quelle: Günter Schneider/imago)

Bis heute trennen die Deutschen in Ost und West eine Reihe von Wörtern. Sprachexperten bezweifeln aber, dass es eine eigene Sprache in der DDR gab.

"Einen Broiler, bitte!" – 1990 wussten gerade mal 21 Prozent der Westdeutschen, was sich dahinter verbirgt: ein knuspriges Brathähnchen. Und das, obwohl der Broiler schon vor dem Mauerfall – wie eine ganze Reihe DDR-spezifischer Wörter – im Westduden stand. Allerdings mit dem Zusatz: besonders DDR.

Im ersten gesamtdeutschen Duden von 1991 nahm die Dudenredaktion noch mehr DDR-typische Wörter auf. "Der Einheitsduden baute auf dem umfangreicheren Mannheimer Westduden von 1986 auf", sagt Melanie Kunkel, Redakteurin aus der heutigen Dudenredaktion, t-online.de. "In Zusammenarbeit zwischen der Mannheimer und der Leipziger Redaktion wurden Stichwörter aus dem Ostduden ausgewählt wie erweiterte Oberschule oder Delikatladen."

Wie die Dudenredaktion es damals im Vorwort formulierte, wollte sie in der DDR gebräuchliche Wörter bewahren, "die für das Verständnis der jüngeren Vergangenheit von Bedeutung sind".

DDR plante eine "sozialistische Nationalsprache"

Dabei ist der Broiler für viele ein Beispiel dafür, dass die Mauer vier Jahrzehnte lang nicht nur die Ost- und Westdeutschen geografisch und politisch voneinander trennte – sondern eben auch sprachlich. Doch gab es wirklich eine wie auch immer geartete DDR-Sprache? Und wird diese heute noch bewusst und unbewusst von den Ostdeutschen gesprochen?

Leuchtreklame "Plaste und Elaste": Die ostdeutschen Buna-Werke führten den Werbeslogan "Plaste und Elaste aus Schkopau" ein. Heute hängt das Werbeschild im Deutschen Historischen Museum. (Quelle: imago/Kraft)Leuchtreklame "Plaste und Elaste": Die ostdeutschen Buna-Werke führten den Werbeslogan "Plaste und Elaste aus Schkopau" ein. Heute hängt das Werbeschild im Deutschen Historischen Museum. (Quelle: Kraft/imago)

Auch wenn man im Arbeiter-und-Bauern-Staat eine "sozialistische Nationalsprache" plante – als Pendant zur westdeutschen Sprache des Klassenfeindes –, die Realität sah letztlich anders aus. Denn trotz vierzigjähriger Teilung entwickelte sich die Sprache in der Bundesrepublik und in der DDR nicht nennenswert auseinander, findet Albrecht Plewnia vom Institut für deutsche Sprache (IDS).

Keine "echte Sprachspaltung" zwischen Ost und West

"Die meisten und auffälligsten sprachlichen Unterschiede zwischen Ost und West gehen auf die verschiedenen Regionalsprachen zurück und sind insofern eigentlich nicht DDR-spezifisch", sagt der Sprachexperte t-online.de. Auch Melanie Kunkel sieht keine "echte Sprachspaltung".

Wie Plewnia sieht sie Begriffe wie Broiler oder Zweiraumwohnung für eine Zweizimmerwohnung als sogenannte "regionale Varietäten, die es sowohl in Ostdeutschland als auch in anderen Gegenden des deutschsprachigen Raums gab und gibt."

"Neben diesen regionalen Unterschieden, die im deutschen Sprachgebiet historisch gewachsen sind, gibt es jedoch eine ganze Reihe von sprachlichen Merkmalen, die tatsächlich DDR-spezifisch sind", so Plewnia.

Zwei unterschiedliche Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme

Der Wissenschaftler denkt hier vor allem an den DDR-typischen Wortschatz, zum Beispiel in der staatlichen Verwaltung: "Wo DDR-spezifische Sachverhalte benannt wurden, mussten zwangsläufig auch DDR-spezifische Benennungen entstehen."

Imbissstube am Berliner Alexanderplatz am 3. September 1983: Am "Boulevardgrill" kosteten 100 Gramm Broiler 1,16 DDR-Mark. (Quelle: imago/Jürgen Ritter)Imbissstube am Berliner Alexanderplatz am 3. September 1983: Am "Boulevardgrill" kosteten 100 Gramm Broiler 1,16 DDR-Mark. (Quelle: Jürgen Ritter/imago)

Viele DDR-Bürger erinnern sich zum Beispiel an die schier endlos aneinandergereihten Titel, die Politikern und Funktionären vorangestellt wurden. Nicht nur im staatlich gelenkten DDR-Hörfunk, wie in der Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera", auch in den Zeitungen und Zeitschriften des Arbeiter-und-Bauernstaats gehörte dieses Deutsch zur Normalität.

Ein Beispiel aus der "Ostseezeitung" vom 20. April 1976:
"Hannelore P. ... Elektrikerin in der Volkswerft Stralsund, Mitglied der Kreisleitung Stralsund der SED, Mitglied der Zentralen FDJ-Leitung der Werft, Bezirkstagsabgeordnete, Trägerin der Artur-Becker-Medaille in Bronze und Gold, Mitglied eines Kollektivs der DSF."

Dieser sperrige Stil ging auf das Russische zurück und zeigte den sprachlichen Einfluss des "großen Bruders" – denn so hieß die Sowjetunion in der Propagandasprache der DDR. Ebenso prägte das Russische den Wortschatz der Ostdeutschen. Und das nicht ohne Grund: Seit 1951 war der Russischunterricht für alle Schüler der DDR ab der 5. Klasse verpflichtend als erste Fremdsprache.

Parade am 13. August 1986: Ehrentribüne und DDR-Kampfgruppen anlässlich der Feierlichkeiten zu "25 Jahre antifaschistischer Schutzwall". (Quelle: imago/Sommer)Parade am 13. August 1986: Ehrentribüne und DDR-Kampfgruppen anlässlich der Feierlichkeiten zu "25 Jahre antifaschistischer Schutzwall". (Quelle: Sommer/imago)

Da verwunderte es nicht, dass auch russische Wörter ins DDR-Deutsch übernommen wurden. Die bekanntesten sind Sputnik (cпутник), der Name eines sowjetischen Satelliten, und Subbotnik (суббота), ein freiwilliger unbezahlter Arbeitseinsatz am Sonnabend. Auch Wandzeitung (стенгазе́та) gehört dazu. Diese und andere Bezeichnungen gehörten dabei zum offiziellen Wortschatz, also eine von Partei- und Staatsmedien propagierte Sprache:


BegriffAbkürzungBedeutung
Delikatladen
Geschäft mit Lebensmitteln des "gehobenen Bedarfs"
Dreiraumwohnung
2 ½-Zimmer-Wohnung
erweiterte OberschuleEOSGymnasium (ab 1984: 11./12. Klasse)
Feierabendheim
Alten- oder Seniorenheim
Kaderleiter
Personalleiter
Kaufhalle
Selbstbedienungsladen
Kosmonaut
Astronaut
Plaste
thermoplastischer Kunststoff
Polylux
Overheadprojektor
polytechnische OberschulePOSzehnklassige Oberschule
SchallplattenunterhalterSPUDJ (staatlich geprüft)
SekundärrohstoffeSEROwiederverwertbare Abfälle (Altpapier, Flaschen, Gläser)
Staatsrat
kollektives Staatsoberhaupt


Plewnia schränkt allerdings ein, dass Wörter wie Staatsrat oder Polytechnische Oberschule "typisch für alle Staatswesen sind. Entsprechende Unterschiede finden sich in gleicher Weise in Österreich oder in der Schweiz wie Abitur und Matura – aber auch schon innerhalb der deutschen Bundesländer, zum Beispiel Minister, Staatsminister, Senator."

Von Erichs Krönung bis zum Tal der Ahnungslosen

Neben dem offiziellen DDR-Vokabular gab es einen Wortschatz, mit dem sich die DDR-Bürger im Alltag von denen 'da oben' abgrenzen wollten: kritisch, witzig und manchmal sarkastisch. So nannte man eine DDR-Kaffeesorte – in Abwandlung einer aus dem Westen bekannten Marke – Erichs Krönung. Ob SED-Chef Erich Honecker darüber erfreut war, ist nicht überliefert.

Hintergrund
Ende der 1970er-Jahre explodierten die Preise für Kaffeebohnen auf dem Weltmarkt. Die devisenklamme DDR musste aber sparen. Also galt die Losung: wenige Bohnen für möglichst viel Kaffee. So kam die Sorte Kaffee-Mix in die DDR-Läden, die nur zur Hälfte aus Kaffeebohnen bestand. Der Rest waren gemahlene und geröstete Getreidekörner sowie Hülsenfrüchte. Doch es hagelte Kritik, weil der Mischkaffee nicht schmeckte. Nach zwei Jahren verschwand die Sorte wieder aus den Regalen.

Ein anderes Beispiel: Als Tal der Ahnungslosen wurden im Volksmund die DDR-Gebiete bezeichnet, in denen kein Westfernsehen via Antenne empfangen werden konnte. Das betraf vor allem den damaligen Bezirk Dresden. Grund war die geografisch ungünstige Lage: hohe Berge, tiefe Täler. Heute – fast dreißig Jahre später – hält der Historiker Heinrich August Winkler den fehlenden Zugang zum Westfernsehen bis 1989 sogar für eine Ursache der islamfeindlichen Pegida-Proteste in Dresden.


Inoffizielle BezeichnungOffizielle Bezeichnung
Firma, Horch und Guck, Langer Arm, StasiMinisterium für Staatssicherheit (MfS)
Mauerantifaschistischer Schutzwall
Arbeiter- und BauernschließfachNeubauwohnung
rabottenarbeiten
Trabi, Rennpappe, AsphaltblaseTrabant (Automarke)
umrubelnGeld umtauschen


Plewnia glaubt, dass im Gegensatz zum offiziellen DDR-Wortschatz – von SERO über Staatsrat bis polytechnische Oberschule – Wörter wie Broiler auch in Zukunft alltagssprachlich verwendet werden: "Denn bei ihnen handelt es sich in Wirklichkeit eben nicht um DDR-Deutsch, sondern um ostmitteldeutsche Regionalismen."

Menschenschlange vor einer HO-Kaufhalle in Berlin am 9. Oktober 1985: Die Selbstbedienungsläden gehörten zur Handelsorganisation (HO), einem Einzelhandelsunternehmen in der DDR. (Quelle: imago/Frank Sorge)Menschenschlange vor einer HO-Kaufhalle in Berlin am 9. Oktober 1985: Die Selbstbedienungsläden gehörten zur Handelsorganisation (HO), einem Einzelhandelsunternehmen in der DDR. (Quelle: Frank Sorge/imago)

Dass diese regionalen Prägungen völlig verschwinden werden, ist im föderal geprägten Deutschland mit starken regionalen kulturellen Traditionen nicht zu erwarten, so Plewnia. Der Sprachexperte findet ohnehin, "dass die Unterschiede zwischen ehemals West und ehemals Ost kleiner sind als diejenigen zwischen Nord und Süd." Darauf eine Breze mit ordentlich Bodder.


Verwendete Quellen:


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