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Alexandra Reinwarth: "Ich rede mir permanent Dinge schön"

INTERVIEWAutorin über häufige Denkfehler  

"Früher dachte ich immer, nur ich bekomme es nicht hin"

09.07.2019, 15:10 Uhr
Alexandra Reinwarth: "Ich rede mir permanent Dinge schön". Alexandra Reinwarth: Die Autorin hat Bestseller geschrieben wie "Das Leben ist zu kurz für später" oder "Am Arsch vorbei geht auch ein Weg". (Quelle: Arturo Martínez)

Alexandra Reinwarth: Die Autorin hat Bestseller geschrieben wie "Das Leben ist zu kurz für später" oder "Am Arsch vorbei geht auch ein Weg". (Quelle: Arturo Martínez)

Wir alle fallen ständig auf Denkfehler rein, sagt Alexandra Reinwarth. Die Autorin, die unter anderem "Das Leben ist zu kurz für später" geschrieben hat, macht uns diese in ihrem neuen Werk deutlich. 

In ihrem neuen Buch listet Bestseller-Autorin Alexandra Reinwarth allerhand Denkfehler auf, die ihr oft passieren – und vielen anderen Menschen auch. Wissenschaftlicher als in ihren Vorgängerbüchern geht sie den Fehlern auf den Grund. Im Interview mit t-online.de erklärt sie, warum wir gute Vorsätze nie einhalten, unsere Lebensträume nicht umsetzen und warum sie selbst ständig Dinge kauft, die sie gar nicht braucht.

t-online.de: In Ihrem neuen Buch "Glaub nicht alles, was du denkst" stehen Denkfehler thematisch im Vordergrund. Welchen haben Sie in jüngster Zeit selber gemacht?

Alexandra Reinwarth: Einer meiner Lieblingsfehler ist der Attributionsfehler: Vorhin in der U-Bahn etwa war ich total genervt von drei Jungs, die furchtbar laut waren und arabisch aussahen. Und ich habe das sofort in Zusammenhang gebracht: das negative Verhalten und die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe. Das ist ganz automatisch passiert. Da hätte ich mir gerne selbst auf den Hinterkopf geklopft.

Sie sprechen in Ihrem Buch oft von zwei Polen, denen wir bei unserem Denken und Handeln ausgeliefert sind: dem vernünftigen Mann im grauen Anzug, der für das Rationale zuständig ist, und dem inneren Clown, der Gefühlen folgt und am liebsten nur Spaß hätte. Wie können wir unseren inneren Clown zügeln?

Man kann an diesem Konstrukt an sich nichts ändern. Es funktioniert ja an vielen Stellen auch ganz gut. Im Endeffekt muss man mit dem inneren Clown kollaborieren. Wenn man ihn ignoriert und nicht auf ihn hört, funktioniert es schließlich auch nicht. Wir können unsere Gefühle nicht unterdrücken. Darin steckt manchmal die Krux: dass du gerne anders fühlen würdest, es aber nicht tust. Zum Beispiel erzähle ich in meinem Buch die Geschichte von einer Frau, die die neue Freundin von ihrem Ex gut finden will. Aber das geht halt noch nicht. Da ist noch Zeit gefragt. Das muss man dann auch akzeptieren. Man ist eben nicht immer so, wie man es gerne wäre.

Was würde Ihr innerer Clown jetzt lieber machen?

Schlafen. Ich musste heute sehr früh für ein Interview beim "Frühstücksfernsehen" aufstehen.

Alexandra Reinwarth, Jahrgang 1973, hat laut Media Control bisher über zwei Millionen Bücher verkauft. Besonders erfolgreich waren die Titel "Am Arsch vorbei geht auch ein Weg" und "Das Leben ist zu kurz für später". Reinwarth stammt aus Regensburg, lebt mittlerweile aber in Valencia in Spanien.

Welche Denkfehler passieren uns Menschen denn sonst noch häufig?

Für mich war es total erleichternd, etwas über die Verzögerungstaktik zu erfahren. Zuvor dachte ich immer, nur ich bekomme es nicht hin. Dabei ist das ein ganz verbreiteter Fehler, den wir alle machen. Es geht um Sachen, die wir uns vornehmen – und dann doch nicht machen. Ich mache den Fehler immer, indem ich klassische Bücher mit in den Urlaub nehme, die ich alle dort lesen will. Und am Ende des Urlaubs liegen sie jedes Mal noch so auf dem Nachttisch, wie ich sie dort zu Beginn hingelegt habe. Andere nehmen sich vor, sich in der kommenden Woche besonders gesund zu ernähren – und essen dann doch wieder Pizza und Eis.

Warum schaffen wir es nicht, unser Vorhaben umzusetzen?

Wenn ich mir im Vorhinein bewusst Sachen überlege, dann ist das eine Verstandsentscheidung. Mir ist in dem Moment nicht klar, dass ich, wenn ich nächste Woche im Urlaub lesen will, der gleiche Mensch bin wie jetzt. Das bedeutet: Auch dann will mein Clown lieber Spaß. Man muss sich das bewusst machen und sich selbst irgendwie überlisten. Wir meinen ja immer, Bücher über Zeitmanagement und Planer würden uns helfen. Dabei ist unsere Organisation gar nicht das Problem. Das Problem ist, dass im Hier und Jetzt immer auch der Clown agiert.

Sie sind sich dessen bewusst. Haben Sie eins der klassischen Bücher denn mittlerweile gelesen?

Nein. Ich war aber auch nicht wieder im Urlaub seitdem. Insofern haben sie noch eine Chance.

Was ist ein weiterer typischer Denkfehler?

Ein Fehler, den ich "die Investition" nenne. Davon gibt es zwei unterschiedliche Arten: geschäftlich und privat. Wenn man Geld in irgendetwas investiert und sich denkt: "Das ist eine gute Investition." Und dann zieht sich das ein bisschen, und man buttert noch mehr rein und noch mehr. Und dann kommt es dazu, dass man nicht nur Summe A verliert, sondern auch noch Summe B, die man investiert hat, damit man Summe A nicht verliert. Man denkt, das Geld sei noch nicht verloren, wenn man noch nicht aufgibt und da immer weiter Geld reinschießt. Obwohl es eigentlich schon längst angebracht wäre. Und das machen viele auch im Privaten.

Inwiefern?

Wenn man so lange mit einem Partner zusammen war und sich denkt: "Jetzt habe ich so viel Energie und Arbeit in diese Beziehung gesteckt. Wenn ich das jetzt beenden würde, wäre das alles umsonst gewesen. Dann hätte ich mir das alles schenken können." Und dann machen die Leute weiter. Im Grunde versaust du dir so die Gegenwart, weil die Vergangenheit auch schon scheiße war. Das macht keinen Sinn, aber das ist eben auch so ein Denkfehler, den viele machen.

Alexandra Reinwarth: Seit 2000 lebt die Autorin in Spanien. Ihre Auswanderung war eine relativ spontane Idee. (Quelle: Arturo Martínez)Alexandra Reinwarth: Seit 2000 lebt die Autorin in Spanien. Ihre Auswanderung war eine relativ spontane Idee. (Quelle: Arturo Martínez)

Sie kritisieren im Vorwort Ihres neuen Buches, dass man es nicht schafft, die Ratschläge aus Ratgebern umzusetzen. Warum nicht?

Ratgeber funktionieren nie. Die appellieren ja immer an den Verstand. Wenn jemand zum Beispiel wenig Selbstwertgefühl hat, dann ist es für ihn zwar interessant, in Ratgebern zu lesen, woher das kommt. Aber dass man die Gründe versteht, ändert am Gefühl nichts. Mit dem Verstand ist ein geringes Selbstwertgefühl nicht zu ändern. Das Fühlen ist mit dem Verstand nicht zu ändern. Deswegen sind Ratgeber oft zwar sehr interessant, aber sie bringen halt gar nichts.

Ihr Buch könnte man aber auch als Ratgeber bezeichnen …

Es sagen immer alle, ich schreibe Ratgeber und meine Bücher sind im Buchladen auch unter dieser Rubrik einsortiert. Gleichzeitig bin ich die, die sagt: "Ratgeber funktionieren alle nicht." Aber ich mache es in meinen Büchern ein bisschen anders. Mein Allgemeinprinzip ist: Ich probiere etwas und alle dürfen zugucken. Dabei hoffe ich zum einen, dass es unterhaltsam ist und die Leute Spaß dabei haben. Und zum anderen, dass sie gucken können, was passiert, wenn man so rumprobiert. Sie müssen es erst mal nicht selber machen und können schauen, wie es wäre. Ich kann niemandem sagen, wie es geht. Ich kann nur sagen, was bei mir passiert ist.

Ist es trotzdem Ihr Ziel, dass Menschen, die Ihre Bücher lesen, etwas für ihr eigenes Leben mitnehmen?

Ich freue mich total, wenn es so ist. Aber ich gehe nicht davon aus. Bei meinem aktuellen Buch fände ich es wirklich schön, wenn sich das Bewusstsein über den Attributionsfehler ein bisschen verbreiten würde – dass viele Menschen negatives Verhalten oft einer sozialen Gruppe zuordnen, sei es nun Ausländern, Bayern-München-Fans, Singles, Juden oder Rentnern. Man macht das automatisch und sollte da ein bisschen aufpassen. Es handelt sich um eine reine Gefühlssache – auf die zielen im Übrigen auch populistische Politiker ab. Mit Argumenten kommt man da deshalb auch immer so schlecht weiter – weil das Gefühl da ist.

Sie erzählen in Ihrem Buch auch von Menschen, die ihre Lebensträume – nach Australien auswandern, einen eigenen Laden aufmachen oder Ähnliches – nicht verwirklichen. Sie glauben, dass viele gar nicht bereit sind, diese umzusetzen. Bei Ihnen scheint es anders zu sein: Sie leben in Spanien und wollen dort ein eigenes Bed&Breakfast aufmachen. Wie ist Ihnen das gelungen? 

Das ist ein Projekt, das bei meinem vorherigen Buch rauskam. In "Das Leben ist zu kurz für später" ging es um Sachen, die man echt machen sollte, weil man es sonst bereuen würde. Zufällig zur gleichen Zeit ergab sich mir die Möglichkeit, ein geeignetes Haus für ein Bed&Breakfast zu kaufen: unten Bar und oben Vermietung. Und ich habe rumgeschissert. Da hat mein damaliger Freund gesagt: "Du schreibst dieses Buch und agierst aber gar nicht danach." Und dann musste ich leider einsehen, dass das stimmt. Und dann habe ich es einfach gemacht. Jetzt warten wir gerade auf die Lizenz für die Renovierung, das allein dauert schon eineinhalb Jahre. Und es muss wirklich viel renoviert werden. Das Haus hat nicht mal ein Dach.

Welche Gründe sprachen für Sie denn vorher gegen dieses Projekt?

Es war einfach nur Schiss. Man verwechselt das ja oft: Intuition und Schiss. Schiss erkennt man aber gut daran, dass er so Schreckensszenarien entwirft. Das macht Bauchgefühl nicht. Bei Bauchgefühl weißt du etwas tief in dir drin. Ich hatte noch so Sachen intus, die man in der Kindheit oft hört: "Das kannst du immer noch machen.", "Mach doch lieber etwas Sicheres.", "Auf dich werden sie wohl gewartet haben." Und das hat mich total gehemmt.

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  • Autorin: Alexandra Reinwarth
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Manchmal helfen uns Denkfehler aber auch aus einem Dilemma: Wenn sie dazu dienen, das blöde Gefühl zu vertreiben, wenn die eigene Handlung mit der eigenen Überzeugung nicht in Einklang zu bringen ist …

Ja, deswegen gibt es Denkfehler ja mitunter. Um das eigene Selbstwertgefühl zu wahren, muss man permanent diese sogenannten kognitiven Dissonanzen lösen. Stellt man sich beispielsweise die Frage "Wie finde ich es, dass alle paar Sekunden ein Kind an Hunger stirbt?", ist man ganz betroffen. Und wenn man kurz darauf die Frage gestellt bekommt "Wann haben sie zuletzt etwas dagegen getan?", entsteht ein unangenehmes Gefühl. Das ist die kognitive Dissonanz. Dann hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man kann sofort etwas dagegen tun oder man kann das Hirn machen lassen. Das überlegt sich Sachen wie: "Ja, das ändert ja sowieso nichts. Die Spenden hindern Entwicklungsländer daran, sich selbst zu helfen." Es versucht, sich das so zurechtzulegen, dass man sich besser fühlt.

Gibt es bei Ihnen etwas, dass Sie sich regelmäßig schön reden?

Ich erwische mich permanent dabei – besonders dann, wenn ich etwas haben will, und es eigentlich überhaupt keinen Sinn gibt, das zu besitzen. Das klassische Beispiel ist der Schuhladen. Du stehst vor einem Paar Schuhe und denkst dir: "Schau mal, die sind aber toll." Obwohl du drei Paar zu Hause hast, die fast exakt genauso aussehen. Und so fängt das Hirn an und flüstert dir ein: "Aber schwarze Schuhe kann man immer brauchen.", "Die sehen toll zu Jeans aus." Oder auch: "Ich habe mir eine Belohnung verdient." Es sucht krude Argumente zusammen. Und wenn es die Schuhe in meiner Größe nicht gibt, dann macht das Gehirn gleich weiter: "Sooo schön sind sie nun auch wieder nicht." Oder: "Die alten sind noch gut. Das Geld kannst du auch für andere Dinge gebrauchen." Auf diese Weise bin ich auch in dem Fall ganz zufrieden.


Angenommen, Ihr neues Buch wird kein Erfolg – wovon wir alle natürlich nicht ausgehen. Ist dann das Buch schlecht oder sind die Leser schuld?

In dem Fall ist es wieder anders. Dann tendiere ich eher dazu, zu sagen: "Ich habe es nicht drauf." Das ist so ein Frauenphänomen, das auch auf mich zutrifft: Meinen Erfolg schiebe ich auf Umstände, ich stapele tief. Wenn ein Buch erfolgreich ist, sage ich immer, dass der Titel gut war oder das Cover. Oder es war gerade die Zeit dafür. Und wenn es mal nicht läuft, denke ich: "Das habe ich ja gewusst."

Vielen Dank für das Interview, Frau Reinwarth.

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