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Corona in Afrika: Wie Damenbinden helfen können

Von Till Wahnbaeck

Aktualisiert am 13.06.2020Lesedauer: 4 Min.
Mann desinfiziert HĂ€nde einer Frau: In Uganda werden die Corona-Maßnahmen langsam gelockert, dennoch fĂŒrchten viele Menschen um ihre finanzielle Existenz.
Mann desinfiziert HĂ€nde einer Frau: In Uganda werden die Corona-Maßnahmen langsam gelockert, dennoch fĂŒrchten viele Menschen um ihre finanzielle Existenz. (Quelle: Xinhua/imago-images-bilder)
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Corona vernichtet unzĂ€hlige Jobs in Afrika. Dagegen helfen vor allem soziale Investitionen – und zwar in lokale Unternehmen, die ArbeitsplĂ€tze fĂŒr die Ärmsten schaffen. Ein Gastbeitrag des frĂŒheren Chefs der Welthungerhilfe,

Bisher halten sich die Corona-Infektionen in Afrika vergleichsweise in Grenzen. Dennoch kann ein grĂ¶ĂŸerer Ausbruch noch kommen. Zudem fĂŒrchten viele Menschen durch die Maßnahmen, die die Infektionskrankheit eindĂ€mmen sollen, um ihr Einkommen. In mehreren LĂ€ndern Afrikas bedroht darĂŒber hinaus eine Heuschreckenplage die Nahrungsmittelversorgung. Die Entwicklungshilfe muss daher neue Wege gehen, erklĂ€rt Till Wahnbaeck im Gastbeitrag fĂŒr t-online.de.

"Wer vorher von der Hand in den Mund gelebt hat, hat jetzt gar nichts mehr”, sagt Paul Kimera in Uganda. Er produziert biologisch abbaubare Damenbinden in der Hauptstadt Kampala – eigentlich. Bevor die Epidemie ausbrach, ernteten Dutzende Frauen Papyrus entlang der FlĂŒsse – um daraus saugfĂ€hige Einlagen fĂŒr MĂ€dchen herzustellen. Aber weder er noch seine Mitarbeiterinnen dĂŒrfen seit Wochen ihre HĂ€user mehr verlassen, die Produktion steht fast still. Die Ausgangssperre betrifft ganz Uganda: "Die Boda Boda Fahrer mit ihren Motorradtaxis dĂŒrfen keine AuftrĂ€ge annehmen – sie haben bald nichts mehr zu essen", sagt Kimera. Genauso ergehe es der Frau mit dem NĂ€hstand auf dem Markt, dem Mann mit der kleinen GarkĂŒche – sie alle haben keine Kunden mehr. Corona raubt Millionen von Menschen die Lebensgrundlage.

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Die wirtschaftlichen Folgen von Covid-19 in Afrika werden schlimmer sein als "nur" die gesundheitlichen. Millionen Menschen stehen bereits jetzt vor dem Nichts: Wer sich tagsĂŒber das Brot fĂŒr den Abend verdient hat, hat jetzt gar nichts mehr.

Erst Corona – dann Hunger, Armut und Gewalt

Lange waren große Teile Afrikas von Corona verschont. Doch jetzt, mit einem Vierteljahr Verzögerung, beginnt die Epidemie auch durch die StĂ€dte und Slums Afrikas zu rollen. Genau wissen wir nicht, was das Virus anrichten wird, wenn es sich in Slums ohne sauberes Wasser und Kanalisation verbreitet, wo zehn Menschen und mehr in einer kleinen HĂŒtte hausen. Aber wir wissen, dass Hunger, Armut, Gewalt die Folge sein werden. Kennedy Odede, GrĂŒnder einer Hilfsorganisation fĂŒr Slum-Bewohner in Kenia sagt: "Die Menschen hier haben keine Angst, an Corona zu sterben; sie haben Angst zu verhungern."

Auf diese Folgen der Pandemie kann es nur eine Antwort geben: Jobs. Und zwar lokale Jobs, die nicht vom Weltmarkt und seinen Ungerechtigkeiten und UnwĂ€gbarkeiten abhĂ€ngig sind. GrĂŒne Jobs, die nach Corona das Dilemma ĂŒberwinden helfen, dass wirtschaftliche Entwicklung noch zu oft auf Kosten der Umwelt geht. Jobs fĂŒr Frauen, denn die investieren in ihre Familien: in Bildung, ErnĂ€hrung und Gesundheit und damit in Entwicklung.

Klassische Entwicklungshilfe oft wirkungslos und schÀdlich

Schon jetzt strömen in Afrika jedes Jahr 20 Millionen junge Menschen zusĂ€tzlich auf den Arbeitsmarkt, fĂŒr die es neue Jobs braucht. Durch die Corona-Pandemie kommen Millionen hinzu, die ihre Existenzgrundlage verloren haben. Immer wieder versucht die klassische Entwicklungshilfe, Menschen zumindest fĂŒr einige Zeit Arbeit zu geben. Leider sind solche Maßnahmen oft nicht nur wirkungslos, sondern sogar schĂ€dlich. NatĂŒrlich ist es gut, wenn Tagelöhner eine Straße bauen, wo vorher nur ein Feldweg war. Aber nach sechs Monaten ist die Straße gebaut, und die Tagelöhner stehen wieder vor dem Nichts. Oder sie haben jetzt das Geld fĂŒr einen Schlepper zusammen, um dem Elend zu entkommen. Wie ein Strohfeuer sind solche Projekte – wirtschaftliche Perspektiven schafft das vor Ort meist nicht.

coremedia:///cap/blob/content/88044238#dataDr. Till Wahnbaeck war zunĂ€chst in der freien Wirtschaft tĂ€tig, bevor er Vorstandsvorsitzender der Welthungerhilfe wurde. Mittlerweile ist er GrĂŒnder und GeschĂ€ftsfĂŒhrer einer Social Business NGO, die nachhaltige Start-ups in Afrika aufbaut (www.impacc.org)

Wie viel besser wĂ€re es, Jobs zu schaffen, die den Leuten vor Ort eine Perspektive geben. Die Privatwirtschaft ist ĂŒberall auf der Welt der Job-Motor Nummer eins. Aber Privatwirtschaft funktioniert nur da, wo MĂ€rkte funktionieren – und das ist in Kriegs- und Krisengebieten vor allem fĂŒr die Ă€rmsten der Armen oft nicht der Fall.

Hier brauchen wir Investitionen statt Spenden. Denn Spenden und große Teile von Entwicklungshilfe verpuffen, weil der Euro weg ist, sobald er ausgegeben ist. Investitionen funktionieren anders – jeder Euro arbeitet weiter und kann deshalb immer wieder ausgegeben werden. Nicht zuletzt fĂŒr diese eigentlich banale, aber enorm wirkungsvolle Erkenntnis hat Mohammed Yunus vor Jahrzehnten den Friedensnobelpreis bekommen und wurde zum "Bankier der Armen".

Wirtschaftlichkeit mit Sozialem und Umweltnutzen verbinden

Damit Afrika vor zukĂŒnftigen Pandemien und anderen Wirtschaftskrisen besser gefeit ist, kann es daher nicht mehr um die einzelne Frau mit ihrem Marktstand gehen. Heute geht es um innovative GeschĂ€ftsmodelle, die lokal und nachhaltig produzieren, die Jobs schaffen und skalierbar sind. Oft sind das Franchise-Systeme. Der Anteil an Unternehmern im Sahel ist der höchste der Welt, aber oft fehlt es an Wissen, Bildung und Geld. Wenn wir hier Entwicklungshilfe mit privaten Investitionen verbinden, können wir Unternehmer-Typen zu einer GeschĂ€ftsidee verhelfen, die im ersten Schritt Anschubfinanzierung benötigt. Aber in einem zweiten Schritt dann aus eigener Kraft so profitabel ist, dass aus einem Franchise zwei, zehn oder gar hundert werden können.

Die Damenbinden in Uganda sind ein gutes Beispiel: Sie erlauben MĂ€dchen, den ganzen Monat ĂŒber zur Schule zu gehen; sie verrotten auch im Plumpsklo; und vor allem schaffen sie jede Menge nachhaltige Jobs fĂŒr Frauen in Produktion und Vertrieb. Ein anderes Beispiel sind Pyrolyse-Öfen in Äthiopien, ein weiteres unserer nachhaltigen Start-ups. Diese verbrennen das Holz beim Kochen nicht zu Asche, sondern verglĂŒhen es zu Kohle, die noch einmal zum Feuern genutzt, weiterverkauft oder – besser noch – zu DĂŒnger verwandelt werden kann. Der Ofen spart fast zwei Tonnen CO2 pro Jahr ein. Und vor allem schafft er Jobs fĂŒr lokale Unternehmer, die als Franchise ihre eigenen Ofen-ProduktionsstĂ€tten aufbauen, lokal produzierbar und ohne AbhĂ€ngigkeit vom Weltmarkt. Damit ist das gesundheitliche Problem von Corona nicht gelöst. Aber es wĂ€re ein Ansatz, die wirtschaftlichen Folgen abzumildern.

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Die in GastbeitrĂ€gen geĂ€ußerten Ansichten spiegeln die Meinung des Autors wider und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online.de-Redaktion.

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