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Coronavirus in Afrika: Wie Damenbinden helfen können


MEINUNGEntwicklungshilfe  

Corona in Afrika: Wie Damenbinden helfen können

Von Till Wahnbaeck

13.06.2020, 13:48 Uhr
Coronavirus in Afrika: Wie Damenbinden helfen können. Mann desinfiziert Hände einer Frau: In Uganda werden die Corona-Maßnahmen langsam gelockert, dennoch fürchten viele Menschen um ihre finanzielle Existenz. (Quelle: imago images/Xinhua)

Mann desinfiziert Hände einer Frau: In Uganda werden die Corona-Maßnahmen langsam gelockert, dennoch fürchten viele Menschen um ihre finanzielle Existenz. (Quelle: Xinhua/imago images)

Corona vernichtet unzählige Jobs in Afrika. Dagegen helfen vor allem soziale Investitionen – und zwar in lokale Unternehmen, die Arbeitsplätze für die Ärmsten schaffen. Ein Gastbeitrag des früheren Chefs der Welthungerhilfe, Till Wahnbaeck.

Bisher halten sich die Corona-Infektionen in Afrika vergleichsweise in Grenzen. Dennoch kann ein größerer Ausbruch noch kommen. Zudem fürchten viele Menschen durch die Maßnahmen, die die Infektionskrankheit eindämmen sollen, um ihr Einkommen. In mehreren Ländern Afrikas bedroht darüber hinaus eine Heuschreckenplage die Nahrungsmittelversorgung. Die Entwicklungshilfe muss daher neue Wege gehen, erklärt Till Wahnbaeck im Gastbeitrag für t-online.de.

"Wer vorher von der Hand in den Mund gelebt hat, hat jetzt gar nichts mehr”, sagt Paul Kimera in Uganda. Er produziert biologisch abbaubare Damenbinden in der Hauptstadt Kampala – eigentlich. Bevor die Epidemie ausbrach, ernteten Dutzende Frauen Papyrus entlang der Flüsse – um daraus saugfähige Einlagen für Mädchen herzustellen. Aber weder er noch seine Mitarbeiterinnen dürfen seit Wochen ihre Häuser mehr verlassen, die Produktion steht fast still. Die Ausgangssperre betrifft ganz Uganda: "Die Boda Boda Fahrer mit ihren Motorradtaxis dürfen keine Aufträge annehmen – sie haben bald nichts mehr zu essen", sagt Kimera. Genauso ergehe es der Frau mit dem Nähstand auf dem Markt, dem Mann mit der kleinen Garküche – sie alle haben keine Kunden mehr. Corona raubt Millionen von Menschen die Lebensgrundlage.

Die wirtschaftlichen Folgen von Covid-19 in Afrika werden schlimmer sein als "nur" die gesundheitlichen. Millionen Menschen stehen bereits jetzt vor dem Nichts: Wer sich tagsüber das Brot für den Abend verdient hat, hat jetzt gar nichts mehr.

Erst Corona – dann Hunger, Armut und Gewalt 

Lange waren große Teile Afrikas von Corona verschont. Doch jetzt, mit einem Vierteljahr Verzögerung, beginnt die Epidemie auch durch die Städte und Slums Afrikas zu rollen. Genau wissen wir nicht, was das Virus anrichten wird, wenn es sich in Slums ohne sauberes Wasser und Kanalisation verbreitet, wo zehn Menschen und mehr in einer kleinen Hütte hausen. Aber wir wissen, dass Hunger, Armut, Gewalt die Folge sein werden. Kennedy Odede, Gründer einer Hilfsorganisation für Slum-Bewohner in Kenia sagt: "Die Menschen hier haben keine Angst, an Corona zu sterben; sie haben Angst zu verhungern."

Auf diese Folgen der Pandemie kann es nur eine Antwort geben: Jobs. Und zwar lokale Jobs, die nicht vom Weltmarkt und seinen Ungerechtigkeiten und Unwägbarkeiten abhängig sind. Grüne Jobs, die nach Corona das Dilemma überwinden helfen, dass wirtschaftliche Entwicklung noch zu oft auf Kosten der Umwelt geht. Jobs für Frauen, denn die investieren in ihre Familien: in Bildung, Ernährung und Gesundheit und damit in Entwicklung.

Klassische Entwicklungshilfe oft wirkungslos und schädlich 

Schon jetzt strömen in Afrika jedes Jahr 20 Millionen junge Menschen zusätzlich auf den Arbeitsmarkt, für die es neue Jobs braucht. Durch die Corona-Pandemie kommen Millionen hinzu, die ihre Existenzgrundlage verloren haben. Immer wieder versucht die klassische Entwicklungshilfe, Menschen zumindest für einige Zeit Arbeit zu geben. Leider sind solche Maßnahmen oft nicht nur wirkungslos, sondern sogar schädlich. Natürlich ist es gut, wenn Tagelöhner eine Straße bauen, wo vorher nur ein Feldweg war. Aber nach sechs Monaten ist die Straße gebaut, und die Tagelöhner stehen wieder vor dem Nichts. Oder sie haben jetzt das Geld für einen Schlepper zusammen, um dem Elend zu entkommen. Wie ein Strohfeuer sind solche Projekte – wirtschaftliche Perspektiven schafft das vor Ort meist nicht.

Dr. Till Wahnbaeck war zunächst in der freien Wirtschaft tätig, bevor er Vorstandsvorsitzender der Welthungerhilfe wurde. Mittlerweile ist er Gründer und Geschäftsführer einer Social Business NGO, die nachhaltige Start-ups in Afrika aufbaut (www.impacc.org

Wie viel besser wäre es, Jobs zu schaffen, die den Leuten vor Ort eine Perspektive geben. Die Privatwirtschaft ist überall auf der Welt der Job-Motor Nummer eins. Aber Privatwirtschaft funktioniert nur da, wo Märkte funktionieren – und das ist in Kriegs- und Krisengebieten vor allem für die ärmsten der Armen oft nicht der Fall.

Hier brauchen wir Investitionen statt Spenden. Denn Spenden und große Teile von Entwicklungshilfe verpuffen, weil der Euro weg ist, sobald er ausgegeben ist. Investitionen funktionieren anders – jeder Euro arbeitet weiter und kann deshalb immer wieder ausgegeben werden. Nicht zuletzt für diese eigentlich banale, aber enorm wirkungsvolle Erkenntnis hat Mohammed Yunus vor Jahrzehnten den Friedensnobelpreis bekommen und wurde zum "Bankier der Armen".

Wirtschaftlichkeit mit Sozialem und Umweltnutzen verbinden 

Damit Afrika vor zukünftigen Pandemien und anderen Wirtschaftskrisen besser gefeit ist, kann es daher nicht mehr um die einzelne Frau mit ihrem Marktstand gehen. Heute geht es um innovative Geschäftsmodelle, die lokal und nachhaltig produzieren, die Jobs schaffen und skalierbar sind. Oft sind das Franchise-Systeme. Der Anteil an Unternehmern im Sahel ist der höchste der Welt, aber oft fehlt es an Wissen, Bildung und Geld. Wenn wir hier Entwicklungshilfe mit privaten Investitionen verbinden, können wir Unternehmer-Typen zu einer Geschäftsidee verhelfen, die im ersten Schritt Anschubfinanzierung benötigt. Aber in einem zweiten Schritt dann aus eigener Kraft so profitabel ist, dass aus einem Franchise zwei, zehn oder gar hundert werden können.

Die Damenbinden in Uganda sind ein gutes Beispiel: Sie erlauben Mädchen, den ganzen Monat über zur Schule zu gehen; sie verrotten auch im Plumpsklo; und vor allem schaffen sie jede Menge nachhaltige Jobs für Frauen in Produktion und Vertrieb. Ein anderes Beispiel sind Pyrolyse-Öfen in Äthiopien, ein weiteres unserer nachhaltigen Start-ups. Diese verbrennen das Holz beim Kochen nicht zu Asche, sondern verglühen es zu Kohle, die noch einmal zum Feuern genutzt, weiterverkauft oder – besser noch – zu Dünger verwandelt werden kann. Der Ofen spart fast zwei Tonnen CO2 pro Jahr ein. Und vor allem schafft er Jobs für lokale Unternehmer, die als Franchise ihre eigenen Ofen-Produktionsstätten aufbauen, lokal produzierbar und ohne Abhängigkeit vom Weltmarkt. Damit ist das gesundheitliche Problem von Corona nicht gelöst. Aber es wäre ein Ansatz, die wirtschaftlichen Folgen abzumildern.

Die in Gastbeiträgen geäußerten Ansichten spiegeln die Meinung des Autors wider und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online.de-Redaktion.

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